SARS-2 ist in etwa fertig

Ich beobachte derzeit fasziniert die Reihenfolge der Beiträge in Nachrichtensendungen. Wir haben Corona-Zahlen, die noch vor zwei Monaten helle Panik ausgelöst hätten – 200000 gemeldete Neuinfektionen am Tag, eine bundesweite 7-Tages Inzidenz über einem Prozent –, und entsprechende Meldungen kommen zumindest bei ARD und DLF, wenn überhaupt, weit hinter Mumpitz wie der Frage, ob wohl ein Herr Merz oder ein Herr Brinkhaus der CDU-Fraktion im Bundestag vorsitzen wird (mal ehrlich: Wer wirds merken?).

Aber vielleicht ist das auch besser so; denn auch wenn sich das derzeitige Tempo wahrscheinlich noch nicht durchhalten lässt, wenn sich die Altersverteilung der Infizierten nach oben verschiebt, mag es sein, dass es ohne grobe Notbremsen gerade jetzt geht, und wenn der nächste Winter halbwegs normal laufen soll, sollten wir auch gar nicht so arg einbremsen (und auch nicht im Interesse der 70-Jährigen).

Gestern allerdings hätte es eine spektakuläre Nachricht gegeben, die ich ganz vorne in meine Sendung gepackt hätte, wenn ich Redakteur wäre: Mit Omikron ist SARS-2 in gewissem Sinn fertig. Woher ich das weiß? Nun, meine Lieblingsrubrik im RKI-Wochenbericht kommt schon seit langem von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI; ich hatte die schon mal zitiert), die Woche um Woche berichtet, was so umgeht an Erregern von Atemwegserkrankungen. Im Bericht von gestern findet sich das auf Seite 14, und da steht:

In der virologischen Surveillance der AGI wurden in KW 3/2022 in insgesamt 66 von 112 eingesandten Proben (59 %) respiratorische Viren identifiziert. Darunter befanden sich 23 Proben mit SARS-CoV-2 (21 %), 15 mit humanen saisonalen Coronaviren (hCoV) (13 %), zwölf mit Rhinoviren (11 %), elf mit humanen Metapneumoviren (10 %), jeweils drei Proben mit Parainfluenzaviren (3 %) bzw. mit Respiratorischen Synzytialviren (RSV) (3 %) sowie eine Probe mit Influenzaviren (1 %).

Das ist spektakulär, weil, wenn ich nichts übersehen habe, nie zuvor während der ganzen Pandemie SARS-2 in den Infektionszahlen unsere gewohnten humanen Coronaviren überholt hat.

Und es heißt ziemlich sicher: SARS-2 ist jetzt bis auf einen kleinen Faktor so gut an den Menschen angepasst, wie das Coronaviren halt können – die anderen vier hatten ja schon mindestens hundert Jahre Zeit für ihre Optimierung (der jüngste könnte seit 1889 umgehen; zumindest vermuten viele Leute, die Russische Grippe könne die letzte wirklich tödliche Coronapandemie vor SARS-2 gewesen sein), und wenn SARS-2 in deren Liga aufgestiegen ist, wird es wohl keine weltbewegenden Erfindungen mehr machen können; in diesem Sinne wäre es, na ja, „fertig“.

Mensch könnte spekulieren, SARS-2 könne einen Vorteil haben, weil es für die meisten Menschen hier immer noch neu ist, während sie die anderen vier schon aus dem Kindergarten kennen. Per Bauchgefühl bezweifele ich den Vorteil allerdings, denn die vielen Geimpften – und niemand ist gegen eines der anderen Coronaviren geimpft – machen es SARS-2 vermutlich ziemlich ähnlich schwer wie die vorhergegangenen Infektionen den anderen.

Zum Schluss nochmal Fanpost an die AGI: Ich halte das für hochrelevante Forschung mit minimalem Eingriff in die Privatsphäre von Kranken, small data im besten Sinn (wobei ich zugebe, dass mir das noch besser gefallen würde, wenn das Sample etwas größer wäre; in Zeiten wie diesen sollten sich doch 500 bis 1000 Proben finden). In meiner Fantasie sind die AGI-Leute und ihre Sentinelpraxen so wie die Waldläufer im Herrn der Ringe, die durch die Wildnis ums Auenland streichen und, ohne dass es viele merken, die Augen offen halten. Helden!

Zitiert in: Neurasthenie und Post-Covid Ein bekanntes Szenario Relevante Personalien

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