Sport ist rechts

Die titelgebende These wirkt in dieser knappen und etwas apodiktischen Form vermutlich etwas steil, zumal blütenreine Linke wie Klaus Theweleit Fußballfieber gestehen und weniger prominente, aber nicht minder glaubhafte Linksradikale als Ultras hingebungsvoll Fahnen schwingen. Zwischen den sportlichen Großevents des Jahres – Männerfußball in Europa und Südamerika sowie die Olympiade – möchte ich dennoch gerne für sie argumentieren, engelszünglend eintretend für jedenfalls ein wenig ironische Distanz zu Leistungshunger und Hymnenkult.

Zu meiner Untersuchung der These braucht es eigentlich nur eine Arbeitsdefinition von „links“ oder „fortschrittlich“. Spätestens seit der französischen Revolution hat sich da „den Grundwerten Freiheit, Gleichheit und Solidarität[1] zu gleichen Teilen verpflichtet“ bewährt. Vorsorglich: Natürlich gibt es vieles, das diese Grundwerte fast gar nicht berührt. Die Entscheidung zwischen Musik von Richard oder einem der Johann Sträuße zum Beispiel, oder die zwischen Toast- und Vollkornbrot. Das ist dann „unpolitisch“, jedenfalls, solange mensch nicht allzu tief bohrt.

„Sport“ allerdings – im durch Sportfernsehen und -vereine bestimmten Sinn – kollidiert recht fundamental mit jedem einzelnen Grundwert. Das erklärt auch zwanglos, warum SportfunktionärInnen ziemlich durchweg rechts denken (Ausnahmen wie die Crew St. Pauli bestätigen die Regel eben durch ihre Exotik) und auch entsprechend organisiert sind. Mein Lieblingsbeispiel dafür bleibt Gerhard Mayer-Vorfelder, zu verschiedenen Zeiten seines Lebens DFB-Chef und persönlicher Referent des Nazirichters Filbinger.

Gegen Freiheit

Der erste Gedanke bei Sport vs. Freiheit könnten die vielen barocken Regeln der meisten Sportarten sein. Um mal eine Maßstäbe setzende Norm zu erwähnen: bis 2012 durften Frauen nur in Bikins mit auf ein paar Zentimeter begrenzter Breite des Beinstegs Beachvolleyball spielen (kein Scheiß). Aber nein, solange Menschen sich freiwillig auf Regeln einigen, wäre daran wenig zu kritisieren. Wo Menschen gezwungen werden, Sport zu treiben und die Regeln deshalb keine Gegenstände von Aushandlung mehr sind, ist das Problem nicht im Sport, sondern in den externen Zwangssystemen.

Nein, wer über Freiheit und Sport nachdenken will, möge ans Heidelberger Neckarufer kommen, wenn gerade Rudertraining ist: Der Kasernenhofton der TrainerInnen lässt keinen Raum für Zweifel[2]. Das ist am Fußballplatz nicht anders als in der Gymnastikhalle oder im Schwimmbad: Der Ton ist immer der von Befehl und Gehorsam. Bei Mannschaftssportarten kommen auch mal zusätzliche Befehlsebenen hinzu, Kapitäne im Fußball etwa, die Gehorsam erwarten und im Zweifel durchsetzen müssen, wenn sie ihren Job behalten wollen.

Der militärische Drill skaliert zu den bedrückenden Masseninzenierungen sich synchron bewegender TurnerInnen bei Feierlichkeiten autoritärer Regimes zwischen IOK und SED. Das hat, a propos Turnen, Methode; Turnvater Jahn war glühender Patriot und Militarist und verstand seine Turnerei durchaus als paramilitärisches Training mit dem Ziel der Ablösung der ja noch halbwegs fortschrittlichen Potentaten von Napoleons Gnaden durch – nun, de facto jedenfalls die erzreaktionären Regierungen des Vormärz.

Gehorsam und Schleiferei als Antithesen zur Freiheit sind im Sport kein Einzelfall. Sie sind von Anfang an dabei und prägen das Geschehen um so mehr, je mehr etwas Sport (und nicht vielleicht Spiel, Spazierengehen, Wohinfahren, Beetumstechen, Staubwischen) ist.

Gegen Gleicheit

Zum Gegensatz von Sport und Gleichheit ist zunächst wegen Offensichtlichkeit nicht viel zu sagen: in praktisch jeder Sportart geht es darum, wer der/die „BessereN“ sind. Tatsächlich könnte der Wettkampf geradezu als Definition von Sport gelten: Es ist nicht sehr übertrieben, die Grenze zwischen auf Schlittschuhenlaufen (kein Sport) und Eiskunstlauf (Sport) dort zu ziehen, wo RichterInnen mit ihren Zahlentäfelchen auftauchen und jedenfalls letztendliche AdressatInnen der Handlungen auf dem Eis sind.

Wettbewerb charakterisiert Sport auch dann, wenn das private „Sport machen“ – joggen gehen, vielleicht auch mal in die Muckibude – davon eingestandenermaßen nur peripher betroffen sein mag. Selbst dabei scheint die Motivation allerdings oft genug in der Besserstellung in diversen Konkurrenzsituationen (im Zweifel bei der Brautwerbung) zu liegen.

Sport als Verpackung für Wettbewerb hat übrigens Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft, beispielsweise wenn das positive Image von Sport über schräge Metaphern regelmäßig ansonsten offensichtlich schädliche Politiken („Exportweltmeister“ ist vielleicht das furchtbarste Beispiel) rechtfertigt.

Die Übersteigerung von Ungleichheit ist der Heldenmythos, bei dem ein einzelner (meist) Mann alle anderen hinter sich lässt und breiteste Bewunderung erfährt. Selbst in China bin ich schon auf Franz Beckenbauer angesprochen wurden, und selbst wenn die Beatles nicht beliebter als Jesus sein sollten, Diego Maradona ist es garantiert. Diese Malaise des Sportbetriebs zumindest haben die ArbeitersportlerInnen während der Weimarer Republik erkannt. Diese betrieben damals im Fußballbereich eine breite alternative Liga gegen den bereits gewohnt rechtslastigen DFB und bemühten sich in der Berichterstattung um mehr Gleichheit:

man lehnte den „Starkult“ ab, verweigerte „Rekordjagden“, wollte keine „Kanonenzuchtanstalt“ sein. Deshalb wurden viele Jahre gar keine Spielernamen veröffentlicht. In der Presse nannte man stattdessen z. B. „den Rechtsaußen“ oder „den Mittelstürmer“.

Zu August Postler auf arbeitersport.de

Empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang die SWR2 Wissen-Sendung vom 29.6.2012, aus der ich von der Existenz der Arbeiterfußball-Liga und ihren journalistischen Mindeststandards erfahren habe.

All das hatte mit der Machtübergabe an die Nazis ein Ende, zumal sich der DFB bereitwillig gleichschaltete, wenn er schon 1933 erklärte:

Wir haben mit den ganzen Sozialdemokraten und Kommunisten nichts zu tun und wir sorgen auch dafür, dass weder Juden noch Arbeiter-, ehemalige Arbeitersportler bei uns im Verband offiziell Mitglied werden.

DLF vom 27.10.2018

Dem Vorbild des Arbeitersports zu folgen wäre, so schlage ich engelszüngelnd vor, schon mal ein erster Schritt zur Entpolitisierung des Sports: Keine Namen, keine Nationen. Wer sich erinnert, wie Boris Becker quasi im Alleingang die Tennisclubs der Republik gerettet hat, mag sich fragen, wie viel „Breitensport“ ohne nationalen Enthusiasmus eigentlich übrig bleiben würde. Und was davon. Das dürfte dann der unpolitische Teil sein.

Gegen Solidarität

Was „Solidarität“ angeht, kann ich mir speziell von meinen Ultra-FreundInnen den empörten Einwand vorstellen: „Aber du hast ja gar keine Ahnung, wie toll der Zusammenhalt bei uns ist. Solidarischer gehts gar nicht.“

Nun ja. In Abwandlung des Luxemburg-Klassikers ist dazu zunächst festzustellen, dass Solidarität immer die mit den anderen ist, also nicht mit den Leuten der eigenen Gruppe und schon gar nicht denen der eigenen „Nation“. Und dass Solidarität auf jeden Fall mal kritisch ist – Solidarität mit, sagen wir, Bahnchefs heißt eben nicht, bedingungslos zu rechtfertigen, was diese so tun, sondern zu kritisieren, wie sie, neben vieler anderer Menschenfresserei, Leute in hinter Autotüren treiben. Das also, was Fangruppen zusammenhält, ist keine Solidarität, es ist Abgrenzung, es ist Gruppenidentität, also das, was so gut wie alle Massenverbrechen der Geschichte – Kriege, Pogrome, Unterdrückung – erst ermöglicht hat (vgl. in diesem Zusammenhang das Minimalgruppenparadigma).

Solidarität ist genau das Gegenteil von der Bildung von Untergruppen, die sich zu be(wett)kämpfen haben, und sei es über die Ausdeutung von StellvertreterInnen wie in der Leichtathletik. Wer anfängt, Mannschaften zu bilden, wer anfängt, für, was weiß ich, Angelique Kerber zu fiebern, weil sie ja „zu uns“ gehört, hat angefangen, sich aus der Solidarität mit den „anderen“ zu verabschieden statt, wie es Gebot der Solidarität ist, weniger Othering (ist das noch ein populärer Begriff?) zu betreiben.

Und nun?

Nach all dem verwundert wohl nicht, dass sich so gut wie alle rechten Ideologeme recht direkt im Sport wiederfinden, von Nationalismus (die Hymnendebatten scheinen ja mal wirklich aus einem anderen Jahrhundert zu kommen) über Homophobie (eine kommerzielle Fußballseite dazu) bis Sexismus (selbst wenn mensch an zwei Geschlechter und das Wundermittel Testosteron glaubt, kann wohl niemand die Geschlechtertrennung beim Schießen plausibel machen).

Heißt das, dass Linke besser nicht joggen sollten? Am besten jede Anstrengung meiden? Nö, sicher nicht. Es geht hier nicht um Fleißpunkte oder moralische Reinheit. Wer mag, darf ja auch an James Bond-Streifen Spaß haben, die vergleichbar viele rechte Ideologeme bedienen. Zumindest aber im Kopf sollte mensch schon haben, dass Sportkonsum schlüpfriger Boden ist – nicht umsonst fanden die ersten größeren Angriffe auf Geflüchtete in der „neuen“ BRD nach dem Endspiel der Männerfußball-WM 1990 statt.

Wer selbst läuft oder tritt, ist vielleicht in geringerer Gefahr. Aber dennoch: im Hinblick auf die Welt nach uns wärs schon besser, die Alltagswege mit dem Fahrrad zurückzulegen und das Gemüsebeet zu hacken als mit dem Auto in den Wald oder die Muckibude zu fahren.

Klar, die soziale Symbolik dabei muss mensch aushalten wollen: „Ist der so arm, dass er kein Auto hat?“ Dazu will ich abschließend kurz auf den Ursprung unseres modernen Sportbegriffs eingehen, soweit ich ihn überblicke. Die gehobenen britischen Kreise im 18. Jahrhundert nämlich kamen wohl zur Einsicht, es gehe nicht so ganz ohne Bewegung und Anstrengung. „Nützliche“ Bewegung, körperliche Arbeit zumal, würde aber den Verdacht erregen, mensch habe es nötig, sei also nicht wirtschaftlich erfolgreich, mit anderen Worten: arm.

Sport wäre dann schon im Ursprung die Demonstration von Wohlstand, wichtiger: Nicht-Armut. Ich muss nicht körperlich arbeiten, ich habe immer noch genug Zeit, mich sinnlos auszutoben, aber auch die Disziplin, mich dabei klaren Regeln zu unterwerfen, und ich habe obendrein das Geld für die tollen Accessoires, die es für Sport X braucht. Wenn ich vor allem am Wochenende durch die Berge hier radele und die Ausrüstung vieler anderer RadlerInnen ansehe, gewinnt diese These massiv an Plausibilität, bis hin zu den Fahrrädern, die oft demonstrativ alltagsuntauglich sind. Die Nachricht scheint zu sein: „Ich habe natürlich wie jeder anständige Mensch ein Auto, dieses Ding hier ist für mich nur Sportgerät.“

Die damit verbundene zusätzliche Warenproduktion schadet dann aber schon, der Natur wie auch der armen Tröpfen, die die Wurstpellen der SonntagsradlerInnen in immer wieder einstürzenden Bruchbuden und brütender Hitze zusammennähen müssen. Zumindest hier wärs also wahrscheinlich schon nett, statt „Sport zu machen“ einfach nur ein wenig rumzufahren oder eine Wiese zu sensen, auch auf die Gefahr hin, dabei ein wenig arm auszusehen.

[1]Ok, die Solidarität ist jetzt eher frei aus der Fraternité übersetzt, aber ich bin sicher, dass die leichte Korrektur blinder Flecken auf Seiten der Brüderlichkeits-Erfinder im Sinne ihrer fortschrittlicheren Teile ist.
[2]Abgesehen vielleicht von jener Kinder-Trainerin, für die der Verein offenbar kein Boot hatte und die deshalb mit dem Fahrrad neben den Booten ihrer Schützlinge auf der Neckarwiese daherhoppeln musste. Das war vom Gesamtkunstwerk her erfreulich unautoritär.

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