Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist… öh, mal sehen

Weil mein Rechner immer noch die tägliche halbe Stunde Forschung aktuell[1] im Deutschlandfunk mitschneidet und ich dabei wegen der begrenzten Genauigkeit von cron (1) etwas großzügig bin, höre ich regelmäßig die Abmoderation der DLF-Sendung Büchermarkt. Manchmal höre ich so hinter die Kulissen.

Und manchmal gibt es dabei offenbar schlecht geplante Worte, die ganz aus Versehen eine ganze Epoche beschreiben. So wie am 31. Juli 2026:

Ich behaupte, dass der Irrtum des Moderators Carsten Hueck in diesen Worten prototypisch steht ist für den breiten EDV-Konsum der letzten zwanzig Jahre: er verwechselt die Nutzung einer offenen Infrastruktur mit dem Kauf einer privaten Dienstleistung. Vermutlich hat er nicht mal eine konkrete Vorstellung, warum das relevant sein könnte.

Google als „das Internet“.

Was er sagen wollte: „Besuchen Sie die Webseite der Pirckheimer-Gesellschaft“. Natürlich sind auch beim Besuch einer Webseite via Eingabe einer URL ein Haufen privater Infrastrukturen im Spiel, aber angefangen vom DNS zur Auflösung des Namens über den ganzen Protokollstapel zwischen Ethernet und HTML+CSS – Lob übrigens, dass ganz schön viel von der Pirckheimer-Seite ohne Javascript geht – bis hin zur Dekodierung der webp-Bilder gehört nichts einer spezifischen Entietät, und wenn ein Teil der Infrastrukturen, die an der Betrachtung einer Webseite beteiligt sind, aus der Mitte der Gesellschaft bereitgestellt wird, dann ist das ohne großes Verbiegen, Jailbreaken oder Reverse-engineeren möglich.

Was Hueck stattdessen gesagt hat: „Kaufen Sie von Google die Anzeige eines Inhalts.“ Im Subtext meine ich zu hören: „Bestimmt kauft auch die Pirckheimer-Gesellschaft von Google die Dienstleistung, auf meinem Google-Gerät zu erscheinen.“ Das ist zum Glück nicht so. Dass das nicht so ist, liegt übrigens nicht daran, dass Google es nicht versucht hätte (siehe Google AMP).

Die Nacht kann noch viel tiefer werden.

Mit „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“, wollten Ton Steine Scherben zirka 1975 sich und anderen Mut zuzusingen. Hatten die eine Ahnung![2]

So ähnlich wird es auch hier sein. Vermutlich haben wir zwar den Höhepunkt der Googlifizierung des Commons, der jedenfalls konzeptionellen Allmende Internet hinter uns. Wenn nämlich nicht Strom- und CPU-Kosten den Weg zu natürlichsprachiger Interaktion mit Kram am Netz umkehren – und danach sieht es trotz allem nicht aus –, dürfte dieser Post ein weiterer Schwanengesang sein, dieses Mal auf die Internet-Suchmaschine als Teil täglicher Mediennutzung eines nennenswerten Teils der Bevölkerung.

In fünf Jahren mag Google als Marke (wenn auch sicher nicht als Unternehmen) nicht mehr sonderlich sichtbar sein. „Fragen Sie ihr Telefon nach der Berliner Pirckheimer-Gesellschaft“: Das wäre mein Tipp dafür, wie Carsten Hueck in fünf Jahren eine Webseite bewerben wird.

Aber wer weiß?

Wird sich die Nacht der kommerziellen Abzäunung der Allmende damit etwas gelichtet haben? Hm: Wahrscheinlich werden wir damit in einer noch tieferen Nacht kommerzieller Kontrolle sein.

Aber wer weiß? Noch ist nicht ausgemacht, wer Modelle und Software kontrollieren wird, die so eine Anfrage bearbeiten werden, und noch nicht mal, wo der Kram laufen wird. Es sind aber genau diese Fragen, die letztlich weit mehr als die Syntax der Anfragen den Unterschied zwischen Tag und Nacht ausmachen.

[1]Jaja, die Sendung sind nur 25 Minuten, aber es schadet nichts, die Nachrichten, die werk- und samstags davor laufen, auch mitzunehmen.
[2]Natürlich stimmt das Bild sowieso nicht: die Nacht ist am tiefsten, wenn die Sonne maximal weit unter dem Horizont steht. Richtig wäre damit zumindest von der Physik her: „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Abstand zu Anfang beziehungsweise Ende der bürgerlichen Dämmerung maximal.“ Aber das hätte ich auch nicht singen wollen, und die transportierte Nachricht ist vielleicht auch nicht sehr tröstlich.

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