Tag Kultur

  • Damnatio Memoriae an der Odenwaldbahn und Anderswo

    Ein römischer Weihestein in recht guter Erhaltung.  Eine lange, rot ausgemalte Inschrift beginnt mit „GENIO⋅IMP⋅[ausgemeißelt]⋅AUG“.

    Abb. 1: Damnatio Memoriae von den Erfindern: Ein römischer Weihestein im heutigen Obernburg, ca. 190 ndcE[1].

    Zu den vielen scharfsinnigen und in Machtsystemen jedweder Provenienz eigentlich immer aktuellen Beobachtungen aus George Orwells 1984 gehört das hier:

    'Who controls the past,' ran the Party slogan, 'controls the future: who controls the present controls the past.'

    Ob das wirklich so zwingend ist, will ich nicht entscheiden, aber dass schon der römische Senat solche Gedanken hatte, zeigt zum Beispiel der Weihestein in Abbildung 1, der im kleinen, aber durchaus feinen[2] Römermuseum in Obernburg am Main zu sehen ist.

    Meißel im Imperium Romanum

    Schon das dritte Wort des Haupttextes der Inschrift dort, also das, was einst hinter IMP stand, ist nämlich noch in der Antike ausgemeißelt worden. Bei der Herstellung des Steines hatte sich der aktuelle Kaiser („controls the present“) Lucius Aurelius Commodus feiern lassen, unter anderem für seine Siege in Britannien („VICTBRITANNICI”). Wer etwa dank Blutvergießen dieser Art die Gegenwart kontrolliert, kann beim Steinmetz auch die Attribute fromm (PI[us]) und glücklich (FEL[ix]) bestellen.

    Wehe aber, wenn du dich mit denen anlegst, die die Gegenwart in der Vergangenheit kontrolliert haben und das mithin vermutlich auch in der Zukunft wieder tun werden.

    Commodus, Sohn des bis heute populären stoischen Philosophen- und Feldzugskaisers Marc Aurel (und eingestanden durchaus so durchgeknallt wie die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger[3]), hat sich im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Kaisern milde mit dem römischen Senat (dem S aus SPQR) angelegt. Neinnein, nur in irrelevanten Fragen, das waren selbstverständlich nur Kabbeleien unter Rechten.

    Nachdem nun ein gewisser Narcissus Commodus eines Nachts im Jahr 192 erwürgt hatte, erwies sich, dass der Senat auch im übertragenen Sinn über den längeren Atem verfügte. Um gleich eine ordentliche Duftmarke zu setzen gegenüber allen, die vielleicht auch die Adelskreise allzu liberal öffenen wollen könnten, verhängten die Senatoren die damnatio memoriae[4] über den toten Commodus: De mortuis nihil, schon gar nicht bene, aber sonst auch nicht.

    Damnatio memoriae ist „control the past”, ist der Versuch, das Andenken an eine Person zu unterdrücken oder zumindest so negativ wie nur möglich zu gestalten. Angesichts der medialen Möglichkeiten der mittleren Eisenzeit bedeutete das in erster Linie, die Steinmetze ausrücken zu lassen, die dann, wie in unserem Oberndorfer Beispiel, Commodus' Namen irgendwie – womöglich absichtlich auffällig – zum Verschwinden brachten.

    Ich finde den Gedanken fast schon romantisch, dass an dem Stein auf dem Foto in Abbildung 1 erstmal innerhalb von zwei Jahren zwei Mal rumgeklopft wurde und dann für fast zweitausend Jahre nicht mehr.

    Meißel im postsowjetischen Szczecin

    Ein Teil eines unregelmäßigen Betonbogens.  Oben ist ein Relief eines bärtigen Kopfes, darunter anderhalb Zeilen weiße Spur, wo offensichtlich eine Inschrift entfernt wurde.

    Abb. 2: Am Hauptfriedhof von Szczecin steht dieser realsozialistische Betonklotz.

    Die damnatio memoriae hatte keinen so langen Winterschlaf wie der Weihestein von Obernburg. Und sie überlebte bis in die jüngste Moderne. Als Beleg zeigt Abb. 2 eine Art Kunstwerk auf dem Hauptfriedhof[5] im polnischen Stettin, und schon das Baumaterial verrät eine Arbeit aus dem 20. Jahrhundert, der Stil weist auf dessen letztes Drittel hin.

    Wessen genau dieses… Ding gemahnte: Wer weiß? Selbst wenn ich nennenswerte Polnischkenntnisse hätte, hat doch der Furor gegen die sozialistischen Experimente den Meißel zu recht rabiatem Wirken getrieben. Das Bild ist übrigens von 2015, die Spur der Bereinigung aber relativ frisch. Ganz offensichtlich hat, was immer da stand, die ersten Jahre der nach Westen orientierten Herrschaft überlebt und erst später so viel Anstoß erregt, dass ein Mensch mit hinreichend Machtmitteln es tilgen lassen wollte und konnte.

    Eingestanden: Es ist gut möglich, dass hier gar keine Person der damnatio memoriae anheim gefallen ist sondern mehr etwas wie, sagen wir, die kommunistischen Märtyrer für die polnische Nation oder etwas ähnlich Widersinniges.

    Meißel in Darmstadt

    Ganz anders ist die Personenbindung beim eigentlichen Anlass dieser Betrachtungen. Und zwar haben die PotentatInnen der Stadt Darmstadt an einer Stelle gleich drei Männer hintereinander zunächst geehrt und anschließend ihr Andenken entfernt. Das Zeugnis dafür ist dieser Pfeiler:

    Ein Sandsteinpfeiler mit einem zweizeiligen Textfeld.  Die erste Zeile ist ausgemeißelt, die zweite zeigt in Fraktur zentriert „Anlage“.

    Abb. 3: Eine etwas unkonventionelle Beschriftung an der Buxbaum-Anlage in Darmstadt.

    Nach den vorbereitenden Abbildungen ist ziemlich klar, dass hier etwas, vermutlich ein Name, herausgemeißelt wurde. Nur: Wessen oder was? In einer Art dialektischer Aufhebung der damnationes memoriarum – die Altertumswissenschaft kennt das als restitutio memoriae – hat die Stadt eine Tafel an den Pfeiler geschraubt, die die Geschichte etwas erklärt.

    Demnach ist der kleine Park offenbar Ergebnis einer frühen Bahndemontage, denn er entstand auf einem ehemaligen Betriebsgelände der Odenwaldbahn (die jedoch nach wie vor nahe am Park vorbeifährt). Als er 1924 fertig war, gab es noch hinreichend Zorn auf die Organisation Consul, eine der finstersten der zahlreichen protofaschistischen Traditionsvereine in der Weimarer Republik.

    Mitglieder der O.C. hatten im Juni 1922 den selbst ziemlich stramm rechten Außenminister Walther Rathenau von der DDP ermordet. Das mag etwas seltsam wirken, hatte sich doch Rathenau in seiner Eigenschaft als AEG-Chef sehr um Waffenlieferungen an das deutsche Militär während des ersten Weltkriegs gekümmert und so ganz gewiss mehr dafür getan, all die feindlichen FranzösInnen, BritInnen und RussInnen kaputtzumetzeln als irgendwelche der unbestritten auch kriegstüchtigen O.C.-Männer. Doch nein, sie hatten für Rathenau Kugeln und keine Bewunderung. So verquer ist die Logik von Menschen, die Patriotismus für eine gute Eigenschaft halten.

    Im Gedenken an dieses doppelte Opfer nationalistischer Verblendung nannte die Stadt den Park Rathenau-Anlage, und ich bin ziemlich fest überzeugt, dass dies ist, was ursprünglich auf dem Textfeld der Säule stand.

    Nach der Machtübertragung an die O.C.-Freunde von der NSDAP war ein Schriftzug „Rathenau-Anlage“ natürlich eine Provokation, zumal der Geehrte zumindest nach Maßgabe der neuen Gesetze Jude gewesen war. Es liegt also ausgesprochen nahe, dass es die Verwaltung der NS-Regierung war, die die damnatio memoriae aussprach und den Steinmetz schickte.

    Mitglied der Normannia Berlin

    Sie nannte die Anlage anschließend nach dem Korporierten („Burschi”) und SA-Mann Horst Wessel. Wenn das ausgemeißelte Stück etwas breiter wäre, hätte ich auch in Betracht gezogen, dass erst die Verwaltung der NS-Regierung den Schriftzug hat anbringen lassen; aber nein, Wessels Name hätte einfach nicht reingepasst.

    Horst Wessel wiederum war klarerweise nach der Befreiung auch nicht mehr tragbar als Anlagenpate. In der kurzen Zeit der Möglichkeiten bis zur Restauration konservativer Macht und verbindungsstudentischer Seilschaften in Westdeutschland benannte ein fortschrittlicher Stadtrat den Park stattdessen nach dem Widerständler Georg Fröba, für den ein Stolperstein vor seiner ehemaligen Wohnung vielleicht 500 Meter von der Anlage entfernt liegt. Fröba hat damals schon nicht mehr gelebt, denn ein Mitarbeiter der Haftanstalt Frankfurt-Preungesheim (heute: JVA Frankfurt am Main III) hatte ihn 1944 auf Anweisung der Richter des 2. Senats des Volksgerichtshofs ermordet.

    Jedoch: Fröba war nicht nur tot – was eine ganz gute Eigenschaft für Namenspaten aller Art ist –, er war auch Kommunist. Das gefiel einem rasch wieder nach rechts gewanderten Stadtrat ein gutes Jahrzehnt nach dem Wegtaufen des Horst Wessel überhaupt nicht. Deshalb verhängte er im Jahr 1961… nun ja, vielleicht nicht direkt eine damnatio memoriae, aber jedenfalls durfte Fröba nicht Namenspate eines hübschen öffentlichen Parks bleiben.

    Auf den Erbauer enger Kioske

    Auf diese Weise bekam der Park seinen vierten und vorerst letzten Namen. Er heißt jetzt nach August Buxbaum, der aus der Darmstädter Stadtverwaltung heraus während der Weimar-Jahre Kioske wie den am Kantplatz errichten ließ sowie die Bebauung des Rhönrings koordiniert hatte.

    Das sind sogar halbwegs hübsche Häuser dort, und so will mensch wahrscheinlich die Nase nicht allzu weit rümpfen. Ganz große Leichen im Keller hat Buxbaum mutmaßlich auch anderweitig nicht, zumal er bereits 1930 aus dem öffentlichen Dienst ausgeschieden ist, lange bevor Bekenntnisse zur Herrschaft im Deutschen Reich nach 1933 allzu opportun hätten scheinen können.

    Schönreden muss mensch ihn aber auch nicht. Die Kioske Marke Buxbaum zum Beispiel waren furchtbar eng. In ihrer Betongestalt war es bestimmt entweder eiskalt oder brüllend heiß:

    Ein achteckiger Bau mit einer Ablage auf Bauhöhe.  Eine Seite wird von einer schmalen Tür eingenommen.  Der Durchmesser der Basis ist kaum zwei Meter.  Ein überstehendes, leicht konkav kegelförmiges Dach krönt den Bau.

    Abb. 4: Eigentlich nutzlos: Buxbaums Kiosk am Kantplatz in Darmstadt.

    Das ist sicher ein Grund, warum das Ding am Kantplatz seit langem leersteht und alle anderen Buxbaum-Kioske nur noch Bauschutt sind.

    Nicht nur aus dieser Perspektive ist es schon etwas schade, dass die Anlage nicht mehr Georg Fröbas Namen trägt. Andererseits ist der Fehler vielleicht, überhaupt Parks nach Menschen zu benennen. Wäre es nicht viel herzwärmender, den Park etwa Kaninchen-Anlage zu nennen? Aber klar: Als nächstes wird irgendwer allerlei an Kaninchen rumzumäkeln haben.

    [1]„nach der der christlichen Epoche“; vgl. dazu diese Fußnote.
    [2]Fein ist das Museum vor allem, weil Obernburg zu vielleicht 5% wirklich das „Pompeji am Main“ ist, von dem die TourismusmanagerInnen der Stadt träumen: Die Überreste der römischen Siedlung am Übergang vom Main zum Landlimes lagen für fast zwei Jahrtausende unter einer Art Erdrutsch ziemlich behütet und sind daher in für nordeuropäische Verhältnisse wirklich gutem Erhaltungszustand.
    [3]

    Zumindest aus heutiger Sicht schon ziemlich jenseits ist kaiserliches Freizeitvergnügen, das im Erschlagen anderer Menschen gipfelt. Von solchen Sitten Commodus' berichtet jedenfalls Cassius Dio, der es als Zeitgenosse immerhin wissen könnte, der allerdings als Adliger gewiss nicht neutral war. Hier ein Zitat von ihm, wie es in der Wikipedia wiedergegeben wird:

    Gerne kämpfte er als Gladiator, und zwar zu Hause bei sich und in einer Art und Weise, dass er ab und zu …
  • Skandalöse Plotholes: Loriot vs. Scrabble

    Wenn ich gerne mal eine Partie Scrabble spiele, mag das durchaus an Loriots Film Ödipussi aus dem Jahr 1988 liegen. Darin versucht eine ältere Dame („Tante Mechthild“) zunächst, mit dem Wort „Hundnase“ durchzukommen:

    Ein Scrabble-Brett mit einigen gelegten Wörtern, eine Hand vollendet gerade „Hundnase“

    Rechte: Warner Home Video (nehme ich an)

    Das führt natürlich zu einer der großartigen Debatten, ob es nun ein Wort gebe oder nicht und ob es von den jeweiligen Hausregeln her zulässig sei. Die Spielrunde zwingt Mechthild mit strengen Blicken und Kommentaren, das Wort zurückzunehmen. Sie darf es aber – das ist auch schon eine liberale Regelabweichung – nochmal probieren. Auf diese Weise entsteht der Klassiker „Schwanzhund“:

    Das gleiche Scrabble-Brett wie eben, nur vollendet die Hand jetzt „Schwanzhund“

    Rechte: Warner Home Video (nehme ich an)

    Ich weiß gar nicht, wie mir das bisher entgehen konnte, aber: Das ist sehr wahrscheinlich ein Plothole, ein Fehler im Drehbuch. „Schwanz“ sind ja sieben Buchstaben, also alle, die mensch beim Scrabble auf der Hand hat. Wie aber hat sie dann vorher „Nase“, also mit einem E, legen können?

    Es gibt eigentlich nur zwei Erklärungen[1]: Entweder ist Tante Mechthild tüddelig und hat versehentlich acht Steine auf der Hand gehabt (aber hätten ihre strengen MitspielerInnen sie das machen lassen?). Oder sie hat geschickt betrogen und das E gegen einen der Schwanz-Buchstaben ausgetauscht.

    Es mag schon sein, dass in diesem Twist eine subtile Botschaft von Loriot liegt, zumal Mechthilds Behauptung, das seien 57 Punkte, so auch nicht stimmt. Zwar ist richtig, dass mit den Buchstabenwerten des Filmspiels, dem Doppelwert des W und dem dreifachen Wortwert unter dem S 3 × 19 = 57 Punkte rauskommen, aber Mechthild bekommt eigentlich noch den Bonus fürs Ablegen aller Buchstaben und kommt also auf 107 Punkte – es sei denn, sie hat wirklich ein E behalten, weil sie acht Buchstaben auf der Hand hatte (vgl. oben).

    Aber dann passen die Buchstabenwerte nicht zu modernem Scrabble; jedenfalls in den (laut Wikipedia seit 1987) aktuellen deutschen Scrabble-Spielen gibt das C vier Punkte und das W drei Punkte. Ob das in alten Scrabbles anders war? Vielleicht gab es da auch noch keinen 50-Punkte-Bonus? Das gefilmte Spiel ist jedenfalls kein englisches Spiel (in dem die Buchstabenwerte natürlich ganz anders sind), erstens wegen der (deutschen) Beschriftung der Multiplikatorfelder, zweitens, weil es einen Ö-Stein gibt.

    Fragen über Fragen. Wer zur Aufklärung beitragen kann: gerne. Und guckt gar nicht erst: Bei IMDB ist das (noch) nicht kommentiert.

    [1]Dass die beiden Versuche in einem Zug passierten ist klar, weil sich am restlichen Brett nichts änderte. Theoretisch, das sei eingestanden, wäre denkbar, dass sie ihre Buchstaben in ihrem nächsten Zug ausgetauscht hat und ansonsten alle SpielerInnen über zwei Runden nur gepasst oder selbst ausgetauscht haben, aber das hat es wohl in der gesamten Geschichte des Scrabblespielens noch nicht gegeben.
  • Die BGE spielt Stadt-Land-Fluss

    Mein unergründlicher Stapel von heftoidem A4-Kram, den ich mal lesen sollte, hat heute Einblicke Nummer 10 hervorgespült, die ein Jahr alte Ausgabe des Magazins der Bundesgesellschaft für Endlagerung. Darin fand ich, nicht ganz so angeordnet, diese Illustrationen:

    Drei Dioramen, Stadt, Land und Wasser, jeweils mit darunterliegenden Atommülllagern.

    Rechte bei der BGE

    Mich hat diese Sorte Kunst sofort und direkt angesprochen. Schon die Darstellung des Atommülls: Da sieht mensch gleich, wie der Kram strahlt. Aber natürlich ist insbesondere die Komposition der Dioramen bemerkenswert. Es scheint, als hätte der_die Künstler_in sagen wollen: Stadt, Land, Fluss, ganz egal, wir buddeln überall unsere Höhlen und stellen ein paar Fässer Atommüll rein. Oben drüber merken es weder Banker noch Rinder noch Fische. Doch schon schlängeln sich lange Klüfte in unsere strahlenden Höhlen…

    Ich finde das anrührend und offen gestanden auch allzu verständlich angesichts des wahrscheinlich unlösbaren Problems der BGE. Ich gehe ziemlich hohe Wetten ein, dass sich nach dem Fiasko von Gorleben in der BRD kein Standort für ein Endlager für den hochradioaktiven Müll finden wird, an dem die Polizei Bau und Befüllung nicht paramilitärisch (also wie beim Zwischenlager in Gorleben) wird durchprügeln müssen; doch genau diese Gewaltorgien soll die BGE verhindern. Da dürfte der Gedanke, einfach überall heimlich ein paar Fässchen zu verbuddeln, wie eine schöne Utopie wirken.

    Bei diesem Thema möchte ich noch eben die erste Hälfte von Neal Stephensons Roman „Anathem“ empfehlen. Ich spoilere wahrscheinlich nicht zu viel, wenn ich verrate, dass darin eine ganz besondere und aus meiner Sicht auch realistische Lösung für das Problem der BGE vorschlagen wird. Nebenbei entwirft das Buch eine Welt, wie sie sein könnte, wenn seinerzeit pragmatische PythagoräerInnen das Rennen im römischen Reich gemacht hätten statt Stoiker, Mithras-Anhänger und schließlich ChristInnen.

    Aber spart euch die zweite Hälfte vom Buch. Soweit es mich betrifft, hätte die Handlung das Kloster nie verlassen sollen. Keine Apert für Anathem!

  • Filmtipp: Z

    Filmstill: Französischer Text vor Fernschreiber

    Spoiler: Am Schluss des verbietet das Militär all diese Dinge: Die Beatles und Beckett ebenso wie „Gorki (und alle Russen)“ und „die Friedensbewegung“. Rechte: Valoria Films und andere.

    Als diverse Innenminister neulich verkündeten, den Buchstaben Z jenen verbieten zu wollen, die die falsche Geschmacksrichtung des Patriotismus bevorzugen, ging im Fediverse der Film Z – Anatomie eines politischen Mordes herum. Nun muss ich sagen, dass Patriotismus jeder Geschmacksrichtung mein entschlossenes Eintreten für die Redefreiheit schon etwas herausfordert, um so mehr, wenn er sich auf kriegsführende Parteien bezieht. Andererseits ist der Gedanke, Buchstaben in Abhängigkeit der Gesinnung der Schreibenden verbieten zu wollen, schon besonders wüst, und drum bin ich dem Filmtipp gefolgt (via dem youtube-Anonymisierer invidious).

    Und was soll ich sagen: Ich war hingerissen. Der Film entstand unter dem Eindruck der griechischen Militärregierung (1967-1974) im Wesentlichen unter exilgriechischen KünstlerInnen in Frankreich (die Musik etwa hat der kürzlich verstorbene Mikis Theodorakis beigesteuert), unterstützt von Großkulturellen wie Jorge Semprún und Superstars wie Yves Montand. Es ging – „Eventuelle Ähnlichkeiten zu wirklichen Ereignissen oder lebenden oder toten Personen sind nicht rein zufällig. Sie sind Absicht.“ – um die Genese einer offen autoritären Regierung im freien Westen, unter Beteiligung einer stramm autoritären Polizei, einer Stay-behind-Organisation und natürlich des Militärs.

    Und so wirkt nicht nur der abschließende Satz „Gleichzeitig verboten die Militärs […] den Buchstaben Z“ eigenartig prophetisch. Es gibt zum Beispiel bemerkenswerte Schnitte vom Bolschoi-Ballett für die Würdenträger gegen Einsätze von Prügelpolizei, die geradezu visionär die Bilder des G20-Gipfels von 2017 vorwegnehmen, als nämlich die Polizei rund ums Schanzenviertel und und die „rote Zone“ wasserwerferte, pfefferte und prügelte, während sich Putin, Trump, Xi, Temer, Macri, Peña Nieto, Zuma, Abe, Erdoğan, Juncker, Widodo und all die anderen „Verantwortungsträger“ in der Elbphilharmonie beschallen ließen.

    Auch der Kontrast zwischen äußerster Indifferenz der Polizei gegenüber rechter Gewalt und raschem Einsatz von „unmittelbarem Zwang“ gegen Linke kennt jedeR, der/die in der Vor-Lübcke-Bundesrepublik im weiteren Antifa-Umfeld unterwegs war (zugegeben hat der Lübcke-Mord da zumindest vorübergehend etwas bewegt). Die dauernden Behinderungen der Ermittlungsarbeit im Film durch Verfahrenshindernisse oder überraschend verscheidende ZeugInnen geben wiederum ein Bild ab, das stark an die NSU-Aufklärung (oder ihr Unterbleiben) erinnert. Ebenfalls vertraut sind die rechten Netzwerke in Polizei und Justiz (vgl. Hannibal und Uniter), die sich unter Schlagwörtern wie „Abendland“ (das A in Pegida) versammeln .

    Ich spoilere noch etwas mehr: Der unerschrockene, wenn auch vielleicht etwas schmierige Journalist, der viel zur Aufklärung der Geschehnisse beiträgt, bekommt am Ende „drei Jahre Gefängnis wegen Besitz offizieller Dokumente“. Das zumindest ist, verglichen mit unserer Realität, eher milde. Julian Assange sitzt bereits deutlich länger, und für Edward Snowden sieht es nach lebenslänglich Russland aus, was – nein, ich bin ganz gewiss kein Putin-Fan – zumindest noch im gleichen Stadion spielt wie equadorianische Botschaften und britische Knäste.

    Schließlich will ich noch ganz kurz den Gender-Aspekt einbringen: Während damals auf der autoritären Seite ausschließlich Männer zu sehen und vor allem zu hören sind, sprechen auf der liberalen Seite immerhin vereinzelnt auch Frauen, und zwar nicht nur als für oder über ihre Männer; zumindest insofern haben wir die Welt schon etwas geändert.

  • Joe Hills Asche und die bessere Zukunft

    „I dreamed I saw Joe Hill last night, alive as you and me“ – so fängt ein Klassiker des Arbeiterlieds an, der mich spätestens bei „And smiling with his eyes,/ says Joe, what they could never kill/ went on to organize“ immer sehr ergriffen hat, auch in seinen Aktualisierungen wie etwa I dreamed I saw Judi Bari last night von David Rovics.

    Was ich nicht wusste: In das Bewusstsein der (halbwegs) modernen Linken hat das Lied Joan Baez gebracht, als sie es beim Woodstock Festival aufführte. Trivia? Klar. Noch viel mehr davon habe ich gestern gehört, als der Deutschlandfunk-Freistil vom 12.12.2021 („Die Asche von Joe Hill”) in meinem asynchronen Radio drankam.

    Diese Sendung hätte ich offen gestanden als außerhalb der Grenzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegend eingeschätzt. Einerseits, weil es um grenzwertig kannibalistische Praktiken geht – allerdings stark grotesk-gutgelaunte (lest zumindest mal die Zusammenfassung). Das ist nicht anders zu erwarten, da Abbie Hoffman im Spiel ist, der schon mal als Angeklagter in Richterroben auflief, sich mit dem Stinkefinger vereidigen ließ und wesentlichen Anteil hatte, dass um ein Haar ein Schwein US-Präsidentschaftskandidat (statt des heute zu Recht vergessenen Hubert Humphrey) geworden wäre.

    Andererseits finde ich die Sendung doch recht DLF-mutig, weil sie am Ende schon nachgerade revolutionär wird. Schon die Beschreibung der blutigen Repression gegen die Wobblies in den USA bereitet auf klare Worte vor:

    Mit dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg erlebten die Wobblies eine brutale Verfolgung. Sie wurden als unpatriotisch gebrandmarkt [ich hoffe doch: zu Recht!], viele wurden verhaftet, einige gelyncht, manche verließen das Land.

    Dies ist natürlich auch eine Erinnerung daran, dass es schlicht keine größere Katastrophe gibt als Kriege und es wirklich Zeit wird, auch im Interesse des liberalen Rechtsstaats endlich Schluss zu machen mit all dem Militärquatsch.

    Vor allem aber schließt der Film mit der Sorte revolutionärem Optimismus, der mir in der derzeitigen radikalen Linken eigentlich fast überall fehlt. Ich mache ja die generelle Miesepetrigkeit, Coolness und Belehrsucht in unseren Kreisen schon etwas mitverantwortlich dafür, dass „konservative“ bis faschistische Gedanken in erstaunlich vielen Studihirnen (und, schlimmer noch, unter weniger Privilegierten) Raum greifen.

    Wie viel hoffnungsvoller klingt, womit Otis Gibbs die HörerInnen aus der Sendung entlässt (Übersetzung des DLF; das Original, wo ich es hören kann, scheint mir noch eine Spur ergreifender):

    Ich habe ein sehr gutes Gefühl, was die Zukunft angeht, und ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sehr gute Sachen in Amerika passieren. Jetzt lastet noch eine Dunkelheit auf uns allen, und ich spüre sie wie jedeR andere auch. Aber ich treffe auch Menschen, die einem Mut machen, und sie sind alle jung. Sie sind Idealisten. Wir müssen nur diese schreckliche Zeit, in der wir leben, überleben, bis die jungen Leute das Ruder übernehmen und die Welt zu einem viel besseren Ort machen.

    So ganz von selbst wird das wohl nicht gehen, aber es ist jedenfalls der viel bessere Ansatz als… na ja, wie ich gerade damit zu hadern, dass unser schnarchiger DGB beängstigend nahe dran ist an der One Big Union, die Joe Hill und die Wobblies mal im Sinn hatten. Jaja, ich hadere ja schon nicht mehr.

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