• Lesetipp: Der Grundrechte-Report 2024

    Ein Buch liegt auf einem Tischchen eines Regionalzugs: „Grundrechte-Report“ in Rot, „2024“ in Schwarz, auf weißem Grund mit einem Foto einer Aktion zur Verteidigung des Asylrechts.

    1a Reiselektüre: Der Grundrechte-Report 2024 zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland, herausgegeben von Peter von Auer und anderen, Fischer 2024.

    Jedes Jahr veröffentlicht eine breite Koalition von in der BRD aktiven Menschenrechtsorganisationen den Grundrechte-Report. Er enthält, numerisch sortiert nach den betroffenen Artikeln des Grundgesetzes, wahre Geschichten zu aktuellen Angriffen auf Grundrechte. In diesem Jahr wurden das 44 Kurz-Essays, die eigentlich alle dokumentieren, wie wenig die <hust> Verteidigung der Freiheit mit Waffen und Militär – oder, wie in der Erzählung von der „wehrhaften Demokratie“, mit Geheimdienst und Polizei – zu tun hat und wie viel mit der alltäglichen Wachsamkeit von ZivilistInnen. Jahr um Jahr belegt der Grundrechte-Report aber auch, wie alle Staatsgewalt (sowie ihre nähere Umgebung) ständig der autoritären Versuchung ausgesetzt ist, und wie sie ihr nur zu oft nachgibt.

    Für meinen Geschmack deutlich zu staatstragend, aber doch hinreichend antiautoritär und im Bewusstsein defizitärer Realität bringt das Friedrich Zillessen in seiner im 2024er Report enthaltenen Abschätzung der Folgen von relativen AfD-Mehrheiten in diversen Legisla- und Exekutiven auf den Punkt:

    Eine tatsächlich »wehrhafte« Demokratie ist vor allem eine vorbereitete Demokratie mit einer informierten Zivilgesellschaft und demokratischen Parteien, die einen autoritär-populistischen Zug erkennen, wenn er gemacht wird.

    Wehrhaft durch Folter

    Wie das „wehrhaft“ demgegenüber in der berüchtigten Verfassungswirklichkeit aussieht, diskutieren Hannah Espin Grau und Tobias Singelnstein im Report am Beispiel von polizeilichen Schmerzgriffen. Anwendung und Androhung dieser, so die beiden eher zurückhaltend, können

    im Einzelfall […] eine unmenschliche Behandlung darstellen und damit gegen das Folterverbot aus Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen.

    Wenn, wie im Report dargestellt, ein Polizist knurrt, sein Opfer werde „die nächsten Tage, nicht nur heute, Schmerzen beim Kauen und beim Schlucken haben“, wenn er mit seinem Griff fertig sei, ist in so einer Aussage jede Modalität, jede Einzelfallabwägung fehl am Platz.

    Neu ist das indes nicht; in meinem engeren politischen Umfeld empörte mich schon vor rund 20 Jahren, wie eine Handvoll PolizistInnen eine schmerzhafte Fesselung anwandte, um einen Freund zur Kooperation bei der Abnahme von Fingerabdrücken zu zwingen.

    Empörender noch als der eigentliche, für polizeierfahrene Menschen nicht sehr überraschende Vorgang war die nonchalante Selbstverständlichkeit, mit der die Polizei diese klare Folter im – gerichtsoffiziellen! – eigenen Bericht eingestanden hat. Die BeamtInnen zeigten sich darin sogar erstaunt, dass auch nach weiterem Anziehen der Fesselung, das „erfahrungsgemäß“ ausgesprochen schmerzhaft sei, keine Kooperationsbereitschaft zu erkennen gewesen sei.

    Hintergrund der Nonchalance ist, so erläutern Espin Grau und Singelnstein, die Behauptung der deutschen Polizei, nicht vom Folterverbot erfasst zu sein, da dieses für Bagatellfolter – unterhalb eines „minimum level of severety“, so die europäische Menschenrechtskonvention – nicht greife. Bagatellfolter ist eingestandenermaßen mein Wort, und ich wünschte, ich hätte es nicht erfinden müssen.

    Sechs von sechs Versuchen verfassungswidrig

    Zu solch zweifelhaften Rechtskonstrukten tritt ein entschiedener Wille der Parlamente oder jedenfalls der die Mehrheitsfraktionen kontrollierenden Regierungen, autoritäre Herrschaftsmittel wie Bagatellfolter – oder Vorratsdatenspeicherung, oder Ewigkeitsgewahrsam, zu dem sich auch ein Beitrag findet im Grundrechte-Report – zu legalisieren oder vielleicht besser: zu verrechtlichen. Zu diagnostizieren bleibt die Bereitschaft „der Politik“, den Erzählungen und Forderungen der reaktionären Polizeimehrheit so weitgehend zu folgen wie Zivilgesellschaft und (fortschrittliche Teile der) Justiz sie jeweils lassen.

    Ein besonders groteskes Beispiel für die Unfähigkeit des Bundestags, menschenrechtliche Maßstäbe an seine Gesetzgebung anzulegen, erwähnen Kalle Hümpfner und Tuuli Reiss eher nebenbei in ihrem Beitrag zum – was für eine Bezeichnung! – Transsexuellengesetz. Schon dessen Erlass im Jahr 1980 war der Legislative nur durch Dauernörgeln der Judikative und jede Menge zivilgesellschaftlichen Druck abzuringen. Es gibt aber sicher keine freundliche Erklärung dafür, dass seine Iterationen seit 1981 atemberaubende sechs Mal vorm BVerfG scheiterten; angesichts der Verfahrensdauern bis zum BVerfG ist davon auszugehen, dass gegen das Transsexuellengesetz immer mindestens eine (später) erfolgreiche Verfassungsbeschwerde lief und dass der Bundestag nie einen glaubhaften Versuch gemacht hat, ein menschenrechtskonformes Gesetz zu schreiben.

    Klar, ein Mal mag mensch, gerade in einem in der Mehrheitsgesellschaft so tabubesetzten Thema wie Queers, danebengreifen; Menschenrechte sind zwar eigentlich einfach, aber im Machtkalkül leicht zu übersehen. Zwei Mal übergreifen, na ja. Aber wer ein Gesetz sechs Mal so schreibt, dass das Verfassungsgericht eingreifen muss, macht das mit Absicht und entscheidet sich offensichtlich bewusst für (in diesem Fall) Ressentiment und gegen Menschenrechte.

    Amazon. Menschenrechte?

    Auf eine ganz eigene Art bedrückend ist der Beitrag von Andreas Engelmann über Beschäftigtendatenschutz. Diese Geschichte beginnt, als die niedersächsische Datenschutz-Aufsichtsbehörde Amazon untersagt, die Handlungen seiner MitarbeiterInnen engmaschigst zu analysieren. Krass ist, wie ehrlich die Amazon-Manager bei der Angabe ihrer Motivlage sind. Sie wollen „produktivere Arbeitskräfte […] zielgenau einsetzen“, die Daten für „Feedbackgespräche“ nutzen und dabei vor allem die „produktivsten und unproduktivsten Mitarbeitenden“ ansprechen, etwa durch „Qualifizierungsangebote“.

    Das ist eine so dystopische Horrorshow, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, welche SchurkInnen sich das ausgedacht, wer die Software dafür geschrieben hat. Aber siehe da, das VG Hannover hat das ja nun wirklich völlig offensichtlich gebotene Verbot der Datenverarbeitung durch die LfDI aufgehoben; die Verarbeitung, also der schwerwiegende Eingriff in die Grundrechte der Beschäftigten, sei notwendig, um Amazons Liefergarantien einhalten zu können. Engelmann kritisiert die Entscheidung mit den schönen und eigentlich hoffnungsfrohen Worten:

    Renditeerwartungen unterliegen, anders als die Persönlichkeitsrechte, keinem grundrechtlichen Schutz.

    Immer weniger Recht auf Versammlung

    Beim linearen Lesen erstaunlich fand ich, dass in Clemens Arzts Übersicht über behördliche Angriffe auf das Versammlungsrecht durch Allgemeinverfügungen – diese leugnen Artikel 8 des Grundgesetzes gleich komplett und untersagen Versammlungen vollständig – zwar Corona, letzte Generation und Pali-Soli erwähnt sind, nicht jedoch der „Tag X“ in Leipzig (3.6.2023), also die Kundgebungen gegen das Skandalurteil im Antifa-Ost-Verfahren („Lina E.“).

    Dabei hatte das Gericht nicht nur in einem eklatant politischen Urteil eine Beschuldigte für absurde fünf Jahre in den Knast geschickt. Nein, im Anschluss hat die Justiz auch noch munter tagelang alle Kundgebungen zum Thema untersagt und eine in der Folge angemeldete Kundgebung gegen diesen atemberaubenden Verfassungsbruch von der Polizei unterdrücken lassen. Hunderte Menschen verbrachten eine sehr unangenehme Nacht in einem Polizeikessel. Wer unklug genug war, ein Mobiltelefon mit auf die Demo zu nehmen, war das dann auch los. Häufig liegen die Dinger bis heute bei der Polizei, die versucht, aus ihnen Daten rauszukramen – oder doch jedenfalls ihre BesitzerInnen zu ärgern.

    Diese fast schon provokativ zur Schau gestellte Missachtung der Menschenrechte hat indes ganz zu Recht einen eigenen Beitrag im Report. Wer ergänzend zu Peer Stolles Abhandlung über diese „Verselbstständigung polizeilicher Repression“ etwas mehr lesen will, findet in der Zeitung der Roten Hilfe 1/2024 zwei einschlägige Artikel (S. 28ff).

    Sollte jemand glauben, pauschale Demonstrationsverbote nach chinesischem Vorbild – und mögen sie auch als „Allgemeinverfügung“ technokratisch einen liberalen Mantel erhalten – würden wenigstens durch eine im Vergleich zu Beijing rechtsstaatlich gezähmte Polizei grundrechtsschonend durchgesetzt, kann sich in Tina Kellers Beitrag über die Räumung von Lützerath eines Schlechteren belehren lassen:

    Es wurde immer an mehreren Orten im Gelände gleichzeitig geräumt, und es wurden Menschen mit Hebebühnen aus Bäumen oder Hochsitzen geholt, während direkt daneben übereilt mit schwerem Gerät Häuser abgerissen oder Bäume gefällt wurden [beachtet die freundlichen Passivkonstruktionen!] Dies hatte zur Folge, dass […] mehrfach Geäst beinahe in Seile fiel, an denen noch Menschen gesichert waren. […]

    Zahlreiche Demonstrierende erlitten Verletzungen – auffällig dabei war die Häufigkeit von Verletzungen im Kopfbereich, was auf gezielte Schläge der Polizei schließen lässt.

    Und nein, das war gewiss nicht wegen schlechter Laune nach dem gelungenen Auftritt des Schlammpriesters:

    (Rechte: Keine Ahnung, also eher nicht CC0 wie hier sonst üblich)

    Kein Verlass auf Gerichte

    Ich habe damit aufgemacht, dass es bestimmt nicht das Militär ist, das unsere Grundrechte – und mithin das, was dem großen Wort „Freiheit“ irgendeinen nachvollziehbaren Inhalt verleiht – verteidigt. Der Grundrechte-Report zeigt, dass diesen Job weiter im Wesentlichen nie Parlamente machen und leider oft genug auch nicht Gerichte.

    Im Grundrechts-Report stellt Benjamin Derin in einem Lamento über das Ewigkeitsgewahrsam – das BVerfG hat schon 2004 zwei Wochen grundloses Einsperren abgesegnet, seine bayrischen KollegInnen fanden inzwischen auch unbegrenztes Wegsperren Unschuldiger mit ein paar Klimmzügen vertretbar – klar:

    Die Hoffnung auf höchstgerichtliche Begrenzungen präventiver Gewahrsamsregelungen …
  • Schon mal was von EUTM Mozambique gehört?

    Ich bin ganz grundsätzlich ein Feind des Nationalfahnenschwingens, ob nun Schwarz, Rot und Gelb oder sonstwie. Das umfasst durchaus auch blau mit gelben Sternen drauf. Gerade derzeit, da diverse Ämter sogar in der Straßenbahn das Europawählen schon fast als antifaschistische Betätigung framen, stoßen Zweifel am Europafahnenschwingen jedoch gelegentlich auf Unverständnis: „Aber Europa ist doch ein Friedensprojekt! Die EU hat doch sogar den Friedensnobelpreis bekommen!“

    Nun, das hat Henry Kissinger auch. Im Gegensatz zu ihm mögen die Vorgänger der EU einen Friedensaspekt gehabt haben, vor allem, als sie noch mit der Regulierung der Stahlproduktion beschäftigt waren, denn Stahl bedeutete auch damals schon Waffen. Mit der Festlegung auf Freihandel und noch mehr der „Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik“ GASP hat sich das indes verflüchtigt. Die großen EuropäerInnen sehen sich selbst als hard power und bemühen sich, das im internationalen Rahmen zu demonstrieren.

    Hard power heißt im Klartext, „kriegstüchtig“ zu sein, also andere Menschen mit viel Stahl und Sprengstoff töten zu können. Rückblickend ist erstaunlich, dass die Rede von der Kriegstüchtigkeit erst jetzt aufkommt, denn das Kalkül von Stahl und Sprengstoff ist im Falle der EU tatsächlich schon 20 Jahre alt, auch wenn das kaum wer, ach ja, „auf dem Schirm“ hat.

    Dunkel-weinroter Hintergrund mit drei Soldaten und EU-Sternen, Titel: „Under the Radar/Twenty years of EU military missions.“

    Unterm Radar

    So ist es sehr verdienstvoll, dass das britische Transnational Institute (TNI) gerade einen 50-seitigen Bericht zu diesen EU-Militärmissionen und ihrem aktuellen Jubiläum publiziert hat: Under the radar – twenty years of EU military missions von Josephine Valeske.

    Schon seit diesen 20 Jahren geriert sich die EU als Militärmacht, und wie die BRD vor ihr formte sie ihre militärische Komponente durch SoldatInnen auf dem Balkan. Für die EU war das 2004 in Mazedonien (zeitgenössisch und großartig FYROM genannt), das durch unseren vorherigen Krieg gegen Serbien und unsere Unterstützung der UCK ins Wackeln geraten war. Um dem ein rechtmäßig aussehendes Antlitz zu geben, formulierten damals etliche Menschen in Brüssel an der GASP herum, und schon durch Diskussion des Personaltableaus erlaubt der TNI-Bericht tiefe Einblicke in die Natur der GASP:

    Die GASP wurde wesentlich geprägt von Enrique Solana, der zwischen 1995 und 1999 NATO-Generalsekretär und anschließend Hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitk war.

    Und so ist das Programm der GASP auch nicht viel anders als das der NATO: Die geeignet ausgehandelten Interessen der jeweiligen Regierungen durch Schießen oder Drohung mit Schießen durchsetzen. In den Worten des EEAS (also des Ladens, der die verschiedenen Kriege und Kriegchen koordiniert) von 2021:

    Der EEAS hat die Aufgabe, die GASP umzusetzen, mit dem [“formellen“; keine Ahnung, was der Autor hier sagen wollte] Ziel, Frieden, Prosperität, Sicherheit und die Interessen der Europäer [sc. ihrer Regierungen, und auch nur derer, die in der EU sind] zu fördern.

    Viel ungeschminkter lässt sich ein imperiales Programm nicht formulieren. Entsprechend ist dann auch die Gedankenwelt der Protagonisten; neulich gab der Migrationskommissar schon den weißen Herren, während der „Außenminister“ der EU, Josep Borrell, seine Weltsicht so verlauten lässt:

    Europa ist ein Garten. […] Der großte Teil vom Rest der Welt ist ein Dschungel, und der Dschungel könnte in den Garten einfallen. Die Gärtner müssen in den Dschungel gehen. Die Europäer müssen sich viel mehr im Rest der Welt engagieren.

    Was „engagieren“ im Mund solcher Menschen heißt, ist nach der Vorrede klar.

    Graph mit Titel „Number of military missions 2003-2024“.  Die Kurve steigt recht kontinuierlich von 1 auf 10, mit einem temporären Stillstand 2014 bis 2019.

    Die Militarisierung der EU in einer einfachen Kurve. Quelle.

    Wobei eingeräumt werden muss, dass die EU-Kriegchen schon noch auf relativ kleiner Flamme kochen; im Augenblick laufen davon 10, und nur etwa 5'000 EU-SoldatInnen stehen in diesem Rahmen auf fremdem Boden. Zum Vergleich: Zur Aufrechterhaltung der britischen Kolonialherrschaft in Indien, dem British Raj, brauchten die damaligen Behörden um 1880 herum rund die zehnfache Menge an „weißen“ Soldaten, 66'000.

    Übrigens gibt es in der EU-Außenpolitik neben den Militärmissionen noch einige „zivile“ Missionen, die meist nicht viel erfreulicher sind, da es in der Regel darum geht, lokale Schurken dafür zu qualifizieren, Flüchtende mit allen Mitteln von unseren Grenzen fernzuhalten. Das TNI beschreibt das so:

    Die GASP unterscheidet formell zwischen zivilen und militärischen Missionen, wobei erstere sich unter anderem auf Polizeiarbeit, Reformen im Sicherheitsapparat und Grenzen konzentrieren. Da jedoch in den letzten Jahren die Polizei-, Sicherheits- und Grenzpolitiken stark militarisiert wurden, mag die Unterscheidung im wesentlichen rhetorischer Natur sein.

    Der TNI-Bericht beschäftigt sich dennoch ausschließlich mit Militärmissionen, und zwar nur den aktuell laufenden. Das ist gruselig genug; nur zur Eichung von Erwartungen an die Aufsicht durch Gremien sei angemerkt, dass allen diesen Missionen ein Weltsicherheitsrats-Beschluss (nun: Bis auf die Flüchtlingsabwehrmission Sophia, die offenbar überdringlich erschien und die sich die EU-Chefs nachträglich abnicken ließen) oder eine Einladung einer hinreichend anerkannten Regierung zugrundeliegt.

    Ein kommentiertes Missionsverzeichnis

    Der Hauptteil des TNI-Berichts kommt als so eine Art kommentiertes Missionsverzeichnis daher. In ultrakompakter Form sieht es zur Zeit so aus:

    • EUFOR Althea – die älteste noch laufende Militärmission ist die Nachfolge der internationalen Interventionstruppen in Bosnien-Herzegowina (BiH), genau denen, die damals das Massaker von Srebrenica beaufsichtigt haben. In den 20 Jahren, die ihr EUFOR-Nachfolger nun schon läuft, hat sie keine erkennbaren Fortschritte in Richtung auf den Zustand vor der deutschen Jugoslawien-Zündelei bewirkt (vgl. auch diesen Hörtipp zu dortigen Varianten patriotischen Irrsinns). Selbst Menschen, die daran glauben, dass andere Menschen gut werden, wenn sie auf den Kopf gehauen werden, dürfte das nicht überraschen, denn, in den Worten des des TNI:

      Zusammenfassend scheint das Ziel der Operation Althea weniger zu sein, zur dauerhaften Stabilität von BiH beizutragen, und mehr, die EU als eine kriegstüchtige Militärmacht zu präsentieren, insbesondere auf den Trümmern des frühren Jugoslawienkrieges – und, die Verbindungen der EU zur NATO zu demonstrieren.

    • EUNAVFOR ATALANTA – der „Anti-Piraterie“-Pantersprung der EU vorm Horn von Afrika ist noch die bekannteste Militärmission der EU, auch wenn viele glauben werden, das sei eigentlich die UNO, die NATO oder die Bundeswehr in eigener imperialer Mission. Aber nein, es war die EU, die „unsere“ Schiffe verteidigt hat gegen Menschen, deren Meer wir vorher leer gefischt haben und die nun etwas an „unserem“ Reichtum partizipieren wollten. Als wir die zurückgedrängt oder getötet hatten, kamen auch die Fischtrawler zurück, weshalb da bis heute Schiffe kreuzen, die die ex-Fischer von vor Ort von „unseren“ Schiffen fernhalten.

      Modellhaft an ATALANTA war übrigens, dass die offizielle Begründung den Schutz von Schiffen des World Food Programme (WFP) nach Somalia in den Vordergrund stellte. Reality Check im TNI-Bericht:

      Es wurde offensichtlich, dass das Hauptanliegen von EUNAVOR der europäische Handel und weniger die WFP-Schiffe waren – ein Schluss, den auch die Tatsache nahelegt, dass drei Mal mehr kommerzielle Schiffe geschützt wurden als Schiffe von WFP oder AMISOM.

    • EUTM Somalia – das ist sozusagen eine Ergänzung von ATALANTA auf dem Land, vielleicht in der Hoffnung, irgendwann die eigenen Schiffe vor der somalischen Küste durch Schiffe unserer lokalen Verwaltung ersetzen zu können. Das „TM“ in diesen Missionsnamen steht für „Training Mission“. Dabei erklären SoldatInnen aus EU-Staaten dem Personal unserer (ja meist nicht sehr freundlichen) Statthalter, wie mensch schießt und tötet. Genau mit Bezug auf EUTM Somalia haben Roy Ginsberg und Susan Penksa in einer längeren Untersuchung der GASP-Missionen von 2012 festgestellt:

      Die Gesamtwirkung könnte sein, dass die EU somalischen Soldaten beibringt, wie sie somalische BürgerInnen effektiver umbringen können.

      Ähnliches wird sich wohl über all die „TMs“ sagen lassen.

    • EUTM Mali – das ist eine der vielen Kolonialkriege^WMilitärmissionen, die die EU seit den frühen 2000ern in der Sahelzohne führt, in Mali konkret, nachdem wir 2011 unser (na gut: in diesem Fall unsere Freunde ihr) Mütchen in Libyen gekühlt hatten und daraufhin Waffen und Ex-Söldner durch ganz Nordafrika zogen.

      Mit einem Erfolg, der PazifistInnen nicht überraschen wird. Der TNI-Bericht schreibt:

      In den Jahren 2002 und …

  • Horröses Heidelberg 2: Die Lenard-Säule

    Heidelberg war selten eine sonderlich progressive Stadt. Gerade die zahlreichen Studentenverbindungen – Buschenschaften, Corps, Turnerschaften und was sich da sonst noch so im patriotischen Sumpf suhlt(e) – sorg(t)en für einen reichen Nährboden für jede Sorte rechten Wahnsinns. Von militaristischen Aspekten davon war im ersten Teil von Horröses Heidelberg schon die Rede. Dieses Mal habe ich rabiaten Antisemitismus im Angebot:

    Rechts eine fast geschlossene Zimmertür, daneben ein etwa ein Meter hoher, weiß getünchter Betonblock mit einem Querschnitt von vielleicht 30×30 cm, wieder daneben ein Regal mit ein paar Packen Kopierpapier.

    Die mutmaßliche Lenard-Säule.

    Diese eher langweilig aussehende Installation findet sich im alten Physikgebäude im Philosophenweg 12, hinter einer Tür gegenüber dem unteren Ausgang des großen Hörsaals. Wenn die Geschichte, die ich jetzt gleich erzählen werde, ungefähr wahr ist, dann ist sie ein bizarres Denkmal antisemitischer Verblendung.

    Vorneweg: Ich weiß offen gestanden nicht, wie wahr die Geschichte des Klotzes ist. Sie ist etwas, das sich Physikstudis von Generation zu Generation erzählt haben und das sehr plausibel klingt. Bevor ich sie in einer seriösen Publikation erzählen würde, würde ich vermutlich lieber erstmal die Bau-Unterlagen im Uni-Archiv einsehen wollen.

    Philipp Lenard sucht den Äther...

    Aber jetzt die Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts ärgerte sich ein gewisser Philipp Lenard – bereits im Besitz eines Physik-Nobelpreises – über die damals aufkommende „neue“ Physik zwischen Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Seit 1907 leitete er das Institut für Physik und Radiologie der Uni Heidelberg, und je länger er dort Geistesgenossen um sich sammelte, desto durchgeknallter wurde der ganze Laden. Schließlich publizierte er ein Machwerk unter dem Titel „Deutsche Physik“, das noch in den 1930er Jahren versuchte, die Welt ohne die Physik des 20. Jahrhunderts – aus Sicht der Deutschen Physiker: die „jüdischen Beiträge“ – zu erklären.

    Das scheiterte natürlich, und noch nicht mal besonders grandios. In meiner Studienzeit gab es aber in der Bibliothek der angewandten Mathematik noch abgegriffene Exemplare der Deutschen Physik, deren Mischung aus normaler Standard-Physik und patriotischer Verwirrung wirkt, als habe sich ein normaler Studienrat eine Anfallskrankheit eingefangen, die ihn dann und wann in Erich von Däniken verwandelt (Literarische Referenz).

    Lenard arbeitete sich vor allem an der speziellen Relativitätstheorie ab. Diese entstand ja in Teilen, weil das Michelson-Morley-Experiment mit der voreinsteinschen Licht-Theorie (Licht war danach wie Schall in der Luft, nur wäre die Luft fürs Licht ein Zeug namens Äther gewesen) echte Schwierigkeiten hatte: Mit jeder nicht ganz abseitigen Äthertheorie hatte mensch in diesem Experiment zumindest den „Fahrtwind“ der Bewegung der Erde um die Sonne sehen müssen[1].

    Und hier kommt der Klotz auf dem Bild oben ins Spiel: In der Studi-Überlieferung nämlich hat ihn Lenard, für den das hässliche Physik-Gebäude am Philosophenweg gebaut wurde, einbauen lassen, um auf ihm Michelson-Morley-Versuche zu machen. Eine wesentliche Schwierigkeit bei diesen war nämlich das Wackeln des Untergrunds und das davon ausgelöste Rumzittern der Interferenzstreifen. Die Wikipedia schreibt zum Originalexperiment von 1881 derzeit, um „die Erschütterungen zu minimieren, wurde der Verkehr [beim Originalexperiment] weiträumig abgesperrt“. Diese Möglichkeit bestand am Rande des dicht besiedelten Neuenheim natürlich nicht.

    Viel Stein, Treppe, düsteres Haus und so.

    Hier spielt diese Folge des horrösen Heidelbergs: Der Lenardbunker im Philweg 12.

    ...und kommt zu nichts

    Der Lenard'sche Klotz nun soll fest mit dem Grundgebirge verbunden sein und auf dieses Weise eine erschütterungsarme Umgebung bieten. Ich persönlich glaube nicht, dass das funktioniert hätte, denn vermutlich schwingt das Grundgebirge nicht viel weniger als alles andere, und ohne Entkopplung vom Rest des Gebäudes – von der nichts zu erkennen ist – wäre auch eine größere Ruhe des Grundgebirges nicht sehr hilfreich. Ich weiß darüber hinaus nicht, ob Lenard wirklich jemals Zeit fand, nach seinem arischen Äther zu suchen.

    Vermutlich nicht, denn er kämpfte an vielen Fronten. Ein Beispiel: Nachdem Freikorpsleute am 28. Juni 1922 den selbst eher konservativen Außenminister Walther Rathenau erschossen hatten, hatte die Reichsregierung eine allgemeine Arbeitsruhe angeordnet. Lenard und seine protofaschistischen Mitarbeiter konnten sich das schon wegen Rathenaus jüdischer Herkunft nicht vorstellen und werkten weiter. Das blieb auch wegen keineswegs auf Halbmast gezogener Fahnen nicht unbemerkt, und fortschrittliche AktivistInnen versammelten sich vor dem Institut. Dieses befand sich bereits seit 1913 am Philosophenweg; wer heute dort steht, steht also auf dem historischen Grund der Kundgebung.

    Zunächst hinderte Polizei die DemonstrantInnen an einer Institutsbesetzung, aber die Situation eskalierte, als die Männer im Institut die Kundgebung mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen unter Beschuss nahmen. Schließlich stürmten die DemonstrantInnen doch das Physikgebäude, und die Polizei musste Lenard in „Schutzhaft“ nehmen. Für Leute seines Schlages bedeutete das allerdings nicht, wie wenig später für allerlei den NS-Behörden verhasste Menschen, Darben im KZ, sondern eine komfortable Hotelübernachtung.

    Vom Weitermachen und Einfahren

    Immerhin sah sich der damalige badische Unterrichtsminister – wie Rathenau ein DDP-Mann und darüber hinaus selbst ehemals an der Heidelberger Uniklinik beschäftigt – nach Lenards Provokation bemüßigt, ihn zu suspendieren. Lenard antwortete nach außen mit einem Entlassungsgesuch, zu seinen reaktionären Freunden hin aber offenbar mit Unterstützungsappellen. Jedenfalls liefen nicht ganz ein Jahr später, am 1. Juni 1923, etliche konservative Studis beim engeren Senat der Uni auf und überreichten über 1000 Unterschriften, die Lenards bedingungslose Weiterbeschäftigung forderten. Tatsächlich blieb Lenard unangefochten bis zu seiner Emiritierung 1932 Leiter des Instituts für Physik und Radiologie.

    Das ging Carlo Mierendorff anders; er war 1922 schon ein stadtbekannter Linker, und so stürzte sich der Staatsschutz begeistert auf ihn, als er in der Menge vor der Lenard'schen Festung auffiel. Am 10. April 1923 eröffnete ein längst vergessener Richter ein Gerichtsverfahren gegen ihn wegen eines in den heutigen Analoga immer noch nur zu vertrauten Delikts: Landfriedensbruch. Das ist auch aktuell der gefühlt drittpopulärste Vorwurf, wenn die Polizei eher willkürlich DemonstrantInnen bestrafen will (nach Vermummung und dem entsetzlichen tätlichen Angriff nach dem 2017 neu erfundenen §114 StGB).

    Der Staatsschutz hatte Mierendorff eine Handvoll Mitangeklagte an die Seite gestellt, deren Demographie ich mit meinen heutigen Augen faszinierend finde. Abgesehen von ihm (zu dem Zeitpunkt wohl promovierender Studi) waren das nämlich durchweg Nichtstudis: der Tagelöhner Jakob Black, der Bauarbeiter Martin Kratzert, der Metzger Martin Erle, die Schlosser Franz Josef Mohr, Wilhelm Heilmann und Friedrich Zobeley, der Kaufmann Karl Hopp und der Kanzleiassistent Franz Joseph Bolz. Ob das wohl charakteristisch war für die TeilnehmerInnen der Anti-Lenard-Demo im Juni 1922? Das ist schwer zu sagen, aber fraglos waren die Studis damals weit überwiegend reaktionär und damit gewiss kaum an Kritik an Lenard interessiert.

    Mierendorff übrigens fuhr am Schluss als „Rädelsführer“ für vier Monate ein.

    Vergiftete Atmosphäre

    Die Atmosphäre in Lenards Institut blieb auch nach dessen Emeritierung kurz vor der Machtübergabe an die NSDAP vergiftet. Sein Nachfolger, der deutlich liberalere Walter Bothe, schmiss nach zwei Jahren entnervt hin und wechselte an das ebenfalls in Heidelberg befindliche Institut, das heute das MPI für medizinische Forschung ist. Dass der Lenard-Schuler Ludwig Wesch mit seinen SS-Kadern stundenlang über Bothes Büro exerziert hat, war vermutlich nur der handfesteste Teil des Terrors, der noch am 23. Dezember 1933 sogar den Fakultätsrat der naturwissenschaftlichen Fakultät beschäftigt hat, wie es aussieht, wiederum auf externen Druck hin, denn Vorsprache hielt damals Uni-Kanzler Stein persönlich.

    Nur, um nicht falsch verstanden zu werden: Bothe war selbst auch überhaupt kein netter Mensch. Als die Wehrmacht im Sommer 1940 Paris überrannt hatte, lief Bothe zum Beispiel im Windschatten der Soldaten im Pariser Labor von Frédéric Joliot-Curie auf und untersuchte den Stand von dessen Arbeiten an einem Teilchenbeschleuniger (drei Jahre später gab es dann auch in Heidelberg ein Zyklotron). Und das ist noch so etwa das Netteste, was in seinem Institut passierte; die MPG gesteht selbst, an Bohes Institut sei „noch 1944 die Synthetisierung des hochtoxischen Nervengases Soman“, na ja, „gelungen“.

    Ob es wirklich der Betonblock im alten physikalischen Institut ist, der all diese Geschichten erzählt, will ich wie gesagt nicht versprechen. Die Geschichten selbst allerdings haben sich so zugetragen und sind Teil des horrösen Erbes von Heidelberg.

    [1]Und dazu die, wie wir heute wissen, noch weit größeren Beiträge aus der Bewegung der Sonne um das Zentrum der Milchstraße, die Eigenbewegung der Milchstraße in der lokalen Gruppe und, ganz dramatisch, den Sturz der lokalen Gruppe Richtung Coma-Haufen. Aber von fast allem davon wusste mensch noch nichts in den Zeiten von Michelson und Morley Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst die eher randständige Lage des Sonnensystems in der Milchstraße, die für die Bahnbewegung von rund 200 km/s sorgt (Bahngeschwindigkeit der Erde 30 km/s oder ein bisschen mehr als ein Zehntel, und wo wir schon dabei sind: Die Fluchtgeschwindigkeit der Erde ist ein bisschen mehr als 10 km/s), hat erst in den 1910er Jahren Harlow Shapley durch die Untersuchung der Verteilung der galaktischen Kugelsternhaufen wirklich überzeugend nachgewiesen.
  • Replikationskrise: Ärgermanagement mit Schredder und Mülleimer

    Eine unregelmäßig ausgebrochene Bleischeibe mit eigenartigen Zeichen drauf

    Dieses Gekrakel ist auf einem römischen Fluchtäfelchen zu sehen, das im Rheinischen Landesmuseum in Trier ausgestellt ist. Der volle Text (weiter unten auf der Tafel) ist in der Übersetzung des Museums: „Eurer Macht gemäß, Diana und Mars, ihr bindenden, sollt ihr mich von dem Hitzkopf erlösen. Den Eusebius bannt mit Folterkrallen fest, mich aber befreit!“

    Im Januar 2019 lief im Deutschlandfunk-Sendeplatz Wissenschaft im Brennpunkt die hörenswerte Sendung Signifikant oder nicht – Wenn Studien einem zweiten Blick nicht standhalten. Der Titel lässt es ahnen: es ging um die Replikationskrise, die dank Erbsenzählerei bei der Jobvergabe und Wettbewerbsverdichtung die moderne Wissenschaft prägt, und dabei offenbar ganz besonders die Psychologie. In dieser, so heißt es in der Sendung, gelingt es für allenfalls die Hälfte der publizierten Experimente, den behaupteten Effekt bei einer Wiederholung nachzuweisen.

    Als zentrale Take-Home-Nachricht aus der Sendung würde ich empfehlen: die Geschichte von den erfolgreichen Männern, die sich schon als Kind beherrschen konnten („Marshmallow-Test”), ist eine bürgerliche Legende.

    Ach, das ist wirklich so?

    Die Marshmallow-Geschichte illustriert ein Muster für (nicht nur psychologische) Arbeiten, die bei mir einen Replikationsalarm auslösen: Kram, der gut in bestehende Denkschemata passt, aber doch noch einen Hauch von „ach, das ist wirklich so?“ hat. 1a Material für Party-Smalltalk, wenn ihr wollt.

    Etwas aus dieser Kategorie kam in den Wissenschaftsmeldungen vom 8.4.2024 im Deutschlandfunk: Die Behauptung ist, dass mensch Ärger viel besser loswird, wenn mensch die Steine des Anstoßes nicht nur zu Papier bringt, sondern dieses Papier auch noch wahlweise wegwirft oder schreddert. Hm. Das Schreddern ist also wichtig… Ist das wirklich so?

    Die Illustration oben lässt ahnen, dass das Muster alles andere als neu ist. Die antiken Fluchtäfelchen folgten einem durchaus vergleichbaren Muster: Schreibe auf, was dich bedrückt, und werde es dann in mehr oder minder ritueller Art wieder los: „Vor allem in Nordafrika, Rom und den östlichen Provinzen pflegte man Flüche, die Bezüge zu Wagenrennen aufwiesen, im Circus oder in Amphitheatern zu platzieren, wobei besonders gefährliche Stellen wie die Wendepunkte bevorzugt wurden. Eine ganze Reihe von Fluchtäfelchen wurde im Trierer Amphitheater gefunden,“ schreibt aktuell die Wikipedia.

    Die moderne Fassung

    Der Artikel hinter dem DLF-Beitrag ist „Anger is eliminated with the disposal of a paper written because of provocation“, Scientific Reports 14, 7490 (2024) doi:10.1038/s41598-024-57916-z von Yuta Kanaya und Nobuyuki Kawai. Von der Anmutung her könnte es die Publikation von etwas wie Kanayas Abschlussarbeit an der Universität von Nagoya sein. Wenn das so ist, hätten Kawai oder spätestens die GutachterInnen, so finde ich, schon intervenieren können, denn an einigen Stellen wirkt der Artikel stilistisch unnötig unbeholfen.

    Eher schrullig fand ich ja bereits die Attributierung „by a philosopher in Imperium Romanum“ für ein Zitat zum Wert des Gleichmuts. Der leicht angestaubt wirkende Verweis auf Griechenundrömer[1] – und schon gar zu einem Thema, das von hier aus gesehen ein Markenzeichen ost- und südasiatischer Weltanschauungen ist – wird durch das gleichzeitige idiomatische Stolpern – wenn schon westliche Antike, hätte zumindest der Name „Seneca“ fallen müssen, und „in Imperium Romanum“ ist wenigstens in seiner Anmutung, das sei eine Art Land, stark ahistorisch – ins Komische gezogen.

    Der Eindruck einer aufgeregten Erstlingsarbeit verstärkt sich etwas später in der Einleitung, als Kanaya und Kawai das vorliegende Projekt mit „aber: DIE KINDER!“ als Teil der Weltrettung zu positionieren versuchen. Ich bin noch nicht mal sicher, ob Wutkontrolle überhaupt eine Rolle spielen kann und sollte bei der Eindämmung von Gewalt gegen und Traumatisierung von Kindern. Aber es ist offensichtlich, dass kein Schütteltrauma verhindert werden wird, weil sich genervte Eltern hinsetzen, „der Schreihals soll jetzt endlich aufhören“ auf einen Zettel schreiben und den dann wegwerfen.

    Jenseits von Stilfragen

    Stilfragen beiseite ist das Paper durchaus lesenswert, zumal der Versuchsaufbau sich immerhin bemüht, irgendwie mit dem Grundproblem psychologischer Studien umzugehen: Sie sind fast nie verblindbar, weil die Leute ja merken, wie sie behandelt werden und was sie tun. Kanaya und Kawai versuchen, das Problem durch Tarnung des eigentlichen Erkenntnisinteresses zu umgehen.

    Um die ProbandInnen (insgesamt gut 100, die meisten davon Studis) zu ärgern, haben sie eine ungerechte, ja beleidigende Beurteilung (für japanische Verhältnisse dürften ein paar der verwendeten Phrasen wie „wer hat diesen Idioten an die Uni gelassen?“ klingen) eines frisch verfassten Aufsatzes gewählt. Nach der Lektüre der Beurteilung durften die ProbandInnen ihre Kränkungen auf einen Zettel schreiben. Diesen mussten sie entweder aufheben oder wegwerfen bzw. schreddern.

    Bemerkenswert fand ich dabei die Genderstruktur der ProbandInnen, die aus der Auswertung ausgeschlossen wurden, weil sie das Experiment durchschaut hatten. Klar sind die Zahlen sehr klein, aber es zeigt sich im ersten Durchgang des Experiments ein überraschend starkes Gender-Signal: von den ProbandInnen waren 37% weiblich, von denen, die es durchschaut haben, 71%.

    Im zweiten, dem Schredder-Experiment (in dem allerdings auch eine andere Demographie rekrutiert worden ist), hat sich dann aber kein solches Signal gezeigt; dort sollen überhaupt nur zwei überrissen haben, worum es ging (na ja: haben sich dabei erwischen lassen). Nun: Dass „Frauen sind empathischer“ nicht replizierbar ist, hätte ich jetzt auch gehofft.

    Zurück zum eigentlichen Experiment: Ich erlaube mir, die mir etwas esoterisch erscheinenden Überlegungen zu „grounded separation“ und die sie adressierenden Details wegzuabstrahieren, und ich spare mir hier die an sich notwendige Überlegung, ob es überhaupt ein Maß für Ärger gibt, ganz zu schweigen davon, ob die Methode der Autoren, dieses zu bestimmen, das eigentlich tut[2].

    Stattdessen zeige ich gleich das zentrale Ergebnis des Papers in diesen beiden Graphen:

    Was mensch sehen soll: In allen Fällen werden relativ ausgeglichene Menschen („baseline“) erfolgreich geärgert („Provocation“) und kommen durch Aufschreiben ihrer Beschwernisse sowie ggf. der Entsorgung des Aufschriebs wieder runter; dabei funktionieren Schredder (volle Punkte rechts) und Papierkorb (volle Punkte links) gleich gut und an der durch die Fehlerbalken angedeuteten Signifikanzgrenze besser als Aufschreiben und Behalten.

    Ich habe offen gestanden Schwierigkeiten, die so eng überlappenden Kurvenverläufe bis zur Provokation zu glauben. Wenn die Fehlerbalken so groß sind wie gezeigt (und das glaube ich bei so Fragebogenmaßen gerne), ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass vier Punktepaare so eng beieinanderliegen. Mindestens ebenso erstaunlich ist, wie nahe die Post-Provocation-Punkte zwischen rechts und links beieinanderliegen, da bei der rechten Retention-Gruppe ein extra Plexiglasgestell ihnen ihre Beschwernisse recht aufdringlich in Erinnerung rief. Dieses Gestell alleine hätte mich schon zusätzlich zu allem anderen verärgert.

    Ich will damit nicht sagen, dass da die Autoren Daten absichtlich gegelättet oder frisiert haben. Es gibt eine Unzahl von Fallen, die so gute Übereinstimmungen vortäuschen können – wenn es einfach wäre, wäre es keine Wissenschaft. Ich sage nur, dass ich überhaupt nicht überrascht wäre, wenn sich dieses Ergebnis nicht replizieren ließe oder sich jedenfalls viele Details des Experiments als unwichtig erwiesen.

    Fragen zum Ärgern

    Aber wer weiß? Natürlich machen auch die Autoren quantitative Analysen, irgendeine ANOVA, und in dem Zahlenmeer finden sich dann trotz Bonferroni auch ein paar signifikante Ergebnisse.

    Ich habe ja unabhängig davon rein intuitiv wenig Zweifel, dass sowohl Verbalisieren von Bekümmernissen als auch Zeug kaputtmachen jeweils geeigneten Ärger mindern kann. Nur: Ist es eigentlich wichtig, dass es gerade der Zettel ist, den mensch weghaut? Hätte sich nicht der gleiche Effekt ergeben, wenn die ProbandInnen was ganz anderes kaputt gemacht hätten, vielleicht noch unterschieden nach denen, die etwas Charismatisches (einen Teddybären?) und etwas Widerliches (einen McKinsey-Bericht?) in den Schredder gepackt hätten? Hätten sie auch einfach Holz spalten können?

    Und dann gibts eine weitere gute Frage: Wenn Prüfungen und ihre Bewertungen für so viel Stunk sorgen: Sollten wir sie dann nicht einfach lassen, wo wir doch gerade gelernt haben, wie schlecht das für die Kinder ist? Oder vielleicht lieber erforschen, wie - wenn es doch vernünftige Gründe für sie geben sollte – wir die Prüfungen so gestalten, dass sie weniger zu Ärger als vielmehr zu Motivation führen?

    [1]Jaja, ich weiß schon, dass ich genau das in diesem Blogpost selbst mache. Wer mag, darf das als Selbstironie interpretieren, aber in Wahrheit habe ich halt einen Römerfimmel und habe das Fluchtäfelchen tatsächlich erst vorgestern fotografiert.
    [2]Die Autoren verwenden u.a. einen selbstgebastelten Fragebogen, auf dem ihre ProbandInnen jedem Begriff von (übersetzt) angry, bothered, annoyed, hostile, and irritated eine Zahl zwischen eins und sechs zuordnen, je nach dem, wie sie sich gerade fühlen; „anger experience composite“ nennen die Autoren ihr Maß, was sich für mich schon fast ein wenig nach Aktienindex anhört.
  • ssh-Based git Upstreams with Multiple Identities

    A screenshot showing a grid of many grey and a few black boxes, with a legend “70 contributions in the last 12 months“.

    This is what I'd like to contain: Activity graphs on version control platforms. It should not be too easy to get a global graph of my activities, and in particular not across my various activities in work and life, even where these are, taken by themselves, public.

    I have largely given up on self-hosting version control systems for the part of my stuff that the general public might want to look at. In this game, it's platforms[1] exclusively nowadays, as there is no way anyone would find the material anywhere else.

    That, of course, is a severe privacy problem, even when the platform itself is relatively benevolent (i.e., codeberg). For people like me – spending a significant part of their lives at the keyboard and version-controlling a significant part of the keystrokes, the commit history says a lot about their lives, quite likely a lot more than they care to publicly disclose.

    As a partial mitigation, I am at least using different accounts for different functions: work, hacking, politics, the lot. The partial commit histories are decidedly less telling than a global commit history would be.

    However, this turns out to be trickier than you might expect, which is why I am writing this post.

    First off, the common:

    git config user.name "Anselm Flügel"
    git config user.email zuengeln@tfiu.de
    

    does not have anything to do with the platform accounts. It only changes the authorships in the log entries, and you are completely free to put anything at all there. The account used for pushing – and hence the source of the platforms' user history and activity images (see above) is absolutely unrelated to the commits' user.name-s. Instead, the account name is, in effect, encoded in the URI of the remote; and that is where things become subtle.

    Because, you see, there is no useful user name in:

    $ git remote get-url origin
    git@codeberg.org:AnselmF/crapicity.git
    

    The AnselmF in there is part of the repo path; you can push into other peoples' repos if they let you, so that cannot be the source of the user name. And the “git@” at the start, while it looks like a username and actually is one, is the same for everyone.

    So, how do github, codeberg and their ilk figure out which account to do a push under? Well: They use the ssh key that you uploaded into your profile. Since each ssh key can only be assigned to one account, the platforms can deduce the account from the fingerprint of the public key that ssh presents on connecting.

    Historical note: the big Debian SSL disaster 16 years ago, where Debian boxes would only generate a very small number of distinct secret keys (thus making them non-secret), was uncovered in this way, as just when the early github phased in this scheme, impossibly many keys from different persons turned out to have the same fingerprint. Matt Palmer recently related how in his work at github he worked out Debian's broken random number generator back then.

    In practice, this means that when you want to have multiple accounts on a single platform, after you have created a new account, you need to create a new ssh key associated with it (i.e., the new account), preferably with a name that roughly matches its intended use:

    cd ~/.ssh
    ssh-keygen -t ed25519 -f id_anselm
    

    This will leave the public key in ~/.ssh/id_anselm.pub; the contents of that file will go into (say) codeberg's SSH key text box (look for the “Keys” section in your “Settings”).

    This still is not enough: ssh will by default try all the keys you have in ~/.ssh in a deterministic order. This means that you will still always be the same user as long as you use a remote URL like git@codeberg.org:AnselmF/crapicity.git – the user the public key of which is tried first. To change this, you must configure ssh to use your account-specific key for some bespoke remote URIs. The (I think) simplest way to do that is to invent a hostname in your ~/.ssh/config, like this:

    Host codeberg-anselm
            HostName codeberg.org
            User git
            IdentitiesOnly yes
            IdentityFile ~/.ssh/id_anselm
    

    This lets you choose your upstream identity using the authority part of the remote URI; use (in this case) codeberg-anselm rather than codeberg.org to work with your new account. Of course the URIs you paste from codeberg (or github or whatever) will not know about this. Hence, you will normally have to manually configure the remote URI, with a (somewhat hypothetical) command sequence like this:

    git clone git@codeberg.org:AnselmF/crapicity.git # pasted URI
    git remote set-url origin git@codeberg-anselm:AnselmF/crapicity.git
    

    After that, you will push and pull using the new account.

    [1]Well, at this point it is, if I have to be absolutely honest, one platform largely, but I outright refuse to acknowledge that.
  • Hörtipp: Wir müssen reden anno 2022

    Treuen LeserInnen dieses Blogs wird nicht neu sein, dass ich dauerhaft wirklich schlechtes Gewissen habe, weil ich der patriotischen Filetierung Jugoslawiens durch meine nach der „Wiedervereinigung“ im Machtrausch delirierende Regierung nicht genug Widerstand entgegengesetzt habe und schließlich auch der Vorlage zur Sezession des Donbass im Wesentlichen nur fassungslos zugesehen habe (wenn auch mit Transparenten in der Hand).

    Eine Kundgebung mit einer guten Handvoll Menschen vor Stadthäusern.  Ein rotes Transparent, auf dem „US/NATO out of Yugoslavia“ steht, ist von hinten zu sehen.

    Zum Beleg der „Transparente in der Hand“: Wohnortbedingt konnte ich gegen die Spätphasen des Kosovokrieges nicht in der BRD protestieren. Aber die Antikriegsdemo an der Bostoner Park Street Station am 25. März 2000 (ungefähr der erste Jahrestags unseres Überfalls) habe ich denooch mitgenommen.

    Zur Rechtfertigung dieser Neuauflage alter Imperialismen haben die ApologetInnen der deutschen Politik die Geschichte vom „Völkergefängnis [als Begriff übrigens aus der Mottenkiste der rechten Feinde des ausgehenden Habsburgerreichs herausgeklaubt] Jugoslawien“ erzählt. Einen, wie ich finde, hübschen Kommentar dazu hatte der Deuschlandfunk Ende Dezember 2022: Wir müssen reden: Jugoslawisch.

    Von Dingen überzeugt, die schwer zu glauben sind

    Gleich am Anfang wird darin Vladimir Arsenijević zitiert:

    Nach dem Zerfall von Jugoslawien wurden vier politische Sprachen geschaffen. In Bosnien-Herzegowina spricht man offiziell Bosnisch, in Montenegro Montenegrinisch, in Serbien Serbisch, in Kroatien Kroatisch, aber jeder, der bei klarem Verstand ist, weiß, dass es sich eigentlich um eine einzige Sprache handelt.

    Jaklar, könnt ihr sagen, der ist ja, igitt, Serbe und macht da halt seine Großserbien-Sprüche; interessanterweise gibt es derzeit, vielleicht in so einer Logik, Wikipedia-Seiten über ihn auf Französisch, Katalan, Italienisch und sogar Kroatisch, aber nicht auf Deutsch. Ahem. Aber wenn wer, wie Arsenijević, sagt:

    [D]as ganze nationalistische Projekt beruht darauf, dass Leute von Dingen überzeugt sind, die eigentlich schwer zu glauben sind.

    …dann hat er_sie mein Herz gewonnen. Diese Vernunft auf der Seite „unserer“ Feinde steht übrigens in eklatantem Gegensatz zu Äußerungen „unserer” Verbündeter. Die ehemalige kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović fand – ebenfalls im DLF-Beitrag – die Proposition, es werde wohl schon die gleiche Sprache sein, wenn die Leute ohne Schwierigkeiten miteinander reden können, offensichtlich plausibel, aber unerträgich:

    Diese sogenannte gemeinsame Sprache war ein politisches Projekt, das zusammen mit dem ehemaligen Jugoslawien untergegangen ist und es wird sie nie wieder geben.

    Serbokroatisch als Kunstprodukt? Nur zu!

    Ich will ihr geben, dass, wie sich auch im Laufe der Sendung herausstellt, auch Serbokroatisch ein Kunstprodukt ist, ganz wie Hochdeutsch, Italienisch und Französisch auch. In dem Sinn ist es tatsächlich auch ein politisches Projekt. Christian Foss von der HU Berlin wird im DLF zitiert mit:

    Als Geburtsstunde einer gemeinsamen Sprache würde ich eigentlich das sogenannte Wiener Sprachabkommen von 1850 beurteilen, als sich serbische, kroatische und auch zwei slowenische Intellektuelle, Schriftsteller in einem Wiener Cafe trafen und eine Erklärung aufgesetzt haben, dass sie sich als ein gemeinsames Volk deklarieren, das eine gemeinsame Sprache brauche.

    Das Programm war, eine einheitliche Schriftsprache zu schaffen, andere Dialekte aufzugeben, und das Interessante ist, dass dies, was auf absoluter Freiwilligkeit beruhte, tatsächlich funktioniert hat.

    Nun: Bis Genscher und seine Freunde durchgeknallte Nationalisten vom Schlage eines Franjo Tuđjman dazu nutzten, die Sahnestücke Slowenien und Kroatien EU-tauglich aus Jugoslawien herauszulösen und den ungewaschenen Rest vergleichbar miesen Potentaten zu überlassen. Mensch stelle sich für einen Augenblick eine alternative Geschichte vor, in der die EU wirklich so nett ist wie viele ihrer BewohnerInnen glauben, eine EU, die all den PatriotInnen in den verschiedenen jugoslawischen Republiken gesagt hätte: „Ihr kommt nur entweder gemeinsam in die EU oder gar nicht. Also hört mit eurer scheiß-patriotischen Propaganda auf.“

    Wie es stattdessen Anfang der 1990er aussah in den gerade erst auf deutschen Druck geschaffenen neuen Staaten, beschreibt in der DLF-Sendung eine Journalistin, die über den kroatischen Rundfunk berichtet:

    Es gab eine richtig gehende Besessenheit, alle Worte, die irgendwie serbisch klangen, aus der Sprache zu tilgen und durch kroatische Ausdrücke zu ersetzen.

    Wenn ich die Wahl habe zwischen einem politischen Projekt, das Feindschaften abbauen will und einem, das wie beschrieben Feindschaften schürt, dann liegt meine Sympathie klar bei ersterem. Wenn Leute wie Grabar-Kitarović dem ein Nie Wieder entgegenschwören, ist das ein schlimmes Drama.

    Für kontraproduktive Umtriebe dieser Art existiert ein Begriff, der sogar ein Wikipedia-Kapitel hat: Sprachchauvinismus; unterhaltsamer ist der verwandte Artikel zu deutschem Sprachpurismus, der zahlreiche mehr oder minder amüsante Beispiele erwähnt, wie Menschen aus patriotischer Verwirrung das Lexikon verkomplizierten („Mundart“ statt des international verständlichen und ja trotz Mundart immer noch gebräuchlichen „Dialekt“ zum Beispiel) oder es jedenfalls versuchen (beispielsweise „Meuchelpuffer“ statt Pistole im Falle des 17.-Jahrhundert-Volksfans Philipp von Zesen).

    A propos Volksfan: Im Sprachpurismus-Artikel habe ich gerade auch gelernt, dass das (glücklicherweise) immer noch verpönte „völkisch“ schlicht als sprachchauvinistischer Ersatz für das ja gerade leider wieder in Mode geratende „national“ vorgelegt wurde, und zwar erst 1875 von einem besonders unangenehmen Protofaschisten namens Hermann von Pfister-Schwaighusen (nun: seine eigene Wikipedia-Seite relativiert das „wurde“ zu „soll haben“, aber wenn die Geschichte nicht stimmen sollte, so ist sie doch zumindest gut erzählt.

    Es gibt Hoffnung

    Tja: Vielleicht hilft bei solchen Tendenzen KI? Es gibt ein Indiz dafür. Ich habe die DLF-Sendung nämlich wie hier beschrieben von Whisper transkribieren lassen, und die, hust, KI hat aus der Pointe der Geschichte um Tudjmans „Ich freue mich“-Begrüßung für den damaligen US-Präsidenten Clinton und seinen darin verwendeten (vermeintlichen) Serbizismus das hier gemacht:

    Das Problem ist: sretchan ist serbisch, auf kroatisch heißt es sretchan.

    Dass meine „KI“ da nicht zwischen „Serbisch“ und „Kroatisch“ zu unterscheiden vermag, würde ich als Hinweis auf kulturellen Fortschritt werten.

    Noch mehr Hoffnung weckt jedoch die Geschichte der Kinder aus der bosnischen Kleinstadt Jajce, die für gemeinsamen Unterricht demonstriert haben. Vladimir Arsenijević berichtet von dort:

    Wochenlang sind sie auf die Straße gegangen. Ihre Forderung: Sie wollten zusammen in die Schule gehen. Sie hatten Transparente, auf denen sie Birnen und Äpfel gemalt hatten. Ich habe das erst nicht verstanden, und dann haben sie es mir erklärt: Als der Kantonminister für Bildung gefragt wurde, warum er die Segregation im Bildungssystem nicht abschafft, hat er geantwortet, man könne Birnen nicht mit Äpfel mischen.

    Wenn Menschen, die derartigen Überdosen patriotischen Unsinns ausgesetzt waren wie die Opfer deutscher Großmachtpolitik am Balkan, wieder zur Vernunft kommen können, dann gibt es noch Hoffnung.

  • Zum Tag der politischen Gefangenen: Weimar und die wehrhafte Demokratie

    Ein Mensch hält eine Pappe mit der Aufschrift „Faschist:innen verbieten ist wie Schnaps gegen Suff“.

    Ich recyle zum 18. März meine Pappe von neulich, um das Diktum des Hamburger Verfassungsrechtlers Horst Meier etwas auf den Punkt zu bringen: „Das Parteiverbot ist eine einzigartige Schöpfung westdeutschen Verfassungsgeistes, in der Kalter Krieg und hilfloser Antifaschismus eine vordemokratische Symbiose eingangengen sind.“

    Als ich mich anlässlich der großen Anti-AfD-Demos im Januar skeptisch zur autoritären Versuchung im Umgang speziell mit der AfD geäußert habe, habe ich munter behauptet, es hätte reichlich mildere (von geeigneter mal ganz zu schweigen) Mittel als ein Verbot der NSDAP gegeben, um ein Ende von Weimar im Faschismus zu verhindern:

    Es hätte vermutlich immer noch gereicht, wenn die Vorgängerorganisationen von CDU, FDP und AfD (letztere wäre im Augenblick bei mir noch die DNVP) Gewaltenteilung und Rechtsstaat nicht mit voller Absicht abgewickelt hätten. Es sind Einsichten wie diese, die die autoritäre Rede von der „wehrhaften Demokratie“ bei ihrer Erfindung verhindern sollte.

    Dazu würde ich gerne einen weiteren Datenpunkt liefern. Derzeit feiert nämlich die Rote Hilfe ihren 100. Geburtstag, unter anderem mit einem Film (den ich warm empfehlen kann, sollte er mal in einem Kino in eurer Nähe laufen) sowie einer Ausstellung zur wechselvollen Geschichte der Organisation. Letztere kommt mit einem aufschlussreichen Katalog, in dem Folgendes zu lesen ist:

    Nachdem die RHD [Rote Hilfe Deutschlands] mehrere Teilamnestien erwirkt hatte und die Zahl der inhaftierten Genoss*innen Anfang 1931 auf 1.300 gesunken war, füllten die hohen Urteile gegen fortschrittliche Kräfte die Gefängnisse schnell aufs Neue: Ende 1931 saßen 6.500 Aktivist*innen in Haft, und im Sommer 1932 zählte die RHD sogar 9.000 politische Gefangene, die ebenso wie ihre Familien Unterstützung brauchten

    Es stellt sich also heraus: Die Weimarer Republik war ausgesprochen „wehrhaft“. Sie sperrte innerhalb von einem guten Jahr mal eben deutlich über 5'000 „Linksextremisten“ ein, etwas, das die „wehrhafte“ BRD in diesem Ausmaß nie hinbekommen hat[1]. Ich behaupte, notabene, nicht, dass diese Massenverhaftungen die Machtübergabe an die NSDAP beschleunigt haben. Aber sie haben sie offensichtlich auch nicht behindert.

    Anlässlich des morgigen Tags der politischen Gefangenen (18. März) möchte ich das kurz in Relation setzen zu den 19 politischen Gefangenen, die die Rote Hilfe in ihrer aktuellen Zeitung zum 18.3. für die BRD zählt (S. 15). Oder den 1000 politischen Gefangenen, die Memorial für Russland zwischen 2009 und 2022 insgesamt rechnet.

    Es bleibt, dass auch der Mythos von der mangelnden „Wehrhaftigkeit“ der Weimarer Demokratie als Ursache von Weltkrieg und antisemitischem, rassistischem und ablistischem Massenmord einer Prüfung nicht standhält, ebensowenig wenig wie die Mythen von der fehlenden 5%-Hürde oder der hohen Inflation. Die platte Wahrheit ist und bleibt: Es waren die „bürgerlichen“ Parteien, ihr Präsident und ihre ParlamentarierInnen, die die NSDAP-Regierung sehenden Auges installiert haben. Obendrauf war der NS-Apparat, ganz besonders in Polizei und Justiz, von wenigen Ausnahmen abgesehen, genau der Apparat der Weimarer Republik, und übrigens im Wesentlichen auch der Apparat der frühen BRD.

    Das ist keine schöne Wahrheit, vor allem nicht für die beteiligten Parteien und Institutionen. Aber wer aus der Geschichte lernen will, wird nicht um ein Mindestmaß an Entmystifizierung rumkommen. Und daraus zumindest eine Konsequenz ziehen: Faschismus bekämpft mensch nicht durch autoritäre Formierung der Gesellschaft.

    [1]

    Allerdings: Zwischen 1956 und 1964 haben deutsche Gerichte rund 10'000 Menschen im Zuge des Verbots der KPD verurteilt. Zwar saß nur eine überschaubare Minderheit der Betroffenen auch wirklich im Knast, aber es gab durchaus unfassbare Urteile. Rolf Gössner berichtet in „Die vergessenen Justizopfer des Kalten Krieges“ (Aufbau Verlag 1998) etwa:

    [Die Niedersächsische Gemeinschaft zur Wahrung demokratischer Rechte] NG war im Jahre 1958 verboten und aufgelöst worden, die verwaltungsgerichtliche Entscheidung stand noch aus. Dennoch wurden zwei ihrer Mitglieder, der Landrat a.D. Richard Brenning und der Journalist Heinz Hilke, vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg angeklagt und auch wegen „Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Vereinigung in Tateinheit mit Geheimbündelei“ zu je vierzehn Monaten Gefängnis verurteilt – anschließende Polizeiaufsicht und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf drei Jahre inklusive.
  • Asteroideneinschläge sind schlecht fürs Bankgeschäft

    Ein rundlicher Stein mit vielleicht 10 cm Durchmesser und einer Delle in der Mitte, darunter eine Museumsbeschriftung: Cheliabynsk 2013

    2013 in Tscheljabinsk war es nur ein recht kleiner Brocken, der vom Himmel fiel und ordentlich Rumms machte[1]. Im Bild ist ein winziges Bruchstück des Brockens, das es ins Naturkundemuseum in Wien geschafft hat. Die Frage der Marktwirtschaft an sowas ist: Was sind die Kosten? Meine Frage ist: Ab welcher Grenze wird diese Frage fragwürdig?

    Zu den fürs Verständnis der Menschenwelt nützlicheren Konzepten, die durch MarxistInnen in den politischen Diskurs kamen, gehört ziemlich fraglos die Entfremdung. Es gibt ganze Bücher darüber, wie genauer zu fassen sei, was Marx in seinen Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten in den 1840er Jahren so beschrieben hat:

    Jedes Produkt ist ein Köder, womit man das Wesen des andern, sein Geld, an sich locken will, jedes wirkliche oder mögliche Bedürfnis ist eine Schwachheit, die die Fliege an die Leimstange heranführen wird.

    Mir gefiel eigentlich immer die knappe Definition: „Entfremdung ist, wenn Menschen nicht mehr als soziale Wesen in Beziehung zueinander treten, sondern als Handelnde auf einem Markt, also durch Austausch von Geld – und am Ende auch nur zu diesem Zweck.“

    Ich will dabei nicht von der Hand weisen, dass diese Sorte Interaktion häufig recht bequem ist. Klar macht es auch mein Leben leichter, wenn ich beim Bäcker einfach einen Schein rüberreichen kann und mit einem Brot rausgehe, ohne argumentieren zu müssen, warum es nötig und richtig ist, mich zu füttern.

    Wenn es allerdings um die Zerstörung von Landstrichen oder Kontinenten durch Einschläge großer Asteroiden geht, wird die entfremdete Denke von Markt und Profit zum Agitprop-Stück über den Irrsinn des Kapitalismus und der Art, wie er die ihn tragende Gesellschaft organisiert. Könnte mensch meinen. Aber hört euch mal diesen Beitrag aus DLF Forschung aktuell vom 24. Januar an. Ich warte hier solange.

    Wer das Stück nicht gehört hat: Untersucht wird ein (überhaupt nicht unplausibles) Szenario, in dem AstronomInnen einen größeren erdkreuzenden Asteroiden entdecken. Schnell wird klar, dass er innerhalb von etwa 10 Jahren die Erde treffen wird. Eifrig wird beobachtet, und mit wachsender Genauigkeit des Orbits wird immer klarer, wo genau er einschlagen und was er dabei zerstören wird.

    Ich hätte bei Simulationen eines solchen Szenarios naiv Überlegungen erwartet, wie mensch die Leute, die im Zielgebiet wohnen, dort rauskriegt, wo sie dann leben sollen, auf wie viel Landfläche mensch verzichten kann, ohne dass es viel Hunger gibt, wie mensch sich vielleicht auf für ein paar Jahre sinkende globale Durchschnittstemperaturen einstellt, sowas halt.

    Im Interview hingegen klingt es, als sehe der Interviewte – Rudolf Albrecht, Mitarbeiter der ESO im Ruhestand – das zentrale Interesse des Artikels so:

    Wenn man [im Zerstörungsgebiet] zum Beispiel ein Haus hat, was wird mit dem Grundstückspreis passieren? Das Haus wird nicht mehr zu verkaufen sein. Was passiert, wenn die Hauspreise gegen Null gehen? Dann zahlen die Leute ihre Hypothekraten nicht mehr. Was passiert, wenn die Leute ihre Hypothekraten nicht mehr bezahlen? Die Banken bekommen Schwierigkeiten.

    Hu? „Ich könnte ja mit dem Weltuntergang an sich gut leben, aber wo kommt dann mein Champagner her?“ „Was für ein Mist, dass ich mich in meinem SUV gerade totgefahren habe; ich hatte ja fünf Cupholder mitbestellt, und den links hinten hatte ich noch gar nicht ausprobiert!“ Ach: diese ganze Überlegung ist so obszön, dass mir gar nicht einfällt, wie ich sie noch persiflieren kann.

    Nun bezieht sich das Interview auf einen Artikel, den Laura Jamschon Mac Garry, Albrecht selbst und Sergio Camacho-Lara unter dem Titel Diplomatic, geopolitical and economic consequences of an impending asteroid threat in den Acta Astronautica 214 (2024) veröffentlicht haben[2]. Dieser Artikel enthält durchaus auch die weit naheliegenderen Überlegungen zu einem rationaleren Umgang mit so einer Krise. Albrechts Überlegungen finden sich dort aber doc, und zwar als Nachteile einer frühen Entdeckung eines gefährlichen Asteroiden:

    On the other hand, there was also a disadvantage associated with the extensive lead time: the economy in the impact corridor would become severely affected, as investments would probably decrease, real estate values would plummet, banks could become insolvent as the population would try to leave the area. The extensive lead time would be a period of considerable political and economic uncertainty, during which time events would take unpredictable turns. Merchant shipping and other trade routes near the risk corridor would be likely to be discontinued around the time of a possible impact. Delivery chains would be interrupted.

    Glauben wirklich nennenswert viele Menschen, dass wir im Angesicht einer solchen Katastrophe nicht überlegen, wie wir in einer geplanten und überlegten Anstrengung dafür sorgen, dass das kein Riesengemetzel wird, sondern weiter über Grundstückspreise reden?

    Nun gut… Ich gebe zu, dass wir gerade eine ähnliche Situation haben, denn die Klimaänderungen, die wir uns gerade eintreten, werden absehbar zu einem Riesengemetzel führen, und da reden in der Tat immer noch erstaunlich viele von Arbeitsplätzen, Emissionshandel und grünem Wachstum, statt zu planen, wie wir einfach und angenehm den ganzen Mist stoppen und dabei weniger Arbeit, Krach und Stress haben. Die Entfremdung ist zumindest im Hinblick aufs Klima offenbar tatsächlich so weit, dass ganze Gesellschaften ihre schiere Existenz nur übers Geld verhandeln und dabei rauskriegen, dass es wichtiger ist, jetzt in Blechkäfigen zu öden Jobs zu rasen als den Menschen in fünfzig Jahren ein schönes Leben zu ermöglichen.

    Ach weh: Jamschon Mac Garry et al haben vielleicht mehr Weisheit, als ich ihnen aus dem Bauch heraus zugesprochen habe.

    [1]Quantifiziert wäre der Rumms 500 Kilotonnen TNT-Äquivalent oder ein gutes Dutzend Hiroshimabomben, so heißt es. Aber natürlich war die Explosionsdynamik ganz anders, und so waren die Schäden auch viel geringer.
    [2]Nebenbei ein Appell an die Verlage: eine Landing Page fürs DOI-System ist potenziell für die Ewigkeit und garantiert kein guter Platz für technische Spielereien. Dort ganz besonders sollte es keinen Javascript-Zwang geben (so wie bei Acta Astronautica). Wenigstens bei dem Journal treibt Elsevier es jetzt gerade gleich noch wüster: Ohne Übertragung der Referrer-Header geht da nichts Nützliches. Au Weia.
  • Nachrichten aus dem Polizei-Rechtsstaat

    Am 2. Mai 2022 haben zwei Polizisten auf dem Marktplatz in Mannheim den 47-jährigen Ante P. umgebracht. Als Nicht-Schwabo[1] mit einer psychischen Diagnose gehörte ihr Opfer zur gegenüber tödlicher Polizeigewalt in der BRD gefährdesten Gruppe überhaupt; ich darf ein paar Beispiele aus den sofo-hd-Jahrestagen zitieren:

    23.12.2023 – in Mannheim-Schönau töten Polizisten den türkischstämmigen Ertekin Ö. mit vier Schüssen. Ö. hatte in einer psychischen Krise und wegen Auseinandersetzungen mit dem Jugendamt wegen seiner Kinder selbst die Polizei gerufen. Die Polizei eröffnete das Feuer aus der Distanz, als sie ihn auf der Straße mit nacktem Oberkörper und einem Messer in der Hand antraf.

    12.1.2023 – In Mosbach-Neckarelz erschießt die Polizei einen Mann, der sich mit einem Messer bewaffnet der Wohnung seiner Ex-Partnerin genähert hat. Das Opfer hatte sich in psychiatrischer Behandlung befunden.

    17.11.2022 – In Usingen im Taunus stirbt eine 39-jährige in Polizeigewahrsam. Die Polizei gibt an, sie habe ihr Handfesseln angelegt, weil sie randaliert habe. „Kurz darauf verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Frau [...] Die unverzüglich alarmierten Rettungskräfte begannen noch vor Ort mit Wiederbelebungsversuchen“

    5.1.2020 – In Gelsenkirchen schlägt der aus der Türkei kommende Mehmet B. mit einem Ast auf ein leeres Polizeiauto ein und soll danach in der Nähe stehende Beamte bedroht haben. Diese eröffnen das Feuer und töten B. mit vier Schüssen. Die erste Sprachregelung der Polizei ist, dass ein Terroranschlag vorlag, doch rudert der Innenminister später auf „psychisch auffälliger Einzeltäter“ zurück. Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen gegen den Schützen natürlich ein.

    2.11.2019 – Im Hunsrückdorf Hoppstädten-Weiersbach jagt ein größeres Aufgebot Polizei einen Exil-Eritreer, der PassantInnen mit einer Axt bedroht haben soll. Schließlich spüren zwei BeamtInnen den gesuchten „neben einem Geräteschuppen am Boden kauernd“ auf einem Tennisplatz auf und erschießen ihn in seiner, so die das Verfahren gegen den Schützen einstellende Staatsanwaltschaft, „Aufwärtsbewegung“.

    12.1.2019 – In Berlin stirbt ein griechischstämmiger Mann an den Folgen von Polizeimaßnahmen („lagebedingter Erstickungstod”). Er war im vorherigen Dezember im Gefolge eines psychotischen Schubes in einer Bäckerei auffällig geworden. In der Gefangenensammelstelle Tempelhof hatten ihn danach Beamte mit Pfefferspray traktiert und anschließend in Bauchlage fixiert, bis er kollabierte.

    9.2.2016 – In Hamburg stirbt der einen Monat zuvor wegen des Besitzes von 1.65 Gramm Marihuana in Untersuchungshaft genommene Yaya Jabbi. Die Polizei gibt an, er habe sich an der Gardinenstange in seiner Zelle erhängt, das einen Suizid bestätigende Gutachten kommt ausgerechnet von Klaus Püschel, der zuvor die ebenfalls klar rassistisch eingesetzte Brechmittelfolter in Hamburg verantwortet hat.

    13.4.2018 – In Fulda wirft der vor einer Abschiebung nach Afghanistan stehende 19-jährige Matiullah Jabarkhil Steine auf eine Bäckerei, in der seine Bitte um altes Brot rüde zurückgewiesen worden war. Rasch treffen mindestens vier Polizisten ein und verfolgen den fliehenden Jabarkhil. Nach 150 Metern eröffnet ein Polizist das Feuer und tötet Jabarkhil mit zwölf Schüssen. Im Januar und August 2019 stellen Staatsanwaltschaften die Verfahren gegen die Tatbeteiligten ein.

    Und so weiter ad nauseam. Wer noch kann, sollte auf deathincustody.info nachlesen; das spart zwar die polizeilichen Tötungen „zur Gefahrenabwehr“ aus, ist aber trotzdem ziemlich bedrückend.

    Am ersten März nun fand in Mannheim das erstinstanzliche Strafverfahren gegen die beiden Täter im „Fall“ Ante P. ein Ende. Dabei ist allein die Tatsache des Verfahrens eine gewisse Besonderheit, die wohl nur den zahlreichen Videoaufnahmen zu verdanken ist, die PassantInnen am Marktplatz angefertigt und dann auch veröffentlicht haben. Ein vergleichbarer Vorfall nur acht Tage nach der Tötung von Ante P. im Mannheimer Waldhof ohne entsprechendes Material kam nicht mal vor Gericht.

    Dass das Gericht die beiden Angeklagten im aktuellen Prozess im Wesentlichen freigesprochen hat – einer der beiden ist mit 120 Tagessätzen á 50 Euro zwar kurz mal vorbestraft, aber angesichts einer Tötungshandlung darf eine Strafe im unteren Bereich der Urteile beim „Bullenschubsen“ nach §114 StGB als Freispruch gelten[2] –, wird niemand überraschen, der meine kurze Zusammenstellung oben überflogen hat oder anderweitig mit Rechtshilfe zu tun hat. Aber darum geht es mir hier gar nicht, denn als Antiautoritärer bin ich ja froh über jede Strafe, die nicht verhängt wird.

    Nein, es sind mehr die Umstände des Verfahrens, die zornig machen. Das Grundrechtekomitee hat dazu gestern eine Pressemitteilung herausgegeben, die Pflichtlektüre sein sollte für Menschen, die finden, ausgerechnet die eigene Regierung sollte Menschenrechte in aller Welt herbeibomben und -waffenliefern oder durch Export von Repressionstechnologie „befördern“: Katastrophales Urteil in Mannheim - unverhohlener Ableismus und institutionelle Nähe von Strafjustiz und Polizei.

    Wer es etwas genauer wissen will, sei auf den ebenfalls höchst aufschlussreichen Prozessbericht der Initiative 2. Mai verwiesen, den ich hier spiegele; es wäre wirklich schade, wenn er durch z.B. Bitrot auf seiner Quellseite aus dem Internet verschwände.

    [1]Als Schwabo bezeichne(te)n viele BewohnerInnen Jugoslawiens „die Deutschen“; weil ich immer noch schlechtes Gewissen habe, dass ich meiner Regierung Anfang der 1990er nicht genug Widerstand entgegengesetzt habe, als sie Jugoslawien in Mord und Totschlag stürzte, nehme ich ihr Wort gerne, um das Konzept zu bezeichnen, das andernorts (aus meiner Sicht weniger glücklich) „Biodeutsch“ oder „Kartoffel“ heißt.
    [2]Zum Vergleich: Wegen trivialster Verstöße gegen Auflagen (im Wesentlichen „Mütze zur Corona-Maske getragen“) bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt kurz nach der, nun, Polizeimaßnahme am 2.5.2022 hat ein Gericht 50 Tagessätze verhängt.
  • Leider kein Sprecher ohne Nerven

    Ich habe mich hier schon des Öfteren als Fan von Live-Medien und dem mehr oder minder professionellen Umgang mit ihren Pannen geoutet – natürlich immer mit besonderer <hust> Mühe, jeden Anschein von Schadenfreude zu vermeiden.

    Vor diesem Hintergrund fand ich den Umgang des anonymen Sprechers[1] mit einer offensichtlichen Panne bei den 16:30-Nachrichen am 23.1.2024 im Deutschlandfunk (ja, ich bin ein wenig hinterher bei meinem asynchronen Radio-Konsum) nachgerade unfassbar professionell. Hört euch das hier mal an:

    (Blättern) Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller ist für einen Oscar nominiert worden […ca 20 Sekunden Sprache…] (Blattern) Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller ist für einen Oscar nominiert worden [weiterer identischer Text]

    Als ich das hörte, war ich hingerissen, wie der Sprecher völlig ungerührt weiterliest, obwohl ihm spätestens nach wenigen Sekunden aufgefallen sein muss, dass er sich gerade wiederholt. Gut – ich hätte jetzt ein „Verzeihung, diese Nachricht hatten wir gerade schon“ eigentlich sympathischer gefunden. Die größere Kunst jedoch ist, so glaube ich, überzeugend so zu tun, als sei gar nichts.

    Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass für den Sprecher tatsächlich gar nichts war. Folgt mir kurz auf meinem Weg zu dieser Entdeckung.

    Wer im Audio genau hinhört, hört ganz am Anfang ein Blättern; dass da (noch) geblättert wird, hat mich zunächst nicht verunsichert, denn die Werkzeuge von Profis ändern sich langsam. Es ist aus meiner Sicht gut möglich, dass die Leute im DLF noch nicht vom Computer weglesen. Dass vor der Wiederholung nochmal ein Blättern zu hören ist, hat mich auch noch nicht verblüfft. Im Gegenteil ist es höchst plausibel, dass es zur Wiederholung kam, weil zwei Kopien des gleichen Blattes im Nachrichtenstapel lagen.

    Allerdings sahen beim Beschneiden im Audio-Editor die Wellenformen von Blättern und Lossprechen schon ganz verblüffend ähnlich aus. So ähnlich, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die Wiederholung unter das Original zu legen und (etwas improvisiert) mithilfe meines pyscreenruler als Hilfslinie aneineinander auszurichten:

    Zwei Wellenformen untereinander, die exakt parallel verlaufen

    Nein: Auch der professionellste Sprecher kann nicht so exakt parallele Signalverläufe hervorbringen.

    Nachtrag (2024-03-02)

    Weil Proteste kamen: Ja, in ganz feinen Details unterscheiden sich die Kurven. Das kommt einerseits vielleicht ein wenig aus der unterschiedlichen Vorgeschichte der beiden Signale, die in die Kompression eingegangen ist. Yor allem ist das etwas, das grob unter dem Begriff unter „Aliasing“ läuft: Wenn ihr einen etwa ein Pixel breiten Gipfel durch zwei Pixel durchschiebt, ist manchmal nur in einem richtig Signal und manchmal in beiden. Hier ist die Lage der beiden Signale bezüglich des jeweils ersten Samples (Audio-Pixel, wenn ihr so wollt) leicht verschieden, und drum „wackelt“ es auf Pixelebene manchmal ein wenig.

    Das ist entweder digital erzeugt oder digital wiederholt worden. Eine Roboterstimme mit dieser Qualität und dann noch beim Deutschlandfunk ist wohl auszuschließen (schon, weil es dort einen Personalrat gibt). Da die Doppelung genau an Satzgrenzen beginnt und aufhört, scheint auch eine natürliche Ursache für die Dopplung – sagen wir, ein Puffer, dessen Fortsetzung nicht rechtzeitig fertig ist und der dann einfach wiederholt wird – jedenfalls sehr unwahrscheinlich (mal abgesehen davon, dass kein plausibler Puffer 20 Sekunden lang wäre).

    Bliebe noch, dass da jemand bewusst geschnitten bzw. geloopt hat. Aber wie geht das? Soweit ich weiß, werden die Nachrichten im DLF live gesprochen, was heißt, dass der Loop mehr oder weniger in Echtzeit produziert worden sein muss. Geht sowas überhaupt? Vor allem aber: Wer sollte das tun wollen? Und warum?

    Fazit im Hinblick auf Live: Leider ist hier kein Nachrichtensprecher ohne Nerven zugange. Wer immer da redet, hatte seinen Job schon getan, als irgendwer anders diesen Loop in seine Sprache einbaute.

    [1]

    Ich glaubte mich zu erinnern, dass die DLF-NachrichtensprecherInnen früher ihre Namen gesagt haben. Haben sie nicht, jedenfalls nicht 2001. Ich habe extra in meinem Archiv nachgehört. Dabei bin ich allerdings über Verkehrsmeldungen gestolpert, die sie damals noch gebracht haben, und darüber bin ich (etwas perverserweise) nostalgisch geworden („Seewetteramt Hamburg“). Für andere DLF-DauerhörerInnen hätte ich hier eine Flashback-Gelegenheit, nämlich die Verkehrsmeldungen vom 24. August 2001, 16:34:

  • In den Stuttgarter Naturkundemuseen

    Trotz des Risikos weiterer Verwicklungen in Aktivitäten von Gewaltherrscher-Sprösslingen, mit denen in Stuttgarter Museen offenbar schon mal zu rechnen ist[1], habe ich mich mit meinem Museumspass erneut in die Landeshauptstadt gewagt, denn das dortige Naturkundemuseum lockte sehr. Wo, wenn nicht dort, wird wohl Professor Zwengelmann Direktor[2] sein?

    Der Beschluss zu diesem Post reifte indes vor allem, weil ich vor einer naheliegenden Fehlbedienung des Löwentor-Teils des Museums warnen will. Zunächst: Das Museum besteht aus einem modernen Bau, in dem die verschiedenen geologischen Systeme, die in Baden-Württemberg vertreten sind (das heißt: Kreide hat eine Wand von kaum ein paar Metern), nach Fauna, Flora und Fossilien vorgestellt werden, und einem vielleicht 500 m Parkspaziergang davon entfernten älteren Gebäude („Schloss Rosenstein“), in dem es um die aktuelle Welt geht.

    Wer nun im Löwentor-Bau naheliegenderweise von der Garderobe durch eine offene Tür entspannt in die große Ausstellungshalle diffundiert, landet im Tertiär, wird dann recht schnell konfus zwischen Jura und Trias umherirren und sich schließlich fragen, wie das alles zusammengehört. Das liegt daran, dass der Löwentor-Teil so eine Art Open-Plan-Museum ist, also (fast) alles auf zwei durchgehenden Ebenen einer großen Halle stattfindet:

    Ein moderner, hoher Raum.  Eine Treppe führt zu diversen Fossilien, an einer Wand hängt eine mehrere Meter hohe schwarze Platte mit viel Struktur.

    Das ist klasse, wenn mensch schnell „zurückspulen“ möchte (sagen wir: Ich will nochmal das arme Babymammut sehen, das im Moorloch kämpft – herzzerreißend, aber paläontologisch verbürgt), denn mensch muss nicht ohne Übersicht durch Zillionen von Räumen irren. Noch dazu hat das Museum durch diese Architektur auch Platz, einige meterhohe Riesenfossilien zu drapieren, allen voran die cthulhuesken Überreste von Seelilien aus den Posidonienschiefern des Schwarzjura[3], im Foto oben rechts an der Wand.

    Andererseits hat ohne die Strukturierung durch Mauern viel Mühe, wer Leitelemente wie die gelbe Linie in diesem Bild:

    Ein Skelett eines kleinen Rindes in einem Glaskasten; seine Knochen sind schwarz.  Auf dem Glaskasten steht in Gelb „Quartär Holozän“, eine gelbe Linie auf dem Boden läuft auf den Glaskasten zu.

    als zu einem irgendwie optionalen Spiel gehörend interpretiert. Nein, die kuratorische Erzählung und damit der Spaziergang durch die Erdzeitalter funktionieren nur, wenn mensch auf der Linie hinter der Kasse im Erdaltertum anfängt und ihrem leicht verschlungenen Verlauf chronologisch durch die (durch verschiedene Farben markierten) stratigraphischen Systeme folgt.

    Das Rinderskelett in dem Kasten auf dem Gelbe-Linien-Bild kommt mit diesem Rezept ziemlich am Schluss – Holozän – und markiert bereits domestizierende Menschen (anders gesagt: ein positives StarDIT). Verglichen mit unseren heutigen Turborindern war dieses Tier aber eher mickrig. Zur Erklärung bietet der Museumstext an, diese „Torfrinder“ seien so klein gewesen, weil sie in ihrer kargen Umwelt nicht genug zu Essen bekommen haben. Etwas differenzierter und vielleicht weniger dickensianisch hat Markus Bühler genau dieses Skelett 2012 diskutiert.

    Für Laien wie mich eindrücklicher als Knochen sind, das muss ich zugeben, aber die vielen lebensgroßen Dioramen, mit denen das Museum versucht (mit gutem Erfolg, soweit es mich betrifft), die vergangenen oder entfernten Lebenswelten erfahrbar zu machen. In etliche kann mensch auch reingehen, so dass Mutproben wie diese möglich werden:

    Eine Menschenhand wird von links in den geöffneten Kiefer eines von rechts ins Bild ragenden Saurierkopfs gehalten.

    Noch im paläontologischen Teil der Ausstellung finden sich auch Menschen in diesen Dioramen, zunächst als Neandertaler. Der Tuareg, der im anderen Teil der Ausstellung („Schloss Rosenstein“) in einer Vitrine steht, vertiefte meine Bedenken, dass das Ganze Richtung „Völkerschau“ abrutscht; auch ein Naturkundemuseum mag sich gelegentlich Fragen stellen müssen wie die, die mich während meines Besuchs im Lindenmuseum (ebenfalls in Stuttgart) beschäftigt haben.

    Kolonialer Herablassung kann mensch das Naturkundemuseum jedoch eher nicht bezichtigen, denn in den Vitrinen steht durchaus auch mal ein weißer Mann, und er spielt nicht gerade eine vorteilhafte Rolle:

    Hinter Glas ein paar lebensgroße (aber künstliche) Maispflanzen. Davor bückt sich ein blonder Mann (auch künstlich) im Karohemd und mischt ein Pflanzenschutzmittel.

    In der Vitrine geht es um Artensterben durch Giftmischerei und einige weitere Kollisionen zwischen Kapitalismus und der realen Welt. Vielleicht sind Karohemd und blonde Haare der Verkörperung des ersteren einen Hauch zu dick aufgetragen. Vielleicht aber auch nicht.

    Der Mann hat so oder so keine Chance gegen meinen Lieblingsbereich im Gesamt-Museum, nämlich den Nebenraum in der Gegend des oberen Jura, in dem verschiedene Rekonstruktionen illustrieren, wie Dinosaurier sich befiedert haben und sich dann im Tertiär zwitschernd unter die Säugetiere gemischt haben. Das sind größtenteils anheimelnde Modelle, bis hin zum höchst anmutigen und weise blickenden Archäopteryx. Wenn die wirklich so aussahen, ist es ausgesprochen bedauerlich, dass sie es nicht in die Gegenwart geschafft haben:

    Etwas vogelähnliches mit braundem Gefieder.  Der Kopf allerdings hat keinen Schnabel, sondern eher einen lächelndem Mund in einer länglichen Schnauze – und große, gütig blickende Augen.

    Mein wesentlicher Schluss aus diesem Seitenraum ist: Wenn ihr die Vöglein singen hört, bedenkt, dass sie einstmals T. Rex waren, oder jedenfalls sowas ähnliches. Wenn aber die Dinosaurier weggekommen sind vom Töten und Fressen durch überlegene Stärke und Größe, dann mag das auch für unsere Spezies ein bisschen Hoffnung machen.

    [1]

    Tatsächlich ist das Naturkundemuseum ein enfernter Abkömmling der „Kunst- und Wunderkammer“ der Stuttgarter Autokraten, was nicht nur an kuratorischen Grausamkeiten zu erkennen ist. Aber auch. Hier ist das älteste Exponat der Ausstellung, ein Geweih eines Eiszeithirschen; Die Obrigkeit hat es ersichtlich im Jahr 1600 ihren Schätzen einverleibt:

    Ein Stück eines vergilbten Geweihs, über das in schwarzer Tinte groß „1600. FOSSILE“ gemalt ist.
    [2]Womit ich mich erneut als glühender Fan der Max Kruse-Edition des Urmel geoutet habe. Und nein, der echte Direktor des Stuttgarter Naturkundemuseums hat natürlich nichts mit Zwengelmann zu tun.
    [3]Ich musste „Schwarzjura“ und „Posidonienschiefer“ einfach neben „Cthulhu“ platzieren. Sie passen, so finde ich, perfekt in diesen Kontext, auch wenn sie ganz offizielle:w Geologie sind.
  • Carl Württemberg und die unvollständige Revolution

    Immer noch bin ich mit meinem Museumspass unterwegs, doch nicht immer sind es die Gegenstände in den Ausstellungen, die die tiefsten Eindrücke hinterlassen. So war das neulich auch im württembergischen Landesmuseum (vor dem Klicken ggf. einen Blick auf ach so: die Webseite werfen) in Stuttgart. Vorausgeschickt: zwischen dem ehemaligen Kuriositätenkabinett der Potentaten des Schwabenlandes und allerlei keltischen Schätzen gibts da durchaus viel Beeindruckendes oder zumindest, tja, Kurioses.

    Was nicht bleiben sollte

    Den erwähnten tiefsten Eindruck hinterließ jedoch die Wand neben dem Ausgang. Dort ist nämlich eine dieser Mahntafeln zur Privatisierung gesellschaftlicher Aufgaben[1] angebracht, auf denen Menschen zur Dankbarkeit für allerlei Personen und Firmen aufgerufen werden („Logos“):

    Auf einer braunen Wand angebrachte weiße Schilder mit diversen Logos unter der Überschrift „Exclusive Partners“ („Wüstenrot-Stiftung“, „Bosch“).  Ganz vorne jedoch ein Wappen mit Krönchen und allem, darunter „Carl Herzog von Württemberg“.

    So traurig diese Beflimmerung light schon im Allgemeinen ist: dass da ein Nachkomme der alten Autokraten und Gewaltherrscher sein ultrakitschiges Herrschaftszeichen mit Krone und Spruchband („Furchtlos und treu“ – hatten wir nicht schon mehr als genug Sprüche mit „Treue“ während der letzten hundert Jahre?) im öffentlichen Raum – und dann noch ganz vorne – platzieren darf, das ist klar ein Symptom einer Demokratisierung, die allzu früh steckengeblieben ist.

    Nun will ich mich nicht beschweren, dass die bis dann herrschenden Schurken 1918 ihre Köpfe behalten durften. Keine Frage, der Umgang mit Louis XVI im Jahr 1793 war selbstverständlich ein schlimmer Verstoß gegen das Prinzip RiwaFiw („Radikalität ist wichtig, aber Freundlichkeit ist wichtiger“).

    Dass aber die ausgehenden FürstenInnen einen Gutteil der Dinge, die sie sich mit Feuer und Schwert von ihren Untertanen geholt hatten, behalten durften und ihnen das jetzt die Mittel gibt, Duftmarken und vermutlich auch Agenden in unseren Museen zu setzen, das ist auch ein schlimmer Verstoß gegen RiwaFiw. Die damaligen Gesetzgeber haben allzu radikal am Prinzip von Eigentum festgehalten, statt sich an einer ganz schlichten, intuitiven und freundlichen Ethik zu orientieren. Sagen wir: „was du bekommst, indem du Menschen quälst, soll zumindest diesen Menschen wieder nutzen, wenn dir die Gewaltmittel ausgehen, um deine Ansprüche durchzusetzen“.

    In Sachen Schaden und Spott tritt dazu die weitere Alimentierung der Nachfahren der alten Obrigkeiten, so (vermutlich auch im württembergischen Landesmuseum) durch den „Ankauf“ von Plunder, der bereits 1918 hätte sozialisiert werden müssen.

    Besonders auffällig war das im Zusammenhang mit Carl Württembergs Spießgesellen aus dem anderen Landesteil, stark archaisierend „Haus Baden“ genannt, das vor rund dreißig Jahren mit Teilen seines Tafelsilbers versuchte, das Land zu erpressen. Einen kurzen Eindruck der damaligen Debatten gibt ein Blogpost von 2006 zu diesem Thema, in dem einige FAZ-Passagen illustrieren, weshalb das weitere Gebiet der durchlauchtigen Besitztümer auch außerhalb des württembergischen Landesmuseums für schlechte Laune sorgt; diese Geschichte geht übrigens immer noch weiter, wie weitere Beiträge auf dem Blog aus dem letzten Jahrzehnt belegen.

    Ach so: Die Webseite

    Ich kann diesesn Post nicht ohne einen scharfen Themenbruch beenden. Als ich nämlich oben aufs württembergische Landesmuseum verlinkt habe, habe ich selbstverständlich erstmal nachgesehen, was dort eigentlich steht und sah: Nichts. Alles weiß. Dabei hat die Seite eine Crapicity von gerade mal 6 (also: nur 5 Byte Digitalsoße auf 1 Byte lesbaren Text), was für kommerziell produzierte Webseiten in der heutigen Zeit an sich recht ordentlich ist.

    Das hat mich milde neugierig gemacht, warum die Anzeige trotzdem so vergurkt ist. Was soll ich sagen? Es ist etwas unbedachtes CSS, das den Kram hier kaputt macht – eingestanden natürlich nur in Verbindung mit der üblichen Javascriptitis, ohne die die Zuständigen gleich selbst gesehen hätten, dass was kaputt ist. Auf reinen Textbrowsern wie wie w3m ist die Seite ordentlich nutzbar. Dillo mit seiner reduzierten CSS-Interpretation liefert ebenfalls ein brauchbares Rendering.

    Immerhin, die Museumsleute haben offenbar ein gewisses Problembewusstsein im Hinblick darauf, dass die „großen“ Browser ihren Inhalt weiß auf weiß darstellen. Auf der Erklärung zur Barrierefreiheit des Museums heißt es nämlich:

    Einige der Helligkeitskontraste sind zu klein und damit schlecht wahrnehmbar.

    Das ist nicht falsch. Allerdings netto doch einen Hauch euphemistisch:

    Screenshot eines Browserfensters für www.landesmuseum-stuttgart.de: Alles ist weiß
    [1]Nun, eigentlich sind das Mahnmale der unzureichenden Besteuerung von Unternehmen und Reichen; denn offensichtlich haben die Mäzene Geld, das sie genauso gut der Gesellschaft zur Verfügung stellen (also als Steuer zahlen) könnten, mit dem sie sich jetzt aber privaten Einfluss auf öffentliche Museen kaufen. Und immerhin: hatte mensch sie ordentlich besteuert, könnten sie die Mussen nicht zwingen, ihre (also: der Museen, nicht der Mäzene) BesucherInnen mit doofen Logos und Wappen zu belästigen.
  • Ach Bahn, Teil 16: Rekursion in der Praxis

    Ein Ausschnitt aus dem Stichwortverzeichnis eines englischsprachigen Buches, Seite 269.  Unter dem Stichwort „recursion“ findet sich die Seite 269.

    14.83% aller Nerd-Witze drehen sich um Rekursion. Der im Bild oben kommt von den Großmeistern Brian Kernigan und Dennis Ritchie, die eine knappe Erklärung von Rekursion im Stichvortverzeichnis des Klassikers The C Programming Language (2. Auflage) untergebracht haben.

    Bei etwas, das Verwunderung und Verwirrung stiften kann, will die Bahn natürlich nicht Beiseite stehen. Vor ein paar Tagen hatte ich mich ja schlecht gelaunt gezeigt darüber, dass die armen Seelen, die die Bahn-Kontaktmail betreuen müssen, statt auf die Anliegen einzugehen, auch nach anderthalb Monaten lediglich grob im Bedeutungsfeld liegende Textbausteine zusammenklicken.

    Die Bahn hat, praktisch in Rekordzeit, mit dem hier geantwortet:

    -webkit-box-shadow: 0px 4px 8px #828282; /*webkit browser */-moz-box-shadow: 0px 4px 8px #828282; /*firefox */box-shadow: 0px 4px […die gewohnten gut 2kB CSS…] berschrift7-H{font-family:Arial;color:#000000;font-size:10pt;} .NormaleTabelle-C{vertical-align:top;} Ihre Nachricht vom: 29. Januar 2024Unser Zeichen: 1-17XXXXXXXXXX Hallo Herr [immerhin richtiger Name], vielen Dank für Ihre E-Mail.Sie bemängeln, dass wir in unserem Antwortschreiben nicht individuell auf Ihr Anliegen eingehen, sondern dieses mit Textbausteinen beantworten. Bitte sehen Sie dies nicht als Herabsetzung Ihrer Person. Die Deutsche Bahn befördert pro Tag ca. 4 Millionen Reisende und es erreichen den Kundendialog pro Woche eine Vielzahl von Anfragen, Anregungen und Kritik zu den verschiedensten Themen. Vor diesem Hintergrund bitten wir um Verständnis, dass wir - wie es bei jedem Großunternehmen üblich ist - auf Textbausteine zurückgreifen, um Verzögerungen bei der Beantwortung zu vermeiden. Ihre Kritik haben wir zur Information den verantwortlichen Fachbereichen zur internen Auswertung zur Verfügung gestellt. Mit freundlichen Grüßen Ihr Kundendialog DB Fernverkehr AG Ihre Meinung ist uns wichtig. Bitte bewerten Sie Ihren heutigen Kontakt zu unserem Service. Wir freuen uns über Ihre Teilnahme an unserer Kundenzufriedenheitsbefragung.P.S.: Für Ihre Anregungen, Lob und Kritik sind wir jederzeit gern unter 030 2970 für Sie da. Sie erreichen uns rund um die Uhr mit dem Stichwort Kundendialog im Hauptmenü.

    Wenn ich mich jetzt wieder über Textbausteine beklagen würde, müssten – Nerd humour alert – wir hoffen, dass wir beide Tail Call Elimination vornehmen. Wie ein Stack-Überlauf in der wirklichen Welt aussieht, will ich ja lieber nicht sehen.

  • Ach, Bahn, Teil 15: Privatsphäre ist teuer

    Dass „Digitalisierung“ Antisprache ist, also etwas, das mit ordentlicher Sprache zusammen zu Quatsch zerstrahlt, habe ich schon vor geraumer Zeit behauptet. Ein schöner Beleg dazu war neulich im Bahn-Reisezentrum in Hamburg-Altona zu bewundern:

    Ein Plakataufsteller auf einem gefliesten Boden: „Jetzt wird's digital! Für die Buchung Ihres Digitalen Tickets benötigen wir Ihren Vor- und Zunamen sowie Ihre E-Mail-Adresse“.

    Die Bahn verlangt jetzt also Name und gar noch eine Mail-Adresse von Menschen, die vergünstigte Tickets kaufen wollen. Was mit Menschen passiert, die keine Mailadresse haben: Wer weiß?

    So oder so ist das ein ziemlich dreister Übergriff auf die Privatsphäre der weniger betuchten KundInnen der Bahn. Es macht den Buchungsprozess komplizierter und hat für die Betroffenen ganz offensichtlich nicht den Hauch eines Vorteils. Die Bahn will hier vermutlich irgendwelche windigen Geschäfte mit ihren fiesen Spezialtickets[1] verhindern (oder was könnten sie sonst für einen Grund für diese Masche haben?), will aber aus nicht ganz einsichtigen Gründen nicht zugeben, dass sie damit allen das Leben schwer macht.

    Stattdessen versucht die Bahn, das Offensichtliche durch Antisprache wegzuquatschen: „Optimal weil digital“. Was für ein platter Versuch, die KundInnen für dumm zu verkaufen. Zum Fremdschämen. Wer, frage ich mich, soll auf diese Fadenscheinigkeit hereinfallen?

    Update: Definiere Digitalisierung

    Aber es gibt nichts, das nicht auch Vorteile hätte: Ich habe einen Neuzugang in meiner Hitliste „Definiere Digitalisierung“, die ich vor einem guten Jahr angefangen habe. Der aktuelle Stand:

    1. Digitalisierung ist, wenn alles außer Werbung und Ausforschung kaputt ist.
    2. Digitalisierung ist, wenn du deinen Namen und deine Mailadresse abgeben musst.
    3. Digitalisierung ist, wenn du es aus- und wiedereinschalten musst.
    4. Digitalisierung ist, wenn Menschen, die keinen Bock drauf haben, Computer verwenden müssen.

    Echter Fortschritt: fahrscheinloses Reisen

    Ach ja… Es gehört ja vielleicht nicht direkt hierher, aber weil die Bahn schon mal derart ehrlich vorlegt: Wenn „papierloses Reisen“ ein so großer Wert ist, dass er die Aufgabe von Privatsphäre rechtfertigt… Ja, wie ist das dann mit „Reisen ohne die fetten Geräte unter der Verwaltung von Google bzw. Apple“? Wäre nicht noch viel besser: „fahrscheinloses Reisen“?

    Jaja, das mag vielleicht jetzt gerade etwas radikal klingen, aber das galt bis vor ein paar Jahren auch für fahrscheinlosen Nahverkehr. Inzwischen aber ist das kein großer Aufreger mehr. Neulich zum Beispiel bin ich in Tucson eine ganze Woche lang ohne Ticket durch die Sonne von Arizona getuckert:

    Text in einer Art Wolkenform auf Betonboden: „Fares are currently free / suntran.com“ und das nochmal in Spanisch.

    Ja, klar, da steht noch „currently“, und vielleicht wickeln sie ihr Umsonst-Fahrprogramm ja nochmal ab. Aber erstens geht es eben doch, zweitens wäre sowas ein rundrum viel besseres „Produkterlebnis” (oh Mann!), und drittens eine geeignetere Maßnahme gegen Ticket-Schwarzhandel als Übergriffe auf die Daten der KundInnen.

    [1]Fies, weil die Tickets mit Zugbindung bewirken, dass arme Leute in den Randstunden fahren müssen, während die Reichen fahren dürfen, wann sie wollen. Auch hier war der schlanke, effiziente Beamtenapparat von früher deutlich besser: Es gab einen Einheitspreis (von Bonzenschleudern wie dem Rheingold mal abgesehen). Das war übrigens nicht nur gerechter, es hat auch von vorneherein den Ticket-Schwarzhandel verhindert, den die Bahn hier vermutlich auf dem Rücken der ärmeren KundInnen bekämpfen will.
  • Feiertage in remind: Jetzt Bundesweit

    Vor einem bunten Schaufenster steht eine bunte Jesusfigur auf einem kleinen, leintuchumhüllten Podest, darunter ganz viel Grünstreu und Blumen.

    Vielleicht braucht ein Post zu Feiertagsdaten nicht unbedingt eine Illustration. Aber wo sollte ich diese Konkurrenz zwischen Fronleichnamskult (2014 in Walldürn) und moderner Schaufensterdeko sonst unterbringen?

    In meinem Post zu Feiertagen in remind habe ich gesagt:

    Mit wenig Mühe sollte das auf die Verhältnisse in anderen Bundesländern anzupassen sein. Wer das tut, darf die Ergebnisse gerne hierherschicken. Als großer Freund des Feiertags an und für sich würde ich hier sehr gerne ein Repositorium von Feiertagsdateien pflegen.

    Nun, tatsächlich lohnt es sich eigentlich gar nicht, so etwas crowdzusourcen, denn es gibt eine recht nützliche Übersicht über die Feiertage in den Astronomischen Grundlagen für den Kalender, und das wiederum ist schnell in Python übersetzt (will sagen: Fehler sind meine). Das Ergebnis: remind-feiertage.

    Das ist ein Python-Skript, das ohne weitere Abhängigkeit läuft und einen oder mehrere Bundesland-Kürzel nimmt:

    $ python remind-feiertage.py
    Usage: remind-feiertage.py land {land}.
    Gibt remind-Feiertagsdateien für deutsche Länder aus.
    Länderkürzel: BW BY BE BB HB HH HE MV NDS NRW RLP SH TH.
    Erklärung: SL=Saarland, SN=Sachsen, SA=Sachsen-Anhalt)
    

    Übergibt mensch alle Kürzel, kommen auch alle Feiertagsdateien raus. Ihr könnt also auch einfach die Daten für euer Bundesland von hier cutten und pasten:

    $ python remind-feiertage.py BW BY BE BB HB HH HE MV NDS NRW RLP SA SH SL SN TH
    
    ============= BB =============
    # Feiertage in BB
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= BE =============
    # Feiertage in BE
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Mar 8 MSG Frauentag
    
    
    ============= BW =============
    # Feiertage in BW
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Jan 6 MSG Epiphanias
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Nov 1 MSG Allerheiligen
    
    
    ============= BY =============
    # Feiertage in BY
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Jan 6 MSG Epiphanias
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Aug 15 MSG M. Himmelfahrt
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= HB =============
    # Feiertage in HB
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= HE =============
    # Feiertage in HE
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    
    
    ============= HH =============
    # Feiertage in HH
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= MV =============
    # Feiertage in MV
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Mar 8 MSG Frauentag
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= NDS =============
    # Feiertage in NDS
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= NRW =============
    # Feiertage in NRW
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= RLP =============
    # Feiertage in RLP
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= SA =============
    # Feiertage in SA
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Jan 6 MSG Epiphanias
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= SH =============
    # Feiertage in SH
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= SL =============
    # Feiertage in SL
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Aug 15 MSG M. Himmelfahrt
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    
    
    ============= SN =============
    # Feiertage in SN
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    REM Wednesday Nov 16 MSG Buß+Bettag
    
    
    ============= TH =============
    # Feiertage in TH
    # CC0; siehe auch https://codeberg.org/AnselmF/remind-feiertage
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM [ostern-2] MSG Karfreitag
    REM [ostern+1] MSG Ostermontag
    REM May 1 MSG Maifeiertag
    REM [ostern+39] MSG Himmelfahrt
    REM [ostern+50] MSG Pfingstmontag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern+60] MSG Fronleichnam
    REM Sep 20 MSG Weltkindertag
    REM Oct 31 MSG Reformationstag
    

    Hinweise, wie das mit remind verwendbar ist, findet ihr im Baden-Württemberg-Post.

    Lasst mich zur Klarheit und auch als mein äußerstes Zugeständnis an Search Engine Optimisation gerade noch die Bundesland-Kürzel ausschreiben:

    BW:Baden-Württemberg
    BY:Bayern
    BE:Berlin
    BB:Brandenburg
    HB:Bremen
    HH:Hamburg
    HE:Hessen
    MV:Mecklenburg-Vorpommern
    NDS:Niedersachsen
    NRW:Nordrhein-Westfalen
    RLP:Rheinland-Pfalz
    SA:Sachsen-Anhalt
    SH:Schleswig-Holstein
    SL:Saarland
    SN:Sachsen
    TH:Thüringen
  • Von der größten Demo in Heidelberg seit Jahrzehnten und der autoritären Versuchung

    Jemand hält eine mit Edding handbeschriebene Pappe for dem Körper: „Wer von der AfD redet, darf von Kretschamann nicht schweigen/Abschiebestopp jetzt!“

    Bei der größten Demo in Heidelberg seit Menschengedenken wollte ich mit „Abschiebestopp jetzt!“ daran erinnern, dass wir ja bereits ein großes Deportationsprogramm am Laufen haben. Auch ein grüner Ministerpräsidente lässt zum Beispiel über Baden-Baden Roma ins Kosovo deportieren (wogegen sich dann und wann Protest regt; siehe auch Grüne Positionen in der Opposition).

    Eigentlich meide ich Demonstrationen, die sich recht offen an die Seite aktueller oder historischer Obrigkeiten stellen. Das gilt um so mehr, wenn die fragliche Obrigkeit praktisch gleichzeitig zu den Demos de facto faschistoide Gesetze (das Grundrechtekomitee dazu) verabschiedet. Allzu schnell kommt mensch dabei in die Grauzone zur Huldigung oder gar zum Aufmarsch.

    Gestern aber habe ich trotz dieser Bauchschmerzen an der wirklich beeindruckend großen Anti-AfD-Demo in Heidelberg teilgenommen. Solange es glaubhaft auch gegen „Remigration“ – besser bekannt unter dem konventionellen Namen Abschiebungen – geht, kann ich unter dem imaginierten Blick der Nachwelt nicht daheimbleiben.

    Und es ist ja wirklich großartig, dass da geschätzt 18'000 Menschen auf der Straße waren. Die letzte Demo zu dem Thema – genauer zum entsetzlichen Gemeinsamen Europäischen Abschiebesystem[1] GEAS – in Heidelberg im November war ja leider eher weniger gut besucht:

    In etwa 100 Menschen in einer breiten Reihe vor der Heidelberger Stadtbücherei.

    Außerdem stellt sich in aller Regel auch bei regierungsfreundlichen Demonstrationen heraus, dass sich dort erstaunlich viele Menschen guten Willens sammeln. So war das auch gestern. Es gab viel Zuspruch für meine eingestandenermaßen möglicherweise leicht spalterische Botschaft. Allerdings war von den Regierungsparteien in Baden-Wüttemberg in der Demo auch nicht viel zu sehen.

    Verbote fürs Gute?

    Auch der gute Wille ändert aber nichts daran, dass ausgerechnet auf einer (letzlich) Antifa-Demo die autoritäre Versuchung breit zu spüren war. Manches „Nazis raus“ mag augenzwinkernd gerufen worden sein und im Bewusstsein, dass es wirklich fies wäre, wem anders die deutschen FaschistInnen überzuhelfen, zumal ja die meisten „anderen“ inzwischen schon genug eigene FaschistInnen haben.

    Mein Eindruck war aber, dass doch eine breite Mehrheit der Demonstrierenden ein Verbot der AfD befürwortete. Die Frage vorerst beiseite, ob das irgendeine positive Wirkung hätte: Es ist eben selbst schon autoritär, wenn rechte Gesinnung ausgerechnet über Verbote, Strafen, Zwang, und klar, durch die Obrigkeit geheilt werden soll. Ich habe versucht, das auf der Rückseite meiner Pappe auszudrücken:

    Eine Person hält vor dem Hintergrund einer Demo eine Pappe: „Faschist:innen verbieten ist wie Schnaps gegen Suff“.

    Ich habe mich mit meiner Nachricht, dass Verbote gegen Faschismus stark nach einer Schnapskur für Alkoholkranke klingen, ziemlich zurückgehalten. Mag sein, dass mich dabei übermäßiges Harmoniebedürfnis zurückhielt.

    Ich will keinesfalls ausschließen, dass der Zweck im Einzelfall mal Mittel heiligen mag. Insofern ist es schon statthaft, darüber nachzudenken, ob mensch nicht doch etwas verbieten möchte, wenn die Machtverhältnisse das zulassen. In diesem Fall mag es sogar (aber nur kurz) erlaubt sein, im Hinblick auf den Zweck voll aufzudrehen und in gefährliche Nähe einer Shoah-Relativierung zu gehen. Aber hätte ein Parteiverbot der NSDAP die Shoah verhindert?

    Nation, Volk, Konkurrenz, Hierarchie, Militär: Problem

    Ich bin so gut wie sicher, dass das nicht der Fall gewesen wäre, um so weniger, als zwischen 1922 und 1925 die NSDAP (in leicht wechselnden Varianten) verboten war. Anfang der 1930er jedenfalls hätten Hindenburg, Schleicher und Co gewiss alternative Wege zur Machtübergabe gefunden – oder es hätte halt einen Putsch gegeben.

    Aber hypothetisch die Eignung von Verboten zur Abwendung faschistischer Verhältnisse unterstellt, würde es im Hinblick auf die Verhältnismäßigkeit an der Notwendigkeit fehlen. Für die Verhinderung der Shoah hätte dann bereits gereicht, dass der ganz „normale“ Reichspräsident Hindenburg die NS-Regierung nicht ernannt hätte („milderes Mittel“); er hätte reichlich alternative Wege gehabt. Es hätte vermutlich immer noch gereicht, wenn die Vorgängerorganisationen von CDU, FDP und AfD (letztere wäre im Augenblick bei mir noch die DNVP) Gewaltenteilung und Rechtsstaat nicht mit voller Absicht abgewickelt hätten. Es sind Einsichten wie diese, die die autoritäre Rede von der „wehrhaften Demokratie“ bei ihrer Erfindung verhindern sollte.

    Natürlich wussten Hindenburg und die ihn unterstützende informelle Koalition recht genau, was sie da taten. Sie waren nur selbst von der Verehrung für Nation, Volk, Konkurrenz, Hierarchie, Militär und nicht zu vergessen Antikommunismus durchdrungen. Inhaltlich lagen sie auf einer Linie mit der NSDAP, auch wenn ich gerne glaube, dass viele von ihnen die Methoden des NS-Apparats (also damals vor allem der SA) nicht schätzten. Ich gebe ihnen sogar, dass nennenswert viele von ihnen jedenfalls anfangs weder mit den Verhältnissen in den frühen Konzentrationslagern einverstanden waren noch mit dem Massenmord in Auschwitz, Treblinka und Co oder seinem Vorgänger etwa in Grafeneck oder Hadamar (Beleg).

    Von Nazi-Gewehren und Antifa-Pfefferspray

    Auch Menschen, die meine Einschützung teilen, ein Verbot bewirke allenfalls ein tieferes Einsinken in den autoritären Morast, mögen einwenden: „Aber irgendwas muss man doch machen!“ Ich würde dem „irgendwas“ darin heftig widersprechen. Wenn dieses „irgendwas“ nämlich autoritärer Grundrechtsabbau ist, ist es allemal besser, nichts zu tun. Grundrechte, die weg sind, sind sehr schwer wiederzubekommen, ganz zu schweigen davon, dass Maßnahmen „gegen rechts“ erfahrungsgemäß wenig später mit zehnfacher Wucht nach links durchschlagen.

    Ein schönes Beispiel dazu ist, dass die Behörden in den letzten zwei Jahren jede Menge kleiner Waffenscheine von Menschen aberkannt haben, die sie für Antifas hielten. In den mir bekannten Fällen ging es dabei darum, legal Pfefferspray zur Abwehr von Naziübergriffen mitnehmen zu können. Die ganze Aktion lief in direktem Fallout der rechten Schießerei von Georgensgemünd und der folgenden Verschärfung des Waffenrechts unter der Flagge einer klaren Kante gegen Rechts.

    Dabei würde ich noch nicht mal dem (letztlich ohnehin eher zwecklosen) Pfefferspray nachweinen, aber im Nebeneffekt entstanden zumindest gelegentlich, vielleicht sogar grundsätzlich, Einträge in der PIAV-Tabelle zu Waffen- und Sprengstoffkriminalität. Wenn die vielleicht bei einem Grenzübertritt oder im Rahmen der ja für die fremde Polizei häufig überhaupt nicht kontextualisierbaren Prüm-Transfers auftauchen, kann das bei einem Polizeikontakt den Unterschied machen zwischen einem „Guten Tag, der Herr“ und einem „das SEK knallt dich auf die nächstbeste Motorhaube“.

    Wie baue ich mir Untertanen?

    So versuchend der autoritäre Weg des Verbots sein mag: Nach solchen Überlegungen scheint es mir aussichtsreicher, zunächst so tiefschürfend wie möglich die Frage zu beackern, was eigentlich die Ursachen sind für den fast globalen Trend zur autoritären bis durchgeknallten Zivilreligion von Nation, Volk, Konkurrenz, Hierarchie, Militär – bei hinreichend konsequenter Umsetzung also zum Faschismus.

    Dazu haben, ja, schon viele Menschen sehr viel geschrieben, zumeist mit Betrachtungen über erodierende Mittelschichten, Männer (bzw. moderner Baby-Boomer) mit Bedeutungsverlust, dem Abendland an und für sich (in schlechtester Tradition), imaginierten Identitätsverlusten usf. Das ist jedenfalls teilweise bestimmt nicht falsch. Als unbelehrbarer Antiautoritärer (und zumal Klaus Theweleit leider Fußballfan geworden ist) möchte ich aber dafür werben, etwas allgemeiner über Herrschaft nachzudenken, also darüber, wie Obrigkeiten es eigentlich schaffen, ihre Untertanen zur Unterordnung zu bringen.

    Die halbe Politologie stellt diese Frage, wenn auch häufig mit aus meiner Sicht ethisch fragwürdiger Betonung: „wie schaffen wir das?“ statt „wie schaffen die das?“. Auch zur Einordnung solcher Arbeiten fand ich meine Variante der Klassifikationen von Herrschaftstechniken eigentlich immer recht nützlich. Danach kann eine Obrigkeit setzen auf:

    • göttliche Bestimmung oder eventuell besondere Brillianz („du gehorchst, weil du dazu bestimmt bist“)
    • Angst vor der Obrigkeit („du gehorchst, weil ich dir sonst wehtue“)
    • Wohlstandsversprechen („du gehorchst, weil es dann dir oder spätestens deinen Kindern dann besser geht“)
    • Angst vor der Nicht-Obrigkeit („du gehorchst, weil ansonsten [Wölfe | Japaner | Chinesen | Russen | Griechen | Clans | Arme | Kinderschänder] kommen und dich [fressen | ausnehmen | beherrschen]”).

    In realen Machtverhältnissen mischen sich natürlich die einzelnen Techniken in verschiedenen Verhältnissen, die zudem durchweg stark abhängen davon, welche Untergruppe der Untertanen gerade adressiert wird: Höheren Klassen wird mensch als guter Herrscher eher etwas versprechen, niedrigen Klassen oder leicht rassifizierbaren Gruppen eher mit Schmerz und Pein drohen. Welche Mixtur dominiert und wie sehr sie gleichmäßig über die Untertanenschaft ausgebracht wird, bestimmt ganz wesentlich, wie so eine Gesellschaft funktioniert und wie angenehm Menschen in ihr leben können.

    Lasst mich deshalb die vier Szenarien etwas ausführlicher betrachten, bevor ich wieder auf den Zusammenhang mit der AfD komme.

    Göttliche Bestimmung

    Ich fand die These, Religion sei als Mittel erfunden worden, Machtausübung zu legitimieren, schon immer attraktiv. Empirisch hat das augenscheinlich prima funktioniert, etwa bei all den FürstInnen „von Gottes Gnaden“, dem göttlichen Kaiserhaus (das ist das IHDD auf allen möglichen römischen Inschriften) oder auch bei den (fast) frühesten schriftlichen Überlieferungen von Herrschaft überhaupt, dem Codex Hammurapi, dessen einschlägigen Inhalt einE Wikipedia-AutorIn so wiedergibt:

    [Es] wird zunächst erklärt, dass der babylonische Stadtgott Marduk durch Anu und Enlil, die höchsten Götter des sumerisch-akkadischen Pantheons, zur Herrschaft über die Menschheit berufen worden sei. Dementsprechend sei Babylon als seine Stadt auch zum Zentrum der Welt bestimmt worden. Damit eine gerechte Ordnung im Land bestehe, Übeltäter und Unterdrückung von Schwachen ein Ende fänden und es den Menschen gut gehe, sei dann Hammurapi zur Königsherrschaft über die Menschen erwählt worden.

    Bemerkenswert daran ist bereits, dass schon in dieser ganz frühen Fassung der Claim göttlicher Bestimmung wohl doch nicht als ausreichend empfunden wurde, denn sonst hätte Hammurapi kaum noch verweisen lassen auf „Menschen gut gehe“ (Wohlstandsversprechen) und die „Übeltäter“ (Angst vor der Nicht-Obrigkeit).

    Andererseits lässt die moderne Verehrung für <hust> Führungsfiguren zwischen (aktuell) Franz Beckenbauer, (etwa genauso aktuell) Elon Musk oder (seit gefühlt schon immer) Lady Di …

  • Unbesungener Held: Der Verkehrsberuhiger Otto Wicht

    Stadtszene mit Klinkerhäusern, vor denen Sträucher und Bäume stehen.  Dazwischen ein Weg, auf dem ein paar Leute laufen.

    Was alles geht, wenn Städte für Menschen und nicht für Autos gebaut werden: eine Straße als Garten in Husum, 2022. Otto Wicht hat den ersten Schritt in diese Richtung getan.

    Im Deutschlandfunk-Kalenderblatt vom 14.11.2023 habe ich zum ersten Mal von einem Menschen gehört, der ungezählte Menschenleben gerettet und ungezählte weitere im ganz großen Stil angenehmer gemacht hat: Otto Wicht, Stadtbaurat in Buxtehude[1]. Er hatte vierzig Jahre zuvor, am 14. November 1983, im Herzen der Bestie – in dem Land, in dem das ganze Elend anfing – die ersten Blumenkübel auf der Konopkastraße aufstellen lassen, um Autos auf wenigstens entfernt menschenverträgliche Geschwindigkeit einzubremsen.

    Herbst 1983. Buxtehudes Autofahrer sind genervt. Plötzlich stehen mal rechts, mal links, kreisrunde Blumenkübel am Fahrbahnrand. Es geht darum, langsamer zu fahren.

    Die niedersächsische Stadt hat am vierzehnten November 1983 die bundesweit erste Tempo-dreißig-Zone eingeführt. [...]

    Die umfunktionierten Betonringe sind eigentlich für den Bau von Kanalisationsleitungen gedacht und werden nach den ersten Unfällen mit Katzenaugen, später mit rot-weißen Verkehrsbaken nachgerüstet.

    Aber hört euch den ganzen Beitrag an; spektakulär finde ich ja vor allem die indignierten Schimpftiraden von AutofahrerInnen, die sich augenscheinlich in ein Grundrecht auf Rumrasen, auf Krach machen, stinken, Menschen verscheuchen, hineindeliriert haben. „Der Verkehr muss doch fließen,“ lässt sich eine vernehmen, als seien Autos „der Verkehr“ und als sei es irgendwie akzeptabel, tonnenweise Stahl mit 15 Metern pro Sekunde gerade mal einen Meter neben ziemlich weichen Zielen durch die Gegend zu ballern.

    Na ja: ich gebe zu, dass Ansichten dieser Art auch vierzig Jahre nach Otto Wichts großem ersten Schritt noch in manchen Köpfen herumspuken. Der DLF-Beitrag lässt ahnen, dass diese Zeitenwende alles andere als einfach war, selbst wenn sich inzwischen sogar ein CDU-Stadtrat – für seine Verhältnisse – einsichtig zeigt und eher kopfschüttelnd zurückblickt auf seine Sprüche aus den Achtzigern:

    Und deswegen haben wir immer gesagt, Herr Wicht, Herr Wicht, die Stadt ist dicht, wenn der Verkehr zum Stocken kam, ne?

    Tja: Schon wieder dieser „Verkehr“, der da stockt. Und nicht etwa im Wesentlichen Blechkäfige von Menschen, die mit hinreichend Empathie mit ihrer Umwelt Fahrrad gefahren und dann auch kein Stau wären.

    An Wichts HeldInnen-Status nagt im Übrigen auch nicht, dass Verkehrsberuhigung damals in der Luft lag:

    Kurz nach den Norddeutschen zogen Berlin-Moabit, Ingolstadt und Mainz, das ostwestfälische Borgentreich und das schwäbische Esslingen nach.

    Auch in Fällen von Zeitgeist braucht es schlicht Menschen, die den ersten Schritt tun und dafür dann die Flak der (in diesem Fall) Autofahrenden abbekommen, ohne auf „aber dort hat das doch prima funktioniert“ verweisen zu können.

    Obwohl Wicht so viele Menschen und Nerven gerettet hat und dafür haufenweise Hass aus der Klientel abbekommen hat, die heute in den schwelenden Resten von Twitter herumschimpft, hat er im Augenblick nicht mal eine Wikipedia-Seite. Ich sollte mich wirklich überwinden und eine schreiben, vielleicht auf der Basis dieses Nachrufs mit ein wenig Ausschmückung aus jenem. Oder findet sich vielleicht einE routinierteR WikipedianerIn, um einem großen Diener von Staat und Bevölkerung ein kleines Denkmal zu setzen?

    [1]Ich wittere schon wieder den Weltgeist am Werk, wenn bei epochale Ereignissen (nein, absolut keine Ironie hier) wie Verkehrsberuhigung Namen wie Buxtehude und Wicht eine zentrale Rolle spielen.
  • Feiertage in Baden-Württemberg für die Terminverwaltung remind

    Screenshot eines Terminals mit blauem Hintergrund. Gezeigt ist die Kommandozeile remind -cu+2 ~/.reminders 2024-03-24 und ein ASCII-Kalender, in dem Karfreitag und Ostermontag markiert sind.

    Gut: In der Realität sehe ich meinen remind-Kalender meist als Tk-Widget oder in HTML, aber im Zweifel geht auch ASCII, etwa, wenn ich wie jetzt meine Feiertage vorführen will.

    Als ich neulich zu Debian bookworm migriert bin, musste ich mich endlich vom GPE-Kalender[1] verabschieden, weil er nach langen Jahren als verwaistes Paket schließlich doch noch einen Konflikt mit was Wichtigem eingefangen hat. Es war aber ohnehin höchste Zeit, für die Terminverwaltung zu etwas Sinnvollerem zu migrieren. In meinem Fall: remind. Das nun fühlt sich – zusammen mit tkremind (auch Debian-paketiert) und einem:

    reminders = subprocess.run(["remind", "-pp", "-c+3",
        "/home/msdemlei/.reminders"],
      capture_output=True).stdout
    reminders_html = subprocess.run(["rem2html", "-tableonly"],
      capture_output=True, input=reminders).stdout
    

    in dem Python-Skript, das mir meine tägliche Zusammenfassung in HTML produziert – so an, als könnte das für die nächsten 20 Jahre halten.

    Mit diesem Gefühl wollte ich nun endlich die Anzeige von Feiertagen konfigurieren, etwas, das ich mit dem GPE-Kalender bis zu dessen bitterem Ende Jahr um Jahr prokrastiniert habe. Allein, zu einer Anfrage "remind" Feiertage "Baden-Württemberg" ist weder Google noch Duckduckgo etwas Brauchbares eingefallen.

    Um das zu ändern, schreibe ich diesen Post. Und zwar habe ich gerade die folgende remind-Datei mit den gesetzlichen Feiertagen in Baden-Württemberg geschrieben:

    # Feiertage in Baden-Württemberg (Stand 2024)
    #
    # Verteilt unter CC0.
    
    SET ostern EASTERDATE($Uy)
    
    REM Jan 1 MSG Neujahr
    REM Jan 6 MSG Epiphania
    REM May 1 MSG Kampftag
    REM Oct 3 MSG Nationalfeiertag
    REM Nov 1 MSG Allerheiligen
    REM Dec 25 MSG Weihnachten 1
    REM Dec 26 MSG Weihnachten 2
    REM [ostern-2] Karfreitag
    REM [ostern+1] Ostermontag
    REM [ostern+39] Himmelfahrt
    REM [ostern+50] Pfingstmontag
    REM [ostern+60] Fronleichnam
    

    Mit wenig Mühe sollte das auf die Verhältnisse in anderen Bundesländern anzupassen sein. Wer das tut, darf die Ergebnisse gerne hierherschicken. Als großer Freund des Feiertags an und für sich würde ich hier sehr gerne ein Repositorium von Feiertagsdateien pflegen.

    Wie verwende ich das? Nun, ich habe ein Verzeichnis für allerlei Kram, der längere Zeit irgendwo in meinem Home sein soll, aber nicht gerade in dessen Wurzel: ~/misc. Dort leben jetzt auch diese Feiertage als bawue.rem.

    Die eigentlichen Termine habe ich – wie aus dem Python oben schon ahnbar und mit großem Vergnügen XDG-unkonform – in einer Datei ~/.reminders. Und dort steht jetzt bei mir:

    INCLUDE /usr/share/remind/lang/de.rem
    DO misc/bawue.rem
    

    Die erste Zeile macht deutschsprachige Beschriftung, das DO (statt include) in der zweiten Zeile ist wichtig, damit remind den Pfad relativ zum Pfad der reminders-Datei auflöst.

    Und damit werde ich nie wieder dienstliche Termine auf Feiertage legen. So.

    [1]GPE steht hier für das längst vergessene GPE Palmtop Environment; demnach roch auch der GPE-Kalender schon seit einem Jahrzehnt ziemlich streng.
  • „Rohstoffe in Deutschland“ im Karlsruher Naturkundemuseum

    Ein ziemlich großer Eimer mit Bruchsteinen drin, auf einem orangen Podest mit der Aufforderung, seinen täglichen Rohstoffverbrauch anzuheben.

    Überzeugende Museumspädagogik in der Rohstoff-Ausstellung im Naturkundemuseum Karlsruhe: für unseren Konsum[1] wird jeden Tag pro Nase insgesamt 32 kg Zeug aus der Erde geholt. Bei diesem Exponat kann mensch auf eigene Gefahr versuchen, das anzuheben.

    Zu den Museen, die ich mehr oder minder dank meines Museumspasses im vergangenen Jahr des Öfteren besucht habe, gehört das Naturundemuseum Karlsruhe. Wenn ich zwei Highlights nennen müsste: der Erdbebensimulator ist immer wieder ein Erlebnis, und die Dioramen, in denen ausgestopfte Tiere in idealisierten Ökosystemen arrangiert sind, sind gleichzeitig was fürs Auge und gerade richtig angestaubt für ruhige Kontemplation in Zeiten, in denen ohne Knöpfe und Beamer gar nichts mehr zu gehen scheint.

    Derzeit finden obendrein zwei ziemlich lohnende Sonderausstellungen statt. Da ist erstens „Von Sinnen“ über die Wahrnehmungen von allerlei Organismen. Diese Ausstellung ist allerdings demnächst vorbei. Sollte sie nochmal woanders gezeigt werden, lasst sie euch nicht entgehen, schon allein, weil sie zeigt, wie gut ein Design funktionieren kann, das wahrnehungseingeschränkte Menschen mitnehmen will (und wahrscheinlich auch mitnimmt).

    Noch bis April läuft dagegen „Deutschlands Bodenschätze“, eine kleine Ausstellung, in der ich erschreckend viel Zeit verbracht habe, etwa in Betrachtung einer der Manganknollen, die schon seit meiner Kindheit regelmäßig als Versprechen für hunderte weitere Jahre munteren Extraktivismus' gehandelt werden:

    Eine Art Stein mit vielen Gnubbeln drauf.

    Manganknolle aus der Ausstellung „Deutschlands Rohstoffe“ mit der Beschriftung: „aus dem deutschen Lizenzgebiet bei 117° West/11° 50' Nord aus 4.100 m Wassertiefe.“

    Da Manganknollen ja typischerweise vom Boden des Roten Meers oder (wie hier) der Clarion-Clipperton-Zone[2] gekratzt werden, erschließt sich auch gleich, dass das „Deutschland“ im Ausstellungstitel eher bedeutet „was wir für unsere Wachstumsorgie verschleudern“ als das durch den Genitiv vielleicht naheliegendere „was unter dem von unserer Regierung kontrollierten Gebiet liegt“.

    Die Verheerungen von Einfamilienhaus-, Neu- und Straßenbau

    Genau in diesem Sinn ist auch das ganz oben illustrierte Exponat zu verstehen: Ein Eimer mit einigen Steinen drin, den mensch anheben kann (oder vielleicht auch nicht). Die 32 kg, die der Eimer wiegt, sind eine plausible Quantifizierung des Anteils jedes/r BundesbürgerIn an dem, was die Menschheit in ihrem Produktionsrausch so aus der Erde rauswühlt. Und zwar Tag für Tag für Tag.

    Das mal für einen Moment tatsächlich zu tragen ist durchaus beeindruckend und vor allem instruktiv. Die Alltagserfahrung, also sagen wir, der Kram, den wir in die Mülltonne kippen, ist tatsächlich nur ein kleiner Teil dieser 32 kg. So mag das Heben dieses überraschend schweren Eimers ein Bewusstsein dafür wecken, welche Verheerungen gerade auch unsere Einfamilienhaus-, Neu- und Straßenbauwirtschaft anrichtet.

    Weit weniger konsumkritisch wirkte bei mir der ebenfalls durch hebbare Exponate illustrierte Dichteunterschied zwischen Magnesium, Alu und Stahl. Ich muss mich leider öffentlich zum wenig nachhaltigen Gedanken bekennen: „Mein nächster Computer sollte aber wirklich ein Magnesiumgehäuse haben“.

    Das wiederum führt relativ zwanglos in die Rubrik „warum schießen denn all die Leute im globalen Süden auf uns und unsere Freunde, die sie doch nur befreien wollen?“[3] In diese passt eine per Touchscreen entdeckbare Infografik der Rohstoff-Ausstellung:

    Infografik mit sichtbaren LCD-Pixeln: 69.2 Autos pro Mensch in der BRD, 0.3 in Guinea, dazu der Text: „Das in der deutschen Autoindustrie eingesetzte Bauxit kommt hauptsächlich aus Guinea“.

    Diese Grafik findet sich auch in der wirklich gut gemachten Broschüre „Argumente für eine Rohstoffwende“ des AK Rohstoffe etlicher deutscher NGOs wieder. Guckt euch das mal an, auch wenn ihr nicht in die Karlsruher Ausstellung kommt. Wer danach immer noch meint, wir sollten mal ordentlich grünes Wachstum machen, hat nicht nur ein stark aus der Balance geratenes Hirn-Hintern-Gleichgewicht, sondern dazu noch kein ohne aufwändige Bildgebung feststellbares Herz.

    Mein Herz (zu dem Autofeindschaft allzeit leicht Zugang findet) jedenfalls hat die Broschüre spätestens auf Seite 9 erobert:

    Mehr als 46 Milliarden Liter Benzin und Diesel verbrauchten Pkw in Deutschland im Jahr 2017. Eine reine Antriebswende würde diesen Verbrauch zwar reduzieren, aber auf Kosten eines Mehrverbrauchs von Metallen und Mineralen. Stattdessen wäre es wichtig, die Gesamtzahl der 47 Millionen zugelassenen Pkw in Deutschland deutlich zu reduzieren. Statt einer Antriebswende brauchen wir eine Mobilitätswende.

    [also gut: nur die „Mobilität“ zu wenden wird jetzt das Meadows-Szenario auch nicht bannen – aber trotzdem ist das schön gesagt].

    [1]Jaja, ich weiß, das passiert nicht in erster Linie „für den Konsum“, sondern um „Geld zu verdienen“. Der Unterschied ist tatsächlich ziemlich relevant, denn das hier ist bestimmt keine Verzichtspredigt. Wenn ich schon predige, dann Befreiung: Besser leben mit weniger Dreck.
    [2]Ich sage mutig voraus, dass, wenn die Dinge weitergehen, wie sie bisher verlaufen sind, ihr in den nächsten Jahrzehnten regelmäßig von der CCZ in den Nachrichten hören werdet; insofern lohnt es sich wahrscheinlich, sich die Bezeichnung schon mal zu merken.
    [3]

    Ah, „haben geschossen“ sollte ich hier zutreffender schreiben. Jetzt gerade zählt die einschlägige Wikipedia-Seite nur noch rund 1000 schießbereite BundeswehrlerInnen im globalen Süden, wozu ich großzügig auch die quasikolonial verwalteten (vgl) Länder Kosovo und Bosnien-Herzegowina sowie die Fluchtkontrolle im Mittelmeer zähle.

    Ich vermute sehr stark, dass wir nach der Metrik „deutsche Soldaten im Krieg“ gegenwärtig in der friedlichsten Zeit seit 1996 leben. Damals nämlich ist die Bundeswehr mit 2600 SoldatInnen zur IFOR-Operation nach Bosnien-Herzegowina gezogen, und seitdem war zwischen Mali und Hindukusch durchweg irgendwas, bei dem die verschiedenen Regierungen mit Tarnfleck, Gewehr und der gelegentlichen Bombe in größerem Stil mitmischen wollten.

  • Select And Merge Pages From Lots Of PDFs Using pdftk

    For most of my ad-hoc PDF manipulation needs (cut and paste pages, watermark, fill forms, attach files, decrypt, etc), I am relying on pdftk: Fast, Debian-packaged (in pdftk-java), and as reliable as expectable given the swamp of half-baked PDF writers. So, when I recently wanted to create a joint PDF from the first pages of about 50 other PDFs, I immediately started thinking along the lines of ls and perhaps a cat -b (which would number the lines and thus files) and then pdftk.

    Why cat -b? Well, to do cut-and-merge with pdftk, you have to come up with a command line like:

    pdftk A=input1.pdf B=input2.pdf cat A1-4 B5-8 output merged.pdf
    

    This would produce a document merged.pdf from pages 1 through 4 of input1.pdf and pages 5 through 8 of input2.pdf. I hence need to produce a “handle” for each input file, for which something containing the running number would a appear an obvious choice.

    My initial plan had therefore been to turn lines like 1 foo.pdf from ls | cat -b into doc1=foo.pdf with a dash of sed and go from there. If I were more attentive than I am, I would immediately have realised that won't fly: With handles containing digits, pdftk would have no robust way to tell whether doc12 means “page 12 from doc“, “page 2 from doc1“, or “all pages from doc12”. Indeed, pdftk's man page says:

    Input files can be associated with handles, where a handle is one or more upper-case letters[.]

    Oh dang. I briefly meditated whether I could cook up unique sequences of uppercase handles (remember, I had about 50 files, so just single uppercase letters wouldn't have done it) using a few shell hacks. But I then decided[1] that's beyond my personal shell script limit and calls for a more systematic programming language like, umm, python[2].

    The central function in the resulting little program is something that writes integers using uppercase letters only. Days later, I can't explain why I have not simply exploited the fact that there are a lot more uppercase letters than there are decimal digits, and hence making uppercase labels from integers is solvable using string.translate. A slightly overcompact rendering of that would be:

    DIGIT_TO_LETTER = {ascii: chr(ascii+17) for ascii in range(48, 59)}
    def int_to_uppercase(i):
      return str(i).translate(DIGIT_TO_LETTER)
    

    (if you don't remember the ASCII table: 48 is the ASCII code for zero, and 48+17 is 65, which is the ASCII code for the uppercase A).

    But that's not what I did, perhaps because of professional deformation (cf. my crusade against base-60). Instead, I went for a base-26 representation using uppercase letters only, just like the common base-16 (“hex”) representation that, however, uses 0-9 and A-F and thus is unsuitable here. With this, you would count like this (where more signifiant “digits“ are on the right rather than on the western-conventional left here because it doesn't matter and saves a reverse):

    A, B, C, D..., X, Y, Z, AB, BB, CB, ... ZB, AC, BC...
    0, 1, ..............25, 26, 27,.......      52, 53
    

    I freely admit I was at first annoyed that my handles went from Z to AB (rather than AA). It did take me longer than I care to confess here to realise that's because A is the zero here, and just like 01 is the same as 1 decimal[3], AA is equal to A (and BA equal to B) in that system. Consequently, my function for unique handles didn't produce AA even though I hadn't realised the problem when writing the function – there's nothing as practical as a good theory.

    With that function, the full ad-hoc script to pick pages one (that's encoded in the f"{hdl}1" in case you want other page ranges) from all files matching /some/dir/um*.pdf looks like this:

    import glob
    import os
    import subprocess
    
    def make_handle(ind):
        """returns a pdftk handle for a non-negative integer.
    
        This is a sequence of one or more uppercase letters.
        """
        hdl = []
        while True:
            hdl.append(chr(65+ind%26))
            ind = ind//26
            if not ind:
                break
        return "".join(hdl)
    
    
    sources = [(make_handle(ind), name)
      for ind, name in enumerate(sorted(glob.glob("/some/dir/um*.pdf")))]
    subprocess.check_call(["pdftk"]+[f"{hdl}={name}" for hdl, name in sources]+
        ["cat"]+[f"{hdl}1" for hdl, _ in sources]+
        ["output", "output.pdf"])
    

    Looking back, not only the massively silly base-26 handles are unnecessarily complicated. Had I realised from the beginning I would be using python in the end, I would probably have gone for pdfrw right away; while the complexity in terms of Debian dependencies is roughly the same (“one over what you'll already have”), avoiding a subprocess call is almost always a win[4].

    But these misgivings are one reason why I wrote this post: This is a compact illustration of the old programmers' wisdom to “Plan to throw one away – you will anyway“. Except that for tiny little ad-hoc scripts like this, a bit of baroque adornment and an extra process do not hurt and the code above ought to work just fine if you need to produce a PDF document from some fixed page range of a few dozen or hundred other PDF documents.

    [1]Decided foolishly, by the way, as tr 0123456789 ABCDEFGHIJ immediately turns a sequence of distinct integers into a sequence of distinct uppercase-only strings.
    [2]I don't feel too good about being in the mainstream for a change, but I can prove that I'd have chosen python long before it became fashionable.
    [3]Not in Python, though, where 01 thankfully is a syntax error, and not neccessarily in C, where you may be surprised to see that, for instance, 077 works out to 63 decimal. I would rank this particular folly among the most questionable design decisions in the history of programming languages.
    [4]That, and my growing suspicion that “you'll already have a Java runtime on your box” is quickly becoming a rather daring assumption. Once the assumption is plain wrong, pdftk stops being a cheap dependency, as it will pull in a full JRE.
  • 75 Jahre ohne Militär: Costa Rica

    Rechts im Bild ein Bahnsteig, links ein endloser Güterzug.  Auf jedem Wagen stehen zwei Panzer.

    Was ist der Unterschied zwischen der badischen Stadt Bruchsal und San José, der Hauptstadt von Costa Rica? Nun: Im Bahnhof von San José würde nicht plötzlich – wie hier im Juni 2013 – ein Güterzug voller Panzer stehen.

    Bevor deren 75. Jubiläumsjahr vorbei ist, möchte ich an eine der ganz großen zivilisatorischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts erinnern: 1948 löste der damalige Präsident José Figueres Ferrer das Militär in Costa Rica auf, und es hat kein Rezidiv gegeben, obwohl die Nachbarstaaten diesen, ach ja, Fort-Schritt nicht hinbekommen haben – vom Rest der Welt ganz zu schweigen.

    Ich brauchte auch erst eine Erinnerung daran und bekam die im Deutschlandfunk-Kalenderblatt am 1.12.2023. Der 1. Dezember ist der Jahrestag von Ferrers Inititative und ist seit 2020 in Costa Rica ein Feiertag („abolió el ejército“ – take that, „Volkstrauertag“). Peter B. Schumann erwähnte in seinem kleinen Beitrag gute Gründe zum Feiern:

    Die Kaserne wurde zum Nationalmuseum und der Wehretat zum Entwicklungsbudget. Damit konnten das Bildungssystem, das Gesundheitswesen und die Infrastruktur ausgebaut […] werden. […] Costa Rica hat es auch nie bereut. Während die hochgerüsteten Nachbarländer von einem autoritären Regime ins andere und von einer Krise in die nächste taumelten, konnte das kleine Land sich jahrzehntelang zu einer stabilen, prosperierenden Demokratie entwickeln.

    Sehr bemerkenswert fand ich auch die Analyse des Autors zu den Bedingungen für den Erfolg der Abrüstung in Mittelamerika:

    [Costa Rica] war viel kleiner [als seine Nachbarn], weniger kapitalkräftig, die Elite relativ arm […] Die Regierungen hatten [die Armee] allerdings oft vernachlässigt, so dass sie schlecht ausgebildet und schlecht bewaffnet war, eine schwache Institution.

    Also: geringe soziale Stratifikation, wenig physische Basis der Regierung, anderen Regierungen etwas aufzwingen zu können und eine schlecht finanzierte Armee haben in dieser (m.E. glaubwürdigen) Erzählung geholfen, das Militär loszuwerden. Praktischerweise sind das Politiklinien, die wenigstens mir auch unabhängig von Friedenspolitik im engeren Sinn attraktiv erscheinen – angefangen vom Ende der Kriegskredite (Verzeihung, „Sondervermögen“; soll keineR sagen, es habe sich gar nichts getan in Berlin über die letzten 110 Jahre hinweg).

    Kopfportrait eines etwa 60-jährigen Mannes im Anzug mit hoher Stirn, dunklen Haaren und einem ernsten Blick.

    Der Held der Auflösung des Militärs in Costa Rica: José Figueres Ferrer, hier im September 1973 (Bildquelle).

    Nun will ich gerne eingestehen, dass mein traditionell zuversichtlicher Blick in eine militärfreie Zukunft ohne Strammstehen, Tschingdarassabum, bunte Kappen und Orden in nur wenigen Momenten meines Lebens nicht bei vielen ZeitgenossInnenen auf ungläubige bis schnappatmende Einwände gestoßen wäre: anfangs „aber… die Russen?!“, dann rasch „aber… die Moslems?!“ und jetzt wieder (meist) „aber… die Russen?!“

    Ganz unabhängig davon, ob Tschingdarassabum und Menschentotschießen geeignet, notwendig und angemessen sind, um Konflikte zwischen den Entietäten zu lösen, denen sich die verschiedenen ZeitgenossInnen zugehörig fühlten: Costa Rica ist tatsächlich gut ohne ausgekommen, und das, obwohl sich recht schnell ein deutliches Wohlstandsgefälle zu den militärbesetzten Nachbarstaaten einstellte[1].

    Zu den qualitativen Effekten der Auflösung des Militärs lohnt ein Blick in die (vermutlich für Mittelamerika stark unvollständige) Liste der Putschversuche in der englischen Wikipedia[2]. Wie der DLF-Autor Schumann schon andeutet, fanden in den Nachbarstaaten – wenn nicht wie in Nicaragua ohnehin über Jahrzehnte das Militär faktisch an der Macht war – alle paar Jahre mal Militärputsche statt (für Honduras verzeichnet: 1956, 1963, 1972, 1975, 1978 und 2009).

    Für Costa Rica hingegen ist nach dem 1.12.1948 nur ein Putschversuch notiert, und der ist gescheitert. De facto war das sieben Jahre nach der Auflösung der Armee ein Versuch der alten Garde, sich wieder die Lizenz zum Schießen und Töten sowie die Alimentierung für dieses Treiben zu verschaffen. Es handelte sich nämlich um eine vom Somoza-Regime in Nicaragua gestützte Rebellion, in der „Calderonistas“, Ex-Soldaten aus der Zeit des vorherigen Potentaten Rafael Calderón, versuchten, wieder einen „normalen“ Staat zu bekommen. Das ist durchaus auch eine Erinnerung daran, dass, wer jetzt Militär macht, eben auch ein schweres Erbe für später schafft.

    Los gings Anfang Januar 1955, als diese Truppen mit Ölgeld aus dem damals ebenfalls erzreaktionär regierten Venezuela vom Herrschaftsgebiet des später in der sandinistischen Revolution untergegangenen Somoza-Clans aus in die costaricanische Kleinstadt Ciudad Quesada einfielen; venezuelanische Militärflugzeuge beschossen derweil verschiedene Städte in Costa Rica. SpielerInnen des Klassikers Junta kennen das Szenario.

    Die Regierung in San José rief daraufhin die OAS an, die (eingestandenermaßen überraschenderweise) Druck auf Nicaragua ausübte; dazu mobilisierte die Regierung in San José ihre Polizei, stellte Milizen auf und widmete vorübergehend Zivilflugzeuge um, was angesichts hinreichender Popularität der Regierung genug war, um die Invasion zusammenbrechen zu lassen.

    Klar wärs schöner gewesen, wenn der versuchte Putsch etwa durch einen zünftigen Generalstreik beendet worden wäre statt durch doch ziemlich paramilitärisches Gedöns. Klar ist aber auch, dass erstens Militärquatsch deutlich weniger Schaden anrichtet, wenn es insgesamt weniger davon gibt, und zweitens, dass auch ohne Militär Grobiane von außen nicht einfach tun und lassen können, was sie wollen.

    Es wird nur für die Grobiane von innen schwieriger, sich richtig grob zu benehmen und bei ihren Streitigkeiten mit den Grobianen von außen halbe Regionen zu verwüsten. Und vielleicht ist entsprechend radikale Abrüstung ja auch mal von unten statt wie in Costa Rica von oben zu bewerkstelligen? Das wäre besser, denn auf eine Figur wie Ferrer werden wir im Land von Clausewitz wahrscheinlich noch lang warten müssen.

    [1]Wie immer ist es schwierig, „Wohlstand” zu definieren und noch mehr zu quantifizieren. Wer an Metriken wie den HDI glaubt, wird Costa Rica 2018 bei 0.78 finden, gegenüber Nachbarstaaten wie El Salvador bei 0.68 oder Honduras bei 0.62 (zum Vergleich sieht das UNDP die BRD bei 0.94); aber dass der Billigflaggen-Staat Panama bei 0.79 und damit gleichauf mit Costa Rica steht, sagt wohl mehr über die Metrik als über reale Verhältnisse im Hinblick auf gutes Leben aus.
    [2]In der Liste der Putsche in der deutschen Wikipedia hat sich noch niemand den beängstigend großen Schuh angezogen, solche Aktivitäten in Mittelamerika zu sammeln.
  • Saner Timestamps With DIT: In Pelican and Beyond

    The other day Randall Munroe posted XKCD 2867:

    This lament about time calculus struck me as something of a weird (pun alarm) synchronicity, as one evening or two before that I had written a few lines of flamboyant time-related code.

    Admittedly, I was neither concerned with “sin to ask” nor with „impossible to know“: Both are a consequence of the theory of relativity, which literally states that (against Newton) there is no absolute time and hence when two clocks are in two different places, even synchronising them once is deep science.

    Sold on Decimal Internet Time

    No, my coding was exclusively about the entirely unnecessary trouble of having to account for time zones, daylight savings time, factors of 60, 24, sometimes 30, 31, 29, or 28, and quite a few other entirely avoidable warts in our time notation. Civil time on Earth is not complicated because of physics. On human scales of time, space, velocity, gravitation, and precision, it is not particularly hard to define an absolute time even though it physically does not exist.

    Rather, civil time calculations are difficult because of the (pun alarm) Byzantine legacy from Babylon – base-60 and base-12, seven-day weeks, moon calendar – exacerbated by misguided attempts of patching that legacy up for the railway age (as in: starting in 1840, by and large done about 1920). On top of that, these patches don't work particularly well even for rail travel. I speak from recent experience in this particular matter.

    Against this backdrop I was almost instantly sold on DIT, the Decimal Internet Time apparently derived from a plan a person named Anarkat (the Mastodon link on the spec page is gone now) proposed: Basically, you divide the common day in what currently is the time zone UTC-12 into 10 parts and write the result in decimal. Call the integer part “Dek” and the first two digits after the dot “Sim”. That's a globally valid timestamp precise to about a (Babylonian) minute. For example, in central Europe what's now 14:30 (or 15:30 during daylight savings time; sigh!) would be 0.62 in DIT, and so would Babylonian 13:30 in the UK or 8:30 in Boston, Mass. This may look like a trivial simplification, but makes a universe of a difference in how much less painful time calculations become.

    I admit I'd much rather have based time keeping on the second (the SI unit of time), but I have to give Anarkat that the day is much more important in most people's lives than the second. Thus, their plan obviously is a lot saner for human use than any I would have come up with (“let's call the kilosecond kes and use that instead of an hour…”)[1].

    If you use pelican…

    Since I think that this would be a noticeably better world if we adopted DIT (clearly, in a grassrootsy step-by-step process), I'd like to do a bit of propaganda for it. Well, a tiny bit perhaps, but I am now giving the timestamps of the posts on this blog in StarDIT, which is an extension of DIT where you count the days in a (Gregorian, UTC-12) year and number the years from the “Holocene epoch”, which technically means “prepend a one to the Gregorian year number“ (in other words, add 10'000 to “AD”).

    Like DIT itself, with sufficient adoption StarDIT would make some people's lives significantly simpler, in this case in particular historians (no year 0 problem any more!). I would like that a lot, too, as all that talk about “Domini” doesn't quite cater to my enlightened tastes.

    How do I do produce the starDITs? Well, I first wrote a rather trivial extension for my blog engine, pelican, which adds an attribute starDIT to posts. You will find it as ditdate.py in my pelican plugins repo on codeberg. Activate it by copying the file into your blog's plugins directory and adding "ditdate" to the PLUGINS list in your pelicanconf.py. You can then use the new attribute in your templates. In mine, there is something like:

    <a href="http://blog.tfiu.de/mach-mit-bei-dit.html">DIT</a>
    <abbr class="StarDIT">{{ article.starDIT[:-4] }}</abbr>
    (<abbr class="date">{{ article.date.strftime("%Y-%m-%d") }}</abbr>)
    

    If you don't use pelican…

    I have also written a Python module to convert between datetimes and DITs which shows a Tkinter UI when called as a program:

    A small grey window on top of some bright background; sans-serif letters say 12023:351 (small) 1.08.5 (large).

    I have that on my desktop now. And since alarmingly many people these days use a web browser as their primary execution platform, I have also written some HTML/Javascript to have the DIT on a web page and its title (also hosted here).

    Both of these things are in my dit-py repo on codeberg, available under CC0: Do with them whatever you want. (Almost) anything furthering the the cause of DIT is – or so I think I have argued above – very likely progress overall.

    [1]If you speak German or trust automatic translation, I have a longer elaboration of DIT aspects I don't like in a previous blogpost.
  • Mach mit bei DIT

    [In case you're coming here from an English-language article, see here]

    A small grey window on top of some bright background; sans-serif letters say 12023:351 (small) 1.08.5 (large).

    Hier zeigt meine DIT-Uhr die Zeit (und das Datum) in meinem sawfish-Dock. Nein, das ist kein Startrek-Unfug. Ich hoffe stattdessen, dass etwas in dieser Art im Laufe der Zeit zum In-Accessoire werden wird: Wer keins hat, darf nicht mehr Digitalisierung sagen [nun: glücklicherweise hat niemand, der_die sowas wollen könnte, Mittel, mit denen so ein Verbot durchzusetzen wäre].

    Heraus aus der babylonischen Verwirrung!

    Es gibt nach 3000 Jahren nicht mehr allzu viele Gründe, sauer auf die großen KriegsherrInnen aus Babylon und ihre mesopotamischen KollegInnen zu sein. Mit dem babylonischen Klerus sieht das anders aus: Nicht nur sexagesimale Koordinaten etwa in der Astronomie geht auf ihn zurück, sondern auch all der krumme Kram mit Faktoren von 60 oder 24 oder 7, mit dem wir uns völlig ohne Not[1] immer noch in der Zeitrechnung herumschlagen.

    Keine Schuld haben die mesopotamischen PriesterInnen am Ärgernis Zeitzonen und dem damit zusammenhängenden Sommerzeit-Elend, aber ich wollte auch die schon ewig loswerden, nicht nur wie neulich aus Betroffenheit.

    So hat die Decimal Internet Time (DIT) mein Herz (fast) im Sturm genommen, ein Vorschlag, die Zeit durch Zehnteln des Tages zu notieren. Dieser Stundenersatz heißt Dek (von Dekatag) und entspricht fast zweieinhalb (nämlich 24/10) babylonischen Stunden.

    Selbst für sehr grobe Zeitangaben werden Deks in der Regel nicht reichen, weshalb sie in hundert Sims (von Decimal Minute) aufgeteilt werden. So ein Sim entspricht 86 Sekunden, ist also ziemlich nahe an einer babylonischen Minute. Das wäre wohl so die Einheit für Verabredungen: „Mittagessen um neun komma fünfundsiebzig“ oder meinetwegen „fünfungzwanzig vor null“, denn um die 100 Sekunden warten sollten für niemand ein Problem sein, und viel genauer fährt die Bahn nicht mal in der Schweiz. Aber weils Dezimal ist, wärs auch kein Problem, einfach nach den Zehnern aufzuhören: „Ich breche dann um 7.8 auf“, eine Angabe, die etwa auf eine Viertelstunde genau ist – sehr menschengemäß in meinem Buch.

    Ich finde das total plausibel; wenn euch das demgegenüber komisch vorkommt, ist das, ich muss es euch sagen, sehr parallel zur Abneigung von in imperialen Einheiten aufgewachsenen Leuten, etwas wie „ein Meter Fünfundachtzig“ zu sagen, wo doch „six foot two inches“ soo viel intuitiver ist.

    Um ein Gefühl für die Dezimalzeit zu bekommen, hätte ich folgende Kurzreferenz für BRD-Gewohnheiten anzubieten:

    DIT MEZ in Worten
    0 Mittag (13:00)
    1.5 Nachmittag (~16:30)
    2 Früher Abend (~18:00)
    3 Abend (20:00)
    4.5 Mitternacht
    6 Unchristliche Zeit (3:30)
    7.5 Morgen (7:00)
    9 Vormittag (10:30)

    Deseks: Vielleicht nicht so nützlich

    Weniger begeistert bin ich von der kleinsten Zeiteinheit von DIT, der Dezimalsekunde, Desek oder kurz Sek; das ist ein Tag/100'000, gegenüber einem Tag/86'400 bei der SI-Sekunde.

    Als SI-Taliban hätte ich die ganze dezimale Zeitrechnung ja ohnehin lieber auf die Sekunde aufgebaut und die Kilosekunde (ungefähr eine Viertelstunde) als Stundenersatz etabliert. Zwar gebe ich zu, dass die DIT-Wahl des Bezugs auf den Tag für menschliche Nutzung ein besserer Plan ist als die Kilosekunde (von der es 86.4 in einem Tag gibt, was eingestandenermaßen blöd ist).

    Aber für rein menschliche Nutzung (Verabredungen, Tagesplan, Fahrpläne…) spielen Zeiten im Sekundenbereich in der Regel keine Rolle, und so hätte ich die Deseks einfach rausgelassen und gesagt: Wers genauer braucht, soll zu den PhysikerInnen gehen und von denen die Sekunde nehmen. Dass ein Sim ziemlich genau aus 86.4 von diesen SI-Sekunden besteht, ist eher eine putzige Kuriosität als eine praktische Schwierigkeit, und jedenfalls nicht nennenswert lästiger als die 60 Sekunden, die eine babylonische Minute hat.

    Und nein, die physikalische Sekunde als Tag/100,000 umzudefinieren lohnt den Aufwand nicht; dafür ist die Erdrotation längst zu ungenau, und dann wir wollen ohnehin den Schaltsekunden-Unfug nicht mehr. Die Sekunde ist Physik, die braucht nichts mit menschlichen Zeiten zu tun zu haben. Insofern: Es wäre schöner, wenn es keine Desek gäbe, aber ich will auch nicht streiten.

    Good riddance, Zeitzonen

    Der neben der Nutzung des Dezimalsystems zweite große Fortschritt von DIT ist, dass sie auf der ganzen Welt einheitlich verläuft. Es gibt also in DIT keine Zeitzonen mehr.

    Mehr nebenbei ist das so gemacht, dass das babylonische 12 Uhr, die Mittagszeit bzw. 5 Deks in DIT, in der aktuellen UTC-12-Zeitzone (der „frühesten“, die es gibt), tatsächlich ungefähr mit der Kulmination der Sonne, also einer naiven Mittagsdefinition, zusammenfällt. Aber das spielt – im Gegensatz zum etwas antibritisch klingenden Sentiment in der DIT-Spec – eigentlich keine Rolle. Relevant ist nur, dass DIT-Uhren auf der ganzen Welt den gleichen Wert anzeigen. Ich darf meine Fantasie von neulich für DIT aktualisieren:

    Wäre es wirklich ein Problem, wenn Menschen, die in Kasachstan leben, 2 Deks für eine gute Zeit fürs Mittagessen halten würden und sich die Leute in New York eher so gegen siebeneinalb Deks über ihres hermachten? Ich wette, alle würden sich schnell dran gewöhnen. Es ist jedenfalls einfacher als das Sommerzeit-Mantra „spring forward, fall back“.

    Eingestanden: Wenn ich DIT entworfen hätte, hätte ich die auf die Referenz 12 babylonische Stunden entfernt von UTC verzichtet, denn alle anständigen Zeitstempel sind bereits jetzt in UTC. Wenn mensch für die DIT davon weggeht, verschränken sich Datum und Zeit bei der Umrechnung dieser anständigen Zeitstempel zu DIT – beim Übergang von babylonischer Zeit zu DIT kann sich also auch das Datum ändern.

    Das ist eine Komplikation, die keinen erkennbaren Nutzen hat; es ist eben kein Privileg, dass die Sonne um 5 Deks kulminiert, und so ist der Versuch albern, dabei möglichst wenige Menschen „zu bevorzugen“. Aber seis drum.

    Das Datum zur Zeit: StarDIT

    Insbesondere spielt das keine Rolle mehr, wenn mensch auch das Datum in DIT schreibt. Dazu gibt es eine Erweiterung von DIT zu größeren Zeiträumen hin, die im Vorschlag StarDIT genannt wird. Ob die Gesellschaft schon durchnerdet genug ist, um mit so einem Namen durchzukommen? Weiß nicht.

    An sich ist, wo wir schon bei Namen sind, ja auch das I, „Internet“, in DIT nicht so richtig seriös. Ich würde es vielleicht lieber als „International“ lesen – Internationalismus ist und bleibt einer der sympathischeren Ismen.

    Im StarDIT-Plan jedenfalls besteht das Datum aus (gregorianischem) Jahr zu einer leicht entchristlichten Epoche sowie der laufenden Tagesnummer innerhalb eines Jahres, mit einem Doppelpunkt getrennt, also für heute etwa 12023:350. Wer Wochen haben will, nimmt den Zehneranteil und schreibt ein x dahinter; aktuell haben wir also die Woche 35x.

    Zehntagewochen bergen ein wenig das Risiko, dass aus fünf Arbeitstagen acht werden; ein analoger Effekt hat schon dem Französischen Revolutionskalender (in meiner Geschichtserzählung) den Hals gebrochen. Aber wir müssen ja gerade sowieso über drastische Arbeitszeitverkürzung reden, um irgendwie die immer noch wachsende CO₂-Emission in den Griff zu kriegen. Da könnte der Übergang zu DIT durchaus mit einem Zwischenmodell mit weiterhin fünf Tagen Lohnarbeit, dafür dann auch fünf Tagen Selbstbestimmung („Wochenende“) zusammengehen – bevor die Lohnarbeit weiter abnimmt, natürlich.

    Putzig, wenn auch nicht allzu praktikabel für den Alltag, finde ich die DIT-Idee, die christliche Epoche (zu meinen eigenen Bedenken vgl. Fußnote 1 hier) durchs Holozän-Jahr zu ersetzen. Das ist wie das normale Gregorianische Jahr, nur dass die Zählung 9'999 vdCE anfängt (das heißt: Zählt einfach 10'000 zu ndCE-Jahren dazu).

    Es ist sicher prima, wenn die Leute nicht mehr durch Kennungen wie „v. Chr“ oder „n. Chr“ letztlich fromme Märchen verbreiten, und es ist auch großartig, wenn das Jahr-0-Problem (es gibt nämlich kein Jahr 0: die derzeitige Jahreszählung geht direkt von 1 v. zu 1 n., und drum ist auch die DIT-Referenzepoche etwas krumm) zumindest aus der post-mittelsteinzeitlichen Geschichtsschreibung komplett verschwindet. Ob jedoch das ein Deal ist, wenn mensch dafür mit einer Extraziffer in Jahreszahlen bezahlen muss? Fünf ist, haha, eben nicht zwingend Trümpf.

    Andererseits: Das StarDIT ist trivial aus der gewohnten Jahreszahl auszurechnen, und realistisch würden die Leute auch mit DIT im Alltag wohl weiterhin „Dreiundzwanzig“ oder „Zwanziger Jahre“ sagen und nicht „Zwölftausenddreiundzwanzig“ oder „zwölftausendzwanziger Jahre“. Insofern: Meinen Segen haben sie.

    Implementation: Python und Javascript

    Um nun mit gutem Beispiel voranzugehen, will ich selbst ein Gefühl für DIT bekommen. Dazu habe ich ein Python-Modul geschrieben, das Konversionen von Python-Datetimes von und nach DIT unterstützt. Das ist so wenig Code, dass ich lieber niemand verführen würde, das als Dependency zu importieren. Drum habe ich es auch nicht ins pyPI geschoben; guckt einfach in mein codeberg-Repo. Meine vorgeschlagene Vorgehensweise ist copy-paste (oder halt einfach das Modul in den eigenen Quellbaum packen).

    Das Modul funktioniert auch als Programm; legt es dazu einfach in euren Pfad und macht es ausführbar. Es zeigt dann eine DIT-Uhr in einem Tkinter-Fenster an. Ich habe das in meinen Sawfish-Dock aufgenommen – siehe das Eingangsbild.

    Ich habe außerdem noch ein Stück Javascript geschrieben, das DITs ausrechnen und anzeigen kann. Es ist eingebettet in der Datei dit.html im Repo oder unter https://blog.tfiu.de/media/2023/dit.html erreichbar. Menschen, die (ganz anders als ich) breit Tabs in ihren Browsern nutzen, können die Webseite öffenen und haben mit etwas Glück (wenn der Browser nämlich das Javascript auch …

  • Ach Bahn, Teil 14: „HalloDummy ABC-Dummy“

    Eine rote Scheckkarte im Gegenlicht.  Ein Magnetstreifen ist sichtbar, ein Schriftzug „Bahncard 50“, aber nichts, was elektronisch aussieht.

    Eine 2023er-Bahncard im Gegenlicht: Das ist wirklich nur Plastik (und ein Magnetstreifen) und mithin vom Fußabdruck her kaum mehr als 10g CO₂e. Klar wäre fahrscheinlos noch besser, aber „digital“ gehts jedenfalls nicht emissionsärmer.

    Die neueste Templating-Katastrophe der Bahn

    Ich bin ja seit langem faszinierter Beobachter der Templating-Katastrophen der Deutschen Bahn. Stellt euch also meine Begeisterung vor, als heute auf eine Anfrage an kundendialog@bahn.de (ja, das gibts, auch wenn die Bahn das in ihren Kontaktangeboten gut tarnt) eine ganz neue, ich möchte fast sagen freche Variante hinzukam:

    X-Mailer: Siebel 23.10.0.0 SIA [2023_10]

    Vorgangsnummer: 1-1719.....

    HalloDummy ABC-Dummy,

    vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir werden uns schnellstmöglich mit Ihnen in Verbindung setzen und Ihre Anfrage gerne beantworten.

    Aufgrund eines ungewoehnlich hohen Mailaufkommens lassen sich derzeit jedoch laengere Wartezeiten nicht vermeiden.

    Bitte haben Sie noch ein wenig Geduld und sehen Sie von weiteren Nachfragen zum Bearbeitungsstand ab. Wir informieren Sie, sobald Ihr Anliegen bearbeitet wurde.

    Bitte antworten Sie nicht auf diese E-Mail, da dies eine automatisch erstellte Eingangsbestätigung Ihrer Anfrage ist.

    (whitespace ist normalisiert)

    Ganz falsch ist das nicht: Wer sich an den Bahn-Support wendet, wird dort zumindest wie ein ABC-Dummy behandelt, das kann ich nach meinen bisherigen Erfahrungen (cf. den Bahn-Tag) mit Bestimmtheit behaupten.

    Gut gefällt mir auch die Kombi von “schnellstmöglich“ (mit Umlaut) und ungewoehnlich (7-bit-sauber), und weiter ist ein Vergleich aufschlussreich mit einer kurzfristig deutlich weniger katastrophalen Template-Antwort von vor einem Jahr (4.12.2022), die so anfing:

    X-Mailer: Siebel 22.5.0.0 SIA [2022_05]

    Vorgangsnummer: 1-157...

    Sehr geehrter Herr <richtiger Name>,

    vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir werden uns schnellstmöglich mit Ihnen in Verbindung setzen und Ihre Anfrage gerne beantworten. Aufgrund eines ungewoehnlich hohen Mailaufkommens lassen sich derzeit jedoch laengere Wartezeiten nicht vermeiden.

    Der Siebel-Mailer hat also einen Versionssprung gemacht (oder eher: ist ein Jahr älter geworden), irgendwer hat Leerzeilen eingefügt; dass, wenn etwas über mindestens ein Jahr besteht, es ganz bestimmt nicht mehr „ungewoehnlich“ ist, ist dabei nicht aufgefallen, und auch nicht die Mischung aus echten Umlauten und Umschreibungen.

    Bahncard-Sabotage

    In der Mail, auf die hin die ABC-Dummy-Antwort kam, ging es übrigens um Pläne, über die ich bei Heise gestolpert bin. Offenbar überlegt die Bahn, nun auch noch mit dem Mittel der Bahncard den Menschen ihre grässliche Navigator-App überzuhelfen. Das ist keine schöne Aussicht für mich, nachdem ich schon mit dem 49-Euro-Ticket endlos Zeit mit dem Quatsch verschwenden musste – und dabei vielleicht immer noch Ärger mit Schaffnern hätte bekommen können (vgl. 49-Euro-Ticket im freiheitsfoo-Wiki).

    Eine alternative Interpretation zum gewaltsamen App-Überhelfen wäre, dass die Bahn die Bahncard killen will; diese Vermutung scheint auch plausibel, weil bei den aktuellen Buchungsformular-Experimenten der Bahn auch mal Prototypen dabei waren, die zur Einstellung einer Bahncard 50 sieben Klicks verlangten. Im heutigen Prototypen zähle ich noch vier, aber eigentlich frage ich mich schon lange, warum sich das Interface die letzten Fahrtziele, aber nicht den Bahncard-Besitz merken kann.

    Tatsächlich hat mich die Frage nach den Motiven der Bahn schon heute morgen bewegt, und so habe ich ein wenig in der Forumsdiskussion rumgeklickt. Auf plausible Thesen jenseits von surveillance capitalism bin ich nicht gestoßen, aber doch auf diesen Beitrag von elknipso. Ich fand ihn – ganz vorne das hier:

    Smartphones sind absoluter Standard, man kann nicht bei allem auf den letzten Fortschrittsverweigerer Rücksicht nehmen.

    (und seine Followups des gleichen Autors) – in seiner Ignoranz, Vermessen- und Verwirrtheit wirklich sehr bemerkenswert.

    Unklare Motivationslagen

    Ich könnte elknipsos Haltung, eigenes Verhalten als allgemeine Maxime zu setzen, ja vielleicht noch nachvollziehen, wenn erkennbar wäre, welchen Nutzen er von einer App-Bahncard hätte. Aber er hat, soweit ich das erkennen kann, darüber keinen Moment nachgedacht. Die Frage, ob das, was da vorgeschlagen wird, überhaupt einen Nutzen hat, und wenn ja, ob dieser Nutzen in einem irgendwie angemessenem Verhältnis zu den Kosten steht, diese Frage stellt sich ihm ganz offenbar im Zusammenhang mit einem ferngewarteten Programm („App“) gar nicht.

    Sehen wir doch kurz nach: Auf der Nutzenseite ist eigentlich nur die Plastikersparnis erkennbar, und würde die Bahn einfach QR-Codes ausstellen und den Leuten selbst überlassen, wie sie die herzeigen wollen, könnte ich das gelten lassen. Allerdings ist eine Einsparung von vielleicht 10g CO₂e[1] wirklich nicht der Rede wert in einem Geschäft, in dem der Kilometer IC-Reise in der Größenordnung von 100g liegt und zumindest eine Bahncard 50 erst ab deutlich über 1000 Kilometern irgendwie lohnend wird.

    Im Gegensatz dazu ist der Plan der Bahn soweit ersichtlich, wie beim 49-Euro-Ticket die QR-Codes so gut es geht in den erwähnten „DB Navigator“ einzusperren. Das sind dann 70 Megabyte Irrsinn und Tracking, die nur dazu dienen, ein Bild anzuzeigen. Na ja: das Decoding wird von der libpng des Hostsystems übernommen, und die Bildanzeige vermutlich auch von irgendwas, das nicht bei den 70 MB mitkommt; diese sind mithin nicht viel mehr als ein Symlink auf eine Bilddatei.

    Angsichts solch hemmungsloser Verschwendung im „Digitalen” über Ressourceneinsparung auch nur zu spekulieren, das ist bereits jenseits von absurd. Dennoch ganz geschwind hinterher: Eine Minute Telefon mit Netz (so lang fummelt mensch dann ja doch mit dem Mist) sind auch schon in der Größenordnung 50g CO₂e, und mit dem Fußabdruck des Telefons fangen wir mal lieber gar nicht an. Nein: Ökologischer als Plastikkarte geht jedenfalls nicht mit irgendwas, das elektrisch ist.

    Die neue Pflicht zum Rumfummeln

    Stattdessen wäre eine App-Bahncard für relevant viele Menschen (nämlich die, die zum Kontrollzeitpunkt gerade oder grundsätzlich kein „Smartphone“ in der Hand haben) ungleich viel mehr Gefummel gegenüber einer Karte, die mensch einfach aus dem Geldbeutel zieht. Elknipso könnte sich von den Effekten dieser Sorte digitaler Fummelei überzeugen an den Eingängen der DB-Lounges, wo seit dem App-Zwang die Schlangen trotz deutlich geschrumpfter NutzerInnenzahl viel länger gewoden sind.

    Wie kommt nur wer auf die Idee, öffentlich für einen so offensichtlich schlechten Deal zu sprechen? Das ist noch nicht mal dann zu erklären, wenn der Redner tatsächlich nicht begriffen haben sollte, dass auf einem „Smartphone“ jede Erwartung von Privatsphäre illusorisch ist – oder das dem Redner wurst ist: Hier ist kein Nutzen, und auch für Leute mit extern gemanagten Rechnern eigentlich nur Nerv.

    Unter diesem Vorzeichen erscheint die Rede vom „Fortschrittsverweigerer“ nochmal besonders verdreht. Es ist vielleicht nicht immer ganz einfach, genau zu bestimmen, in welcher Richtung genau das Fort ist, zu dem mensch gerne schreiten möchte. In diesem Fall aber würde doch niemand außer ganz radikalen Technophoben bestreiten, dass der Fortschritt 1976 war, als mit dem Apple II sich „normale“ Menschen erstmals EDV unabhängig von großen und zentralen Infrastrukturen hinstellen konnten.

    Der Rückschritt hing dann vielleicht weniger direkt an Apple. Aber die vollständig remote gemanagten und häufig wieder zu dummen Terminals degradierten Endgeräte vom iPhone-Typ, die ab 2007 die breite Mehrheit der Nutzenden wieder in die /360-Welt – nur halt etwas bunter und wackliger – zurückkatapultierten: Das war unbestreitbar ein Rollback in eine Sorte EDV, die in den 1990er Jahren für ein paar Momente lang überwunden schien.

    Ich kenne elknipsos Motivationslage nicht und finde auch keine Hypothese, die erklären könnte, warum er wohl mit so einem Rant an die Öffentlichkeit ging. Doch ist seine Position ein Musterbeispiel für das, was ich in Antisprache: Digitalisierung beschrieben habe: Dass etwas mit einem elektronischen Spielzeug geht (und möglichst auch nur genau mit diesem) ist durch Verknüpfung mit einem in der einen oder anderen Weise positiv besetzten Begriff magisch der rationalen Betrachtung von Zweck und Nutzen enthoben.

    Nachtrag (2024-01-29)

    Nach gerade mal anderthalb Monaten hat die Bahn mit mit ein paar zusammengeklickten Marketingfloskeln reagiert. Wie üblich war jede Menge CSS-Quatsch im Text, und auch die restlichen Floskeln verdienen keine weitere Erwähnung. Aber weil ich meine Anmerkungen so geistreich finde und weil ich zweifele, dass dass das bei der Bahn jemand mit etwas Aufmerksamkeit liest, dokumentiere ich meine Antwortmail auf die Antwortmail kurz mal hier:

    Liebe Mitarbeiter/in der Bahn,
    
    On Mon, Jan 29, 2024 at 03:00:10PM +0100, kundendialog@bahn.de wrote:
    > schätzen wir sehr und nehmen Ihre Kritik ernst. Der Trend in der
    > Gesellschaft geht seit Jahren klar in Richtung Digitalisierung.
    
    Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, Feedback zu Ihren Vorgesetzten
    zu geben, sagen Sie Ihnen doch bitte:
    
      KundInnen schätzen keine zusammengeklickten hohlen Floskeln, wenn sie
      sich beschwert haben -- da ist in der Tat gar keine Antwort noch
      besser.  Ideal wäre es natürlich, wenn es ein Budget für Antworten
      gäbe, die wirklich auf die Anfragen eingehen.
    
    Und Digitalisierung heißt nun mal nicht, es den Menschen schwerer zu
    machen.  Dazu gehört für mich jedenfalls alles, was ich nicht auf
    meinem Rechner machen kann oder für das ich eine Android-Emulation
    brauche.  Dazu gehört doppelt alles, für das ich eine Apple- oder
    Google-Id oder Apps aus schattigen Raupkopier-Stores brauche, weil
    die Bahn es *noch nicht mal* hinbekommt, wenigstens f-droid zu
    bespielen.
    
    Das scheint mir bei den aktuellen Plänen erneut der Fall zu sein.
    Wie kompliziert kann es sein, einen Barcode über eine Webseite
    auszuliefern?
    
    > BahnCard-Kundschaft – altersübergreifend – genutzt. Mit ihr
    > profitieren Reisende von vereinfachten Prozessen. So ist die
    
    Nein, die *Bahn* profitiert *vielleicht* von vereinfachten Prozessen.
    Die KundInnen hingegen müssen eine metrische Tonne Daten an Google,
    Apple, die Bahn …

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