Damnatio Memoriae an der Odenwaldbahn und Anderswo
Abb. 1: Damnatio Memoriae von den Erfindern: Ein römischer Weihestein im heutigen Obernburg, ca. 190 ndcE[1].
Zu den vielen scharfsinnigen und in Machtsystemen jedweder Provenienz eigentlich immer aktuellen Beobachtungen aus George Orwells 1984 gehört das hier:
'Who controls the past,' ran the Party slogan, 'controls the future: who controls the present controls the past.'
Ob das wirklich so zwingend ist, will ich nicht entscheiden, aber dass schon der römische Senat solche Gedanken hatte, zeigt zum Beispiel der Weihestein in Abbildung 1, der im kleinen, aber durchaus feinen[2] Römermuseum in Obernburg am Main zu sehen ist.
Meißel im Imperium Romanum
Schon das dritte Wort des Haupttextes der Inschrift dort, also das, was einst hinter IMP stand, ist nämlich noch in der Antike ausgemeißelt worden. Bei der Herstellung des Steines hatte sich der aktuelle Kaiser („controls the present“) Lucius Aurelius Commodus feiern lassen, unter anderem für seine Siege in Britannien („VICTBRITANNICI”). Wer etwa dank Blutvergießen dieser Art die Gegenwart kontrolliert, kann beim Steinmetz auch die Attribute fromm (PI[us]) und glücklich (FEL[ix]) bestellen.
Wehe aber, wenn du dich mit denen anlegst, die die Gegenwart in der Vergangenheit kontrolliert haben und das mithin vermutlich auch in der Zukunft wieder tun werden.
Commodus, Sohn des bis heute populären stoischen Philosophen- und Feldzugskaisers Marc Aurel (und eingestanden durchaus so durchgeknallt wie die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger[3]), hat sich im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Kaisern milde mit dem römischen Senat (dem S aus SPQR) angelegt. Neinnein, nur in irrelevanten Fragen, das waren selbstverständlich nur Kabbeleien unter Rechten.
Nachdem nun ein gewisser Narcissus Commodus eines Nachts im Jahr 192 erwürgt hatte, erwies sich, dass der Senat auch im übertragenen Sinn über den längeren Atem verfügte. Um gleich eine ordentliche Duftmarke zu setzen gegenüber allen, die vielleicht auch die Adelskreise allzu liberal öffenen wollen könnten, verhängten die Senatoren die damnatio memoriae[4] über den toten Commodus: De mortuis nihil, schon gar nicht bene, aber sonst auch nicht.
Damnatio memoriae ist „control the past”, ist der Versuch, das Andenken an eine Person zu unterdrücken oder zumindest so negativ wie nur möglich zu gestalten. Angesichts der medialen Möglichkeiten der mittleren Eisenzeit bedeutete das in erster Linie, die Steinmetze ausrücken zu lassen, die dann, wie in unserem Oberndorfer Beispiel, Commodus' Namen irgendwie – womöglich absichtlich auffällig – zum Verschwinden brachten.
Ich finde den Gedanken fast schon romantisch, dass an dem Stein auf dem Foto in Abbildung 1 erstmal innerhalb von zwei Jahren zwei Mal rumgeklopft wurde und dann für fast zweitausend Jahre nicht mehr.
Meißel im postsowjetischen Szczecin
Abb. 2: Am Hauptfriedhof von Szczecin steht dieser realsozialistische Betonklotz.
Die damnatio memoriae hatte keinen so langen Winterschlaf wie der Weihestein von Obernburg. Und sie überlebte bis in die jüngste Moderne. Als Beleg zeigt Abb. 2 eine Art Kunstwerk auf dem Hauptfriedhof[5] im polnischen Stettin, und schon das Baumaterial verrät eine Arbeit aus dem 20. Jahrhundert, der Stil weist auf dessen letztes Drittel hin.
Wessen genau dieses… Ding gemahnte: Wer weiß? Selbst wenn ich nennenswerte Polnischkenntnisse hätte, hat doch der Furor gegen die sozialistischen Experimente den Meißel zu recht rabiatem Wirken getrieben. Das Bild ist übrigens von 2015, die Spur der Bereinigung aber relativ frisch. Ganz offensichtlich hat, was immer da stand, die ersten Jahre der nach Westen orientierten Herrschaft überlebt und erst später so viel Anstoß erregt, dass ein Mensch mit hinreichend Machtmitteln es tilgen lassen wollte und konnte.
Eingestanden: Es ist gut möglich, dass hier gar keine Person der damnatio memoriae anheim gefallen ist sondern mehr etwas wie, sagen wir, die kommunistischen Märtyrer für die polnische Nation oder etwas ähnlich Widersinniges.
Meißel in Darmstadt
Ganz anders ist die Personenbindung beim eigentlichen Anlass dieser Betrachtungen. Und zwar haben die PotentatInnen der Stadt Darmstadt an einer Stelle gleich drei Männer hintereinander zunächst geehrt und anschließend ihr Andenken entfernt. Das Zeugnis dafür ist dieser Pfeiler:
Abb. 3: Eine etwas unkonventionelle Beschriftung an der Buxbaum-Anlage in Darmstadt.
Nach den vorbereitenden Abbildungen ist ziemlich klar, dass hier etwas, vermutlich ein Name, herausgemeißelt wurde. Nur: Wessen oder was? In einer Art dialektischer Aufhebung der damnationes memoriarum – die Altertumswissenschaft kennt das als restitutio memoriae – hat die Stadt eine Tafel an den Pfeiler geschraubt, die die Geschichte etwas erklärt.
Demnach ist der kleine Park offenbar Ergebnis einer frühen Bahndemontage, denn er entstand auf einem ehemaligen Betriebsgelände der Odenwaldbahn (die jedoch nach wie vor nahe am Park vorbeifährt). Als er 1924 fertig war, gab es noch hinreichend Zorn auf die Organisation Consul, eine der finstersten der zahlreichen protofaschistischen Traditionsvereine in der Weimarer Republik.
Mitglieder der O.C. hatten im Juni 1922 den selbst ziemlich stramm rechten Außenminister Walther Rathenau von der DDP ermordet. Das mag etwas seltsam wirken, hatte sich doch Rathenau in seiner Eigenschaft als AEG-Chef sehr um Waffenlieferungen an das deutsche Militär während des ersten Weltkriegs gekümmert und so ganz gewiss mehr dafür getan, all die feindlichen FranzösInnen, BritInnen und RussInnen kaputtzumetzeln als irgendwelche der unbestritten auch kriegstüchtigen O.C.-Männer. Doch nein, sie hatten für Rathenau Kugeln und keine Bewunderung. So verquer ist die Logik von Menschen, die Patriotismus für eine gute Eigenschaft halten.
Im Gedenken an dieses doppelte Opfer nationalistischer Verblendung nannte die Stadt den Park Rathenau-Anlage, und ich bin ziemlich fest überzeugt, dass dies ist, was ursprünglich auf dem Textfeld der Säule stand.
Nach der Machtübertragung an die O.C.-Freunde von der NSDAP war ein Schriftzug „Rathenau-Anlage“ natürlich eine Provokation, zumal der Geehrte zumindest nach Maßgabe der neuen Gesetze Jude gewesen war. Es liegt also ausgesprochen nahe, dass es die Verwaltung der NS-Regierung war, die die damnatio memoriae aussprach und den Steinmetz schickte.
Mitglied der Normannia Berlin
Sie nannte die Anlage anschließend nach dem Korporierten („Burschi”) und SA-Mann Horst Wessel. Wenn das ausgemeißelte Stück etwas breiter wäre, hätte ich auch in Betracht gezogen, dass erst die Verwaltung der NS-Regierung den Schriftzug hat anbringen lassen; aber nein, Wessels Name hätte einfach nicht reingepasst.
Horst Wessel wiederum war klarerweise nach der Befreiung auch nicht mehr tragbar als Anlagenpate. In der kurzen Zeit der Möglichkeiten bis zur Restauration konservativer Macht und verbindungsstudentischer Seilschaften in Westdeutschland benannte ein fortschrittlicher Stadtrat den Park stattdessen nach dem Widerständler Georg Fröba, für den ein Stolperstein vor seiner ehemaligen Wohnung vielleicht 500 Meter von der Anlage entfernt liegt. Fröba hat damals schon nicht mehr gelebt, denn ein Mitarbeiter der Haftanstalt Frankfurt-Preungesheim (heute: JVA Frankfurt am Main III) hatte ihn 1944 auf Anweisung der Richter des 2. Senats des Volksgerichtshofs ermordet.
Jedoch: Fröba war nicht nur tot – was eine ganz gute Eigenschaft für Namenspaten aller Art ist –, er war auch Kommunist. Das gefiel einem rasch wieder nach rechts gewanderten Stadtrat ein gutes Jahrzehnt nach dem Wegtaufen des Horst Wessel überhaupt nicht. Deshalb verhängte er im Jahr 1961… nun ja, vielleicht nicht direkt eine damnatio memoriae, aber jedenfalls durfte Fröba nicht Namenspate eines hübschen öffentlichen Parks bleiben.
Auf den Erbauer enger Kioske
Auf diese Weise bekam der Park seinen vierten und vorerst letzten Namen. Er heißt jetzt nach August Buxbaum, der aus der Darmstädter Stadtverwaltung heraus während der Weimar-Jahre Kioske wie den am Kantplatz errichten ließ sowie die Bebauung des Rhönrings koordiniert hatte.
Das sind sogar halbwegs hübsche Häuser dort, und so will mensch wahrscheinlich die Nase nicht allzu weit rümpfen. Ganz große Leichen im Keller hat Buxbaum mutmaßlich auch anderweitig nicht, zumal er bereits 1930 aus dem öffentlichen Dienst ausgeschieden ist, lange bevor Bekenntnisse zur Herrschaft im Deutschen Reich nach 1933 allzu opportun hätten scheinen können.
Schönreden muss mensch ihn aber auch nicht. Die Kioske Marke Buxbaum zum Beispiel waren furchtbar eng. In ihrer Betongestalt war es bestimmt entweder eiskalt oder brüllend heiß:
Abb. 4: Eigentlich nutzlos: Buxbaums Kiosk am Kantplatz in Darmstadt.
Das ist sicher ein Grund, warum das Ding am Kantplatz seit langem leersteht und alle anderen Buxbaum-Kioske nur noch Bauschutt sind.
Nicht nur aus dieser Perspektive ist es schon etwas schade, dass die Anlage nicht mehr Georg Fröbas Namen trägt. Andererseits ist der Fehler vielleicht, überhaupt Parks nach Menschen zu benennen. Wäre es nicht viel herzwärmender, den Park etwa Kaninchen-Anlage zu nennen? Aber klar: Als nächstes wird irgendwer allerlei an Kaninchen rumzumäkeln haben.
| [1] | „nach der der christlichen Epoche“; vgl. dazu diese Fußnote. |
| [2] | Fein ist das Museum vor allem, weil Obernburg zu vielleicht 5% wirklich das „Pompeji am Main“ ist, von dem die TourismusmanagerInnen der Stadt träumen: Die Überreste der römischen Siedlung am Übergang vom Main zum Landlimes lagen für fast zwei Jahrtausende unter einer Art Erdrutsch ziemlich behütet und sind daher in für nordeuropäische Verhältnisse wirklich gutem Erhaltungszustand. |
| [3] | Zumindest aus heutiger Sicht schon ziemlich jenseits ist kaiserliches Freizeitvergnügen, das im Erschlagen anderer Menschen gipfelt. Von solchen Sitten Commodus' berichtet jedenfalls Cassius Dio, der es als Zeitgenosse immerhin wissen könnte, der allerdings als Adliger gewiss nicht neutral war. Hier ein Zitat von ihm, wie es in der Wikipedia wiedergegeben wird: Gerne kämpfte er als Gladiator, und zwar zu Hause bei sich und in einer Art und Weise, dass er ab und zu … |
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