Der Markov-Preis für die ungewöhnlichste Wortfolge

Ich bin kein besonderer Freund der Triggerwarnung an sich, aber hier warne ich mal: Es geht um Rassismus, schreckliche Gewalt (wenn das für euch einen Unterschied macht: obendrein gegen Kinder) und Religion. Eigentlich ist das alles viel zu ernst für einen Spaßpreis.

Aber es hilft nichts: Der Markov-Preis für die ungewöhnlichste Wortfolge[1] geht heute an den Deutschlandfunk für den Hintergrund Politik vom 2. Juli, dessen Thema der Sender wie folgt umschreibt:

Tausende indigene Kinder wurden zwischen 1870 und 1996 in Kanada von ihren Familien getrennt und in Internaten untergebracht. Oft wurden sie dort sexuell missbraucht, viele starben. Die Aufarbeitung dieses Kapitels der kanadischen Geschichte hat erst begonnen – und wird die Gesellschaft noch lange beschäftigen.

Darin heißt es bei Minute 12:00: „Die Nonnen hatten alle Lederpeitschen.“ Nennt mich naiv im Hinblick auf die Realität des Christentums, aber: jedenfalls außerhalb der engeren BDSM-Szene ist das schon ein Satz, dem eine durchschnittliche künstliche Intelligenz eine eher geringe Wahrscheinlichkeit zuordnen würde. Der Neugier halber habe ich kurz meinen Müllbrowser angeworfen (in dem darf liberal Javascript laufen), um zu sehen, was Google dazu einfällt:

Google-Suchfeld mit "Die Nonnen hatten alle" und vorgeschlagener Ergänzung "folgen"

Bei näherer Überlegung muss ich die Preisvergabe allerdings relativieren, denn wenn ich (erneut) an Edgar Allen Poes Kurzgeschichte Die Grube und das Pendel denke, erscheint die prämierte Wortfolge und auch ihre BDSM-Konnotation gar nicht mehr so abwegig.

Eine weitere Verbindung zu jüngeren Themen aus diesem Blog fand ich bei Minute 10:20. In der Übersetzung des Deutschlandfunks:

Sie kamen mit diesen Lastwagen, mit denen sonst Vieh transportiert wird. Damit haben sie uns abgeholt…

…nämlich in die besagten residential schools.

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass da Fahrzeuge eingesetzt wurden, die normalerweise Schlachttiere bewegen. Gegen Ende meiner Überlegungen zu Königinnenkämpfen neulich hatte ich schon darauf hingewiesen, dass die Charakterisierung von Menschen als lästige (oder im vorliegenden Fall zu tötende) Tiere ein „konstantes Feature so gut wie aller Kriege und anderer Massenmorde der Geschichte“ ist.

Ganz gewiss hat es der Transport der Kinder in Schlachtvieh-Wagen den im Apparat beschäftigten Menschen erheblich leichter gemacht, so unmenschlich zu handeln. Und ja, das ist sowohl ein Argument für die Erhaltung der Empathie mit Schlachtvieh als auch ein Argument gegen den Transport von Menschen in Viehtranportern[2].

[1]Benannt ist der Preis nach Andrei Andrejewitsch Markow in seiner in Fachkreisen üblicheren englischen Umschreibung (sich selbst wird er wohl vor allem Марков geschrieben haben). Markov-Ketten waren bis zum Durchmarsch der neuronalen Netze das Mittel der Wahl zur statistischen Modellierung sprachlicher Äußerungen, also letztlich zur Beantwortung der Frage, wie wahrscheinlich es ist, kurz nach dem Token „Nonne“ ein Token wie „Hostie“, „Backschaufel“, „Gesangbuch“, „Rohrstock“ oder eben „Lederpeitsche“ zu finden.
[2]Auch wenn ich irgendwelche Nazigeschichten hier lieber raushalten würde (denn da ist nochmal was ganz anderes passiert), muss ich, wo ich schon grob das Thema habe, noch anmerken: Ich bin überzeugt, dass Adolf Eichmann nicht nur aus Sachzwang Viehwaggons gewählt hat, um all die Menschen in die NS-Vernichtungslager verschleppen zu lassen.

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