Tag Frieden

  • Aus der Geschichte lernen: Chios

    Landschaftsfoto: Felsen mit einzelnen Bäumen drin

    Für diese Landschaft haben sich Menschen 1822 in großen Mengen massakriert: Das Innere von Chios. CC-BY-SA FrontierNG

    Am 11. April gedachte das DLF-Kalenderblatt dem Massaker von Chios, das vor 200 Jahren den Höhe- oder eher Tiefpunkt einer jedenfalls rückblickend betrachtet völlig durchgeknallten Verkettung von Gewalttaten und Vergeltungsaktionen markierte.

    Ich muss gestehen, dass mir die ganze Geschichte völlig neu war; in der Kürze beim DLF klang es für mich zunächst so, als habe der osmanische Sultan die Bevölkerung der reichen Ägaisinsel Chios ausradieren lassen, weil sie gegen ihre manifesten (ökonomischen) Interessen mit Aufständischen paktiert hatte, die wiederum zuvor andere Untertanen des Sultans massakriert hatten.

    Mir klang das nach einem guten Beispiel, wie das allseite Nachgeben gegenüber der autoritären Versuchung zu einer Spirale von Bestialität führt, bei der jede Seite die moralische Berechtigung, wenn nicht gar Verpflichtung fühlt, den Feind zu töten. Da der Abstand den Blick schärfen mag, der bei analogen Ereignissen in der Nähe derzeit ganz offenbar vielfach getrübt ist, habe ich mir heute den zugehörigen Wikipedia-Artikel zu Gemüte geführt.

    Die Vorgeschichte

    Sehr bemerkenswert fand ich schon mal, dass die Wikipedia für die Vorgeschichte auf den Frieden von Küçük Kaynarca verweist, den 1774 das osmanische Reich und Russland geschlossen hatten. Bemerkenswert ist das einerseits, weil es damals schon um die jetzt gerade wieder umstrittenen Gebiete ging: Russland hat sich in diesem Vertrag den Süden der späteren Ukraine einverleibt, die Krim – die für zehn Jahre noch als autonomes Khanat weiterexistierte – folgte 1783. Nach allem, was danach kam, von Krimkrieg über die Verheerungen des zweiten Weltkriegs bis zum jetzigen Stellvertreterkrieg: Was für eine geschundene Gegend.

    Andererseits war diese Niederlage des osmanischen Sultans offenbar ein Segen für jedenfalls nennenswerte Teile seiner Untertanenschaft. In den Worten der Wikipedia:

    Wie im Rest Griechenlands wuchs nach dem Friedensvertrag von Kutchuk-Kaïnardji 1774 der Wohlstand auf Chios.

    Das bezieht sich, wie gesagt, auf die Verliererseite des Russisch-Türkischen Krieges von 1768-1774. Erneut zeigt sich die alte Weisheit, dass es weit schlimmer ist, einen Krieg zu führen als einen zu verlieren.

    Das Verhängnis von Chios begann indes, auch recht typisch, mit Patrioten, und zwar in diesem Fall mit griechischen. Diese nämlich legten 1821 einen zünftigen Aufstand auf der Peloponnes hin, als viele der dortigen (osmanischen) Besatzungssoldaten andernorts gebraucht wurden, nämlich für Kämpfe innerhalb der osmanischen Elite und weil, ganz modern, russische Truppen in das noch osmanische Moldawien eingefallen waren.

    Der zünftige Aufstand schlug erwartungsgemäß schnell in Barbarei um. Die tapferen und frommen Freiheitskämpfer eroberten^Wbefreiten im Oktober 1821 die Provinzhauptstadt Tripoli (nicht zu verwechseln mit dem zuerst durch unsere Flugverbotszone befreiten und dann seit inzwischen einem Jahrzehnt glühend umkämpften libyschen Tripolis) und metzelten gegen 8000 der verbliebenen BewohnerInnen nieder – schon während der Belagerung hatte sich die Bevölkerung auf etwa 15000 halbiert. Immerhin sind wohl nicht alle anderen 15000 dem Krieg zum Opfer gefallen, einige haben rechtzeitig fliehen können.

    Eine weitere Weisheit: Wenn es nach Krieg riecht, verpiss dich rechtzeitig. In der jungen Welt gab es am Wochenende eine Geschichte, wie es ganz aktuell zugeht, wenn du das mit dem „rechtzeitig“ nicht hinbekommst.

    In Chios

    Aber dies ist ja eine Geschichte über Chios, eine vor 1821 in weitgehender christlicher Autonomie von achtzehn, großartiger Titel, Demogeronten für den Sultan regierten Insel nicht weit vor der Küste der heutigen Türkei.

    Die DLF-Erzählung einer durch Mastix-Produkion und -Handel reich gewordenen Gemeinde trägt wohl; jedenfalls hatten die Demogeronten schon im April 1821 klar angesagt, dass sie lieber Wohlstand als (nationalen) Aufstand haben wollen. Für solche Anliegen hatten die Patrioten von der Peloponnes wenig Verständnis. Ein „Admiral“ Iakovos Tombazis – bei einem derart jungen Aufstand dürfte so ein „Admiral“ ungefähr drei Jollen befehligt haben – landete auf Chios, zog mit seinen Leuten ein wenig herum, um die satt & glücklich-Bevölkerung dort zum Abfall vom Sultan und zur Unterwerfung unter die neue christlich-griechische Regierung zu bewegen. Chios ist die zehntgrößte Insel im ganzen Mittelmeer, so dass er dafür elf Tage brauchte. Dann verschwanden er und seine Leute wieder.

    Bekannte von Bekannten berichten von ähnlichen Stunts der aktuellen PKK im türkischen Kurdistan. Zumindest diese Bekannten von Bekannten hat das nicht zu Fans der PKK gemacht, denn die Reaktion der derzeitigen türkischen Regierung ist in etwa so wie die der damaligen. In den Worten der Wikipedia:

    Der Dīwān entsandte den Gouverneur Vehid-Pacha. Er richtete sich in der Festung von Chora ein. Um sicherzustellen, dass die Chioten sich ruhig halten, forderte er 40 Geiseln an (darunter den Erzbischof Platon Franghiadi, die Demogeronten und Mitglieder der wichtigsten Familien der Insel [...]).

    Klar: Das war auch völlig überflüssiger Terror. Anständige Leute tun sowas nicht. Aber wer könnte es, „denkt an Tripoli!“, dem armen Dīwān verübeln, wenn er den Aggressor in die Schranken weist? Dazu gehören natürlich auch Soldaten. Erwartbarerweise sorgten diese Soldaten mitnichten dafür, dass irgendwas besser wurde:

    Es handelte sich um wenig disziplinierte Soldaten, die von der Plünderungsmöglichkeit angezogen wurden. Sie kontrollierten die ländlichen Gebiete der Insel und verbreiteten dort Schrecken.

    So wurden die ChiotInnen, die sich anfangs aus guten Gründen aus der ganzen für sie völlig nutzlosen Frage raushalten wollten, ob sie nun aus dem fernen Konstantinopel oder aus dem noch ferneren Athen regiert werden sollten, allmählich doch zu PatriotInnen.

    Wirklich schlimm wurde es allerdings erst, als bewaffnete Patrioten aus Samos im März 1822 versuchten, die inzwischen wieder etwas menschlicher gewordene Militärherrschaft auf Chios durch Rumballern zu beenden. Fast 3000 christliche Soldaten landeten auf der Insel und zwangen die osmanischen Truppen zum Rückzug in die Burg der Hauptstadt Chora.

    Das Verhängnis patriotischer Erhebung

    An diesem Punkt wurden auch die BäuerInnen aus dem Inselinneren vom nationalen Taumel erfasst und bewaffneten sich, übrigens gegen das Flehen ihrer alten Lokalregierung, die ja immer noch in osmanischer Geiselhaft saß:

    Sie zogen mit Kreuzen und Ikonen durch die Straßen und sangen patriotische Lieder.

    Das konnte sich nun wiederum der Sultan nicht bieten lassen und schickte weitere Verstärkung nach Çeşme, gleich gegenüber von Chios. Am 11. April 1822 landeten ungefähr 7000 osmanische Soldaten auf der Insel – ihr merkt, wie sich auch die Zahlen immer weiter aufschaukeln –, und machen mit christlichen Soldaten wie BäuerInnen recht kurzen Prozess, zumal ersteren zwischendurch die Munition ausgegangen war.

    Es entfaltete sich ein Massaker, das das von Tripoli nochmal weit überbot. Die Bilanz der Wikipedia ist ähnlich düster wie die des DLF:

    Die Bevölkerung der Insel betrug Anfang 1822 zwischen 100.000 und 120.000 Menschen, davon 30.000 Einwohner in Chora. Es waren auch etwa 2.000 Muslime auf der Insel. Für die Zeit nach den Massakern wird meist die Einwohnerzahl von 20.000 genannt. [...] Die häufigsten Schätzungen nennen 25.000 Tote und 45.000 versklavte Menschen. 10.000 bis 20.000 sei die Flucht gelungen.

    Zwar hat so schnell niemand den Griechen Panzerhaubitzen geliefert, und so hatten sie rein materiell keine Möglichkeit zur weiteren Eskalation. Sie brachten aber in der nächsten Runde immer noch 2000 osmanische Soldaten um, als sie am 6. Juni 1822 – die Besatzung war wegen Zuckerfest vermutlich nicht gut beieinander – das osmaische Flaggschiff in der Bucht von Chora abfackelten. Die türkischen Truppen haben zur Vergeltung eine weitere, letzte Zerstörungstour über die Insel unternahmen, konnten da aber auch nicht mehr eskalieren, weil ja schon fast alle BewohnerInnen tot oder verschleppt waren.

    Alles umsonst

    Wofür sind die Leute alle gestorben? Aus heutiger Sicht wird wahrscheinlich niemand bestreiten, dass das alles Quatsch war. Für die Griechen bestand ihre „Freiheit“ aus einem bayrischen König, der „Griechenland“ zwar exzessiv „liebte“, 1862 aber von einem britischen Schiff evakuiert werden musste, weil seine Machtbasis komplett erodiert war und schon wieder Aufstand herrschte. Sein letzter Nachfolger schließlich ging 1968 unter, als er selbst einen Militärputsch plante, ihm andere Militärs aber zuvorkamen (die Ereignisse in der Wikipedia). Diese Militärs waren wiederum die, über die ich in meinem Filmtipp von neulich geschäumt habe.

    Für die Osmanen hat sich das auch nicht gelohnt, denn die Griechen gingen mit Chios im Westen ähnlich wie heute die aktuelle ukrainische Regierung mit russischen Massakern hausieren. Sie konnten viel Sympathie für diese Sorte „Freiheitskampf“ wecken und bekamen viel politische Unterstützung für ihre Sezession, die 1830 auch stattfand. Sicher weniger dramatisch für die Hohe Pforte: Leute wie Lord Byron[1] zogen „für Griechenland” in den Krieg und starben dabei. Chios selbst ging 1912 doch an Griechenland, noch bevor das osmanische System zum Ende des ersten Weltkriegs gänzlich implodierte.

    Und die Leute auf Chios? Also: die, die übrig geblieben sind? Nun, von den gut 100'000 BewohnerInnen aus dem Wikipedia-Zitat von oben ist Chios immer noch weit entfernt; gegenwärtig wohnen rund 50'000 Menschen auf der Insel.

    Ach weh. Wer aus der Geschichte nicht lernen will, wird immer wieder zehntausende Menschen in irgendwelchen mehr oder minder romantischen Anwandlungen von Patriotismus umbringen und, wenns ganz schlimm läuft, auch noch den Rest der Welt davon überzeugen wollen, dass das groß, wichtig und gut ist. Den Akteuren von 1822, die noch keine Wikipedia hatten, möchte ich das nicht vorwerfen, auch wenn sie mit etwas mehr Mühe bereits hinreichend viel Anschauungsmaterial aus der Geschichte hätten gewinnen können.

    Uns Heutigen – tja, wir haben die Wikipedia.

    [1]

    Zu Byron will ich euch die Worte von Bertrand …

  • Der Oliv-Index

    Filmszene: Revue-Bühne mit Tänzerinnen und Sänger in Uniform und Monokel

    Die Staudte-Verfilmung von Klaus Manns Untertan (DDR 1951) illustriert die militarisierte Gesellschaft durch eine Revuenummer, in der Frauen mit Pickelhauben zu uniformiertem Gesang von der „Elite der Nation“ halb tanzen, halb marschieren. Olivindex: 1. (Rechte bei… na ja, wer immer den DEFA-Kram halt gekauft hat.)

    Wer in den frühen 1990er Jahren Filme wie Der Untertan oder, etwas leichtherziger, den Hauptmann von Köpenick gesehen hat, wird die Verehrung des Militärischen, die dort gezeigt wurde, für eine unfassbare historische Verirrung gehalten haben, eine Art kollektive Psychose, lächerlich und zugleich gruselig, aber jedenfalls vom anderen Ende der Geschichte.

    Dann kam die Zeitenwende; nicht etwa jetzt, sondern im Laufe der 1990er, in denen sich die Bundeswehr zurückrobbte an diverse Plätze an der Sonne, angefangen mit Jagdbombern, die im Januar 1991 US-Jets in der Türkei ersetzten, damit diese für die Wiedereinsetzung des Emirs von Kuwait töten konnten. Es folgten die ersten Truppen außerhalb des NATO-Gebiets in Kambodscha im Mai 1992, wo im Oktober 1993 auch der erste Held anfiel (for the record: Alexander Arndt), dann mit AWACS-Flügen über Jugoslawien und so weiter und so fort. Langsam, aber bestimmt überschritt das Militär immer wieder zuvor sicher geglaubte Grenzen. Der große Zusammenbruch, oder wegen mir die Zeitenwende, kam aber erst ganz am Ende der 1990er Jahre: Militärminister Rühe hatte noch 1997 verkündet, nie wieder dürfe ein Stiefel eines deutschen Soldaten in Jugoslawien auftreten. 1999 griff die Bundeswehr Serbien an und marschierte im Kosovo ein, geschmackloserweise gerade unter Verweis auf die Verbrechen der deutschen Großväter (die damals ja noch in großer Zahl lebten).

    Nach diesem Tabubruch schlichen sich Reden von Helden, Tapferkeit und Vaterland in immer mehr Salons, kehrte der Glaube zurück, Militär an sich und schon gar deutsches Militär könne irgendwo und schon gar im Ausland Zustände verbessern. Mit der schon aus fünf Schritt Entfernung offensichtlich dystopischen Erzählung vom R2P wurde ab 2005 aus dem „Können“ allmählich ein „Müssen“ – also: dort, wo es bequem war und gegen die richtigen Feinde ging.

    „Rohrkrepierer“ ist eine Diagnose – von Sprache

    Die Militarisierung des Diskurses fand nicht nur nach außen statt. Eines der exteremen Beispiele: 2005 sollte die Bundeswehr für die Polizei Zivilflugzeuge abschießen dürfen – was das Verfassungsgericht 2006 zum Glück nochmal einfangen konnte (vgl. Luftsicherheitsgesetz in der Wikipedia). Dass der Corona-Krisenstab einen General als Vorsitzenden bekam, war kurzfristig ein neuer Höhepunkt der Preußen-Renaissance. Wieder half das Glück der Zivilgesellschaft, denn dieses Gremium stellte sich schnell als Rohrkrepierer (um mich auch kurz an Militärsprache zu versuchen) heraus.

    Nach dem Umschlagen der jüngsten Aufrüstungsrunde (das verlinkte PDF ist von 2019; der Kram ist also nicht neu) in einen weiteren Krieg hat eine giftige Mischung aus Patriotismus und Militarismus wenigstens vorläufig die… unbestrittene Lufthoheit. Zeitweise waren und sind Kommentare, die sich positiv auf deutsche Eingriffe in Kriege bezogen, in der Presseschau im Deutschlandfunk in der breiten Mehrheit, während in der Tagesschau oft kaum ein Beitrag ohne Olivgrün daherkommt.

    Ein Thermometer fürs Kriegsfieber

    Auch ein erklärter Feind von Metriken wie ich kann an dieser Stelle nicht widerstehen. Es braucht eine Zahl zur Charakterisierung des gesellschaftlichen Kriegsfiebers[1]. Nun, hier ist meine Zahl: Der Oliv-Index. Der von heute ist 0.55, wobei 0 „alles zivil oder unpatriotisch“ und 1 „der Kaiser schickt seine Soldaten aus“ bedeutet. Etwas weniger blumig ist der Oliv-Index ist das Verhältnis der Zahl der patriotisch-militaristischen Kommentarauszüge zu allen, die an einem Tag in der Morgen-Presseschau des DLF zitiert werden.

    Balken in verschiedenen Schattierungen von oliv

    Der Olivgrün-Index zwischen siebtem und 21. Mai: Je oliver, desto höher das patriotisch-militärische Fieber im Blätterwald der Republik.

    Nachtrag (2022-06-09)

    Ich führe den Olivindex tatsächlich fort, und für eine Weile ist die aktuelle Lage jeweils am Fuß der Blogseiten. Und, jeweils aktuell, solange ich das Elend auswerte, hier:

    Viel mehr Balken in verschiedenen Schattierungen von oliv

    Ich habe das in den vergangenen zwei Wochen ausprobiert, schon, um zu sehen wie viele Zweifelsfälle es geben würde. Tatsächlich war es beispielsweise nicht immer einfach, die Kommentare zur Entthronung von Gerhard Schröder korrekt einzuordnen: Was davon war allgemeine patriotische Empörung, was davon Empörung über Vaterlandsverrat im Krieg? Und – nicht, dass das für den Oliv-Index eine Rolle spielen würde: Was war Abwiegelung aus Staatsraison, was Abwiegelung aus kühlem Kopf? Die naheliegende Position „wenn ihr ihn wegen Kosovo und Hartz IV, wegen Afghanistan und Riesterrente, wegen BamS und lupenreinen Demokraten nicht abgesägt habt, müsst ihr es jetzt auch nicht mehr machen“ kam leider nicht vor.

    Dennoch sind Zweifelsfälle nach meinem ersten Eindruck nicht furchtbar dramatisch. Ich würde vermuten, dass andere Menschen meine Scores innerhalb von vielleicht 10% reproduzieren würden.

    Wer das probieren will, ist herzlich eingeladen. Dazu könnt ihr meine codes.txt inspizieren und sehen, ob ihr meine Einschätzungen teilt, solange die Presseschauen nicht depubliziert sind (was derzeit leider sehr schnell geht). In so einem Code steht von links nach rechts jedes Zeichen für einen Kommentarauszug, von oben nach unten gelesen. Ein o steht für einen oliven, also patriotisch-militaristischen Artikel, ein Punkt für einen anderen.

    Ihr könnt auch das Programm, das die Plots macht, ziehen: olivin. Da dürfte sich in der nächsten Zeit noch das eine oder andere ändern, denn, das gebe ich gleich mal zu, ich hoffe, am Schluss etwas Ähnliches zu produzieren wie die längst zu Popkultur gewordenen Climate Stripes von Ed Hawkins. Nur eben, ich bin ja Optimist, als Illustration einer vielleicht wieder allmählich sinkenden Begeisterung für Militär und Vaterland.

    Nachtrag (2023-06-17)

    Nach über einem Jahr mit der DLF-Presseschau hat mich jetzt die Lust verlassen; die letzte Presseschau, die ich verdaut habe, ist die vom 20.5.2023. Hier sind die military stripes von damals:

    Viel mehr Balken in verschiedenen Schattierungen von oliv

    Verschiedene braune Bänder lassen sich den Ereignissen der Zeit zuordnen; so entspricht das starke Feature rechts von 2023-01-16 der Großaufregung für die Lieferung von Kampfpanzern aus der Produktion der Rüstungsschmieden Krupp^W Krauss-Maffei-Wegmann und Rheinmetall an die Regierung der Ukraine; die darauf folgende weiße Beruhigung illustriert, dass der militärisch-patriotische Komplex durchaus auch mal für ein paar Tage zufrieden sein kann.

    Aber erstens war die militärisch-patriotische Begeisterung schon im letzten Sommer insgesamt überschaubar, und zweitens artet das alles in Arbeit aus. Wenn aber wer mal mit inzwischen über einem Jahr DLF-Presseschauen spielen will (ich könnte mir z.B. vorstellen, dass ein darauf nachtrainiertes LLM ausgesprochen bizarre Sachen sagen würde), möge sich bei mir rühren.

    [1]Nun ja: Für die Leute, die die Metriken definieren, sind sie ja schon nützlich, denn natürlich wird mensch die so definieren, dass sie den eigenen Interessen dienlich sind. Insofern bin ich natürlich kein Feind von Metriken, die ich definiere.
  • „Sackgasse Aufrüstung“ mit Jürgen Wagner

    Modern anmutendes Plakat: "Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr"

    Dass auch avantgardistisch orientierte Menschen im ersten Weltkrieg die große Knochenmühle mit ihrer Kreativität unterstützten, zeigt, so finde ich, dieses im Technischen Museum Wien ausgestellte zeitgenössische Plakat. Aber dazu später.

    Gestern war Jürgen Wagner von der großartigen Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Heidelberg und hat über „Krieg gegen die Ukraine – Russlands Krieg, die westliche Rolle und die Sackgasse Aufrüstung“ referiert (Ankündigung). In einer Zeit, in der praktisch keine öffentliche Äußerung ohne Schaum vorm Mund auskommt, war der im Groben ruhige Verlauf der Veranstaltung eine sehr willkommene Abwechslng. Aber gut, es konnten auch die meisten der (praktisch durchweg grauhaarigen) Anwesenden mit gutem Gewissen sagen: Wir waren gegen die Angriffskriege gegen Serbien, Afghanistan, den Irak, Libyen oder Efrîn auf der Straße – klar sind wir auch gegen den Angriff auf die Ukraine auf der Straße. Wer so viel Routine hat bei der Empörung gegen das staatliche Töten, hat vielleicht wirklich bessere Voraussetzungen, allzu überschäumender Erregung zu entgehen.

    Ich nehme ich an, dass Jürgens Online-Vortrag vom 28.3.2022 ziemlich genau dem entspricht, was er gestern erzählt hat, und so empfehle ich das jetzt mal ungesehen. Lohnend ist das unter anderem, weil Jürgen recht überzeugend eines der hässlicheren Narrative der letzten paar Wochen zerlegt: Dass es nämlich eine Appeasement-Politik gegeben habe und diese gescheitert sei, weshalb nun die Aufrüstung (und in der Konsequenz das Niederringen und -werfen des Feindes) alternativlos sei.

    Es hat seit 1990 keine „Appeasement“-Politik gegeben.

    Beide Teile dieses Narrativs sind Quatsch. Es hat nämlich schon mal keine Appeasement-Politik gegeben. Mal ganz davon abgesehen, dass eine Diffamierung von Entspannungs- und Kompromisspolitik als „Appeasement“ (und damit des Feindes als „Hitler“) an sich schon stark nach übler Demagogie schmeckt: „Der Westen“ hat seit der Niederlage der Sowjetunion konsequent die berühmten „roten Linien“ seiner (nicht nur russischen) Feinde überschritten und hat entsprechende Signale von diesen nonchalant ignoriert. Wer nicht Video gucken will, findet auch auf der Ukraine-Seite der IMI viel Material zu diesem Thema.

    Diese Frage ist durchaus relevant, denn: Zur Abwechslung mal nicht blind die eigenen nationalen Interessen durchsetzen wäre durchaus ein Modell für eine antiapokalyptische Außenpolitik nach dem jüngsten Krieg in Europa, gerade auch im Hinblick auf ein Einbremsen der zahlreichen vergleichbaren Gemetzel im globalen Süden.

    Was im Übrigen vom Appeasement-Narrativ zu halten ist, zeigt die Entwicklung der deutschen Kriegskasse:

    Seit der Eskalation um das Assoziationsabkommen der EU mit der Ukraine stieg das Budget der Bundeswehr von 32,5 Mrd. Euro (2014) auf 46,9 Mrd. (2021) steil an – und das sind nur die offiziellen Zahlen, hinter denen sich noch einmal etliche Milliarden versteckte Militärausgaben verbergen (siehe IMI-Standpunkt 2019/058).

    Jürgen Wagner am 28.2.

    An gleicher Stelle macht Jürgen auch einen weiteren Punkt aus dem Vortrag gestern, und zwar einen, der eigentlich allem Aufrüstungsgerede ohnehin sofort den Boden entziehen sollte:

    Die NATO-Militärausgaben sind also heute bereits rund 18mal höher als die Russlands. Augenscheinlich haben die militärischen Ausgabensteigerungen bislang in keiner Weise zu mehr Sicherheit geführt, wie derzeit leider offensichtlich wird.

    Wer also immer meint, jetzt als Folge der Empörung über Putins Töten die „eigenen“ Fähigkeiten zum Töten ausbauen zu sollen, dürfen oder müssen, sollte besser glaubhafte Geschichten liefern, wie genau der russische Angriff auf die Ukraine nicht stattgefunden hätte, wenn „wir“, sagen wir, 20-mal mehr oder 30-mal mehr oder 100-mal mehr als „die Russen“ fürs Töten ausgegeben hätten. Szenarien, die mehr als 100-mal mehr fürs Militär ausgeben wollen als Russland, gelten nicht, denn das würde wahrscheinlich selbst unsere Volkswirtschaften überlasten, von den verheerenden Wirkungen auf den Rest der Welt ganz zu schweigen.

    Allerdings dreht sich die Spirale logisch und moralisch fragwürdiger Erzählungen im patriotischen Taumel weiter und lässt die behaupteten Sachzwänge der Tötungsmittelspirale inzwischen hinter sich.

    Die Auszeichnungen für das aktuell krummste „Argument“ muss wohl an Dominic Johnson gehen, der gestern in der taz in einem Kommentar mit dem eigenartig selbstbezüglichen Titel „Putins verquere Logik“ ein Aufrüstungsargument versucht, das, nun, verquer ist:

    Vielleicht hofft der russische Präsident, dass im Westen die üblichen Mahner weiter davor warnen, Russland zu „provozieren“ – so als ob Russland nicht schon unprovoziert schlimm genug agiert. Zu befürchten ist aber eher, dass diese Entwicklung gewollt ist. Putin zeichnet gegenüber dem russischen Volk ein Zerrbild des Westens als aggressive Kraft, die die russische Zivilisation im Namen der europäischen Liberalität zerstören will. Mit seiner Gewalt will er jetzt den Westen dazu bringen, diesem Zerrbild zu entsprechen – damit Russland als Führungsnation eines aggressiven „Antiwestens“ auftreten kann. Die Ukraine ist dafür Putins Fußabtreter.

    Gerade deswegen aber ist der Kurs, die Nato zu stärken, richtig und alternativlos.

    Kurz: „Unsere Aufrüstung ist gut für Putin. Lasst uns mehr aufrüsten!“ Und ich dachte, „wir“ sollten „Putin stoppen“?

    Vielleicht missverstehe ich Johnson aber auch. Ich komme ja schon bei der konventionelleren Begeisterung für Waffen und HeldInnen nicht recht mit, etwa wenn heute morgen in der DLF-Presseschau der Vorwurf des Münchner Merkurs wiederholt wurde:

    Schwere Waffen [...] will der Kanzler den heldenhaft gegen Putins Vernichtungsarmee kämpfenden Ukrainern weiterhin nicht liefern.

    Woher kommt so eine Denke, so eine Schreibe bei Leuten, die doch vor gerade mal acht Jahren mit einer Haltung von „bedauernswerte, verwirrte Schlafwandler” dem Kriegsgejubel und -kreditieren von 1914 gedacht haben?

    Wenn wir uns heute empören dürfen, jeden Kompromiss und jede Verhandlung ablehnen, dann durften es die Kaiser, Zaren, Könige und Präsidenten damals auch. Nicht vergessen: Die Zaren, Könige und Präsidenten waren mit Terroristen im Bund, die die geliebte Thronfolgerin für erhebliche Teile der heutigen Ukraine feige und brutal ermordet haben – von den imperialen Politiken überall in der Welt, die uns von unserem verdienten Platz an der Sonne fernhalten, mal ganz zu schweigen.

    Die Kaiser wiederum haben furchtbare Massaker bei ihren eigenen imperialen Abenteuern angerichtet und hielten große Teile ihrer Bevölkerung in bitterer Armut, während sie selbst in Saus und Braus lebten. Klar, dass das die Könige, Präsidenten und Zaren nicht hinnehmen konnten.

    Bullshit? Jaklar. Aber warum hören dann so viele Menschen bis hinein in die Linkspartei – für die ja der Burgfrieden quasi der Gründungsmythos ist – den heutigen Varianten solcher Erzählungen zu?

  • Erfolgskriterien

    Eine regelmäßige Leserin dieser Seiten hat mir zur Frage, wie sich im Augenblick Menschenleben gegen nationale Größe vergleichen eine Collage aus der taz vom 22. März geschickt. Da sie die sich aus dieser Abwägung ergebenden Maßstäbe für Erfolg schön beleuchtet, gebe ich das Dokument hier gerne weiter

  • Cat Content für die Aufrüstung

    Zwei Kriegsfotos mit Katzen, montiert

    Bilder aus der Tagesschau vom 9.3.2022 und (Inset) aus der taz vom 14.3.2022: Cat content geht immer – leider offenbar auch, wenn patriotische Emotion Tötungshemmung überwinden helfen soll (Rechte bei der ARD bzw. der taz)

    Einem militanten Pazifist wie mir geht das Herz derzeit natürlich oft auf, da ja allenthalben Wladimir Putin heftig gescholten wird dafür, dass er für seine (und damit bis auf Weiteres auch die nationalen russischen) Interessen Menschen töten lässt – die Monströsität entsprechender Ideen hatte ich ja schon im letzten September und davor im Januar angeprangert.

    Leider schließt sich mein Herz dann allzu oft zumindest gegenüber weiten Teilen der öffentlichen Meinung wieder, denn fast immer geht der Ausdruck von Abscheu gegenüber dem Putin'schen Morden über in die Forderung, „wir“ (sc.[1] „unsere“ Regierung) müssten nun aber viel mehr tun, damit „wir“ dann auch besser für „unsere“ (sc. der Regierung) Interessen töten können. Und es sei nicht hinnehmbar, dass „wir“ (sc. die Bundeswehr) gerade nicht hinreichend gut töten könnten. Nur vorsorglich und nebenbei möchte ich zur Erzählung von der kaputten Bundeswehr gehöriges Misstrauen anmelden: if only it were true.

    Immerhin kommen diese Appelle an Wehr- und Tötungsbereitschaft derzeit noch oft im Flauschkostüm daher: es ist wirklich auffällig, wie viele Hunde und Katzen aus den aktuellen Kriegsbildern äugen. Die beiden Kitschbeispiele im Titelfoto sind wirklich nur zufällig aus einem großen Korpus gegriffen, auch heute sind in der taz wieder Bilder von ukrainischen Frauen, die Katzen tragen.

    Klar: Das ist mir viel lieber als harte Männer mit großen Knarren. Das Narrativ von „wir müssen die Tiere vor Putins Grausamkeit retten“ (und deshalb 100 Milliarden Sondervermögen fürs Töten einstellen) relativiert sich allerdings schon deshalb, weil ein jedenfalls vom Flauschfaktor her bemerkenswerter, in Wahrrheit aber sowohl menschen- als auch tierrechtlich ernster Skandal in den Cat Content-Medien im Wesentlichen untergegangen ist. Ich zitiere aus der Zeitung der Roten Hilfe 1/2022 (S. 23):

    Weil die Tierschutz-Hundeverordnung seit Jahresbeginn den Einsatz so genannter Zug- und Stachelhalsbänder verbietet, fürchten die Polizeien des Bundes und der Länder um ihre bei Demonstrationen, Fußballspielen usw. eingesetzten „Schutzhunde“ – sie werden sowohl in der Ausbildung als auch bei jährlichen Trainings mit solchen Halsbändern gequält, um im Einsatz auch beim Anziehen eines normalen Halsbandes in Erinnerung der Schmerzen Befehle auszuführen. Stellten einige Länder ihre Hunde kurzzeitig außer Dienst, suchen sie nun Wege, die Tiere weiter als Waffen abzurichten und einzusetzen. Berlin etwa sieht die Verordnung als nur Ausbildung und Training, nicht aber den Einsatz betreffend, Niedersachsen will im Bundesrat eine Tierquäl-Ausnahme-Erlaubnis für die Polizei erreichen. Brandenburg ignoriert die Verordnung komplett: Es sei nur verboten, Tieren „ohne vernünftigen Grund“ Schmerzen zuzufügen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fürchtet ohne Stachelhalsbänder gar „fatale Auswirkungen auf die innere Sicherheit“.

    Das Thema Rüstung für den Tierschutz hat Aspekte, die überraschen mögen. Ich bin auf einen Artikel aus dem lokalen Boulevardmedium hingewiesen worden, in dem steht:

    Unter dem schrecklichen Krieg in der Ukraine leidet nicht nur die dortige Zivilbevölkerung. Viele der Millionen flüchtenden Menschen haben ihre geliebten Haustiere wie Hunde, Katzen oder Frettchen dabei.

    Öhm… Frettchen? Stellt sich jedenfalls raus, dass das auch anderweitig ein Thema ist:

    Ukrainische Haustiere sind in bayerischen Flüchtlingsunterkunft neuerdings willkommen. […] Die Regierungen und Kreisverwaltungsbehörden wurden angewiesen, bei der Aufnahme von Haustieren ukrainischer Geflüchteter großzügig zu sein.

    […] Eigentlich seien die Unterkünfte nicht auf Haltung von Haustieren ausgelegt, erklärt das Ministerium. Aber ein Haustier könne eine wichtige Stütze nach Kriegserfahrung und Flucht sein. Man wolle Trennungen vermeiden.

    BR-Nachrichten

    Zu vergleichen ist das mit einem Urteil des VG Ansbach, AN 15 K 19.30225 vom (ausgerechnet) 20. April 2021, in dem das BAMF wie folgt paraphrasiert wird:

    In den Gründen zum ablehnenden Teil ist zusammengefasst ausgeführt, der Klägerin [eine Frau aus Syrien] stehe kein originärer Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft aus § 3 Abs. 1 AsylG zu. Sie habe keine drohende oder bereits erlittene Verfolgung in ihrem Herkunftsland glaubhaft gemacht. Die Klägerin sei wegen der Kriegssituation ausgereist.

    Das Gericht (Ansbach ist übrigens seit Napoleon bayrisch) hat die Klage abgewiesen.

    [1]Für den Fall, dass die schöne Abkürzung „sc.“ nicht allen geläufig ist (ich musste auch über 30 werden, bis ich ihr endlich begegnet bin): Das steht für scilicet, und das wiederum für scire licet, was ich verwendungsgeschichtlich inspiriert und frei als „wie jedeR wissen dürfte” übersetzen würde. Mit anderen Worten ist das einsetzbar wie „d.h.“, nur vielleicht mit einem Unterton von „selbstverständlich“ oder so, und noch mit dem Bonus von „Latein, das nicht jede_r kennt“. Also: In jeder Richtung der Jackpot für bildungsbürgerliche Nerds.
  • Nicht schon wieder!

    Ich habe heute an einer Kundgebung, nun, gegen den Krieg in der Ukraine auf dem Heidelberger Uniplatz teilgenommen, und zwar so:

    DemoteilnehmerIn mit Schild: „1914 – 2022 – Nicht schon wieder Kriegskredite”

    Ich kann leider nicht sagen, dass ich mich in der großen Menge – es werden so um die 1000 Menschen gekommen sein – sonderlich wohl gefühlt hätte, schon, weil fast alle, die da waren, es im Januar 2020 nicht für nötig befunden hatten, gegen den unfassbaren, thematisch natheliegenden, jedoch die eigene Regierung angehenden Skandal auf die Straße zu gehen, dass „wir“ Nuklearwaffen einsetzen wollen. Jedenfalls waren wir bei der Demo damals vielleicht 20 Leute. Mir wäre schon etwas wohler, wenn zu beiden Anlässen je 500 gekommen wären.

    Unschön war aber vor allem, dass in den Redebeiträgen durchweg von der „Solidarität mit der Ukraine” die Rede war. „Solidarität” wird, auf Länder gerichtet, ein gefährliches Konzept, ganz genau wie bei einer Mischung mit „Volk“, zu dem Bertolt Brecht (der 1914 selbst noch patriotische, kriegsbegeisterte Gedichte geschrieben hatte – Besinnung ist wichtig) einst ausführte:

    Wer in unserer Zeit [ok, das war 1935] statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule Mystik. Das Wort Volk besagt eine gewisse Einheitlichkeit und deutet auf gemeinsame Interessen hin, sollte also nur benutzt werden, wenn von mehreren Völkern die Rede ist, da höchstens dann eine Gemeinsamkeit der Interessen vorstellbar ist. Die Bevölkerung eines Landstriches hat verschiedene, auch einander centgegengesetzte Interessen, und dies ist eine Wahrheit, die unterdrückt wird.

    Solidarisch will mensch also sein mit den Menschen in der Ukraine, und diese sollten im Augenblick vernünftigerweise mindestens ein gemeinsames Interesse haben: Der Krieg muss möglichst schnell aufhören. Ein im Wesentlichen unausweichliches Korollar davon ist: die Waffen müssen raus. Wer die Regierung stellt, ist demgegenüber ganz sicher sehr zweitrangig (und zudem Brechts entgegengesetzten Interessen unterworfen). In jedem Fall bleibe ich dabei, dass für eine Regierung kein einziger Mensch sterben sollte.

    Nur zur Klarheit, weil das Dementi des Putinverstehens ja derzeit zum guten Ton gehört: Mein Problem ist nicht das allgemeine Sentiment, dass Putin ein Schurke ist. Das ist er, und beileibe nicht nur, weil er einen Krieg angefangen hat. Um so mehr bleibt übrigens ein Imperativ, Edward Snowden die Rückkehr in eine etwas freiere Gesellschaft zu ermöglichen – dass „wir“ ihn in Russland verrotten lassen, ist niederschmetternde Undankbarkeit. Zum Krieg als Totalausfall der Zivilisation hatte ich mir in Töten und Massenschlachten schon einige Empörung von der Seele geschrieben, die ganz genau so natürlich auch russischen Potentaten und, igitt, Ex-Geheimdienstlern gilt.

    Mit dem durch die gegenwärtigen Medienlandschaft geprägten Gefühl, meine Pappe enthalte nicht genug derartiger Klarstellung, bin ich mit einigen Bedenken zur Kundgebung gegangen. Um so angenehmer war ich überrascht von der durchweg positiven Aufnahme meiner Parole vom „Nicht schon wieder Kriegskredite“: mehrere TeilnehmerInnen sind extra zu mir gekommen, um mir ihre Unterstützung auszusprechen, etliche haben Transpi-Portraits geschossen, einer hat sogar Szenenapplaus gegeben, nicht eineR hat nasegerümpft.

    Es ist beruhigend zu wissen, dass die Erinnerung an die Geschichte der Kriegskredite von 1914 noch vielfach wach ist, Und daran, wie sich SozialdemokratInnen (zu denen sich in der heutigen Wiederholung offenbar auch ziemlich viele LinksparteigängerInnen gesellt haben) diese damals durchaus nicht nur rein patriotisch zurechtlogen: „aber wir müssen uns doch wehren gegen das finstere, reaktionäre Zarenreich“, „…die Liberalen aus England, die uns unsere Sozialversicherungen wegnehmen wollen“. Das ist wieder ein Gesicht der autoritären Versuchung: „Wenns schon keine gute Lösung gibt, dann lasst uns wenigstens Gewalt versuchen“.

    Das ist, so viel lehrt die Geschichte, eigentlich immer falsch – Ausnahmen von dieser Regel sind so rar, dass sie wahrscheinlich niemand, der_die das hier liest, je erleben wird.

    [1]Ich kann der Beobachtung nicht widerstehen, dass sich „unsere“ und „ihre“ Operationen selbst im Timing ähneln. Wir: Separation des Kosovo mit dubiosen „Freiheitskämpfern“ 1999, diplomatische Anerkennung gegen den Willen der Gegenseite nach neun Jahren im Jahr 2008. Sie: Separation des Donbas mit dubiosen „Freiheitskämpfern“ 2014, diplomatische Anerkennung gegen den Willen der Gegenseite nach acht Jahren 2022.
  • Stahlhelmdiplomatie

    Was früher Kanonenbootdiplomatie war, hat sich heute offenbar zu Stahlhelmdiplomatie entwickelt. Einerseits, weil „wir“ welche in die Ukraine liefern, statt den Mist, den wir mit unserer Zündelei dort angerichtet haben, etwas zu entspannen. Andererseits, weil die Außenministerin – die „Chefdiplomatin“ also – sich ernsthaft martialisch in den Abendnachrichten zeigt, und zwar sozusagen vor der Haustür des aktuellen Erbfeinds Russland:

    Annalena Baerbock mit Stahlhelm in der Ukraine

    Beschnittener Screenshot aus der Tagesschau vom 8.2.2022: Außenministerin Baerbock beim Staatsbesuch in der Ukraine. Rechte bei der ARD.

    Wer das für Diplomatie hält, glaubt auch an die These von den Schlafwandlern. Was niemand tun sollte. Der erste Weltkrieg ist nicht ausgebrochen, er wurde gemacht. Von einer Öffentlichkeit (ich definiere das jetzt mal nicht näher; weite Teile der Presse gehörten und gehören da auf jeden Fall mal dazu), die Härte, Treue und Verlässlichkeit gefordert hat. Und von einer Regierung, die sich auch auch irgendwas wie vier Jahre in das Gemetzel hinein nicht geschämt hat, die Kriegsrhetorik vom August 1914 auf Wachstrommel zu bellen:

    Na ja, und so sieht es jetzt halt wieder aus. Leider oder zum Glück, so stelle ich gerade fest, depubliziert der DLF seine Presseschauen nach sieben Tagen (trotz allem: Buh!), so dass die übelsten Ausfälle jetzt schon wieder hinter Paywalls verschwunden sind, aber all das Gerede von „nicht zurückweichen“, „klare Kante gegen Russland zeigen“, „der Provokation entgegentreten“, Waffen liefern, Truppen schicken, härter drohen: So schnell kann es gehen zwischen dem zerknirscht-geschichtsklitternden Erinnerungsjahr 2014 und patriotischem Taumel nach der Mode von 1914.

    Dabei ist mir ja schon völlig unklar, was sich all die Russland-EntgegentreterInnen eigentlich als Ausgang der ganzen Angelegenheit vorstellen. Versteht mich nicht falsch: Es ist bestimmt kein Fehler, wenn ein augenscheinlich wirklich an Zauber, Auferstehung und heiligen Krieg glaubender Christ wie Achim Schönbach lieber nicht mehr die Marine befehligt. Aber wer Russland die Krim wieder abnehmen will, wird sich zwischen einer der folgenden Alternativen entscheiden müssen:

    1. Irgendeine russische Regierung gibt sie freiwillig ab. Die Frage beiseite, was sie dazu bewegen könnte, es wäre wohl das letzte, was sie täte. Weder das Militär noch große Teile der Bevölkerung würden das hinnehmen – das wäre nach übereinstimmenden Angaben von osteuropäischen KollegInnen und Ex-Studis in etwa so, als würde die BRD Mallorca, Helgoland und Sylt an Serbien übergeben. Also, so richtig, mit: Kein Urlaub mehr dort für Deutsche. Diese Alternative existiert mithin eigentlich nicht, und es bleiben realistisch nur die beiden anderen.
    2. Irgendwie zwingen „wir“ Russland ohne Krieg zur Aufgabe der Krim. Die Folge wäre ein Revanchismus in Russland, der garantiert die Größenordnung des Revanchismus in der Weimarer Republik angesichts von Versailles erreichen würde. Das wäre nicht nur für Russland furchtbar; mit Sicherheit wären damit alle Hoffnungen auf Ausgleich für die nächsten 30 Jahre futsch. Es gäbe auch praktisch sicher eine wild drehende Aufrüstungsspirale. Wer könnte es einer Bevölkerung, die mindestens ebenso patriotisch betaumelt ist wie „unsere“ verdenken, Russland nach so einer Nummer so stärken zu wollen, dass es eine solche Schmach nicht nochmal hinnehmen müsste? Gut, ich kann das, weil es klar durchgeknallt ist. Aber es ist nicht durchgeknallter das das, was „wir“ im Augenblick aufführen.
    3. Wir machen mal wieder einen Krimkrieg, weil der letzte so ein Höhepunkt der Zivilisation war. Tut euch den Gefallen und blättert ein wenig im verlinkten Wikipedia-Artikel. Wer sowas ernsthaft will, möge erstmal die wunderbaren Thursday Next-Bücher von Japer Fforde lesen – Hauptperson ist eine Veteranin eines in einer Alternate History eingefrorenen Krimkriegs – und sich danach bitte schleunigst auf den Weg zurück in Kreise zivilisierter Menschen begeben.

    Alle drei Alternativen sind offensichtlich Quatsch. Nichts davon ist auch nur im Entferntesten wünschbar. Mit welchen Gedanken im Kopf kann sich also irgendwer darüber erregen, wenn irgendwer anders – und sei es auch ein frömmelnder Marinechef – das Offensichtliche feststellt: Chruschtschows Laune von 1954, als er die Krim an die Ukraine übergab, war nie mehr als das, eine Laune (eines Diktators, Autokraten, oder wie immer das heute heißt, zumal) nämlich, und gewiss nichts, für das irgendwer sterben sollte.

  • Patriotische Raison

    Die heutige Presseschau im Deutschlandfunk war mal wieder niederschmetternd.

    Zum Afghanistan-„Zapfenstreich“ gestern fällt der taz gerade noch ein, es sei „eher“ ein „Kuriosum“, während die anderen Blätter sich noch fester hinter ihrer Armee versammeln:

    • Es wäre in Afghanistan ja sonst noch viel schlimmer gewesen (Volksstimme); angesichts der tatsächlichen Verhältnisse ist das nur schwer vorstellbar: Geringer als in Afghanistan, 51.3 Jahre laut CIA World Factbook von 2016, ist die Lebenserwartung derzeit nur noch in zwei Staaten.
    • Soldaten – und nicht etwa ihre Opfer – seien „traumatisiert und physisch verletzt“ (Mitteldeutsche; den naheliegenden Schluss, die Bundeswehr, die dafür ja verantwortlich ist, aufzulösen, zieht sie natürlich nicht).
    • „gut gemeint“ (Nürnberger Nachrichten).
    • „Außen- und Sicherheitspolitik den nötigen Raum“ geben (Märkische Oderzeitung).
    Strammstehende und taktstockschwingene Soldaten

    Screenshots vom Zapfenstreich, Rechte fürs Rohmaterial hat die ARD.

    Au weia. Niemand möchte sich durch Stellen der offensichtlichen Frage als vaterlandsloser Geselle outen: „Was war denn das für ein bizarres Spektakel?“

    Strammstehen, Tschingdarassabum, bunte Kappen, Orden? Für Leute, die für die Regierung töten? Leute, es ist 2021. Es hat zwischendurch ein 20. Jahrhundert gegeben. Erinnert ihr euch?

    Den Auweia-Preis für den fürchterlichsten Kommentar räumt aber erneut die FAZ ab, wenn sie fordert:

    Nie wieder darf die ‚Parlamentsarmee‘ in eine Mission geschickt werden, in der sie mit ihrem Blut für die Unschärfe des Mandats und die Inkonsequenz, um nicht zu sagen: Feigheit der politischen Entscheider büßen muss.

    Das ist nur noch ein paar Millimeter von „im Felde ungeschlagen“ und dem Narrativ hinter der Dolchstoßlegende („die tapferen Jungs hätten den Feind schon platt gemacht, aber die Politiker...!“) entfernt. Wenn in dieser Umgebung dann noch Testosteron-Vokabeln wie „feige“ und „Entscheider“ auftauchen, schlägt mein persönliches Jetzt-Flucht-planen-o-Meter schon ziemlich deutlich aus.

  • Vom Töten und Massenschlachten

    Heute morgen hat der Deutschlandfunk das IMI-Urgestein Tobias Pflüger interviewt (Informationen am Morgen, 14.9.), und die Art, in der der Interviewende versucht hat, Tobias dazu zu bringen, sich für einen „Mangel“ an Bellizismus zu entschuldigen, war erwartbar empörend. Umgekehrt aber war Tobias schon sehr zahm, verglichen jedenfalls mit dem militanten Pazifismus, den ich von ihm eigentlich kenne; nun ja, er trat auch als stellvertretender Vorsitzender der Linken auf, und die will erkennbar regieren[1].

    Das – wie natürlich auch das ultrazynische Rührstück um die „Ortskräfte“, die die Bundeswehr aus dem gleichen Afghanistan „rettete“, in das die Regierung in den Vormonaten noch mindestens 167 Menschen abschieben hat lassen – wiederum gibt mir den Vorwarnd, endlich ein paar politische Gegenstücke zum Tucholsky-Klassiker „Soldaten sind [meinethalben potenzielle] Mörder“ zu formulieren, die ich schon lang irgendwo unterbringen wollte (auch wenn ich anerkenne, dass sie vermutlich nicht sehr originell sind und bestimmt schon oft ganz ähnlich von PazifistInnen, AnarchistInnen und anarchistischen PazifistInnen formuliert wurden; ich sollte vermutlich mehr von solchen Leuten lesen).

    Erste Behauptung: Eine Regierung, die sich ein Militär hält, will für die eigene Macht Menschen töten.

    Für den Fall, dass jemand das nicht unmittelbar offensichtlich findet, will ich ein paar Ableitungsschritte nennen. Erstens ist nämlich Militär schicht dafür da, Krieg zu führen oder Aufstände zu unterdrücken. Ich gebe zu, dass die Bundeswehr auch schon Dämme ausgebessert, Brunnen gebohrt, und in Impfzentren ausgeholfen hat. Sie war dabei aber immer ausnehmend schlecht, bis hin zur Unfähigkeit, die Impfunterlagen korrekt und halbwegs gestapelt zusammenzutackern. Das ist soweit erwartbar, denn sowohl das Rumgeballer als auch die Gehorcherei sind bei nichttödlichen Einsätzen klar störend. Wer Personal für „humanitäre“ Einsätze vorhalten will, würde selbstverständlich keine Gewehre und Waffen kaufen und viel Geld dafür ausgeben, den Leuten den Umgang damit (statt mit Baggern, Bohrern und Büroklammern) beizubringen.

    Mithin geht es beim Militär um Personal zum Bedienen von Kriegswaffen, und das heißt zum Führen von Krieg (bei der Aufstandsbekämpfung ist das der Sonderfall des Bürgerkriegs).

    Was aber ist Krieg? Krieg ist auf der einen Seite der Versuch einer Regierung, eine andere Regierung zu ersetzen, entweder durch sich selbst („Eroberungskrieg“) oder durch eine der eigenen Machtausübung weniger hinderliche („Nation Building“). Und entweder komplett oder nur in einem Teil des Machtbereichs der anderen Regierung.

    Auf der anderen Seite ist Krieg der Versuch einer Regierung, die eigene Macht gegen eine andere Regierung oder Teile der Bevölkerung (beim Bürgerkrieg) zu halten. Wie herum es im Einzelfall auch sein mag: Es geht allein darum, Macht auszuweiten oder zu erhalten.

    Selbst wenn mensch der eigenen Regierung wider jede Evidenz (die Bundeswehr hat derzeit in, wievielen?, zwanzig oder so, anderen Ländern Waffen) unterstellt, sie sei dabei in der Rolle der machterhaltenden, quasi verteidigenden Regierung: Sie könnte jede Menge Blutvergießen verhindern, wenn sie einfach zurücktreten würde und sagen, die „angreifende“ Regierung könne ja gerne versuchen, ob sie es besser kann. Es gäbe dann keinen Krieg, und ob die Regierungsführung am Boden wirklich wesentlich schlechter wäre, ist überhaupt nicht ausgemacht. Ich z.B. würde es wahrscheinlich begrüßen, wenn die Schweiz die Regierung in Baden übernehmen würde. Oder Luxemburg: soweit es mich betrifft, könnten die mich schon erobern, denn sooo viel unethischer und steuerparadiesiger als meine gegenwärtige Regierung sind die auch nicht, aber ich glaube, deren Sozialsystem macht schon ein wenig mehr her.

    Ach, wenn nicht gerade Macron regiert, würde jetzt auch ein Überfall aus Frankreich nicht offensichtlich zu einem Rückschritt führen, wenn die Machtübergabe hinreichend friedlich passiert. Ich versuche ohnehin im Augenblick, ein wenig Französisch zu lernen.

    Also: Regierungen, die ein Militär unterhalten, sagen damit klar an, dass sie für ihre Macht töten wollen. Auf jeden Fall mal die Soldaten der anderen Regierungen.

    Es kommt aber noch schlimmer: Wie ich in meinem Furor über die Weigerung der deutschen Regierung, dem Atomwaffenverbotsvertrag TPNW beizutreten, argumentiert habe, sind Kernwaffen nur einsetzbar, um Hunderttausende oder Millionen von Untertanen einer (na ja: in der Regel) anderen Regierung zu töten. Es gibt schlicht keine anderen glaubhaften Einsatzszenarien.

    Mithin ist, wer die Bombe werfen will, gewillt, für die eigene Macht Städte in Schlachthäuser zu verwandeln. Alle deutschen Regierungen meiner Lebenszeit waren ganz wild auf die „nukleare Teilhabe“ und hatten damit diesen Willen. Die zweite Behauptung, die ich hier machen will, ergibt sich damit unmittelbar: Wer in der BRD lebt, wird regiert von Menschen, die für ihre Macht Städte ausradieren werden.

    Es wäre also schon ein großer zivilisatorischer Fortschritt, wenn sich die nächste Regierung durchringen könnte zum Statement, sie könne sich schon vorstellen, zwecks Machterhalt ein paar hundert, tausend, oder zehntausend Menschen zu töten (also: sie löst die Bundeswehr nicht einfach auf, was natürlich der erfreulichste Ausgang wäre); der eigene Machterhalt würde aber doch nicht rechtfertigen, dutzendweise Städte einzuäschern (weshalb sie den Spuk der nuklearen Teilhabe beenden und dem TPNW beitreten würde).

    Ich wette dagegen.

    [1]Da ich wild entschlossen bin, niemals mit meiner Zustimmung regiert zu werden und also nie der künftigen Regierung meine Stimme geben will – das ist mir bisher auch nicht schwer gefallen –, konnte ich daher leider den Linken nicht meine Stimme geben. Repräsentative Demokratie ist schon manchmal kompliziert, denn im Parlament will ich die Linke selbstverständlich schon haben: Wo wären wir heute ohne ihre parlamentarischen Anfragen?
  • Wenn LektorInnen schlafen

    Als jemand, dem es schon in der BRD zu frömmelnd zugeht, bin ich ziemlich sicher nicht in Gefahr, allzu große Sympathien für die neue afghanische Regierung („Taliban“) zu hegen. Und trotzdem schmerzt so gut wie die gesamte Berichterstattung über das Regime, gerade im Vergleich zum doch recht gemäßigten Umgang mit Saudi-Arabien. Dort nämlich geht es nach innen hin wohl ziemlich ähnlich zu, doch die Taliban führen immerhin keinen Krieg nach außen, schon gar nicht einen in der Liga des Gemetzels im Jemen.

    Aber selbst wenn sich JournalistInnen in patriotischer[1] Botmäßigkeit verpflichtet fühlen, den Krieg zu rechtfertigen, den unsere Regierungen mit breiter publizistischer Unterstütztung in den letzten zwanzig Jahren „am Hindukusch“ geführt haben: Wenigstens etwas Sorgfalt sollten sie walten lassen. Auf Seite 9 der taz vom 24.8.2021 ist das ganz offenbar nicht passiert. Während Finn Mayer-Kuckuk vierspaltig einen „Rückfall in den Handel mit Drogen“ drohen sieht, stellt der Agenturartikel in der fünften Spalte klar, dass bereits das von „uns“ befreite Afghanistan 85% des Weltbedarfs an Opiaten gedeckt hat:

    Oben: „Es droht ein Rückfall in den Handel mit Drogen“.  Unten: „Afghanistan produziert UN-Angaben zufolge rund 85 Prozent des weltweit hergestellten Opiums“

    Rechte bei der taz; hier verwendet unter… Satireprivileg?

    EinE gutE LektorIn hätte es gemerkt.

    Wo ich schon über Afghanistan spreche, möchte ich noch kurz ein Standbild aus der Tagesschau vom 28.8.2021 zeigen:

    Eingang zum „Hamid Karzai International Airport“

    Rechte wahrscheinlich bei der Tagesschau.

    Das entscheidende Detail hier ist: Das alte Regime war unbescheiden genug, den Flughafen nach dem immerhin noch lebenden und (z.B. nach der Lebenserwartung der Untertanen bemessen) gewiss nicht sehr erfolgreichen Ex-Präsidenten Hamid Karzai zu benennen. Nur mal so als ein Datenpunkt zur Erklärung, warum die Regierung, die „wir“ dort 20 Jahre lang installiert hatten, noch vor „unserem“ Abzug so ostentativ kollabiert ist.

    Zum Abschluss hätte ich einen Buchtipp in dem Zusammenhang: Cockburn, A. und St. Clair, J., 1998: „Whiteout: The CIA, Drugs, and the Press“, London, New York: Verso (verfügbar in der Imperial Library of Trantor). Der Guardian hat es damals rezensiert mit:

    A history of hypocrisy and political interference the like of which only Frederick Forsyth in a dangerous caffeine frenzy could make up.

    Dem kann ich zustimmen.

    [1]Wo ich es schon von Patriotismus habe, will ich einen Aufkleber lobend erwähnen, den ich neulich in Hamburg-Wilhelmsburg gesehen habe: „Wer als Patriot*in losläuft, kommt als Faschist*in an“. Wenn nur das Wetter nicht so lausig wäre in der Gegend – mensch könnte da fast hinziehen wollen.
  • Monströse Drohungen

    Titelseite des TPNW

    Heute ist ein historischer Tag. Denn endlich – nach über drei Jahren Ratifizierungsprozessen in verschiedenen Ländern – tritt der Atomwaffenverbotsvertrag TPNW in Kraft. Ab heute bricht Völkerrecht, wer Nuklearwaffen baut, besitzt oder mit ihrem Einsatz droht.

    Da sich die Bundesregierung nicht nehmen lässt, Atombomen werfen zu können („Nukleare Teilhabe“), denkt sie natürlich nicht dran, das auch zu unterschreiben. Der viel beschworene „Multilateralismus“ bedeutet aber, dass der Deutschlandfunk gerade nicht recht hat, wenn er heute meldet der TPNW sei in Kraft, „aber nicht in Deutschland“. Klar gilt er. Der Regierung ist nur der Bruch des Völkerrechts opportun.

    Wie furchtbar das wirklich ist, ist mir neulich wieder klar geworden, als ich nämlich „The Doomsday Machine“ von Daniel Ellsberg gelesen habe. Ellsberg, der mit den Pentagon Papers Anfang der 70er das dichte Propagandagebäude rund um den Vietnamkrieg zum Einsturz gebracht hat, hat in den 1950er und 1960er Jahren bei der RAND Corporation (quasi der originale „Think Tank“) für die US-Luftwaffe Atomkriegsplanung gemacht, und allein die Einblicke in die Ränke rund ums Pentagon lassen es wie ein Wunder erscheinen, dass der Atomkrieg noch nicht stattgefunden hat. Andererseits macht die Charakterisierung des damaligen Ministers Robert McNamara als zumindest im Vergleich eher besonnen Hoffnung, dass die politische Kontrolle des Militärs vielleicht nicht ganz so kaputt ist, wie mensch seit Eisenhowers Warnung vor dem militärisch-industriellen Komplex hätte meinen können.

    Was Ellsberg aber auch sehr gut macht: Er zeichnet nach, wie es überhaupt zu der selbst für Militärverhältnisse monströsen Idee gekommen ist, Städte des Kriegsgegners mitsamt all den dort wohnenden Leuten zu zerstören – einerseits aus der Kriegsführung verschiedener faschistischer Mächte, angefangen von italienischen Kolonialkriegen über Guernica bis Coventry. Und andererseits aus kühlen Sachzwängen, denen sich im Groben niemand mit auch nur ein wenig Herz oder Ethik entgegengestellt hat, denn auch im zweiten Weltkrieg stellte sich schon bald heraus, dass Präzisionsschläge eine Mär sind.

    Klar, es ist nicht viel netter, im Machtkampf (und was anderes sind Kriege halt ganz schlicht nicht) Soldat_innen zu töten. Aber von denen gibts schon mal viel weniger als vom Rest der Menschen, und die Soldat_innen könnten ja immerhin davonlaufen (was übrigens das Problem von Kriegen auf die denkbar eleganteste Weise lösen würde). Jedenfalls: Die Bombardierung gegnerischer Städte gehört schon so zu den ganz großen Widerlichkeiten (und nein, ich bin da nicht sehr über Dresden besorgt; speziell dazu empfehle ich aber Slaughterhouse Five des großartigen Kurt Vonnegut).

    Nuklearwaffen haben nun keinen plausiblen anderen Zweck als das Plätten von Städten und das Töten von deren Bevölkerungen – selbst in der verqueren Logik der Militärs gibt es kein militärisches Ziel, das Sprengkräfte im Megatonnenbereich brauchen würde. Der einzige ernsthafte Vorschlag, der da jemals vorgebracht wurde, war das Stoppen einer vorrückenden Armee, und das ist ganz offensichtlich etwas, das zuletzt so um die 1815 in den napoleonischen Kriegen ernstzunehmen war.

    Nein: Wer Atomwaffen hat, droht mit der Einäscherung gegnerischer Städte. So einfach ist das. Unsere Regierung tut das. Das ist ein Skandal. Und drum bin ich dankbar, dass der unermüdliche Friedensratschlag Heidelberg heute eine Demo für die Ratifizierung des TPNW in Heidelberg angemeldet hat. Ich war, trotz Regen, gerne dabei.

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