Falsche Dichotomien

Über den Köpfen von Demonstrierenden: Schneegestöber

So sieht Engagement für Freiheit und Emanzipation aus: Im Schneegestöber demonstrierten die Menschen im Februar 2018 gegen die Militärs und Kriegsherren, die sich in der Münchner Edelunterkunft Bayrischer Hof zu ihrer „Sicherheitskonferenz“ getroffen haben.

Seit dem Überfall auf die Ukraine grassiert das Aufziehen falscher Dichotomien (weniger elegant gesagt: sich angeblich ausschließender Alternativen) auch bei Menschen, die das vermutlich nicht im Rhetorikkurs gelernt haben und oft sogar guten Willens sind. Wer in den letzten Monaten normale Zeitungen oder Twitter gelesen hat, wird zumindest die folgenden Figuren gesehen haben (es gibt eine ganze Ecke mehr):

  • Entweder wir liefern Waffen oder wir unterstützen Angriffskriege (Quatsch: einfach mal selbst keine Angriffskriege und Drohnenballereien mehr machen und dann auf eine effektive Ächtung solcher Aktionen hinarbeiten wäre viel effektiver)
  • Entweder du bist für „uns“ oder du bist für Putin (Quatsch: Ich habe schon des Öfteren gegen Putin-Besuche demonstriert und bin dafür auch einmal im Auftrag von Olaf Scholz verprügelt worden; mensch kann prima gegen alle Sorten blutiger Hähne[1] sein)
  • Entweder lassen wir auf Russen schießen oder die Leute in der Ukraine werden alle getötet (Quatsch: Das russlandgefällige Janukowitsch-Regime war jetzt nicht klasse, aber ausweislich diverser Wahlen oder Leaks nicht qualitativ verschieden von den uns gefälligen Regimes von, sagen wir, Kutschma und Tymoschenko oder auch Poroschenko; es ist nach aller realistischen historischen Erfahrung völlig sicher, dass im Krieg viel mehr Menschen sterben und leiden werden als bei einem schnellen Regime Change, zumal wenn die regimechangenden Truppen dann nicht so ewig bleiben wie die unseren in Afghanistan und im Irak und/oder die Bevölkerung schnell aus dem Kriegsmodus herauskommt)
  • Entweder willst du Volk und Nation der Ukraine retten oder du willst die Leute in der Ukraine in Knechtschaft sehen (Quatsch: spätestens seit Brecht haben nette Menschen aufgehört, von „Volk“ zu reden, denn „Bevölkerung“ verhindert Fehlschlüsse, und spätestens seit dem 20. Jahrhundert sollte eigentlich Konsens bestehen, dass das mit den „Nationen“ eine eher bescheidene Idee war; mit der Verteidigung bzw. Erringung von Menschen- und Bürgerrechten haben Volk und Nation jedenfalls längst nichts mehr zu tun)
  • Entweder du schießt oder du tust gar nichts (Quatsch: Im Gegenteil ist eine geschichtliche Konstante, dass sozialer Fortschritt, der aus den Gewehrläufen kommt, nicht viel taugt und jedenfalls nicht lange anhält)

Es lohnt sich grundsätzlich, aber ganz besonders bei all den kriegseuphorischen Äußerungen, auf solche falschen Dichotomien zu achten. Wie gesagt: Nicht alle, die sowas verwenden, sind im Bereich finsterer Rhetorik unterwegs. Aber wer in diesem Bereich unterwegs ist, verwendet sie fast immer. Mal sehen, ob ich den Fleiß habe, mehr unter dem Tag Dichotomien zu schreiben, den ich anlässlich dieses Posts angelegt habe.

Dennoch kann ich mich in der Kriegsfrage eigentlich nicht mehr groß über solche Tricks echauffieren, denn Kriegsbegeisterung hält erfahrungsgemäß selten lange an; ich bin eigentlich recht zuversichtlich, dass jedenfalls diejenigen neuen Fans der Panzerhaubitze, die noch etwas Herz und/oder Verstand haben, in recht absehbarer Zeit zu wieder etwas gewaltskeptischeren Positionen zurückkehren werden, ohne dass sich erst richtig viele Leute totschießen müssen.

Was allerdings taz-Chefreporter (was immer das sein mag) Peter Unfried in der taz vom Samstag gebracht hat, hat mich dann doch schlucken lassen:

Die Gewaltoption [konkreter weiter oben fomuliert: militärischer Massenmord] ist Voraussetzung einer freien und emanzipatorischen Zukunft.

Ob es nun sinnvoll ist oder nicht, ich musste dem widersprechen, und die taz hat meinen Leserbrief heute auch abgedruckt:

Peter Unfried will durch Militär eine freie und emanzipatorische Zukunft sichern. Das ist nicht nur absurd, ist doch der autoritäre Gewaltapparat Militär die Antithese zu Freiheit und Emanzipation. Es ist auch schlicht unhistorisch. Versammlungsfreiheit und Datenschutz, Wahlrecht und Atomausstieg, Streikrecht und straffreie Abtreibung, ganz besonders das Recht, nicht morden zu müssen, auch bekannt als Kriegsdienstverweigerung: Alles in der weiteren Umgebung von Freiheit haben Menschen ohne Militär – in Gewerkschaft, Blaustrümpfen oder Fridays for Future – gegen Menschen mit Militär – ihre Regierungen nämlich – erkämpft und tun es auch gerade jetzt überall Tag für Tag. Wenn Unfried hingegen seine Freiheit auf das Militär baut, hat er sie schon verloren.
[1]

Wer es nicht erkennt: Das bezieht sich auf ein sehr zeitgemäßes Lied der Brecht/Weill-Combo. Seit dem 24.8.2021 sind nun Brechts Werke endlich gemeinfrei, und so kann ich den mich immer wieder beeindruckenden Text bedenkenlos zitieren:

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

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