Joe Hills Asche und die bessere Zukunft

„I dreamed I saw Joe Hill last night, alive as you and me“ – so fängt ein Klassiker des Arbeiterlieds an, der mich spätestens bei „And smiling with his eyes,/ says Joe, what they could never kill/ went on to organize“ immer sehr ergriffen hat, auch in seinen Aktualisierungen wie etwa I dreamed I saw Judi Bari last night von David Rovics.

Was ich nicht wusste: In das Bewusstsein der (halbwegs) modernen Linken hat das Lied Joan Baez gebracht, als sie es beim Woodstock Festival aufführte. Trivia? Klar. Noch viel mehr davon habe ich gestern gehört, als der Deutschlandfunk-Freistil vom 12.12.2021 („Die Asche von Joe Hill”) in meinem asynchronen Radio drankam.

Diese Sendung hätte ich offen gestanden als außerhalb der Grenzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegend eingeschätzt. Einerseits, weil es um grenzwertig kannibalistische Praktiken geht – allerdings stark grotesk-gutgelaunte (lest zumindest mal die Zusammenfassung). Das ist nicht anders zu erwarten, da Abbie Hoffman im Spiel ist, der schon mal als Angeklagter in Richterroben auflief, sich mit dem Stinkefinger vereidigen ließ und wesentlichen Anteil hatte, dass um ein Haar ein Schwein US-Präsidentschaftskandidat (statt des heute zu Recht vergessenen Hubert Humphrey) geworden wäre.

Andererseits finde ich die Sendung doch recht DLF-mutig, weil sie am Ende schon nachgerade revolutionär wird. Schon die Beschreibung der blutigen Repression gegen die Wobblies in den USA bereitet auf klare Worte vor:

Mit dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg erlebten die Wobblies eine brutale Verfolgung. Sie wurden als unpatriotisch gebrandmarkt [ich hoffe doch: zu Recht!], viele wurden verhaftet, einige gelyncht, manche verließen das Land.

Dies ist natürlich auch eine Erinnerung daran, dass es schlicht keine größere Katastrophe gibt als Kriege und es wirklich Zeit wird, auch im Interesse des liberalen Rechtsstaats endlich Schluss zu machen mit all dem Militärquatsch.

Vor allem aber schließt der Film mit der Sorte revolutionärem Optimismus, der mir in der derzeitigen radikalen Linken eigentlich fast überall fehlt. Ich mache ja die generelle Miesepetrigkeit, Coolness und Belehrsucht in unseren Kreisen schon etwas mitverantwortlich dafür, dass „konservative“ bis faschistische Gedanken in erstaunlich vielen Studihirnen (und, schlimmer noch, unter weniger Privilegierten) Raum greifen.

Wie viel hoffnungsvoller klingt, womit Otis Gibbs die HörerInnen aus der Sendung entlässt (Übersetzung des DLF; das Original, wo ich es hören kann, scheint mir noch eine Spur ergreifender):

Ich habe ein sehr gutes Gefühl, was die Zukunft angeht, und ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sehr gute Sachen in Amerika passieren. Jetzt lastet noch eine Dunkelheit auf uns allen, und ich spüre sie wie jedeR andere auch. Aber ich treffe auch Menschen, die einem Mut machen, und sie sind alle jung. Sie sind Idealisten. Wir müssen nur diese schreckliche Zeit, in der wir leben, überleben, bis die jungen Leute das Ruder übernehmen und die Welt zu einem viel besseren Ort machen.

So ganz von selbst wird das wohl nicht gehen, aber es ist jedenfalls der viel bessere Ansatz als… na ja, wie ich gerade damit zu hadern, dass unser schnarchiger DGB beängstigend nahe dran ist an der One Big Union, die Joe Hill und die Wobblies mal im Sinn hatten. Jaja, ich hadere ja schon nicht mehr.

Zitiert in: Relevante Personalien

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