Nachdem ich hier schon zwei andere Patzer in Live-Übertragungen
diskutiert habe, wird es klar Zeit für ein neues Tag: Live. Ich habe
nämlich noch eine schöne und motivierende Reaktion auf technische
Probleme in einer Live-Sendung [kommt es nur mir vor, als würde deren
Rate zunehmen? Das wäre dann wohl Beleg für Digitalisierung…].
Wieder sind es vor allem Erinnerungen an eigene Telecons, die mir
Volkart Wildermuths Ausbruch in der Forschung aktuell-Sendung vom
19.11.2021 (Kudos an den DLF, dass sie die Panne nicht aus der
Archiv-Sendung rausgeschnitten haben) so sympathisch machen:
—Rechte beim Deutschlandfunk
Der Seufzer bei Sekunde 27! Ich erkenne mich so wieder. Genau mein
Geräusch, wenn der doofe Chromium (wer ist eigentlich auf die
hirnrissige Idee gekommen, ausgerechnet in Webbrowsern Telecons zu
halten?) wieder genau das Alsa-Audiodevice nicht findet, über das ich
sprechen will.
„Mann! Dann ruft mich an.“ Absolut ich. Bis in den Tonfall.
„Das glaub ich jetzt nicht.“ Wie oft habe ich das schon gesagt speziell
seit Corona, etwa, wenn der fiese closed-source zoom-Client (immerhin
kein Web-Browser!) genau das xephyr-Fenster nicht zum Screenshare
anbietet, in dem ich den Kram zeigen wollte (stattdessen aber alle
Fenster von Dockapps, die er jetzt wirklich anhand ihrer Properties
hätte rausfiltern können)? Das ganze Elend mistiger und unfixbarer
proprietärer Software, der Horror von Javascript-Salat, zu deren Nutzung
mich die Technikfeindlichkeit (im Sinne von: ich nehme halt das
Bequemste und Vorgekochteste, was es nur gibt) meiner doch angeblich so
digitalisierungslustigen Umwelt so nötigt: „Ach, Mann, das glaub ich
jetzt nicht.“
Abgesehen von der Panne fand ich in der Sendung übrigens speziell das
das Segment über Flussblindheit wirklich hörenswert: Ich muss
gestehen, dass ich diese komplett vermeidbare Dauerkatastrophe
zwischenzeitlich verdrängt hatte. Noch so ein Ding, bei dem in hundert
Jahren zurückblickende Menschen den Kopf schütteln werden: Wie konnten
die eine so einfach behandelbare Krankheit so viele Opfer fordern
lassen? Während sie, um nur ein besonders bizarres Beispiel zu nennen,
gleichzeitig mit unfassbarem Aufwand High Frequency Trading gespielt
haben?
Ich bin kein besonderer Freund von Pro/Contra-Formaten wie der
Streitkultur am Deutschlandfunk. Warum? Nun, ich denke, die dabei
diskutierbaren Fragen lassen sich in drei Gruppen einteilen:
Es gibt keine klare Antwort, und mensch muss sich auch nicht einigen.
Beispiel: „Ist die Musik von Richard oder einem der Johann Strauße
besser oder die von den Rolling Stones?“ – natürlich braucht das nur
unter der Annahme keine Einigung, dass die Beteiligten sich
aktustisch aus dem Weg gehen können; aber können sie das nicht,
sollte vielleicht das repariert werden.
Es gibt keine klare Antwort, und mensch muss sich irgendwie einigen,
z.B. „Wollen wir hier im Flur noch ein Regal aufstellen?“ Das
braucht eine Einigung unter der Annahme, dass die Beteiligten sich
den Flur teilen, und es ist nicht klar entscheidbar unter der
Annahme, dass der Flur auch mit Regal noch grob benutzbar bleibt.
Es gibt eine ethisch oder sachlich klar gebotene Antwort, und es ist
allenfalls statthaft, noch nachzusehen, wie viel Bequemlichkeit
mensch sich gegen das gebotene Verhalten rausnehmen kann („können
wir nicht 22 Grad machen in der Wohnung?“; „kann ich mir eine
Flasche Kokos-Ananas-Saft kaufen?“).
Beim ersten und dritten Typ hat so ein Pro/Contra-Format keinen Sinn; im
ersten Fall ist der Streit Zeitverschwendung, weil weder Notwendigkeit
noch Möglichkeit einer Einigung besteht. Im dritten Fall hingegen muss
mindestens ein Part in der Diskussion entweder ethischen Bankrott oder
Realitätsverweigerung erklären, wenn die ganze Veranstaltung nicht eine
rhetorische Übung werden soll[1] (was mithin fast notwendig
passiert).
Nur bei Fragen vom Typ 2 hat so ein Format eigentlich Sinn. Es ist aber
gar einfach, nichttriviale Beispiele für solche Fragen zu finden. Die
in der Streitkultur vom 13.11. debattierte war jedenfalls nicht von
diesem Typ: „Brauchen wir ein Einwanderungsrecht nach kanadischem
Vorbild?“ Ethisch ist völlig klar, dass es nicht angeht, Menschen nach
ihrer Herkunft zu sortieren, und so wäre das kanadische Modell
vielleicht schon ein wenig besser als das, was wir jetzt haben, aber
immer noch ein Tiefschlag gegen Ethik und Menschenrecht.
Natürlich wurde das in der Sendung nicht so analysiert. Wie auch, wenn
sich ein „Migrationsforscher“ (Dietrich Thränhardt, der immerhin schon
seit den 1980er Jahren das „Gastarbeiter“-Narrativ bekämpft hat) mit
einem VWL-Prof aus dem FDP-Sumpf (Karl-Heinz Paqué) herumschlagen muss.
Dennoch fand ich die Sendung bemerkenswert, und zwar aus drei Gründen.
Erstens gab es mal wieder so einen Dickens-Moment, also eine Aussage,
mit der ganz analog die Reichen in der Zeit von Charles Dickens das
katastrophale Elend gleich nebenan wegignorieren konnten. Wer sich
fragt, wie Verhältnisse aus Oliver Twist (oder meinethalben dem kleinen
Lord; Weihnachten steht ja vor der Tür) und weit Schlimmeres für die
Menschen damals ertragbar waren: Nun, wir haben ganz ähnliche
Verhältnisse immer noch, nur eben nicht mehr zwischen dem Manor House
und der Taglöhnersiedlung, sondern zwischen globalem Norden und Süden.
Und Paqué ist völlig klar, dass „wir“ diese schockierende Ungleichheit
mit Gewalt aufrechterhalten und vertritt nonchalant, dass die Ausübung
dieser Gewalt unser Recht, ja unsere Pflicht ist (ab Minute 9:12):
Die Freizügigkeit innerhalb Europas kann man nicht mit einer globalen
Freizügigkeit vergleichen. Wir haben hier eine gänzlich andere
Situation, wie wir übrigens auch bei dem Migrationsstrom im
Zusammenhang mit unserem Asylrecht sehen, das man natürlich ganz
scharf von einem Zuwanderungspunktesystem unterscheiden muss. [...]
Das ist nicht auf die Welt übertragbar. Hier muss man eine Auswahl
treffen [... Minute 13:30] Bis wir diesen Punkt erreichen, eines
globalen Arbeitsmarkts, den ich mir natürlich auch wünschen würde, als
Liberaler, werden noch einige Jahrzehnte vergehen, da brauchen Sie
eine Übergangslösung.
Was ist der Unterschied zwischen Europa und der Welt? Nun, woanders
sind die Leute noch schlimmer dran als in Rumänien oder Polen. Das
damit verbundene Elend hat Paqué ganz offenbar völlig wegabstrahiert,
als einen quasi naturgesetzlich „noch einige Jahrzehnte“ fortbestehenden
Sachzwang. Genau so muss das die viktorianische Gentry auch gedacht
haben, als sie die Kinder ihrer ArbeiterInnen zu 14-Stunden-Schichten
in die Minen einfahren ließen.
Immerhin, und das ist mein zweiter Punkt, hat Paqué eine realistische
Selbsteinschätzung (Minute 14:05).
Ich wäre als habilitierter Volkswirt völlig ungeeignet, um eine
technische Aufgabe in einem Unternehmen zu lösen.
Wenn das die anderen Volks- und Betriebswirte auch einsehen und aufhören
würden, die Leute zu „managen“, die nachher die „technischen Aufgaben“
erledigen: Das wäre ein klarer Fortschritt.
Und schließlich verriet Paqué, in welcher Zeit er sich sieht:
Deutschland war zwar immer faktisch zu einem relativ hohen Grad ein
Einwanderungsland, auch schon am Ende des letzten Jahrhunderts, im
wilhelminischen Boom…
Der „wilhelminische Boom“ heißt unter Nichtvolkswirten „Gründerzeit“.
Beide Bezeichnungen sind etwa gleich dämlich, um so mehr angesichts des
oben für die entsprechende Epoche in England diskutierten
himmelschreienden Massenelends. Großzügig gerechnet geht es um ein paar
Jahre um 1870 herum. Der Boom war, das nur nebenbei, schnell vorbei und
mündete in rund zwanzig Jahre Krise.
Diese Zeit noch im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends als
„letztes Jahrhundert“ zu bezeichnen: Nun, das passt gut zu jemand, der
erkennbar immer noch Marktwirtschaft pfundig findet und möglicherweise
sogar die ökonomischen Rezepte von damals für im Prinzip richtig, aber
schlecht umgesetzt hält.
Damit will ich nicht gesagt haben, eine gemeinsame Klärung der
Verhältnisse und Verhältnismäßigkeiten sei nicht sinnvoll. Das wären
dann Fragen wie: was müssen wir noch rauskriegen, um eine verlässliche
Antwort zu finden? Wie viel subjektiven Gewinn habe ich von einer
Verletzung der physisch („Newton war ein Schwätzer: 10 m über dem
Boden hört die Gravitation auf”) oder ethisch („Bei den Temperaturen
setz ich mich nicht aufs Fahrrad.“) gebotenen Antwort? Aber genau
dieser zweifellos sinnvolle Diskurs findet in Pro/Contra-Formaten
konzeptionell und in aller Regel auch real nicht statt.
Die SARS-2-Pandemie ist historisch: relative Änderungen der
Lebenserwartungen nach Jahren für Männer, soweit
doi:10.1016/S2214-109X(21)00386-7 brauchbare Daten hatte. In Blau
ist die Veränderung 2020 (also vor allem durch SARS-2) markiert. Es
lohnt sich, die Abbildung detailliert in einem eigenen Browserfenster
anzusehen: Von den demographischen Folgen des Zusammenbruchs der alten
Ordnung in vielen Ex-Ostblockstaaten über die Spanische Grippe und die
verschiedenen Kriege bis hin zum Rauschen der kleinen Zahlen in
Island ist viel zu entdecken. CC-BY Aburto et al.
In den Informationen am Morgen im Deutschlandfunk hat der Moderator
Rainer Brandes heute berichtet, dass die deutsche Regierung nun
Einreisesperren für Menschen aus dem südlichen Afrika verhängt hat und
fuhr fort mit dem Satz: „Das trifft die Menschen dort natürlich hart“.
Wenn das ein Versuch von Empathie war, ist der ziemlich misslungen.
Einerseits, weil „die Menschen“ in der Region im Schnitt sicher nicht
gerade jetzt (es ist eiskalt!) dringend in die BRD wollen. Tatsächlich
wäre ich überrascht, wenn das Land als Reise- oder Fluchtdestination
überhaupt schon in vielen Köpfen aufgetaucht wäre, schon aus
Sprachgründen.
Weiter geht aus der Übersicht zur Visumspflicht des Auswärtigen
Amts hervor, dass die BewohnerInnen aller Staaten des südlichen Afrikas
(Südafrika/Azania, Eswatini, Lesotho, Simbabwe, Botsuana, Angola,
Mosambik und sogar die unseres alten Schlachtfeldes Namibia) ohne Visum
nicht reinkommen. Wie groß sind wohl die Chancen eines
Durchschnittsmenschen aus, sagen wir, Namibia ohne bereits bestehende
Kontakte hierher, so ein Visum zu bekommen?
Der wirklich wesentliche Punkt in Sachen Empathie ist aber: Für fast
die gesamte EinwohnerInnenschaft des südlichen Afrika stellt sich die
Visafrage nicht, und auch nicht die coronabedingter Reisebeschränkungen:
Die Leute sind schlicht zu arm, und bevor sie darüber nachdenken, wo sie
nächste Woche hinfliegen könnten[1], müssen sie erstmal
klarkriegen, was sie morgen zu beißen haben.
Angesichts der oft wirklich schreienden Armut in der weiteren Region
(und auch unserer eigenen Visapolitiken) ausgerechnet die coronabedinge
Einreisesperre in die BRD als „hart“ zu bezeichnen – nun, das ist
entweder verwegen oder ignorant.
Etwas Ähnliches ist mir neulich beim Hören eines Interviews mit Arne
Kroidl vom Tropeninstitut der
GSU
LMU München zu einer Corona-Seroprävalenzstudie in Äthiopien durch den
Kopf gegangen. Hintergrund ist das Paper
doi:10.1016/S2214-109X(21)00386-7, in dem berichtet wird, dass es
zwischen August 2020 und und Februar 2021 im eher ländlich geprägten
Jimma Inzidenzen im Bereich von im Schnitt 1600/100000/Woche gegeben
haben muss, in Addis Abeba sogar über 4500; was das für Inzidenzen
während der tatsächlichen Ausbrüche bedeutet, ist unschwer vorstellbar.
Das ist dort offenbar nicht besonders aufgefallen, es hat ein
Forschungsprojekt gebraucht, um es zu merken. In einer im Wesentlichen
völlig ungeimpften Bevölkerung.
Das ist kein Argument dafür, dass SARS-2 doch harmlos ist. Es ist ein
Symptom der Nonchalance, mit der „wir“ Verhältnisse hinnehmen, in denen
Menschen an einem Fleck recht normal finden, was woanders (zu recht) als
wirklich ganz schlimme Gesundheitskrise empfunden würde. Bei aller
Reserviertheit gegenüber Metriken und Zweifeln am Meldewesen: Laut CIA
World Factbook ist die Lebenserwartung in Äthiopien 68 Jahre. Die
Vergleichszahl für die BRD sind 81 Jahre.
Aburto et al, doi:10.1093/ije/dyab207, schätzen, dass Corona, wo es
wirklich schlimm durchgelaufen ist (Spanien, Belgien), etwa anderthalb
Jahre Lebenserwartung gekostet hat (in der BRD: ca. 6 Monate). Wie viel
schlimmer das ohne Lockdown geworden wäre, ist natürlich Spekulation,
aber da es gerade die besonders verwundbaren Bevölkerungsgruppen ohnehin
besonders schlimm erwischt hat, dürfte ein Faktor fünf zwischen dem
realen Verlauf und dem schlimmsten Szenario eine sehr plausible
Obergrenze geben, oder etwa eine um acht Jahre reduzierte
Lebenserwartung. Auch damit wäre die BRD immer noch fünf Jahre über den
offiziösen Zehlen in Äthiopien.
Was in dieser Metrik[2] hier im Land ein unvorstellbares Gemetzel
ist (denn fünf Mal Belgien wäre hier bundesweit Bergamo), ist dort
Normalzustand, und zwar zu guten Stücken aus völlig vermeidbaren
Gründen, wie beispielsweise unserer Völlerei; vgl. dazu How food and
water are driving a 21st-century African land grab aus dem Guardian
von 2010. Oder den IWF-Strukturanpassungsmaßnahmen, die, wo immer sie
zuschlugen, das öffentliche Gesundheitswesen ruinierten und die Menschen
Evangelikalen und anderen Hexendoktoren in die Arme trieben. Am
Beispiel Peru illustriert zwangen „wir“ mit unseren marktradikalen
Zivilreligion zwischen 1981 und 1990 die dortige Regierung zur Senkung
der Gesundheitsausgaben um 75%.
Verglichen mit solchen Totalabrissen sind unsere Gesundheitsreformen
kaum mehr als das Niederlegen einer Hälfte der Doppelgarage vor der
Villa. Dass „wir“ bei sowas dezent in die andere Richtung schauen, das
ist ein noch größeres Empathieversagen als das vom Anfang dieses Posts.
Nachtrag (2022-03-28)
Der Hintergrund Politik vom 11. März wirft weitere Blicke auf die
SARS-2-Situation in Afrika. In der Sendung berichtet Kondwani Jambo
beispielsweise, dass BlutspenderInnen in Malawi im Februar 2022 bereits
zu 80% SARS-2-positiv waren; auch in einem Land mit einem – laut Angaben
der Sendung – Durchschnittsalter von knapp 18 hätte eine derart hohe
Welle eigentlich stark auffallen müssen. Die Vermutung,
Kreuzimmunitäten mit lokal verbreiteten anderen Coronavieren könnten
geholfen haben, findet Jambo nicht bestätigt. Seine in der Sendung
unverbindlich angebotene Erklärung über „schnellere“ Monozyten in Malawi
gegenüber einer britischen Vergleichsgruppe finde ich allerdings spontan
auch nicht allzu überzeugend.
Wie immer sollte die Metrik nicht überbewertet werden;
metriktheoretisch lesenswert ist in diesem Zusammenhang das
Methoden-Kapitel der Aburto-Arbeit. Mensch sollte insbesondere klar
haben, dass sich ein Tod weniger junger Menschen in der
Lebenserwartung bei Geburt nicht von einem Tod vieler alter Menschen
(wie bei SARS-2, wo der Verlust von Lebenserwartung bei Männern bei
Aburto et al fast überall durch Tode in der Altersgruppe 60-79
dominiert ist) unterscheiden lässt. Mensch muss nicht Boris Palmer
sein, um zwischen diesen Situationen unterscheiden zu wollen. Aber
schon meine Erfahrungen mit Notaufnahmen in den USA (näher bin ich,
eingestandenermaßen, Krankenhäusern im globalen Süden nie gekommen)
sagen mir, dass die Lebenserwartungs-Zahlen eben doch oft sehr konkrete
Not beim Zugang zu medizinischer Versorgung spiegeln.
Nun: Ich würde XLS deutlich weniger trauen als der Autor dieser
Grafik, Randall Munroe. Argumente dafür folgen unten. CC-BY-NC
XKCD.
Erstens gab es ein Interview mit Regina Riphan von der Uni Erlangen
(nun: sie ist an deren WISO-Fakultät, sitzt also in Wirklichkeit in
Nürnberg), in dem sie zur Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch
die Politik ab Minute 2:20 berichtet,
dass die wissenschaftlichen Analysen am häufigsten verwendet werden,
wenn sie thematisch und redaktionell aufbereitet sind
und dann weiter ab 3:35:
damit die Nutzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen steigen kann,
müssen die Texte gut verständlich sein und kurz zusammengefasst sein.
Übersetzt: Wissenschaft bitte nur in Powerpoint. Eine Implikation
dieser Erwartung zeigt der XKCD oben.
Allein: Wenn etwas eindeutig ist, leicht konsumierbar runtergekocht und
kurz zusammengefasst werden kann, ist es im besten Fall Lehrbuchwissen,
aber jedenfalls nicht mehr Wissenschaft.
Wissenschaft im Sinne von „was wir gerade erforschen” hat immer
Voraussetzungen, Fehlerbetrachtungen und Einschränkungen, ohne die die
Aussage nicht sinnvoll eingeordnet werden kann. Natürlich können auch
wissenschaftliche Aussagen schon mal auf einen Satz zusammenschnurren
(„Cygnus X-3 enthält ein schwarzes Loch von 17 Sonnenmassen.”), aber
der ist fast immer zu ergänzen mit einem „…wenn A, B und C so stimmen“.
Ohne solche Einschränkungen wird es meist mehr oder weniger falsch
(„…aber wenn das so wäre, könnten wir das nicht im Röntgen sehen, und
deshalb kann es gut sein, dass da stattdessen nicht mal ein weniger
exotisches schwarzes Loch ist.“).
Wer sich fragt, warum auch weit über den Umgang mit SARS-2 hinaus
politisches Handeln oft ziemlich plemplem wirkt, könnte hier die Antwort
finden. Wer Entscheidungen auf wissenschaftlicher Evidenz basieren will,
muss sich auf Wisschenschaft einlassen, und das bedeutet in aller Regel,
Papers zu lesen. Das dauert auch mit fachkundiger Erläuterung zumindest
im Bereich der Naturwissenschaften Stunden. Für ein erstes Verständnis.
Wer das nicht will, sollte vielleicht lieber nicht so viel entscheiden.
Oder jedenfalls nicht sagen, seine/ihre Politik sei irgendwie anders als
durch soziale Zwänge, Interessen, Fast Talk, Loyalität und Bauchgefühl
geleitet.
Dabei bleibt einzuräumen, dass ein großer Teil von Wissenschaft am Ende
schlicht gar nicht hinhaut – wenn es einfach wäre, bräuchte es keine
Forschung. Und gelegentlich ist Kram auch nicht nur falsch, weil er
sackschwierig ist. Eine erstaunlich irre Geschichte in dieser Abteilung
wird in einem zweiten Beitrag der Sendung erzählt: Da nutzen Leute
ernsthaft Excel für Wissenschaft, etwas, das mir selbst in der
Astronomie immer wieder mit fatalen Ergebnissen begegnet[1]. Wo
Leute über Genetik reden, hat das besonders lachhafte Folgen:
Der Name des Gens Septin 4, abgekürzt Sept4, wird automatisch in den
vierten September umgewandelt.
Das ist auch Mark Ziemann und KollegInnen von der Deakin University in
Melbourne aufgefallen, die daraufhin nachgesehen haben, wie groß das
Problem wohl in publizierten Arbeiten sein mag (PLOS Comput. Biol.
17(7), e1008984, doi:10.1371/journal.pcbi.1008984). Im DLF-Beitrag:
[Ziemann:] „Die Ergebnisse waren kurz gesagt viel schlechter als bei
unserer ersten Analyse 2016.“ [...] In fast jeder dritten Studie war
ein Gen-Name in ein Datum gewandelt worden. [... Ziemann:] „Zunächst
sollte Genomik nicht in eine Tabellenkalkulation aufgenommen werden.
Es ist viel besser, Software zu nehmen, die für umfangreiche
Datenanalysen geeignet ist.“
Dem Appell am Ende des Zitats kann ich mal mit ganzem Herzen zustimmen,
und zwar wie gesagt weit über das Feld der Genetik hinaus. Eine so
klare und offensichtlich wahre Aussage verlässt das Feld der
Wissenschaft. Ich kanonisiere sie hiermit zu Lehrbuchwissen.
Richtig schräg wird es, wenn Leute in Tabellenkalkulationen mit
vorzeichenbehafteten sexagesimalen Koordinaten wie -80° 14' 27"
rechnen. Klar, das sollten sie auch ohne Excel nicht tun, aber Leute,
die immer noch Excel verwenden, haben offensichtlich besonders große
Schwierigkeiten, sich von problematischen Traditionen zu lösen.
Einst die Residenz des Herrn Schmid, der nun die Ukraine[1] als
Zwischenlager ihm unwillkommener Menschen nutzen möchte: Das
Stuttgarter Schloss (CC-BY-SA Grossmummrich).
Wie ich neulich schon betonte, ist mir selbstverständlich klar, dass
im politischen Diskurs Attacken auf fragwürdige charakterliche oder physische
Eigenschaften von MachthaberInnen sowie Menschen, die es werden wollen,
als unfein gelten.
Andererseits gehen die guten Sitten™ offensichtlich auch ohne mich vor
die Hunde. Aktuelles Beispiel: Der „SPD-Außenpolitiker“
(Deutschlandfunk) Nils Schmidt hat gestern im DLF gefordert, die
Menschen, die gerade über Belarus in die EU fliehen, sollten doch in der
Ukraine quasi zwischengelagert (eingestanden: das ist nicht Schmids
Wort, aber doch nach Bedeutung und Stil das, was er sagt) werden, und
zwar im Wesentlichen aus Gründen des Prinzips.
Er hat sich so nicht nur an dem furchtbaren Diskurs beteiligt, die
Fliehenden seien irgendwie eine Waffe oder eine Bedrohung, sondern macht
auch die Ansage, er halte die Ukraine – ganz wie die russische
Regierung übrigens – für so eine Art Kolonie der EU, über die diese nach
ihrem Belieben verfügen kann. Und so fühle ich mich aufgerufen, an eine
Geschichte zu erinnern, bei der Schmid vor seiner Zeit als
„Außenpolitiker“ in meiner weiteren Umgebung unangenehm aufgefallen ist.
Bevor er nämlich „Außenpolitiker“ wurde, war er Finanzminister der
ersten Grün-Roten Regierung hier in Baden-Württemberg. Als solcher
residierte er im Stuttgarter Schloss. Wenn ihr dem Wikipedia-Link
folgt, lest ihr dort:
Seit dem Auszug des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Anfang
2012 ist es heute noch Sitz des Finanzministeriums [...]
Der Auszug des Kultusministeriums hat mit Schmid zu tun – seine
Amtszeit als Finanzminister begann 2011. Zumindest im Umfeld der
Verdrängten ging damals die Geschichte um, das Schloss sei zu CDU-Zeiten
zwar groß genug für zwei Ministerien gewesen, für Schmid, sein Ego und
das Kultusministerium reiche es aber nicht. Da die CDU-Ära
Kultusministerinnen wie Dr.Annette
Schavan und Finanzminister wie Gerhard Mayer-Vorfelder – beide
gewiss keine Kinder der Bescheidenheit – kannte,
fällt es nicht leicht, das zu glauben, aber es ist zweifellos plausibel,
dass Schmid nach seiner Wahlniederlage gegen die Grünen einiges zu
kompensieren hatte und sich das ganze Schloss sozusagen zum Trost gönnte.
Ja, das ist alles etwas ad hominem, aber wer im Namen von „Recht und
Ordnung“ austeilt wie Schmid in dem DLF-Interview, sollte auf Rückfragen
zur eigenen Charakterfestigkeit zumindest vorbereitet sein.
Bei alldem gestehe ich gerne, dass mich der Furor des Herrn Schmid
besonders befremdet, weil er gerade jetzt kommt. Lukaschenko ist sicher
neben vielem anderen vorzuwerfen, dass er viele Jahre lang in das
schmutzige Grenzregime der EU verstrickt war; im 2019er-Bericht zu
Abschiebungen aus der EU heißt es etwa zu Weißrussland:
A total of 18 Member States reported having approached the authorities
of Belarus for readmission matters [das ist hier Schurkensprache für
„Abschiebung“] related to its nationals in 2019.
All of them assessed the overall cooperation with Belarus in the
identification procedure as good or very good (except one which rated
it as average).
This is reflected in 13 Member States having a functioning established
routine [für Abschiebungen] with Belarus diplomatic missions, with
only one informing that it is not effective.
Gut: die da abgeschoben wurden, waren Menschen mit belarusischen Pässen,
aber auch die sollte mensch wohl nicht in ein Land abschieben, das im
öffentlichen Diskurs recht konsistent als „letzte Diktatur Europas“
gehandelt wurde (if only it were true). Jedenfalls nicht, wenn mensch
anschließend irgendwelche menschenrechtlichen Standards an andere
anlegen will.
Angesichts dieser Geschichte der Kollusion beim Grenzregime Lukaschenko
ausgerechnet dann Verfehlungen vorzuwerfen, wenn er sein Land erstmal
nicht mehr als extrabreite Grenzmauer der EU zur Verfügung stellt, das
lässt tief blicken im Hinblick auf die Umsetzung eines Ziels, das in der
DLF-Presseschau vom 10.12. mit wirklich schockierender Ehrlichkeit aus
der Nordwest-Zeitung zitiert wurde:
Viertens ist auf EU-Ebene eine kollektive Einwanderungspolitik, die
sich ausschließlich an den Interessen Europas ausrichtet, noch immer
überfällig.
Raubt nur mir den Atem, wie komplett der Kommentator hier vergessen
hat, was das Wort „Asylrecht“ bedeutet[2]? Dass es darum ging,
Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen müssen, eine Möglichkeit
dazu zu geben?
Wer so etwas schreibt, ist sich offensichtlich sehr sicher, niemals
fliehen zu müssen. Diese Sicherheit sei solchen Leuten gegönnt, und wer
mit so viel Patriotismus und Staatsraison gesegnet ist, mag mit der
Zuversicht auch richtig liegen. Daraus aber zu schließen, dass auch alle
anderen nicht fliehen dürfen, das ist, ich kann es nicht anders sagen,
ein klares Merkmal von Schurken.
Doch ich will versöhnlich enden, denn die Presseschau am nächsten Tag
schloss mit folgender Einsicht aus dem Freitag (den natürlich wieder
niemand liest):
Was bei aller Lukaschenko-Verteufelung in vielen Zeitungen vergessen
wird: Das ist nicht der Grund, warum diese Leute aus dem Nahen Osten
kommen. Sie fliehen vor Kriegen und kriegerischen Folgeschäden aus dem
Irak, Syrien oder Afghanistan. Die zugrunde liegenden Konflikte, die
ihre Heimat destabilisierten, fanden ohne Beteiligung von Belarus,
sehr wohl aber unter maßgeblichem Mitmischen des Westens, darunter
EU-Mitgliedern, statt.
Das gerade, während in der Ukraine Corona durch
schwindelerregend schnell durch eine offenbar nicht gut immunisierte
Bevölkerung läuft: der z-Score (in etwa: Wie viele
Standardabweichungen liegt die derzeitige Sterblichkeit über dem
langjährigen Mittel?) war dort laut Euromomo vor drei Wochen bei fast
23, in Worten „extraordinarily high“. Aktuellere Zahlen sind wohl
wegen Meldeverzug noch sehr unzuverlässig.
Na gut: Das ist, was Asylrecht bedeutet hat, bevor der
Bundestag am schicksalsschweren 26.5.1993 mit dem Artikel 16a
Grundgesetz das Asylrecht in der BRD in eine hohle, winddurchpfeifte Ruine
verwandelt hat. Zur Erinnerung: Damit wurde die „Drittstaatenregelung“
eingeführt, die, auf EU-Ebene skaliert (u.a. „Dublin II“), letztlich
der rechtliche Hintergrund der gespenstischen Vorgänge an der Grenze
zwischen Belarus und Polen ist. Aber das ist nochmal eine ganz andere
Geschichte.
Wenn ich „was mit Medien“ machen müsste, würde ich versuchen, irgendwas
ohne Video zu erwischen. Und das nicht, weil ich nicht eitel wäre.
Nein, die Überlegung ist eher verwandt mit meinen Ausführungen zum
Panopticon Videokonferenz und werden, wie ich finde, schön
illustriert durch einen Vergleich zwischen dem ruhigen, eleganten,
fast schon heiteren Stolpern um Mitternacht des 3.7. im
Deutschlandfunk und diesem Ausschnitt aus der Tagesschau von gestern;
mein Rat wäre, das Video erst mit geschlossenen Augen laufen zu lassen:
Wie üblich: Wenn euer Browser das nicht abspielt, beschwert euch bei
dessen Hersteller. Wer schon überhaupt Videos im Browserfenster
anzeigen will, kann zumindest auch webm unterstützen. Die Rechte
liegen bei der ARD (also: Das Video ist nicht CC0).
Gut: Ich habe das natürlich gleich mit all dem Gefummel mit Telefon
und Brille wahrgenommen. Ich bin dennoch ziemlich sicher, dass Annette
Dittert hier ohne Bild deutlich souveräner rübergekommen wäre.
Altmaier ist nicht alleine Schuld: Die stark steigenden EEG-Umlagen,
die ihm den Vorwand für seinen Feldzug gegen erneuerbare Energien
geliefert haben, folgten aus der Ausgleichsmechanismenverordnung
(Grafik aus dem Artikel).
Heute morgen lief im Deutschlandfunk ein recht bemerkenswertes
Interview mit Claude Turmes, der für die Grünen in Luxemburg
„Energieminister“ ist. Bemerkenswert finde ich dabei nicht seine
Einsprüche gegen die ja recht offensichtlich unsinnigen Argumente der
VerfechterInnen von Kernenergie – die nur im Zusammenhang mit
monströsen Drohungen verstanden werden können, auch wenn, klar,
zumindest für anlagenbauende Staaten industriepolitische Aspekte auch
eine Rolle spielen.
Nein, hörenswert ist der erstaunliche Klartext gegenüber einem (noch)
wichtigen Mann einer befreundeten Nachbarregierung. Turmes hat
bezüglich des Aufbaus einer umweltverträglichen Energieversorgung gesagt
(bei Minute 2:30):
Mit Peter Altmaier – das sind vier verlorene Jahre, und das muss man
jetzt denke ich wieder aufholen.
Nicht, dass dem zu widersprechen wäre, denn Altmaiers Versuche, mit
marktwirtschaftlichen „Instrumenten“ die Erzeugung von Wind- und
Solarstrom kleinzukriegen, waren wirklich erschreckend effektiv.
Dennoch, solche Anwürfe über Staatsgrenzen hinweg (und nicht gegen „die
Russen“): Ich bin ein wenig beeindruckt.
Ich kann einen Post zur Altmaier'schen Klimakatastrophe nicht
schließen, ohne darauf hinzuweisen, dass sie in gewissem Sinn Spätfolge
einer anderen Mischung aus marktradikaler Verblendung und blanker Gier
war. 2010 nämlich hatte eine Koalition aus FDP, den Stromunternehmen
und der INSM die Ausgleichsmechanismenverordnung durchgedrückt. Dabei
wurde der letztlich ohnehin fiktionale [1] Strom„markt“ weiter
„liberalisiert“, mit den erwartbaren Auswirkungen drastisch steigender
Kosten und Gewinne – siehe die Grafik oben.
Das entschuldigt natürlich Altmaier nicht. Er hätte diese Verordnung ja
auch kassieren können, statt den Ausbau von Wind- und
Sonnenstromerzeugung in Grund und Boden zu bremsen. Aber gerade in
Zeiten erneuter FDP-Regierungsbeteiligung schadet es vielleicht nicht,
daran zu erinnern, mit welcher Kaltschnäuzigkeit dieses Personal die
Welt für ein paar Handvoll Dollar weiter aufgeheizt hat.
Fiktional ist der Strom„markt“ vor allem, weil da jede Menge
Physik und Echtzeit im Spiel sind. In so einem Geschehen müssen sich
alle ziemlich eng an Spielregeln halten oder das ganze Netz kippt.
Wenn mensch aber schon die Spielregeln vereinbart hat, braucht es
eigentlich den Zirkus einer Strombörse nicht mehr. Oder halt nur,
damit zwischendrin noch ein paar Leute reich werden können.
1,6 Milliarden Hektar Ackerflächen gibt es auf der Erde. Nach den
Zahlen des Umweltbundesamtes wächst nur etwa auf einem Fünftel davon
Nahrung für die menschliche Ernährung. Auf den übrigen vier Fünfteln
wird dagegen Tierfutter und Biosprit produziert.
Auch wenn mir klar war, dass bei der „Wandlung“ von Soja und Getreide in
Steaks oder Eier zwischen 70% und 95% des Nährwerts
verlorengehen[1] – „Wandlung“ ist hier eingestandenermaßen ein
wenig euphemistisch –, hatte ich diese danach relativ naheliegende
Konsequenz nicht auf dem Schirm: 80% der Äcker auf diesem
Planeten gehen im Groben in „unsere“ (also die der reichen Länder)
Völlerei. Derweil:
Und trotzdem gehen immer noch mehr als 800 Millionen Menschen hungrig
zu Bett. Und viele davon sind selbst Kleinbauern – und
Kleinbäuerinnen. Sie erwirtschaften auf einem Bruchteil der weltweiten
Ackerfläche bis zu 70 Prozent der menschlichen Nahrung, gesicherte
Zahlen gibt es hier nicht […]
Also: unsere tolle, marktgestählte, industrielle Landwirtschaft trägt
plausiblerweise nur zu 30% zur Welternährung bei, obwohl sie den
Großteil der intensiv zur Nahrungsmittelproduktion nutzbaren Landfläche
in Anspruch nimmt (und um die 10% der CO2-Emissionen verursacht).
Das war, was mich wirklich schockiert hat.
Wenn „unsere“ Firmen im globalen Süden für die Produktion unseres
Tierfutters und, schlimmer noch, unseres „Biosprits“ Land requirieren
und den dortigen Kleinbauern wegnehmen („Landgrabbing“), ist das
schlicht ein Hungerprogramm. Wieder mal frage ich mich, wie die Leute
in, sagen wir, hundert Jahren auf uns zurückblicken werden.
Kopfzahlen für große Flächen
Unterdessen sind die 1.6 Milliarden Hektar von oben ein guter Anlass,
meine Kopfzahlen für „große“ Flächen loszuwerden. Erstmal: Ein Hektar
ist ein Quadrat, dessen Diagonale ein Mensch in etwa zwei
Minuten durchläuft. Nämlich: Ein nicht allzu hektischer Mensch läuft
so gegen 4 km/h oder etwas mehr als einen Meter pro Sekunde. Die
Diagonale eines Quadrats mit 100 Meter Kantenlänge (eben ein Hektar)
sind 100 Meter mal √2 oder rund 150 Meter[2]. Bei einem guten
Meter pro Sekunde dauert es also rund 120 Sekunden von Ecke zu Ecke
durch die Mitte.
Ansonsten ist die bessere Einheit für große Flächen der
Quadratkilometer, also 100 ha. Mithin: 1.6e9 ha (1.6 ⋅ 109 ist in
meinem Eingabeformat ReStructuredText echt lästig zu schreiben, weshalb
ich mir hier die in eigentlich allen nichtantiken Programmiersprachen
übliche Schreibweise genehmige) sind 1.6e7 oder 16 Millionen km².
Wie viel ist das? Etwas albernerweise weiß ich immer noch die
Fläche der alten Sowjetunion, des in meiner Kindheit größten Staats der
Erde: das waren 22 Millionen km². Es gibt also global etwas weniger
Acker als das, was mal alles zur Sowjetunion gehörte. Ich denke, der
zeitgemäße Ersatz sind einerseits Afrika[3] mit 30
Millionen km² und andererseits die USA und China mit jeweils rund
10 Millionen km². Ich finde, auf diese Weise kriegt mensch
schon mal ein Gefühl, wie die global genutzte Ackerfläche auf einer
Weltkarte aussähe – und wie viele Wüsten, Tundren, Hochgebirge,
Wildnisse oder Parkplätze es so geben wird.
A propos Welt: Die Erde hat bei einem Radius von etwa 6000
km eine Fläche von 4 π (6000 km)² oder 450 Millionen km² oder auch
15 Mal Afrika, wobei mensch nicht vergessen sollte, dass im
Fall der Erde 70% der Fläche von Meeren eingenommen wird und
also Afrika deutlich über 20% der Landfläche ausmacht.
Zwecks Gefühl und Abschätzung merke ich mir noch, dass die BRD eine
Fläche von rund 350'000 km² hat (oder, für Leute, die sich
das so leichter merken können: eine Drittelmillion). Kombiniert mit der
Kopfzahl für Afrika heißt das: die BRD passt 100 Mal in Afrika rein.
Von der Fläche her. Vom Ressourcenverbrauch her… eher so zwei Mal[4].
Die Fläche von Baden-Württemberg ist 35'000 km². Das ist
bequem zu merken, weil es einen Faktor zehn kleiner ist als die BRD, und
ist als Größenordnung für ernstzunehmende Bundesländer auch sonst ganz
brauchbar (die Spanne reicht von 71'000 km² für Bayern bis 16'000
km² für Schleswig-Holstein, also alles grob innerhalb von einem
Faktor zwei, was für viele Abschätzungen überallhin reicht).
So eine Zahl im Kopf ist beispielsweise praktisch, wenn mensch am Neckar
steht und abschätzen will, wie viel Wasser da wohl fließt: Sein
Einzugsgebiet wird so etwa die Hälfte des Landes sein (fürs einfache
Rechnen: 20'000 km²), und es wird da zwischen 500 und 1000 mm pro
Jahr regnen (800 mm Niederschläge pro Jahr sind keine
unvernünftige Schätzung für normale Gebiete in der BRD). Wegen
einfacher Rechnung nehmen wir hier mal 1000 mm, und dann müssten über
dem Einzugsgebiet jedes Jahr 20e3 km² ⋅ 1e6 m²/km² ⋅ 1 m an Wasser
runterkommen, also irgendwas wie 20e9 m³. Einiges davon wird, gerade im
Sommer, verdunsten oder auch von Planzen in Sauerstoff verwandelt, bevor
es in Heidelberg vorbeikommt; das Problem verschiebe ich aufs Ende des
übernächsten Absatzes.
20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sind etwas unhandlich, wenn mensch
gerade auf den Fluss guckt. Wie sieht es pro Sekunde aus? Nun, ein
Jahr hat etwas wie 3e7 Sekunden (vgl. die klassische Kopfzahl in
Kopfzahlen 1), also wird der mittlere Abfluss vom Neckar was wie
20/3 ⋅ 10², also rund 670 m³/s sein. Tatsächlich gibt die
Wikipedia 145 m³/s für den Pegel Mannheim an.
Gut: wir liegen einen Faktor vier zu hoch, aber das ist für so eine
Abschätzung schon ok, zumal der tatsächliche Abfluss übers Jahr hinweg
um weit mehr als so einen Faktor schwanken wird. Wers genauer haben
will: das wirkliche Einzugsgebiet sind nur 13'934 km², und dann ist
da der Evapotranspirationswert (vgl. Erläuterung in der Wikipedia),
dessen Einfluss nicht ganz einfach anzubringen ist, schon, weil einiges
des verdunsteten Wassers ja noch im Einzugsgebiet wieder abregnet oder
-taut. Egal: Ein Faktor vier ist oft gut genug.
Letzte Kopfzahlen in dieser Rubrik: Größere europäische Städte wie
Berlin oder Hamburg haben so gegen 1000 km² (in
Wirklichkeit: 892 bzw. 755), kleinere Städte wie Heidelberg eher so
100 km² (in Wirklichkeit: 109).
[Alle Flächenangaben hier aus den jeweils erwartbaren Wikipedia-Artikeln]
Das sind FAO-Schätzungen, die z.B. die gesetzliche
Unfallversicherung grafisch schön aufgemacht hat. Die FAO-Quellen
habe ich auf die Schnelle nicht im Netz gefunden.
Eine nicht direkt flächige Kopfzahl obendrauf: √2
ist ungefähr 1.44, und der Kehrwert ungefähr 0.7. Ein wenig flächig
ist das aber auch: Die Fläche eines A4-Blatts ist (theoretisch genau)
(√2)-(2⋅4) m², für A3 ist sie (√2)-(2⋅3) m² usf.
Messt und rechnet selbst oder lest einfach im Wikipedia-Artikel zu
Papierformaten nach, warum das so ist.
Asien (55 Millionen km²) eignet sich nicht so gut als
Referenz, weil zu viele Leute Europa als separaten Kontinent
abrechnen und zumindest ich mir nie sicher wäre, ob meine Fläche mit
oder ohne Europa zählt (die 55 Millionen zählen den ganzen Kontinent,
also mit den Gebieten westlich von Ural und kaspischem Meer).
Gerade an dem Tag, an dem in meinen Überlegungen zu Wahlen und
Informationstheorie anmerkte, bedeutender als Wahlen sei für die
politische Partizipation „eine Justiz, die es häufig genug doch noch
schafft, diesen wenigstens dann und wann ein wenig Schutz vor den
Übergriffen der Exekutive zu geben“, fand eine verteilte Uraufführung
eines Films statt, der Zweifel am „häufig genug“ ziemlich nachhaltig
vertieft.
Es geht darin um den Fall von „Ella“ oder auch „UP1“ für „Unbekannte
Person 1“, die seit der brutalen Räumung des Dannenröder Forsts im
letzten November im Gefängnis sitzt. Der Fall folgt dem von den
Rondenbarg-Prozessen allzu bekannten Muster, bei dem die Polizei
lebensgefährliche Einsatzmethoden – im Dannenröder Forst insbesondere
das Durchtrennen lebenswichtiger Seile – durch absurd aufgeblasene
Vorwürfe gegen die Opfer dieser Einsätze in irgendeinem Sinne zu
rechtfertigen versucht; in Ellas Fall kommt sicher noch einiger Zorn
über ihre erfolgreiche Personalienverweigerung dazu.
Ein Sequenz vom Anfang des Ella-Films: Ein Polizist wirft einen
Aktivisten von einem Baum runter. Die öffentliche Zurückhaltung
angesichts erschreckend gewalttätiger Räumungstechniken im Wald (na
gut, inzwischen: Autobahnbaustelle) ist jedenfalls im Hinblick auf
künftige Möglichkeiten politischer Partizipation schon ziemlich
beunruhigend.
Die erste Gerichtsinstanz hat dabei mitgemacht, und nun soll
sie noch weitere 16 Monate im Gefängnis schmoren. Ohne große
Öffentlichkeit wird das wohl auch so kommen, denn ein
Landgerichtsprozess geht normalerweise nicht im Eiltempo. Und dann
hilft auch ein Freispruch nichts mehr.
Sowohl im Hinblick auf Ellas Schicksal als auch auf die Diskussion
indiskutabler Polizeitaktiken finde ich den Film also höchst
verdienstvoll. Wer ihn verbreiten kann, möge das tun, z.B. von
youtube; wer das Ding ohne google bekommen will, möge sich per Mail
rühren, dann lege ich es auf von mir kontrollierten Webspace (ich spare
mir die 800 MB in der Erwartung, dass eh alle zu youtube gehen).
Nachtrag (2022-05-10)
Meine Spekulation, es sei bei der ganzen Einsperrerei im Wesentlichen
um Ellas Weigerung gegangen, ihre Personalien abzugeben, gewinnt an
Substanz. Die Staatsgewalt lässt Ella jetzt, da sie ihre Identität
preisgegeben hat, frei, wie die taz berichtet. Die Entscheidung
wird den mitredenden Behörden leicht gefallen sein, denn sie werden
alle nicht wild sein auf eine weitere Klärung der inzwischen offizell
gewordenen Tatsache, dass „die Beamten die Unwahrheit gesagt hatten“
(so die taz sehr staatsfreundlich) und des offensichtlichen
Desinteresses beider Gerichtsinstanzen, die Polizei beim Lügen zu
erwischen. Zumindest die zweite Instanz kannte ja (vermutlich) den
hier besprochenen Film.
Über einen Artikel in der Wochenzeitung Kontext bin ich auf eine
Kleinstudie des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)
gestoßen, auf die ich vor allem im Hinblick auf eine spätere Nutzung zur
Mythenstörung kurz eingehen möchte.
Zu bedenken ist zunächst, dass das ZEW gewiss in keinem Verdacht steht,
irgendwelche fortschrittlichen Ideen zu hegen. So gehört zu deren
aktuellen „Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik“ offensichtlicher
Quatsch der Art „Standardisierte Altersvorsorgeprodukte einführen“ oder
Deflektorschilde gegen eine entspanntere, arbeitsärmere und
umweltfreunlichere Gesellschaft des Typs „Kostengerechte Aufteilung der
CO2-Reduktionen zwischen den Sektoren“; aktuelle Pressemitteilungen
beten marktradikale Wirrnisse herunter wie „Lokale Preisanreize im Strommarkt
setzen“ (Faustregel: „Anreiz“ heißt im Klartext: Geld von unten nach
oben umverteilen) oder „Bundesnetzagentur sollte weiterhin auf Auktionen
setzen“, ganz als sei 1998.
Ausgerechnet diese Leute haben in ihrer Kleinstudie zu den
fiskalischen und ökonomischen Folgen der aktuellen Parteiprogramme
herausgefunden, dass das Programm der Linken den Staathaushalt um 37
Milliarden Euro entlasten würde, während die FDP den Haushalt mit 88
Millarden Euro belasten würde und die CDU immer noch 33 Millarden Euro
mehr Staatsdefizit ansagt.
So viel zur Frage fiskalischer Verantwortung in der Theorie, soweit
also mensch Wahlprogramme ernstnehmen will. Zumindest sollte die Studie
traugen, um die Erzählungen von „wirtschaftlicher Vernunft“ bei den
Rechtspartien als Legenden zu entlarven.
Die Studie liefert weiter Hinweise zum Thema „Turkeys voting for
Christmas“, also Armen, die Rechtsparteien wählen (davon gibt es
augenscheinlich einen ganzen Haufen): Das VEW hat nämlich auch die
Folgen der Programme für den Gini-Koeffizienten abgeschätzt, also
einer Metrik für die Ungleichheit der Einkommen in einer Gesellschaft, der
mit wachsender Ungleichheit wächst. Souveränder Spitzenreiter dabei ist
die AfD, die die Ungleichheit in dieser Metrik um 3.8% verschärfen
würde, wo selbst die FDP die Dinge nur 3.4% schlimmer machen will (und
die CDU um 1.6%). Demgegenüber würde das Wahlprogramm der Linken – take
this, ExtremismustheoretikerInnen! – die Ungleichheit um knapp 15%
reduzieren. Wenn denn irgendwas davon umgesetzt würde, käme sie an die
Regierung; spätestens nach der Katastrophe der Schröder-Administration
dürfte klar sein, dass das ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein
ernsthaftes Aufbegehren gegen den permanenten Bürgerrechtsabbau durch
eine FDP in der Regierung. Die Grünen würden laut VEW die Ungleichheit
um 6.5% reduzieren, und selbst die vom für Cum Ex und Hartz IV bekannten
Scholz geführte SPD wäre noch mit -4.3% dabei.
Klar: das Ganze ist eine stark zirkuläre Argumentation, denn Programme
der Parteien haben viel mit den Methoden des ZEW und Metriken wie dem
Gini-Koeffizienten gemein, alle drei aber sicher nicht viel mit
irgendwelchen Realitäten. In der gemeinsamen, wenn auch hermetischen
Logik bleibt festzuhalten: die bekennenden Rechtspartien betreiben
unzweifelhaft die Umverteilung von unten nach oben auf Kosten des
Staatshaushalts.
Und das taugt ja vielleicht später nochmal für ein Argument innerhalb
dieser hermetischen Welt.
Es gibt eine Handvoll Zahlen, die ich versuche, so ungefähr im Kopf zu
haben. Ich nenne die gerne Kopfzahlen, auch wenn das Wort laut Duden
was ganz anderes bedeutet.
Die klassische Kopfzahl ist natürlich die Zahl der Sekunden in einem
Jahr, mit guter Genauigkeit π ⋅ 1e7 (ich schreibe hier aus
Bequemlichkeit und Computergewohnheit 107 als 1e7).
Überlegungen des Typs „ich habe eine Milliarde Datensätze und schaffe
3000 pro Sekunde, also brauche ich für das ganze Ding ungefähr 300000
Sekunden oder halt 3e5/3e7, also ein hundertstel Jahr oder vier Tage“
finde ich sehr hilfreich. Würde ich Mathematik an einer Schule
unterrichten, würde ich Depressionen kriegen, wenn meine Schülis sowas
nicht hinkriegen würden, nachdem ich ein Jahr auf sie eingeredet habe.
Gut, dass ich kein Schullehrer bin.
Heute nun hat mich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) angeschrieben, weil
sie Spenden haben will für
Klagen gegen BMW, Daimler und Wintershall[1]. Die Brücke zu
den Kopfzahlen: sie sagen darin, Wintershall sei allein für rund 80
Megatonnen CO2 im Jahr verantwortlich.
Um solche Angaben ein wenig einordnen zu können, hatte ich mir vor zehn
Jahren zwei Kopfzahlen zurechtgelegt: Die BRD emittierte rund eine
Gigatonne, die Welt rund dreißig Gigatonnen CO2. Demnach macht
Wintershall rund 8% des CO2-Ausstoßes der BRD aus; das ist nicht
unplausibel, aber ich dachte mir, das ist ein guter Anlass, meinen schon
etwas länger gehegten Plan umzusetzen, solche Kopfzahlen im Blog zu
notieren und zu aktualisieren. Wie steht es nun also, zehn Jahre nach 1
und 30 Gigatonnen?
Für halbwegs überschaubare Infos zu den BRD-Emissionen hatte ich ganz
naiv auf die Publikationen zum Emissionshandel des UBA gehofft,
aber zumindest der Juli-Bericht ist in der Hinsicht nicht sehr
ergiebig: Was genau heißt es, dass in der Kalenderwoche 27
Emissionsrechte über 280 Millionen Tonnen gehandelt wurden (außer, dass
ein Haufen Leute nicht sehr nützliche Arbeit hatten)?
Aber das Umweltbundesamt hat glücklicherweise eine andere Seite mit
nicht marktkontaminierten Informationen. Demnach wären 2020 in der BRD
644 Millionen Tonnen CO2 emittiert worden. Auf drei Stellen genau ist
das natürlich lächerlicher Unfug; ich wäre überrascht, wenn das auf 10%
irgendeiner sinnvollen Definition von Emission entspräche. Aber
dennoch: 2/3 Gigatonnen klingen
nach einer brauchbaren Kopfzahl für die
aktuelle Kohlendioxid-Emission direkt aus der BRD. Natürlich wären dazu
die importierten Emissionen (z.B. aus brasilianischem Sojaanbau für
„unser“ Fleisch oder chinesischer Zement- und Stahlproduktion für
„unsere“ Häuser und Elektronik) zu rechnen, aber das wird dann
kompliziert und letztlich spekulativ.
Neu merken sollte ich mir den Quellen-Split, den sie dort aufmachen,
wieder bereinigt um allzu mutige Claims bezüglich Genauigkeit: Energie
1/3, Haushalte 1/5, Straßenverkehr ein gutes Fünftel, Industrie (wozu
dann auch z.B. Hausbau gehört) 1/4.
Für die globale Emission gibt der einschlägige Artikel der Wikipedia
57 Gigatonnen CO2-Äquivalent an, wo dann allerdings jede Menge
tiefes Voodoo reingerechnet ist („including 5 Gt due to land use
change“).
Um dem tiefen Voodoo zu entkommen (und nur das Einsteiger-Voodoo der
Emissionsschätzung zu behalten), kann mensch zum aus meiner Sicht
relativ vertrauenswürdigen Our World in Data gehen, das eine
Kohlendioxid-Seite anbietet, die wiederum auf github-Daten
verweist, wo schließlich CO2 und Treibhausgas-Äquivalente separat
ausgewiesen sind. Deutschland hat dabei für 2019 700 Mt; das passt im
Rahmen meiner Erwartungen gut zu unseren 2/3 Gt für 2020 von oben. Für die
Welt (freundlicherweise gibt es die in dem Datensatz schon vorkumuliert
unter „World“) und 2019 stehen da mit absurden acht Stellen 36441.388
Mt. Schon zwei Stellen Genauigkeit sind da sicher überoptimistisch, und
so wäre meine Kopfzahl für die Weltemission jetzt „um die 35
Gt“.
Mein Spickzettel für diese Runde Kopfzahlen ist also:
Emission in der BRD: 2/3 Gt, davon anteilig 1/3 Energie, 1/4 Industrie,
je rund 1/5 Verkehr und Haushalte.
Emission in der Welt: 35 Gt, womit die BRD direkt ungefähr 1/50 der
Welt-Emission ausmacht.
Dass mich die DUH immer noch in ihrem CRM-System hat, obwohl
ich ihnen eigentlich nur vor Jahren mal gespendet habe – die erfolgreichen
Fahrverbots-Klagen haben mich schon sehr begeistert – finde ich jetzt
nicht so großartig, aber wer sich so effektiv dem Autowahnsinn
entgegenstellt, darf in menem Buch auch mal nicht ganz so korrekt mit
Daten umgehen.
Das, was in Heidelberg wohl als „Heimatzeitung“ zu bezeichnen ist, die
Rhein-Neckar-Zeitung, hat es in die heutige
Deutschlandfunk-Presseschau geschafft, und zwar mit folgender
patriotischen Erbauung:
Es [was „es“ ist, bleibt im DLF-zitierten Kontext unklar] sollte auch
Ansporn sein, diese Republik als den Idealzustand zu sehen. Wir leben
im besten aller bisherigen deutschen Staaten – das bedeutet nicht,
dass man ihn nicht verbessern kann. Aber Mauern müssen keine mehr
eingerissen werden.
Nun...
Der Abschiebeknast von Ingelheim, Stand 2009. Und auch wenn diverse
Regierungen in Rheinland-Pfalz diese Mauern schon mal einreißen
wollten, ist da zumindest bis 2019 nichts draus geworden.
Unter den Branchen, in denen Privatisierung am alleroffensichtlichsten
Quatsch ist, sehe nicht nur ich die Post ganz vorne. Denn: Alle sollen
die Post nutzen können, aber die Kosten für die Infrastruktur
schwanken um Größenordnungen zwischen Metropole und Provinz. Unter
solchen Bedingungen eine halbwegs gleichmäßige Abdeckung mit
privatwirtschaftlichen Unternehmen herzustellen, wäre ein
regulatorischer Kraftakt, der abgesehen von viel Zeitverschwendung am
Schluss wieder darin enden würde, dass die Gewinne privatisiert und die
Verluste sozialisiert werden – wovon nun wirklich niemand[1] was hat.
Fünf schlechte Postdienste statt eines brauchbaren
Aber auch wer in der Stadt wohnt, muss sich fragen, welchen Zweck es
wohl haben könnte, wenn statt des einen zuverlässigen, halbwegs
ordentlich bezahlten und beamteten Postboten im Dienst der weiland
Bundespost nun fünf arme Schlucker die Viertel abfahren, die alle
mehr oder minder am Mindestlohn kratzen, im Akkord arbeiten und
entsprechend unzuverlässig sind: Noch nicht mal die verbohrtesten
Marktpriester wollten das rechtfertigen, wenn ich sie darauf
angesprochen habe.
Und dabei fange ich noch nicht mal beim Kulturverlust an. Vor der
Privatisierung konnte das Postamt als Ausspielstelle des Staates
fungieren, praktisch wie die Bürgerämter unserer Zeit, nur dichter
gespannt. Heute korrelieren die Außenposten der Post im Wesentlichen
mit Branchen wie Glücksspiel oder Restposten.
Kurz: Wäre ich Marktpriester, der Postdienst wäre das letzte, über das
ich reden wollte.
Um so mehr hat mich der DLF-Hintergrund vom 4.8. überrascht, in dem
Mischa Ehrhardt versucht, ein Problem auszumachen, weil „die Deutsche
Post den Markt dominiert“, natürlich ohne zu sagen, wie ausgerechnet mehr
Markt irgendeines der angesprochenen Probleme lösen könnte – und genau
keine Stimme den offensichtlichen Weg nach vorne, nämlich die
Rückverstaatlichung des Postdienstes, auch nur anspricht.
Walther Otremba am Ende seiner Karriere
Stattdessen wird Walther Otremba – nach einer Karriere als CDU-Mann,
Staatsekretär im Finanz- und Militärministerium und Bahn-Aufsichtsrat
jetzt Frühstücksdirektor und Lobbyist für die nichtpostigen
Postklitschen, also die, die ihre AusträgerInnen im Schnitt noch mieser
behandeln als die privatisierte Post – zitiert mit:
Ich kann ja eigentlich die Deutsche Post AG nicht kritisieren. Die tut
halt, was sie machen muss, nämlich versuchen, möglichst hohe Gewinne
zu erzielen.
Öhm… Warum genau soll die Post möglichst hohe Gewinne machen müssen?
Ist nicht eigentlich völlig offensichtlich, dass Aufgabe der Post ist,
möglichst flott und mit wenig gesellschaftlichem Aufwand Briefe zu
transportieren (und dann vielleicht noch Postsparbücher zu betreiben und
ggf. mit Postämtern in der Fläche auch ein paar staatliche Aufgaben in
die Hand zu nehmen)? Wer, außer ein paar AnlegerInnen, hätte umgekehrt
etwas davon, wenn sie möglichst hohe Gewinne machen würde? Wer also
könnte das wollen oder die Post gar dazu zwingen?
Wohlgemerkt, der Otremba, der da solche Klopfer durchs Radio schickt,
war in seinen großen Zeiten (z.B. im „Finanzmarktstabilisierungsfonds“)
einer der ganz großen Mover und Shaker. Bei derart verwirrten Gedanken
muss wohl nicht mehr verwundern, was für eine Lachnummer (zuletzt bei
Cum-Ex und Wirecard) die BaFin zumindest in Wirtschaftskreisen ist.
Immerhin haben er und seine KollegInnen die ja erfunden.
Komplett auf dem Kopf: Private Telekommunikation ein Erfolg?
Es gäbe noch einige weitere komplett auf dem Kopf stehende Argumente in
dem DLF-Beitrag zu korrigieren, so etwa die abseitige Kritik an der
Quersubventionierung; natürlich will mensch z.B. Briefe durch Telefon
quersubventionieren, wenn das gesellschaftlich geboten ist, was es
zumindest früher mal war. Aber wichtiger wäre mir, noch Otrembas
nächsten Satz zu prüfen, denn der spiegelt einen verbreiteten Irrglauben
wider:
Es sind die Rahmenbedingungen, die nicht geliefert wurden rechtzeitig,
um im Briefgeschäft ähnliche Erfolge, wie zum Beispiel in der
Telekommunikation, die ja parallel liberalisiert wurde, zu erzeugen
„Erfolge“? In der Telekommunikation, in der halb-betrügerische
Verträge mehr die Regel sind als die Ausnahme und die
Verbraucherzentralen gar nicht mehr aus dem Klagen rauskommen? In der
drei (oder sind es wieder vier?) Mobilfunknetze konkurrieren, so dass es
die gleiche Infrastruktur in den Metropolen dreifach und dafür gar keine
am Land gibt?
„Aber es ist doch alles viel billiger geworden,“ höre ich euch
einwenden. Nun – das ist es bereits vor der Privatisierung.
Telefonpreise hängen an Technik, nicht an Eigentum
Es gibt dazu eine ganz interessante Untersuchung von A. Michael Noll, in
Telecommunications Policy 18 (5), 255f (1994): „A study of long
distance rates. Divestiture revisted“ (DOI
10.1016/0308-5961(94)90051-5; sorry, ist Elsevier). Wohlgemerkt: das
ist 1994 erschienen; wir hätten also in der BRD vor der Zerschlagung
der Bundespost davon lernen können. Jaja, die Auflösung von AT&T in den
USA, die Noll da untersucht, war nicht exakt eine Privatisierung, aber
sie war in Anlage und Ziel nicht wesentlich anders, und sie war auch die
Blaupause für all die anderen marktradikalen Kreuzzüge gegen staatliche
Daseinsvorsorge im Kommunikationsbereich.
Ein Ergebnis seiner Arbeit: Die Preise für Ferngespräche folgten über
fast 100 Jahre einem Abwärtstrend, nur kurz unterbrochen von einer
Panikphase vor der Öffnung des Wettbewerbs im Jahr 1984:
Fig. 1 aus doi:10.1016/0308-5961(94)90051-5: Kosten für
Ferngespräche in den USA, 1910 bis ca. 1995. Der Wettbewerb hat
nicht für rascher fallende Preise gesorgt. Rechte leider bei Elsevier.
Wenn ihr in anderen Papern seht, dass nach der Zulassung von Konkurrenz
die Preise ganz schnell gefallen sind: hier ist der Hintergrund. Dazu
kommt übrigens noch, wie die Wikipedia zum Ende des Bell-Systems
schreibt:
One consequence of the breakup was that local residential service
rates, which were formerly subsidized by long-distance revenues, began
to rise faster than the rate of inflation.
Öffentliche Belästigung statt Infrastruktur
Also: Nicht nur sind die Ferngespräche nicht schneller billiger geworden
als vorher – Überschüsse aus ihnen sind auch nicht mehr in die
Grundversorgung geflossen, so dass diese teuerer wurde. Statt dieser
(ebenfalls sinnvollen) Quersubventionierung ging das Geld stattdessen an
InvestorInnen (also: „die Reichen“) und öffentliche Belästigung
(also: „Werbung“). Bei Noll sieht das so aus:
Fig. 4 aus doi:10.1016/0308-5961(94)90051-5: Marketingkosten von
AT&T zwischen 1970 und 1993. Mit der Ende staatlicher Regulierung
ging Geld statt in die Grundversorgung in die Werbung. Rechte leider
bei Elsevier.
Die Geschichte von den fallenden Preisen durch Privatisierung kehrt sich
also in ihr Gegenteil.
Nein: Was dafür gesorgt hat, dass Leute jetzt für in etwa das gleiche
Geld viel mehr telefonieren können als, sagen wir, 1995, nennt sich
technischer Fortschritt, in diesem Fall insbesondere die (von öffentlich
finanzierten Unis und Instituten aufs Gleis gesetzte) stürmische
Entwicklung paketvermittelter Netze – was nicht nur das Internet war.
Ja, kann sein, dass deren Einführung mit der alten Bundespost etwas
länger gedauert hätte, zumal, wenn Leute wie Otrembas Parteifreund
Christian Schwarz-Schilling sie als Selbstbedienungsladen nutzten.
Aber wärs wirklich so schlimm gewesen, wenn wir das Klingelton-Zeitalter
übersprungen hätten und stattdessen nicht Öko- und Sozialkatastrophen
(die Mobiltelefone nun mal sind) als Werbegeschenke windiger
Knebelvertraghöker abwehren müssten?
Außer ein paar AnlegerInnen, UnternehmensberaterInnen und
GeschäftsführerInnen; aber das darf guten Gewissens als Fehlsteuerung
durch Marktkräfte eingeordnet werden.
Anlass meiner Paranoia: Im RKI-Bericht von heute drängeln sich
verdächtig viele Kreise gerade unter der 50er-Inzidenz.
Mein Abgesang auf die RKI-Berichte von neulich war wie erwartet etwas
voreilig: Immer noch studiere ich werktäglich das Corona-Bulletin des
RKI. Es passiert ja auch wieder viel in letzter Zeit. Recht
schnell schossen die ersten Landkreise im Juli über die 50er-Schwelle,
während die breite Mehrheit der Kreise noch weit von ihr entfernt war.
Das ist, klar, auch so zu erwarten, wenn die „Überdispersion“ (find ich
ja ein komisches Wort für „die Verteilung der Zahl der von einem_r
Infizierten Angesteckten hat einen langen Schwanz nach oben hin“, aber
na ja) noch irgendwie so ist wie vor einem Jahr, als, wie im inzwischen
klassischen Science-Artikel von Laxminarayan et al (DOI
10.1126/science.abd7672) auf der Grundlage von Daten aus Indien
berichtet wurde, 5% der Infizierten 80% der Ansteckungen verursachten
(und umgekehrt 80% der Infizierten gar niemanden ansteckten): SARS-2
verbreitete sich zumindest in den Prä-Alpha- und -Delta-Zeiten in
Ausbrüchen.
Nachdem aber die ersten Landkreisen die 50 gerissen hatten, tat sich für
eine ganze Weile im Bereich hoher Inzidenzen nicht viel; auch heute sind
nur drei Landkreise über der 50er-Inzidenz, während sich knapp darunter
doch ziemlich viele zu drängen scheinen.
Und da hat sich ein Verdacht in mir gerührt: Was, wenn die
Gesundheitsämter sich mit Händen und Füßen wehren würden, über die
vielerorts immer noch „maßnahmenbewehrte“ 50er-Schwelle zu gehen und
ihre Meldepraktiken dazu ein wenig… optimieren würden? Wäre das so,
würde mensch in einem Histogramm der Inzidenzen (ein
Häufigkeit-von-Frequenzen-Diagram; ich kann die nicht erwähnen ohne
einen Hinweis auf Zipfs Gesetz) eine recht deutliche Stufe bei der 50
erwarten.
Gibt es die? Nun, das war meine Gelegenheit, endlich mal mit den
Meldedaten zu spielen, die das RKI bereitstellt – zwar leider auf
github statt auf eigenen Servern, so dass ich mit meinen Daten statt mit
meinen Steuern bezahle (letzteres wäre mir deutlich lieber), aber das
ist Jammern auf hohem Niveau. Lasst euch übrigens nicht einfallen, das
ganze Repo zu klonen: Das sind ausgecheckt wegen eines gigantischen
Archivs krasse 24 GB, und was ihr tatsächlich braucht, sind nur die
aktuellen Zahlen (Vorsicht: das sind auch schon rund 100 MB, weil das
quasi die ganze deutsche Coronageschichte ist) und der
Landkreisschlüssel (vgl. zu dem Update unten).
Auch mit diesen Dateien muss mensch erstmal verstehen, wie aus deren
Zeilen die Inzidenzen werden, denn es ist nicht etwa so, dass jede Zeile
einer Erkrankung entspricht: Nein, manche berichten mehrere Fälle, es
wird nach schon gemeldeten und ganz neuen Fällen unterschieden, und
eventuell gibts auch noch Korrekturzeilen. Dazu findet ein
in-band-signalling zu Gestorbenen und Genesenen statt. Lest das README
aufmerksam, sonst verschwendet ihr nur (wie ich) eure Zeit:
EpidemiologInnen denken ganz offenbar etwas anders als AstronomInnen.
Das Ergebnis ist jedenfalls das hier:
Ich muss also meinen Hut essen: Wenn da irgendwo
Hemmschwellen sein sollten, dann eher knapp unter 40, und das ist,
soweit ich weiß, in keiner Corona-Verordnung relevant. Na ja, und der
scharfe Abfall knapp unter 25 könnte zu denken geben. Aber warum würde
jemand bei der 25 das Datenfrisieren anfangen? Der Farbe im RKI-Bericht
wegen? Nee, glaub ich erstmal nicht.
Wenn ihr selbst mit den RKI-Daten spielen wollt, kann euch das Folgende
vielleicht etwas Fummeln ersparen – hier ist nämlich mein
Aggregationsprogramm. Ich werdet die Dateipfade anpassen müssen, aber
dann könnt ihr damit eure eigenen Inzidenzen ausrechnen, ggf. auch nach
Altersgruppen, Geschlechtern und was immer. In dem großen CSV des RKI
liegt in der Tat auch die Heatmap, die jetzt immer im Donnerstagsbericht
ist. Reizvoll fände ich auch, das gelegentlich zu verfilmen…
Hier jedenfalls der Code (keine Abhängigkeiten außer einem nicht-antiken
Python). So, wie das geschrieben ist, bekommt ihr eine Datei
siebentage.csv mit Landkreisnamen vs. Inzidenzen; die entsprechen
zwar nicht genau dem, was im RKI-Bericht steht, die Abweichungen sind
aber konsistent mit dem, was mensch von lebenden Daten erwartet:
# (RKI-Daten zu aktuellen 7-Tage-Meldeinzidenzen: Verteilt unter CC-0)
import csv
import datetime
import sys
LKR_SRC = "/media/incoming/2020-06-30_Deutschland_Landkreise_GeoDemo.csv"
INF_SRC = "/media/incoming/Aktuell_Deutschland_SarsCov2_Infektionen.csv"
LANDKREIS = 0
MELDEDATUM = 3
REFDATUM = 4
NEUER_FALL = 6
ANZAHL_FALL = 9
def getcounts(f, n_days=7):
counts = {}
collect_start = (datetime.date.today()-datetime.timedelta(days=n_days)
).isoformat()
sys.stderr.write(f"Collecting from {collect_start} on.\n")
row_iter = csv.reader(f)
# skip the header
next(row_iter)
for row in row_iter:
if row[MELDEDATUM]>=collect_start:
key = int(row[LANDKREIS])
kind = row[NEUER_FALL]
if kind!="-1":
counts[key] = counts.get(key, 0)+int(row[ANZAHL_FALL])
return counts
def get_lkr_meta():
lkr_meta = {}
with open(LKR_SRC, "r", encoding="utf-8") as f:
for row in csv.DictReader(f):
row["IdLandkreis"] = int(row["IdLandkreis"])
row["EW_insgesamt"] = float(row["EW_insgesamt"])
lkr_meta[row["IdLandkreis"]] = row
return lkr_meta
def main():
lkr_meta = get_lkr_meta()
with open(INF_SRC, "r", encoding="utf-8") as f:
counts = getcounts(f)
with open("siebentage.csv", "w", encoding="utf-8") as f:
f.write("Lkr, Inzidenz\n")
w = csv.writer(f)
for lkr in lkr_meta.values():
w.writerow([lkr["Gemeindename"],
1e5*counts.get(lkr["IdLandkreis"], 0)/lkr["EW_insgesamt"]])
if __name__=="__main__":
main()
Nachtrag (2021-08-13)
Eine Woche später ist der Damm definitiv gebrochen. Von drei
Landkreisen über dem 50er-Limit sind wir laut aktuellem RKI-Bericht
jetzt bei 39, wobei allein seit gestern 10 dazukamen. An die aktuelle
Verteilung würde ich gerne mal eine Lognormalverteilung fitten:
Nicht, dass ich eine gute Interpretation hätte, wenn das lognormal wäre.
Aber trotzdem.
Nachtrag (2021-09-08)
Das RKI hat die Landkreis-Daten
(2020-06-30_Deutschland_Landkreise_GeoDemo.csv) aus ihrem
Github-Repo entfernt (commit cc99981f, „da diese nicht mehr aktuell
sind“; der letzte commit, der sie noch hat, ist 0bd2cc53). Die aus
der History rausklauben würde verlangen, das ganze Riesending zu
clonen, und das wollt ihr nicht. Deshalb verteile ich unter dem Link
oben die Datei unter CC-BY 4.0 International, mit Namensnennung… nun,
Destatis wahrscheinlich, oder halt RKI; die Lizenzerklärung auf dem
Commit ist nicht ganz eindeutig. Als Quelle der Geodaten war vor der
Löschung
https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Regionales/Gemeindeverzeichnis/Administrativ/Archiv/
angegeben, aber da finde ich das nicht.
Ich bin bekennender Fan von David Rovics. Klar fühlen sich seine
Palästinasoli-Songs in der postantideutschen Linken zumindest mal
gewagt an, sein Lied vom besseren Anarchisten entschuldigt vielleicht
etwas sehr viel, und mein antimilitaristisches Herz blutet an einigen
Stellen vom Song for Hugh Thompson (der übrigens schon am
Deutschlandfunk lief). Aber in allen Kämpfen, in denen es eine
richtige Seite gibt, steht er konsequent auf dieser, und ich finde viele
seiner Lieder ernsthaft mitreißend, angefangen wohl mit dem
Bluegrass-Reißer When the Minimum Wage Workers Went on Strike, das
eine (letztlich leider wenig erfolgreiche) Organisierung von
MindestlöhnerInnen an der Harvard University begleitete, während ich so
um 2000 rum in der Gegend gearbeitet habe. Damals wurde ich auf David
aufmerksam, und es spricht für seine Umtriebigkeit, dass später ganz
unabhängig davon Bekannte von mir Auftritte von ihm in Heidelberg
organisiert haben.
Nun, David hat jetzt einen Blogpost geschrieben, der mir in vielerlei
Hinsicht aus der Seele spricht: Confessions of an Ecumenical
Leftist. Wer hinreichend gut Englisch kann und sich für linke Politik
interessiert, sollte das, finde ich, lesen.
Ab Montag, 19.07.2021, wird die Berichterstattung umgestellt: Eine
tägliche kürzere Berichterstattung wird ergänzt mit einer
ausführlichen Berichterstattung donnerstags.
Ich gestehe offen: ich finde das ein wenig bitter.
Auch wenn die Berichte nie wirklich das
sagten, was sich wohl alle gefragt haben („Wo stecken sich diese Leute
denn nun an? Was für Ausbrüche gibts im Land?“), waren die Zahlen und
Grafiken, die da jeden Tag kamen (na ja, seit ein paar Wochen schon nicht
mehr am Wochenende) durchaus ein beruhigendes und strukturierendes Element
der Coronazeit.
Gerade, wo die Karte wieder bunter wird, strafft das RKI seinen
täglichen Corona-Bericht. Hm.
Die sich windenden Inzidenzlinien der Bundesländer, die bunt gefärbten
Landkreise, bei denen Extreme oft gute und manchmal auch gar keine guten
Erklärungen hatten, das Schwingen der R-Wert-Schätzungen und natürlich
die nach Wochentag wechselnden Features vom Wochenvergleich am Dienstag
bis zur Mortalitätsstatistik am Freitag: Mir wird das fehlen,
jedenfalls, solange Corona rein ethisch nicht
ignorierbar ist.
Wann ich Corona ethisch ignorierbar finde, habe ich indes noch nicht
ganz klar. Wahrscheinlich werde ich irgendwann im September finden,
wer dann noch nicht geimpft ist, kann es entweder nicht (und dann hat
Zuwarten auch keinen Wert) oder wollte es nicht (und kann dann von mir
keine Rücksicht erwarten).
Aber wie das wirklich aussieht, wenn die Inzidenzen irgendwo jenseits
der 1000 liegen – und das würden sie, wenn die IgG-Spiegel der meisten
Leute wieder halbwegs normal sind und Schulen, Büros, Kneipen und Discos
offen – ach, wer weiß?
Als Abschiedsbetrachtung zu den gewohnten RKI-Berichten noch etwas aus
den Tabellen zu „Betreuung, Unterbringung und Tätigkeit in
Einrichtungen“ (die ich eingestandenermaßen meist überblättert habe):
Dort werden ja unter anderem nach §36 IfSG „Untergebrachte“ diskutiert,
was Pflegeeinrichtungen, Obdachlosenunterkünfte, Lager für (oder gegen)
Geflüchtete und auch Gefängnisse umfasst. Genau dabei überrascht mich
die Zeile „Sonstige“, die nach Lage der Dinge insbesondere die
Gefängnis-Zahlen enthalten müsste. Dort stehen heute 1512 Fälle (seit
Pandemie-Anfang), von denen 210 älter waren als 60, 132 ins Krankenhaus
mussten und 27 gestorben sind.
Das kann, nach allem, was so aus den Gefängnissen zu hören ist, schlicht
nicht sein; deutsche Haftanstalten haben wahrscheinlich keine
Positivraten wie Townships in Südafrika, aber sehr weit dürften sie auch
nicht davon entfernt sein. Das aber würde bedeuten, dass Fälle aus
Gefängnissen fast durchweg unter die 138284-85924 = 52360 Fälle nach §36
ohne „differenzierte Angaben“ fallen müssen. Und das ist schon
irgendwo auf dem Skandalspektrum: Wie schwierig kann es sein, Fälle aus
Gefängnissen auch so zu labeln?
Ich bin ja eigentlich niemand, der „Handarbeit“ als Qualitätsprädikat
sonderlich schätzt, aber es ist gerade bei Radio schön, wenn sich zeigt,
dass der Kram zwar aus dem Computer kommt, aber doch noch Menschen vor
dem Computer sitzen.
So ging das am letzten Samstag (3.7.), kurz nach Mitternacht. Mein
Rechner schneidet da immer den Mitternachtskrimi aus dem Live-Programm
des Deutschlandfunks mit und hat dabei dieses großartige Stolpern
aufgenommen:
(um die Bediengeräusche besser herauszubringen, habe ich das Audio etwas
komprimiert). Ich muss sagen, dieses kurze Selbstgespräch fand ich sehr
beeindruckend – und ich habe mich wiedererkannt, denn in dieser Sorte
experimentellen Diskurses mit der Maschine versuche auch ich mich dann
und wann.
Zu diesem schönen Ausschnitt habe ich zwei Einwürfe zu bieten.
Erstens war die dann doch noch folgende Sendung eine leicht
expressionistische Hörspielfassung des Kleist-Klassikers Das Erdbeben
in Chili, die ich hier liebend gerne verteilen würde, weil sie schön
zeigt, was für ein garstiges Gift reaktionäre Hetzerei ist; ich kann mir
nur schwer vorstellen, dass, wer das gehört hat, noch auf das Gift von,
sagen wir, Innenminister Seehofer hereinfallen könnte.
Aber nun, das Urheberrecht hindert mich daran, was mein Argument von
neulich gegen das „geistige Eigentum“ schön illustriert: Das Hörspiel,
vermutlich eine öffentlich-rechtliche Produktion, gäbe es natürlich
auch, wenn ich es jetzt verteilen dürfte, und die Leute, die das damals
gemacht haben, sind hoffentlich schon dabei ordentlich bezahlt worden
und werden kaum auf ein paar Cent für einen Download durch euch
angewiesen sein. Die Existenz des Textes hat offensichtlich nichts mit
Urheberrecht zu tun, denn zu Kleists Zeiten gab es gar keins. Hier
wirken die heutigen („Post-Micky-Maus“) Regelungen diametral gegen den
ursprünglichen Zweck des Urheberrechts, nämlich, der Gesellschaft eine
möglichst reichhaltige Kultur zur Verfügung zu stellen.
Der zweite Einwurf: Über die vergangenen 20 Jahre hatte ich
verschiedene Hacks, um Radio-Streams mitzuschneiden – ich schaudere,
wenn ich an die schlimmen Tage von RealAudio und das Rausfummeln des
Signals über preloaded libraries zurückdenke, die das write der libc
überschrieben haben. Nun, der proprietäre Client wollte kein Speichern
der Streams zulassen (schon wieder das Copyright-Gift!).
Inzwischen ist das Mitschneiden dank ffmpeg und offener Standards auf
der Seite der Radiostationen nur noch ein schlichtes Shellscript. Ich
verwende seit ein paar Jahren das hier:
(wahrscheinlich ist die dradio-Regel kaputt, aber das ist sicher leicht
repariert). Das lege ich an eine passende Stelle, und cron sorgt für
den Rest. Die crontab-Zeile, die mir schon viele Mitternachtskrimis
und eben auch die Perle von oben mitgeschnitten hat, sieht so aus:
05 00 * * sat /path/to/oggsnarf 1:00:00 dlf ~/media/incoming/mitternachtskrimi`date +\%Y\%m\%d`.ogg
Nachtrag (2021-11-01)
Nach ein paar Monaten fällt mir auf, dass nur ganz kurz nach diesem
Post und meiner zustimmenden Erwähnung der Mitternachtskrimis (die
allerdings schon damals zu „blue crime“ geworden waren) der
Deutschlandfunk den seit mindestens meiner späten Kindheit den Krimis
gehörenden Programmplatz am Samstag um 0:05 auf aktuelle
Kulturberichterstattung („Fazit“) umgewidmet hat. Die Crontab-Zeile
hat also nicht mehr viel Wert (und ist längst aus meiner crontab
verschwunden). Ich glaube, die Idee der ProgrammplanerInnen wird
gewesen sein, den Krimi Hörspiel-Podcast als Ersatz anzubieten.
Nicht alle Rinder sind immer brav und gefügig. Ob diese Kuh wohl ein
besonders schmales Maul hat? Das würde ihr nämlich, mit der Methode
des Papers, ein größeres Hirn bescheinigen.
Die zweite Tiergeschichte, die ich neulich angekündigt habe als, nun,
interessant in der Forschung aktuell-Sendung vom 9.6. (in den
Meldungen ab Minute 21:55), war die, dass gezähmte Rinder ein Viertel
weniger Hirn haben als wilde; ein Traditionsanarcho wie ich kann bei so
einem Faktoid natürlich dem „Gehorsam macht dumm und gewalttätig“ nicht
widerstehen, und so habe ich mir den zugrundeliegenden Artikel genauer
angesehen.
Es handelt sich um https://doi.org/10.1098/rspb.2021.0813, „Intensive
human contact correlates with smaller brains: differential brain size
reduction in cattle types“ von Ana Balcarcel und KollegInnen; die
Hauptautorin arbeitet am Paläontologischen Institut und Museum der Uni
Zürich, was, in memoriam Tibatong und Zwengelmann, den Urmel-Fan in mir
begeistert.
Von der Hirnschrumpfung im Rahmen der Domestikation hatte ich spätestens
in einer DLF-Sendung von 2009 („Beschleunigte Evolution“) von Michael
Stang gehört. Dort hatte er über schnelle Zuchterfolge bei
Damhirschen[1] berichtet:
Das Zuchtziel war klar. Der domestizierte Damhirsch musste seine
natürliche Schreckhaftigkeit verlieren und die Nähe des Menschen nicht
als störend empfinden. Zugleich sollte die Fleischleistung erhöht
werden. Durch Probeschlachtungen konnte Helmut Hemmer feststellen, ob
bereits einige Tiere ein verkleinertes Gehirn hatten - eines der
entscheidenden Merkmale beim Übergang vom Wildtier zum Nutztier. [...]
Heute grasen über 1000 domestizierte Damhirsche auf Wiesen in
Deutschland.
Im vorliegenden Artikel wird das deutlich quantitativer:
Domestic cattle have 25.6% smaller brains than wild cattle,
according to regressions of EV [Endocranial volume, Gehirnvolumen]
versus MZW [Muzzle width, Breite des Mundes, als Stellvertreter für
die Körpermasse ...]. The difference between beef and dairy breeds is
also significant (ANCOVA, p = 0.010).
Das ist natürlich weit weg von „Gehorsam macht dumm“, aber „25.4%“
weniger Hirn ist, mit drei signifikant aussehenden Stellen, schon eine
Ansage.
Eine Ansage allerdings, die ich in Summe nicht so richtig überzeugend
belegt finde, nicht mal mit nur einer signifikanten Stelle. Wobei, full
disclosure, ich war gleich voreingenommen, denn die Methode von
Balcarcel et al waren Schädelmessungen. Nennt mich irrational, aber ich
werde ernsthaft nervös, wenn jemand an Schädeln herummisst. Das war
schon bei Lavater schlimm, und nach dem durch Pseudowissenschaft
gestützten völligen Zivilisationsbruch der Nazi-Phrenologie kann ich auf
sowas nicht mehr entspannt, sagen wir sine ira et studio, blicken.
Aber ok, es scheint in dem Fach Konsens zu sein, die Breite des Mundes
(ich vermute, der im Deutschen übliche Begriff wird Maulbreite sein,
aber lasst mir mal etwas Antispeziezismus) als Maß für das Körpergewicht
zu nehmen. Das Hirnvolumen hingegen schätzen die AutorInnen unter
Verweis auf John Finarelli über ln(Hirnvolumen) = 1.3143 ⋅ ln(Länge der
Schädelhöhle) + 0.8934 ⋅ ln(Breite der Schädelhöhle) - 5.2313. Das ist
– von den fantastischen Genauigkeitsbehauptungen abgesehen – so
unplausibel nicht: Proportionalität zwischen Logarithmen heißt, dass es
da ein Potenzgesetz gibt, was bei der Relation zwischen linearen
Größen und einem Volumen naheliegt; Fingerübung im Rechnen mit
Logarithmen: bei Kugeln gilt 3 ln(r) + C = ln(V) mit einer Konstanten C.
Dennoch: Sowohl Hirnvolumen als auch die Körpermasse als Bezugsgröße
werden in der Arbeit durchweg über Proxies geschätzt. Das mag ok sein –
und nein, ich habe nicht versucht, mich von den zur Unterstützung
dieser Proxies angeführten Arbeiten überzeugen zu lassen –, aber wer
Claims wie
Bullfighting cattle, which are bred for fighting and aggressive
temperament, have much larger brains than dairy breeds, which are
intensively selected for docility.
ins Abstract schreibt, sollte da, finde ich, schon sagen, dass für die
Studie weder Rinder noch ihre Hirne gewogen wurden.
Gesetzt jedoch, die Korrelationen zwischen den Schädelmaßen auf der
einen und Körpermasse und Hirnvolumen auf der anderen Seite hauen
wirklich hin[2]: Ganz laienhaft finde ich ja schon die Metrik
„Hirnvolumen zu Körpermasse“ nicht ganz so überzeugend. Immerhin dürfte
ja „relativ mehr Fleisch“ bei Nutzrindern auch ein Zuchtziel gewesen
sein, und so kann das Verhältnis nicht nur wegen weniger Hirn, sondern
genauso gut wegen mehr sonstiger Masse kleiner ausfallen. Das wäre
übrigens auch plausibel im Hinblick auf größere
Hirn-zu-Körper-Verhältnisse bei Kampfstieren (die Balcarcel et al
finden), denn fette Kampfstiere erfüllen ihren Zweck vermutlich eher
weniger gut.
Ähnlich wenig überzeugt haben mich die Grafiken der Arbeit. Die zentralen
Aussagen werden mit Punktwolken mit reingemalten Regressionsgeraden
belegt. In dieser Darstellung fällt alles Mögliche in Auge (z.B. „alle
Wildrinder sind rechts oben“, einfach weil diese größer sind, oder „die
Geraden der Kampfrinder sind steiler“, was, wenn ich das richtig sehe,
das Paper weder nutzt noch erklärt), während die eigentlich in den Tests
verwendeten Achsenabschnitte (entsprechend Faktoren nach
Delogarithmierung) durch eigene Rechnung bestimmt werden
müssten und jedenfalls optisch unauffällig sind.
Deshalb wollte ich probieren, mir geeignetere Plots auszudenken und
habe versucht, die laut Artikel auf figshare bereitgestellten
Rohdaten zu ziehen.
Ach weh. Das ist schon wieder so ein Schmerz. Zunächst figshare:
Nichts geht ohne Javascript (wie schwer kann es sein, ein paar
Dateien zu verbreiten? Wozu könnte Javascript da überhaupt nur
nützlich, geschweige denn notwendig sein?) und das CSS versteckt
völlig unnötigerweise die Seitengröße. Dazu: Google analytics, Fonts
von googleapis.com gezogen; ich bin ja kein Freund von institutional
repositories, bei denen jede Uni-Bibliothek ihren eigenen Stiefel macht,
aber mal ehrlich: so ein Mist muss jetzt auch nicht sein, nur um ein
paar Dateien zu verteilen. Dann doch lieber Murks der lokalen
Bibliothek.
Die Datei mit den Daten sorgt nicht für Trost: Ich hatte mich schon auf so
ein blödes Office Open XML-Ding („Excel“) eingestellt, aber es kam in
gewisser Weise noch schlimmer: Was mensch bei figshare bekommt, ist ein
PDF mit einigen formatierten Tabellen drin. An der Stelle habe ich dann
aufgehört. Screen Scraping mache ich nur in Notfällen.
Dabei will ich an der Grundaussage („Domestikation macht Hirne relativ
kleiner“) nicht mal zweifeln; das mit dem „dümmer“ allerdings (was meine
Sprache ist, nicht die der AutorInnen) ist natürlich gemeine Polemik,
und das Paper zitiert Dritte, die vermuten, die Reduktion des
Hirnvolumens gehe vor allem aufs limibische System, „a composite of
brain regions responsible for the processing of fear, reactivity and
aggression“. Aber das Paper hat, soweit ich als interessierter Laie das
erkennen kann, keine sehr starken Argumente für diese Grundaussage.
Dennoch habe ich nicht bereut, in das Paper reingeschaut zu haben, denn
ich habe so erfahren, dass es Rinder gibt, deren Zweck es ist „to
decorate the landscape“, vor allem die halbwilden Chillingham-Rinder.
Die Idee, Rinder zu halten, damit der Park etwas hübscher aussieht: das
finde ich hinreißend.
Hauskatzen, so hieß es irgendwo anders, haben Hirne wie ihre
waldlebenden Verwandten. Damit wären sie Wildtiere, deren Habitat
zufällig unsere Wohnungen sind. Das würde manches erklären…
Der Physiker in mir würde bei sowas gerne die Schätzungen für
die systematischen Fehler vergrößern, und so eine ganz grobe
Fehlerbetrachtung hätte diesem Paper sicher gut getan.
Ameise? Spinne? Marsianer? Tatsächlich hat das, was ich an
Warnsystem für „lege dich nicht mit dieser Sorte Tier an“ habe, bei
diesen tropischen Ameisen schon angeschlagen.
In Forschung aktuell am Deutschlandfunk gab es am 9.6. gleich zwei
Tiergeschichten, die mich inspiriert haben, mal in die Papers hinter den
Geschichten zu schauen. Die erste war die Geschichte von Spinnen, die
sich als Ameisen tarnen. Ganz klar wird aus der DLF-Story nicht, worum
es aktuell ging; die letzte einschlägige Publikation des Interviewten
ist „Insincere flattery? Understanding the evolution of imperfect
deceptive mimicry“ von Donald McLean und KollegInnen und ist bereits 2019
im Quarterly Review of Biology erschienen
(http://doi.org/10.1086/706769; wie üblich bei Bedarf auf scihub
ausweichen). Das ist zwar erkennbar nicht das, worum im Bericht ging
(Computersimulation der Erkennung durch die Fressfeinde), aber es stellt
die Fragen, um die es hier geht, und vor allem begründet er, warum
Mimikry von Ameisen ein besonders geeignetes Modell zur Untersuchung des
Phänomens ist: Sie findet nach Aussehen, Geruch und Verhalten statt,
es gibt jede Menge Spezies, die sich in der Imitation von Ameisen
versuchen, und die meisten davon sind relativ unproblematisch im Umgang.
Der Autor arbeitet übrigens an der Macquarie University in Sydney,
Australien, und ich kann diese Gelegenheit zum zitieren des großartigen
Bill Bryson nicht vorübergehen lassen:
You really cannot move in Australia without bumping into some reminder
of his [des Ex-Gouverneurs Lachlan Macquarie, der offensichtlich eine
Tendenz hatte, alles Mögliche und Unmögliche nach sich zu benennen]
tenure. Run your eye over the map and you will find a Macquarie
Harbour, Macquarie Island, Macquarie Marsh, Macquarie River, Macquarie
Fields, Macquarie Pass, Macquarie Plains, Lake Macquarie, Port
Macquarie, Mrs. Macquarie’s Chair (a lookout point over Sydney
Harbour), Macquarie’s Point, and a Macquarie town. I always imagine
him sitting at his desk, poring over maps and charts with a magnifying
glass, and calling out from time to time to his first assistant, “Hae
we no’ got a Macquarie Swamp yet, laddie? And look here at this wee
copse. It has nae name. What shall we call it, do ye think?”
—Bill Bryson: In a Sunburned Country, New York, 2000
Aber zurück zu den Spinnen, die das Interesse der Leute von der
Macquarie University geweckt haben. Hingerissen hat mich ja die
Vorstellung, wie da Spinnen rumlaufen, die ihr vorderes Beinpaar neben
den Kopf halten und hoffen, damit als Ameise durchzugehen, ganz wie
Kinder, die mit ihren Zeigefingern die Antennen von Aliens markieren,
wobei nicht klar ist, ob die Zeigefinger oder der Gedanke von Antennen
auf Alienköpfen alberner sind.
Nun, es stellt sich heraus, dass sie damit ganz gut durchkommen, und
zwar, weil ihre Fressfeinde eher darauf schauen, wie sie sich bewegen
als wie sie jetzt im Einzelnen aussehen – und für den Bewegungseindruck
sind die wippenden Fühler wohl recht relevant. Das wiederum hat mich an
eine gute Bekannte erinnert, die seit frühester Jugend ziemlich
kurzsichtig ist, jedoch versucht, so unabhängig von Brillen zu bleiben
wie es halt geht. Sie hat immer angegeben, sie identifiziere Menschen
vor allem anhand ihres Bewegungsstils oder vielleicht auch ihrer Gestik.
Das funktioniere auch ohne scharfe Sicht aus großen Entfernungen,
letztlich würden auch Strichmännchen reichen, wenn sie sich nur bewegen.
Die Frage, welche Mimikry die Fressfeinde überzeugt, war schon Thema des
oben zitierten Artikels von McLean et al, der leider im Hauptteil mehr
um evolutionäre Kostenfunktionen geht, und ganz ehrlich: ich glaube an
nicht viel davon, denn die entsprechenden Modelle sind gewiss einige
Größenordnungen zu schlicht. Echte Ökosysteme haben unzählige
Parameter, und wenn mensch zu viele davon weglässt, kommt am Schluss
Mumpitz wie das „egoistische Gen“ heraus; ganz so schlimm kommt es hier
nicht, aber das Abstandsgebot von ökonomistischer Argumentation befolgen
die AutorInnen eben auch nicht so recht. Dafür sind sie wohl auch an
der falschen Uni, denn bei Macquarie haben klar die Metriker und
Wettbewerbs-Taliban das sagen. Wer bei der Uni nach dem Autor sucht,
kommt auf sowas hier als „Profil“:
Metrikwahn destilliert: Noch bevor irgendein Wort fällt, womit sich
Herr McLean so beschäftigt, kommen Zitationszahlen und zur Krönung
ein h-Wert. Wenn unter solchen Bedingungen ordentliche Wissenschaft
und nicht Metrikdienerei entsteht, zeigt sich wieder die unendliche
Robustheit des Systems Wissenschaft. Aber: Warum baut jemand
überhaupt solche Webseiten? (Herkunft, 22.6.2021)
Ach Mist, jetzt bin ich schon wieder von den Spinnen abgeschweift.
Was auch deshalb unfair ist, weil McLean einen gewissen Metrikrealismus
an den Tag legt: „Underlying the idea of imperfect mimicry is the
assumption that mimetic accuracy can be quantified“ [Hervorhebung von
mir]. Und weil das Paper eine, zumindest für Laien wie mich, wirklich
ganz schöne Übersicht gibt, wie sich EvolutionsbiologInnen dem Problem
nähern, warum wohl Mimikry manchmal richtig schlecht ist. Von „die
Täuschenden probieren es gar nicht“ bis „für die Fressfeinde reichts“
ist da viel dabei – und klar, in verschiedenen System werden
wahrscheinlich verschiedene Mechanismen am Werk sein.
Worum es neulich im DLF ging, war nun offenbar die „für die Fressfeinde
reichts“-Hypthese, die wiederum in ein paar Varianten aufgedröselt wird;
in einer Fassung, die ich für viele Zwecke recht überzeugend finde, wäre
das etwa: Wenn Fressfeinde mal böse Erfahrungen mit Form V gemacht
haben, werden sie vielleicht auch ähnliche Formen meiden, sagen wir W,
zumal, wenn sie auch W nicht dringend zum Überleben brauchen. Ziemlich
offensichtlich funktioniert das sogar im genetischen Gedächtnis.
Jedenfalls glaube ich nicht, dass viele Menschen in meinem Umfeld
böse Erfahrungen mit Spinnen und Schlangen gemacht haben, doch haben
überraschend viele wirklich ernsthafte Ängste vor Tieren, die aussehen
wie Schlangen oder Spinnen.
Und das war dann schon die Geschichte, soweit sie jetzt publiziert ist:
Es gibt einen Haufen Varianten von Mimikry, und Spinnen, die ihre
Vorderbeine halten, als wären sie Fühler, kommen damit durch, solange
die Ameisen, die sie imitieren, nur garstig genug schmecken.
Keine Zikaden in Weinheim: das Eichhörnchen im dortigen Arboretum
konnte noch munter turnen.
Wieder mal eine Tier-Geschichte aus Forschung aktuell am
Deutschlandfunk: In der Sendung vom 25.5. gab es ein Interview mit
Zoe Getman-Pickering, die derzeit eine Massenvermehrung von Zikaden
an der US-Ostküste beobachtet. Im Gegensatz zu so mancher
Heuschreckenplage kam die nicht unerwartet, denn ziemlich verlässlich
alle 17 Jahre schlüpfen erstaunliche Mengen dieser Insekten und
verwandeln das Land in ein
All-You-Can-Eat-Buffet. Es gibt schon Berichte von Eichhörnchen und
Vögeln, die so fett sind, dass sie nicht mehr richtig laufen können.
Die sitzen dann einfach nur herum und fressen eine Zikade nach der
anderen.
Es war dieses Bild von pandaähnlich herumhockenden Eichhörnchen, die
Zikaden in sich reinstopfen wie einE Couch Potato Kartoffelchips, das
meine Fantasie angeregt hat.
Gut: Gereizt hat mich auch die Frage, wo auf der Fiesheitssakala ich
eigentlich einen intervenierenden Teil der Untersuchung ansiedeln würde,
der im Inverview angesprochen wird: Um
herauszufinden [ob die Vögel noch Raupen fressen, wenn sie Zikaden in
beliebigen Mengen haben können], haben wir auch künstliche Raupen aus
einem weichen Kunststoff. Die setzen wir auf die Bäume. Und wenn sich
dann Vögel für die künstlichen Raupen interessieren, dann picken sie
danach
und sind bestimmt sehr enttäuscht, wenn sie statt saftiger Raupen
nur ekliges Plastik schmecken. Na ja: verglichen mit den abstürzenden
Fledermäuse von neulich ist das sicher nochmal eine Stufe harmloser.
Balsam für die Ethikkommission, denke ich. Das Ergebnis übrigens: Ja,
die Zikadenschwemme könnte durchaus eine Raupenplage nach sich ziehen.
Die Geschichte hat ein Zuckerl für Mathe-Nerds, denn es ist ja
erstmal etwas seltsam, dass sich die Zikaden ausgerechnet alle 17 Jahre
verabreden zu ihren Reproduktionsorgien. Warum 17? Bis zu diesem
Interview war ich überzeugt, es sei in ÖkologInnenkreisen Konsens, das
sei, um synchronen Massenvermehrungen von Fressfeinden auszuweichen,
doch Getman-Pickering hat mich da eines Besseren belehrt:
Aber es gibt auch Theorien, nach denen es nichts mit den Fressfeinden
zu tun hat. Sondern eher mit anderen Zikaden. Der Vorteil wäre dann,
dass die Primzahlen verhindern, dass unterschiedliche Zikaden zur
gleichen Zeit auftreten, was dann schlecht für die Zikaden sein
könnte. Und dann gibt es auch noch einige Leute, die es einfach nur
für einen Zufall halten.
Das mit dem Zufall fände ich überzeugend, wenn bei entsprechenden Zyklen
in nennenswerter Zahl auch nichtprime Perioden vorkämen. Und das mag
durchaus sein. Zum Maikäfer zum Beispiel schreibt die Wikipedia:
„Maikäfer haben eine Zykluszeit von drei bis fünf, meist vier Jahren.“
Aua. Vier Jahre würden mir eine beliebig schlechte Zykluszeit
erscheinen, denn da würde ich rein instinktiv Resonanzen mit allem und
jedem erwarten. Beim Versuch, diesen Instinkt zu quantifizien, bin ich
auf etwas gestoßen, das, würde ich noch Programmierkurse geben, meine
Studis als Übungsaufgabe abbekommen würden.
Die Fragestellung ist ganz grob: Wenn alle n Jahre besonders viele
Fressfeinde auftreten und alle m Jahre besonders viele Beutetiere, wie
oft werden sich die Massenauftreten überschneiden und so den
(vermutlichen) Zweck der Zyklen, dem Ausweichen massenhafter
Fressfeinde, zunichte machen? Ein gutes Maß dafür ist: Haben die beiden
Zyklen gemeinsame Teiler? Wenn ja, gibt es in relativ kurzen
Intervallen Jahre, in denen sich sowohl Fressfeinde als auch Beutetiere
massenhaft vermehren. Haben, sagen wir, die Eichhörnchen alle 10 Jahre
und die Zikaden alle 15 Jahre Massenvermehrungen, würden die
Eichhärnchen alle drei Massenvermehrungen einen gut gedeckten Tisch und
die Zikaden jedes zweite Mal mit großen Eichhörnchenmengen zu kämpfen
haben.
Formaler ist das Problem also: berechne für jede Zahl von 2 bis N die
Zahl der Zahlen aus dieser Menge, mit denen sie gemeinsame Teiler hat.
Das Ergebnis:
Mithin: wenn ihr Zikaden seid, verabredet euch besser nicht alle sechs,
zwölf oder achtzehn Jahre. Die vier Jahre der Maikäfer hingegen sind
nicht so viel schlechter als drei oder fünf Jahre wie mir mein Instinkt
suggeriert hat.
Ob die Verteilung von Zyklen von Massenvermehrungen wohl irgendeine
Ähnlichkeit mit dieser Grafik hat? Das hat bestimmt schon mal wer
geprüft – wenn es so wäre, wäre zumindest die These vom reinen Zufall in
Schwierigkeiten.
Den Kern des Programms, das das ausrechnet, finde ich ganz hübsch:
def get_divisors(n):
return {d for d in range(2, n//2+1) if not n%d} | {n}
def get_n_resonances(max_period):
candidates = list(range(2, max_period+1))
divisors = dict((n, get_divisors(n)) for n in candidates)
return candidates, [
sum(1 for others in divisors.values()
if divisors[period] & others)
for period in candidates]
get_divisors ist dabei eine set comprehension, eine relativ neue
Einrichtung von Python entlang der altbekannten list comprehension:
„Berechne die Menge aller Zahlen zwischen 2 und N/2, die N ohne Rest
teilen – und vereinige das dann mit der Menge, in der nur N ist, denn
N teilt N trivial. Die eins als Teiler lasse ich hier raus, denn
die steht ohnehin in jeder solchen Menge, weshalb sie die Balken in der
Grafik oben nur um jeweils eins nach oben drücken würde – und sie würde,
weit schlimmer, die elegante Bedingung divisors[period] & others
weiter unten kaputt machen. Wie es ist, gefällt mir sehr gut, wie
direkt sich die mathematische Formulierung hier in Code abbildet.
Die zweite Funktion, get_n_resonances (vielleicht nicht der beste
Name; sich hier einen besseren auszudenken wäre auch eine wertvolle
Übungsaufgabe) berechnet zunächt eine Abbildung (divisors) der
Zahlen von 2 bis N (candidates) zu den Mengen der Teiler, und dann
für jeden Kandidaten die Zahl dieser Mengen, die gemeinsame Elemente mit
der eigenen Teilermenge haben. Das macht eine vielleicht etwas dicht
geratene generator expression. Generator expressions funktionieren auch
wie list comprehensions, nur, dass nicht wirklich eine Liste erzeugt
wird, sondern ein Iterator. Hier spuckt der Iterator Einsen aus, wenn
die berechneten Teilermengen (divisors.values()) gemeinsame Elemente
haben mit den Teilern der gerade betrachteten Menge
(divisors[period]). Die Summe dieser Einsen ist gerade die gesuchte
Zahl der Zahlen mit gemeinsamen Teilern.
Das Ergebnis ist übrigens ökologisch bemerkenswert, weil kleine
Primzahlen (3, 5 und 7) „schlechter“ sind als größere (11, 13 und 17).
Das liegt daran, dass bei einem, sagen wir, dreijährigen Zyklus dann
eben doch Resonanzen auftauchen, nämlich mit Fressfeindzyklen, die
Vielfache von drei sind. Dass 11 hier so gut aussieht, folgt natürlich
nur aus meiner Wahl von 20 Jahren als längsten vertretbaren Zyklus. Ganz
künstlich ist diese Wahl allerdings nicht, denn ich würde erwarten, dass
allzu lange Zyklen evolutionär auch wieder ungünstig sind, einerseits,
weil dann Anpassungen auf sich ändernde Umweltbedingungen zu
langsam stattfinden, andererseits, weil so lange Entwicklungszeiten rein
biologisch schwierig zu realisieren sein könnten.
Für richtig langlebige Organismen – Bäume zum Beispiel – könnte diese
Überlegung durchaus anders ausgehen. Und das mag eine Spur sein
im Hinblick auf die längeren Zyklen im Maikäfer-Artikel der
Wikipedia:
Diesem Zyklus ist ein über 30- bis 45-jähriger Rhythmus überlagert.
Die Gründe hierfür sind nicht im Detail bekannt.
Nur: 30 und 45 sehen aus der Resonanz-Betrachtung jetzt so richtig
schlecht aus…
In ihrem Engagement „gegen Rechts“ beschränkt sich die Regierung im
Wesentlichen auf autoritäre Maßnahmen, also Verbote und Drohungen. Das
ist schade, denn das Runtertönen des regierungsamtlichen Nationalismus
(„deutsche Interessen wahren“), Militarismus („Fähigkeit zur
Machtprojektion“), Autoritarismus (§114 StGB, um mal was besonders
Schlagendes zu erwähnen; die Rote Hilfe Berlin dazu) und der vielen
anderen rechten Versatzstücke („Flüchtlingskrise“, „wegsperren, und zwar
für immer“ usf) könnte erstens vielleicht wirklich was bringen und
würde zweitens nicht am Ende in aller Regel menschenfreundliche
Anliegen treffen.
Für die Beobachtung, nach der „Gesetze gegen Rechts“ (aktuell z.B. das
verschärfte Hassgesetz) am Ende in aller Regel Linke treffen, habe ich
gerade ein Beispiel gefunden, das ich gar nicht in diese Kategorie
gepackt hatte: Den Entzug der Gemeinnützigkeit der VVN/BdA. Dabei
hatte das Berliner Finanzamt der Antifa-Organisation eine dicke
Steuernachforderung geschickt unter Hinweis auf erstens den Bericht des
bayrischen Inlandsgeheimdienstes („Verfassungsschutz”, VS), der die
VVN/BdA als staatsfeindlich listet.
Der Eintrag als solcher wäre ja nicht schlimm, denn dass der VS aus
Schurken besteht und aufgelöst werden muss, ist nicht erst seit Maaßen
klar. Jedoch hat der Gesetzgeber zweitens 2009 dem §51
Abgabenordnung (AO) – der Einleitung zur Regelung von
Steuerbegünstigung und Gemeinnützigkeit – einen Absatz 3 hinzugefügt, in
dem es heißt:
Bei Körperschaften, die im Verfassungsschutzbericht des Bundes oder
eines Landes als extremistische Organisation aufgeführt sind, ist
widerlegbar davon auszugehen, dass die Voraussetzungen des Satzes 1
[ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige, mildtätige oder
kirchliche Zwecke] nicht erfüllt sind.
– der VS hat mithin ein effektives Vetorecht für die Anerkennung
steuerlicher Begünstigung, was nicht weit weg ist von der Methode der
Klassifikation als ausländischer Agent durch das Justizministerium in
Russland[1]. Wie das die beschließenden ParlamentarierInnen mit
einem transparenten, gewaltengeteilten Staatsmodell zusammenbekommen
haben, ist mir schleierhaft.
Aber stellt sich raus: sie haben sich wohl als antifaschistisch bewegt
gewähnt, denn §51 (3) AO entstand als Folge des gescheiterten
Verbotsprozesses gegen die NPD. Zur Erinnerung: 2001 bis 2003 hatten
Bund und Länder versucht, die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht
verbieten zu lassen. Das scheiterte 2003, weil die diversen
Inlandsgeheimdienste sich weigerten, ihre MitarbeiterInnen abzuziehen
und Vertrauenspersonen abzuschalten, so dass klar hätte werden können,
wie viel der Organisation tatsächlich nicht nur aus Geheimdienst
besteht. Wo auf dem Spektrum von „NPD decken“, „die eigene
Existenzgrundlage aufbauen“ und „unfähig sein“ das anzusiedeln war,
bleibt bis auf Weiteres dem eigenen Geschmack überlassen (vgl. auch
Wikipedia zum ersten NPD-Verbotsverfahren).
Tatsäche ist jedenfalls: Der VS hat die NPD gerettet, und nun dachten
sich vermutlich nicht ganz übelmeinende Personen aus der Restpolitik,
der Laden sollte zumindest nicht noch anders als über den VS in großen
Mengen staatliches Geld bekommen. Dazu hätte eine Änderung im
Parteiengesetz gereicht (und selbst das hätte ich als schlechte Idee
klassifiziert). Dass auch die ganz normale Vereine regulierende
Abgabenordnung geändert wurde, nun, das könnten weniger wohlmeinende
Menschen auf den Fluren der Ministerien angeleiert haben. Vielleicht
war es aber auch wirklich nur der Versuch, proaktiv Schlupflöcher zu
stopfen.
Nun, zehn Jahre später wandte das Finanzamt Berlin das in sogar halbwegs
glaubhaftem antifaschistischem Furor geänderte Gesetz gegen die größte
antifaschistische Organisation der BRD.
Das hat letztes Jahr für einige Mobilisierung und viele Eintritte in die
VVN/BdA gesorgt, nicht jedoch für eine Änderung des anrüchigen §51 (3)
AO. Stattdessen haben sich Finanzamt Berlin und VS Bayern elegant aus
der öffentlichen Schusslinie genommen, indem der VS Bayern seine
Einschätzungen nur noch auf den bayrischen Landesverband der VVN
beschränkt und das Finanzamt Berlin daher die Bundesorganisation nicht
mehr als unerwünscht einstufen muss.
Was aber heißt: Der nächste VS, der einen Laden plattmachen will, der
sich auf Steuerbegünstigung verlässt, kann das immer noch tun.
In Russland sind im Laufe der Jahre eine Art Trucker-Gewerkschaft
und eine Selbsthilfe-Organisation von Diabetiker_innen in den Fokus
des ausländische-Agenten-Apparats gekommen. Dass VS und Finanzamt
immerhin auf die VVN-BdA und nicht etwa auf Männergesangsvereine
losgehen: das macht Hoffnung im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit
der deutschen Bürokratie jedenfalls im Vergleich zur russischen.
Mit einiger Verspätung habe ich gerade Bundestagsdrucksache
19/15346 durchgelesen, hauptsächlich, um herauszufinden, wie es wohl
mit PIAV weitergegangen ist, dem dystopischen Projekt des BKA, dem
Wildwuchs der Polizeidatenbanken ausgerechnet dadurch ein Ende zu
machen, dass im Wesentlichen alle alles finden und lesen können (gut,
das ist jetzt etwas vereinfachend, aber aus allen Erfahrungen mit
dem bestehenden BKA nicht sehr weit extrapoliert).
Der Lerneffekt der Lektüre in Sachen PIAV war überschaubar, aber dafür
bin ich auf eine beim BKA betriebene Datei „Übersicht offener
Haftbefehle PMK“ gestoßen, die so beschrieben wird:
Wenn ich die Spalte 6 (vom Innenministerium etwas unzutreffend „Zweck“
überschrieben) richtig interpretiere, lässt das BKA bei jedem Haftbefehl
(die kommen vermutlich wegen der ebenfalls beim BKA liegenden Haftdatei
bei ihnen vorbei) eine Abfrage gegen ihre verschiedenen Datenbanken
laufen. Dabei wäre schon mal interessant, welche das konkret sind: Nur
der KAN? Die Gewalttäter-Dateien? Auch die Top-Secret-Amtsdateien?
Sofern sich bei dieser Suche an der zu verhaftenden Person ein
personengebundener Hinweis (PHW) wie LIMO, REMO oder AUMO zeigt, wird
offenbar ein neuer Eintrag in dieser Haftbefehl-PMK-Datei generiert, und
zwar ganz egal, ob die der Haftstrafe zugrundeliegende Straftat
irgendwas mit mutmaßlichen Gesinnungen zu tun haben könnte oder nicht.
Ich hätte dazu ein paar Fragen:
Hat da jemals jemand einen tatsächlichen Zweck formuliert? Also
anfangend mit: „Wenn jemand wegen eines Waffendelikts einfahren soll
und es ist ein Fascho, dann ist es gut™, wenn wir wissen, dass ein
Fascho und nicht nur irgendwer wegen eines Waffendelikts einfahren
soll.“
Hat dann wer gesagt, wie „dann ist es gut“ zu irgendeinem Nutzen
werden könnte, der dem doch recht drastischen Eingriff in die
Menschenrechte der Betroffenen proportional sein könnte?
Warum brauchts dann dazu, Schwarzfahrende mit und ohne Protesthintergrund
verschieden zu behandeln? Ich biete übrigens eine 1:1-Wette an, dass von
den Leuten, deren politischer PHW irgendeine Wurzel in der Realität
hat, die breite Mehrheit Linke sind, die wegen entweder Dope oder
Schwarzfahren einfahren sollen; meine Fantasie reicht nicht, für so
eine Speicherung auch nur irgendeine Rechtfertigung zu finden jenseits
von „lass uns die Zecken noch etwas ärgern“.
Hat da jemals jemand von einer Datenschutzbehörde draufgeschaut?
Meine Arbeitshypothese: Die Prüfenden hat der Schlag getroffen,
weshalb sie das nicht gleich laut im Datenschutzbericht angeprangert
haben (dem BKA untersagen können sie ja leider in der Praxis nicht
viel).
Als schwacher Trost bleibt, dass die PHWs, die in den verschiedenen
Datenbanken so vergeben sind, selbst weitgehend beliebig sind und
Datenschutzprüfungen nur in Ausnahmefällen überstehen. Das setzt
zumindest mal große Fragezeichen hinter die Eignung dieser Datei für
eigentlich alles, denn Leute im Wesentlichen nach dem Zufallsprinzip in
eine Datei stecken mag beim BKA Routine sein, für alle anderen ist es
schlicht fieser Quatsch.
Das tröstet ein wenig, denn menschenrechtsfeindlicher Quatsch schlägt
immerhin nur nach dem Zufallsprinzip ein. Das ist immer noch besser
als zielgerichtete Spezialunterdrückung für politisch aktive Menschen.
Nachtrag (2021-06-05)
Stellt sich raus: Das ist in Wirklichkeit relativ harmlos und jedenfalls
nicht die Idee der Polizei. Die Datei wurde eingerichtet, um
Bundestagsanfragen zu offenen Haftbefehlen gegen vermutliche
FaschistInnen beantworten zu können, und weil das BKA extremistisch der
Extremismustheorie anhängt, haben sie dann gleich alles, was sie in PMK
einordnen, in eine Datei gekippt. Warum sie nicht einfach ein bisschen
SQL laufen lassen zur Beantwortung der Anfragen, verstehe ich nicht
ganz; freie Anfragen über so kitzligen Beständen sind zwar vom
Datenschutz her ziemlich kritisch, aber wenn die Ausgabe so stark
aggregiert ist wie hier, wäre das sicher milder gegenüber einer eigenen
und dauerhaften Datenbank-Tabelle (einem View?).
Auf der anderen Seite: Wenn die Polizei diese Tabelle gar nicht
wollte, bleibt als Haupt-Ärger vor allem die völlig unklare
Zweckbestimmung. Hätten sie gleich gesagt, worum es geht, hätte ich mir
den ganzen Post sparen können.
Via Forschung aktuell vom 5. Mai (ab 18:35) bin ich über ein
weiteres Beispiel für vielleicht nicht mehr ganz vertretbare, aber
leider doch sehr spannende Experimente an Tieren gestolpert: Eran
Amichai und Yossi Yovel von der Uni Tel Aviv und dem Dartmouth
College haben festgestellt, dass (jedenfalls) Weißrandfledermäuse eine
angeborene Vorstellung von der Schallgeschwindigkeit haben
(„Echolocating bats rely on innate speed-of-sound reference“,
https://doi.org/10.1073/pnas.2024352118; ich glaube, den Volltext gibts
außerhalb von Uninetzen nur über scihub).
Die beeindruckendsten Fledertiere, die ich je gesehen habe: Große
Flughunde, die abends in großen Mengen am Abendhimmel von Pune ihre Runden
drehen. Im Hinblick auf die Verwendung dieses Fotos bei diesem
Artikel etwas blöd: Diese Tiere machen gar keine Echoortung.
Das ist zunächst mal überraschend, weil die Schallgeschwindigkeit in
Gasen und Flüssigkeiten von deren Dichte abhängig ist und sie damit für
Fledermäuse je nach Habitat, Wetter und Höhe schwankt. Für ideale Gase
lässt sie sich sogar recht leicht ableiten, und das Ergebnis ist: c =
(κ p/ρ)½, wo c die Schallgeschwindigkeit, p der Druck und
ρ die Dichte ist. Den Adiabatenexponent κ erklärt bei Bedarf die
Wikipedia, er ändert sich jedenfalls nur, wenn die Chemie des Gases
sich ändert. Luft ist, wenn ihr nicht gerade in Hochdruckkammern steht
(und da würdet ihr nicht lange stehen), ideal genug, und so ist die
Schallgeschwindigkeit bei konstantem Luftdruck in unserer Realität in
guter Näherung umgekehrt proportional zur Wurzel der Dichte der Luft.
Nun hat Helium bei Normalbedingungen eine Dichte von rund 0.18 kg auf
den Kubikmeter, während Luft bei ungefähr 1.25 kg/m³ liegt (Faustregel:
1 m³ Wasser ist rund eine Tonne, 1 m³ Luft ist rund ein Kilo; das hat
die Natur ganz merkfreundlich eingerichtet). Der Adiabatenexponent für
Helium (das keine Moleküle bildet) ist zwar etwas anders als der von
Stickstoff und Sauerstoff, aber so genau geht es hier nicht, und deshalb
habe ich 1/math.sqrt(0.18/1.25) in mein Python getippt; das Ergebnis
ist 2.6: grob so viel schneller ist Schall in Helium als in Luft (wo es
rund 300 m/s oder 1000 km/h sind; wegen des anderen κ sind es in Helium
bei Normalbedingungen in Wahrheit 970 m/s).
Flattern in Heliox
Das hat für Fledermäuse eine ziemlich ärgerliche Konsequenz: Da sich die
Tiere ja vor allem durch Sonar orientieren und in Helium die Echos 3.2
mal schneller zurückkommen würden als in Luft, würden an Luft gewöhnte
Fledermäuse glauben, all die Wände, Wanzen und Libellen wären 3.2-mal
näher als sie wirklich sind. Immerhin ist das die sichere Richtung,
denn in einer Schwefelhexaflourid-Atmosphäre (um mal ein Gas mit einer
sehr hohen Dichte zu nehmen, ρ = 6.6 kg/m³) ist die
Schallgeschwindigkeit nur 44% von der in Luft (wieder ignorierend, dass
das Zeug einen noch anderen Adiabatenexponenten hat als He,
O2 oder N2), und die Tiere würden sich noch zwanzig
Zentimeter von der Wand weg wähnen, wenn sie in Wirklichkeit schon mit
den Flügeln an sie anschlagen könnten – die Weißrandfledermäuse, mit
denen die Leute hier experimentiert haben, haben eine Flügelspannweite
von rund 20 Zentimetern (bei 10 Gramm Gewicht!). Wer mal Fledermäuse hat
fliegen sehen, ahnt, dass das wohl nicht gut ausgehen würde.
Aber das ist natürlich Unsinn: In Schwefelhexaflourid ist die Trägheit
des Mediums erheblich größer, und das wird die Strömungseigenschaften
und damit den dynamischen Auftrieb der Fledermausflügel drastisch
ändern[1]. Was auch umgekehrt ein Problem ist, denn in einer
Helium-Atmosphäre mit der um fast einen Faktor 10 geringeren
spezifischen Trägheit funktionieren die Fledermausflügel auch nicht
ordentlich. Ganz zu schweigen davon natürlich, dass die Tiere darin
mangels Sauerstoff ersticken würden.
Deshalb haben Amichal und Co mit Luft-Helium-Mischungen („Heliox“)
experimentiert. Dabei haben sie die Schallgeschwindigkeit in einigen
Experimenten um 27% erhöht, in der Regel aber nur um 15%[2].
Dass die beiden zwei Helioxmischungen am Start hatten, wird wohl
einerseits daran liegen, dass die 15% allenfalls knapp über der
natürlichen Schwankungsbreite der Schallgeschwindigket durch Temperatur,
Luftdruck und Luftfeuchtigkeit (die gehen ja auch alle auf die Dichte)
liegen. Mit 27% aber hatten die Fledermäuse doch zu große Probleme mit
dem Fliegen, und das wäre keine Umwelt, in der kleine Fledermäuse
aufwachsen sollten.
Im Artikel schreiben die Leute dazu etwas hartherzig:
“Category I” [von Fehlflügen] included flights in which the bat
clearly did not adjust motor responses to the lessened lift and landed
on the floor less than 50 cm from takeoff.
– was eine recht zurückhaltende Umschreibung von „Absturz“ ist. Einige
Tiere hatten davon schnell die Nase voll:
Treatments [nennt mich pingelig, aber die Bezeichnung der
Experimente als „Behandlung“ ist für mich schon auch irgendwo am
Euphemismus-Spektrum] were completed in one session with several
exceptions: two individuals refused to fly at 27% SOS after 2 d, and
those treatments were therefore done in two sessions each, separated
by 1 d in normal air.
Unter diesen Umständen liegt auf der Hand, dass „Köder gefangen und
gefressen“ kein gutes Kriterium ist dafür, ob sich die Fledermäuse auf
Änderungen der Schallgeschwindigkeit einstellen können – viel
wahrscheinlicher waren sie einfach mit ihren Flugkünsten am Ende.
Tschilpen und Fiepen
Es gibt aber einen Trick, um die Effekte von Wahrnehmung und
Fluggeschick zu trennen. Jagende Fledermäuse haben nämlich zwei Modi der
Echoortung: Auf der Suche und aus der Ferne orten sie mit relativ lang
auseinanderliegenden, längeren Pulsen, also etwa Tschilp – Tschilp –
Tschilp. In der unmittelbaren Umgebung der Beute (in diesem Fall so ab
40 cm wahrgenommener Entfernung) verringern sie den Abstand zwischen den
Pulsen, also etwa auf ein Fipfipfipfip. Auf diese Weise lässt sich
recht einfach nachvollziehen, welchen Abstand die Tiere selbst messen,
wobei „recht einfach“ hier ein Aufnahmegerät für Ultraschall
voraussetzt. Wenn sie in zu großer Entfernung mit dem Fipfipfip
anfangen, nehmen sie die falsche Schallgeschwindigkeit an.
Bei der Auswertung von Beuteflügen mit und ohne Helium stellt sich, für
mich sehr glaubhaft, heraus, dass Fledermäuse auch nach längerem
Aufenhalt in Heliox immer noch unter Annahme der Schallgeschwindigkeit
in (reiner) Luft messen: Diese muss ihnen also entweder angeboren sein,
oder sie haben sie in ihrer Kindheit fürs Leben gelernt.
Das Hauptthema der Arbeit ist die Entscheidung zwischen diesen
beiden Thesen – nature or nurture, wenn mensch so will. Deshalb haben
Amichal und Co 24 Fledermausfrauen aus der Wildnis gefangen, von
denen 16 schwanger waren und die schließlich 18 Kinder zur Welt gebracht
haben. Mütter und Kinder mussten für ein paar Wochen im Labor leben, wo
sie per Kunstlicht auf einen für die Wissenschaftler_innen bequemen
Tagesrhythmus gebracht wurden: 16 Stunden Tag, 8 Stunden Nacht, wobei
die Nacht, also die Aktivitätszeit der Tiere, zwischen 10 und 17 Uhr
lag. Offenbar haben BiologInnen nicht nennenswert andere Bürozeiten als
AstronomInnen.
Mit allerlei Mikrofonen wurde überprüft, dass die Tiere während ihres
Tages auch brav schliefen; auf die Weise musste die Heliox-Mischung
nur während der Arbeitszeit aufrechterhalten werden, während die Käfige
in der Nacht lüften konnten, ohne dass die Heliox-Fledermäuse sich
wieder an richtige Luft hätten gewöhnen können.
Jeweils acht Fledermausbabys wuchsen in normaler Luft bzw. Heliox-15
auf, den doch recht argen Heliox-27-Bedingungen wurden sie nur für
spätere Einzelexperimente ausgesetzt. Dabei hat sich gezeigt, dass die
Kinder unabhängig von ihrer Kindheitsatmosphäre in gleicher Weise orten:
Der Umschlag von Tschilp-Tschip nach Fipfip passierte jeweils bei
gleichen Schall-Laufzeiten unabhängig von der wirklichen Distanz.
Warum tun sie das?
Diese Befunde sind (aus meiner Sicht leider) nur recht schwer
wegzudiskutieren, das wirkt alles recht wasserdicht gemacht. Was die
Frage aufwirft, warum die Tiere so hinevolutioniert sind. Amichal und
Yovel spekulieren, ein Einlernen der Schallgeschwindigkeit habe sich
deshalb nicht herausgebildet, weil Weißrandfledermäuse in der Wildnis
sehr schnell erwachsen werden und selbst jagen müssen, weshalb es nicht
genug Zeit zum Üben und Lernen gebe.
Das wäre wohl testbar: Ich rate jetzt mal, dass größere (oder andere)
Fledermäuse längere Kindheiten haben. Vielleicht lernen ja die das?
Oder vielleicht hängt die festverdrahtete Physik auch daran, dass
Weißrandfledermäuse eigentlich durchweg mit ziemlich konstanter
Schallgeschwindigkeit leben? Dann müsste das etwa bei mexikanischen
Bulldoggfledermäusen (die aus dem Bacardi-Logo) anders sein, für die
der Artikel Flughöhen von 3 km zitiert.
Auch wenn die Sache mit dem Einsperren und Abstürzenlassen von
Fledermäusen schon ein wenig gruselig ist: die Wortschöpfungen
„Luftwelpen“ und „Helioxwelpen“ haben mich beim Lesen schon angerührt –
wobei „Welpe“ für das Original „pup“ eingestandermaßen meine
Übersetzung ist. Gibt es eigentlich einen deutsches Spezialausdruck für
„Mauskind“?
Abschließend doch noch ein Schwachpunkt: In der Studie habe ich nichts
zum Einfluss des Mediums auf die Tonhöhe der Rufe gelesen[3]. Den
muss es aber geben – die Demo von PhysiklehrerInnen, die Helium einatmen
und dann mit Micky Maus-Stimme reden, hat wohl jedeR durchmachen
müssen. Die Schallgeschwindigkeit ist ja einfach das Produkt von
Frequenz und Wellenlänge, c = λ ν, und da λ hier durch die Länge der
Stimmbänder (bei entsprechender Anspannung des Kehlkopfs) festliegen
sollte, müsste die Frequenz der Töne in 27%-Heliox eben um einen Faktor
1.27, also ungefähr 5/4, niediger liegen. In der Musik ist das die große
Terz, etwa das Lalülala einer deutschen Polizeisirene. Und jetzt frage
mich mich natürlich, ob das die Fledermäuse nicht merken …
Juni 2001 im Berliner Tiergarten: Visionäre Ansagen.
Ich bilde mir ja ein, dass ich eine gewisse Sensibilität für
Antisprache habe, also Wörtern und Fomulierungen, die Bedeutung
annihiliern statt transportieren. Aber das schöne Interview mit Dirk
Schneidemesser vom IASS in der taz von heute hat mich eines Besseren
belehrt. Dass „parken“ eine rücksichtslose Okkupation öffentlichen
Raumes verschleiert, „Unfall“ völlig gegen die Realität so tut, als sei
Verkehrsgewalt (Schneidemessers Terminologie) Ausnahme und nicht Regel
und „gesperrt“ bei einer Straße, die gerade für die Nutzung durch
Menschen geöffnet wurde, komplett sinnwidrig ist: Das alles ist mir erst
beim Lesen des Interviews klar geworden.
Das ist für einen passionierten Autofeind und Antisprach-Beobachter wie
mich schon ziemlich peinlich.
Da hilft traditionell nur eins: öffentliche Selbstkritik!