Wasch mir den Pelz

In der Forschung aktuell-Sendung vom 3.11. am Deutschlandfunk liefen zwei ziemlich bemerkenswerte Beiträge, die sich beide ein wenig im Umfeld von XKCD 1301 bewegen:

Fake-Balkengrafik

Nun: Ich würde XLS deutlich weniger trauen als der Autor dieser Grafik, Randall Munroe. Argumente dafür folgen unten. CC-BY-NC XKCD.

Erstens gab es ein Interview mit Regina Riphan von der Uni Erlangen (nun: sie ist an deren WISO-Fakultät, sitzt also in Wirklichkeit in Nürnberg), in dem sie zur Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Politik ab Minute 2:20 berichtet,

dass die wissenschaftlichen Analysen am häufigsten verwendet werden, wenn sie thematisch und redaktionell aufbereitet sind

und dann weiter ab 3:35:

damit die Nutzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen steigen kann, müssen die Texte gut verständlich sein und kurz zusammengefasst sein.

Übersetzt: Wissenschaft bitte nur in Powerpoint. Eine Implikation dieser Erwartung zeigt der XKCD oben.

Allein: Wenn etwas eindeutig ist, leicht konsumierbar runtergekocht und kurz zusammengefasst werden kann, ist es im besten Fall Lehrbuchwissen, aber jedenfalls nicht mehr Wissenschaft.

Wissenschaft im Sinne von „was wir gerade erforschen” hat immer Voraussetzungen, Fehlerbetrachtungen und Einschränkungen, ohne die die Aussage nicht sinnvoll eingeordnet werden kann. Natürlich können auch wissenschaftliche Aussagen schon mal auf einen Satz zusammenschnurren („Cygnus X-3 enthält ein schwarzes Loch von 17 Sonnenmassen.”), aber der ist fast immer zu ergänzen mit einem „…wenn A, B und C so stimmen“. Ohne solche Einschränkungen wird es meist mehr oder weniger falsch („…aber wenn das so wäre, könnten wir das nicht im Röntgen sehen, und deshalb kann es gut sein, dass da stattdessen nicht mal ein weniger exotisches schwarzes Loch ist.“).

Wer sich fragt, warum auch weit über den Umgang mit SARS-2 hinaus politisches Handeln oft ziemlich plemplem wirkt, könnte hier die Antwort finden. Wer Entscheidungen auf wissenschaftlicher Evidenz basieren will, muss sich auf Wisschenschaft einlassen, und das bedeutet in aller Regel, Papers zu lesen. Das dauert auch mit fachkundiger Erläuterung zumindest im Bereich der Naturwissenschaften Stunden. Für ein erstes Verständnis. Wer das nicht will, sollte vielleicht lieber nicht so viel entscheiden. Oder jedenfalls nicht sagen, seine/ihre Politik sei irgendwie anders als durch soziale Zwänge, Interessen, Fast Talk, Loyalität und Bauchgefühl geleitet.

Dabei bleibt einzuräumen, dass ein großer Teil von Wissenschaft am Ende schlicht gar nicht hinhaut – wenn es einfach wäre, bräuchte es keine Forschung. Und gelegentlich ist Kram auch nicht nur falsch, weil er sackschwierig ist. Eine erstaunlich irre Geschichte in dieser Abteilung wird in einem zweiten Beitrag der Sendung erzählt: Da nutzen Leute ernsthaft Excel für Wissenschaft, etwas, das mir selbst in der Astronomie immer wieder mit fatalen Ergebnissen begegnet[1]. Wo Leute über Genetik reden, hat das besonders lachhafte Folgen:

Der Name des Gens Septin 4, abgekürzt Sept4, wird automatisch in den vierten September umgewandelt.

Das ist auch Mark Ziemann und KollegInnen von der Deakin University in Melbourne aufgefallen, die daraufhin nachgesehen haben, wie groß das Problem wohl in publizierten Arbeiten sein mag (PLOS Comput. Biol. 17(7), e1008984, doi:10.1371/journal.pcbi.1008984). Im DLF-Beitrag:

[Ziemann:] „Die Ergebnisse waren kurz gesagt viel schlechter als bei unserer ersten Analyse 2016.“ [...] In fast jeder dritten Studie war ein Gen-Name in ein Datum gewandelt worden. [... Ziemann:] „Zunächst sollte Genomik nicht in eine Tabellenkalkulation aufgenommen werden. Es ist viel besser, Software zu nehmen, die für umfangreiche Datenanalysen geeignet ist.“

Dem Appell am Ende des Zitats kann ich mal mit ganzem Herzen zustimmen, und zwar wie gesagt weit über das Feld der Genetik hinaus. Eine so klare und offensichtlich wahre Aussage verlässt das Feld der Wissenschaft. Ich kanonisiere sie hiermit zu Lehrbuchwissen.

[1]Richtig schräg wird es, wenn Leute in Tabellenkalkulationen mit vorzeichenbehafteten sexagesimalen Koordinaten wie -80° 14' 27" rechnen. Klar, das sollten sie auch ohne Excel nicht tun, aber Leute, die immer noch Excel verwenden, haben offensichtlich besonders große Schwierigkeiten, sich von problematischen Traditionen zu lösen.

Zitiert in: Hatte Marc Aurel Bandwürmer? Jost Bürgi, der Sinus und Umberto Eco Müdigkeit zur rechten Zeit Die überraschende Macht der Tradition

Kriegsfieber aktuell

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