Klaus A. Maier, Hofforscher der Bundeswehr, wusste es in diesem Buch von 1975 auch schon besser: Es war nicht Hitler, sondern es waren (im Wesentlichen und aus Maiers Sicht recht anständige) deutsche Soldaten, die Gernika in Schutt und Asche legten. Vgl. auch den Exkurs unten.
„Die massive Unterstützung Hitlers und Mussolinis gilt als entscheidend für den Sieg Francos“, schreibt die Süddeutsche Zeitung über das, was sie den „Spanischen Bürgerkrieg“ nennt[1]. Diese Einschätzung ist weit verbreitet; ich schreibe das hier, weil genau diese Formulierung neulich auch in irgendeiner DLF-Sendung fiel[2]. Bemerkt ihr den Unterschied zu „Deutschland muss der Ukraine helfen“?
Nun bin ich ja der Erste, der sich freut, wenn Willen und Bedarfe nicht Ländern zugeschrieben werden. „Deutschland“ zum Beispiel mag ein geographisches Gebilde meinen und kann als solches ganz sicher nichts wollen oder brauchen („Ich kleines blaues Polygon/ich brauche dringend höhren Lohn“ ginge allenfalls bei Robert Gernhardt).
Sollte „Deutschland“ hingegen die Leute meinen, die auf diesem Gebiet leben, wird es ganz furchtbar schwer werden, auch nur irgendwas zu finden, auf das sich alle diese einigen könnten, schon an sich, aber besonders, weil manche von diesen Leuten herrschen und die anderen nicht; allein das sorgt in fast allen Fragen für fundamental widerstreitende Interessen.
Mit vielen Illustrationen aus Äußerungen diverser Presseorgane habe ich diesen Gedanken letztes Jahr im Post Sagt nicht „Andorra“ – sagt „Regierung von Andorra“ ausgeführt..
In Berlin gibt es die Spanische Allee, eine großzügige Straße zwischen Steglitz und dem Wannsee. Benannt ist sie so, weil sich die Deutschen, die 1936ff „Spanien geholfen“ haben (dochdoch, das haben die fest geglaubt) nach ihrer Heimkehr bei einer Parade von den Daheimgebliebenen dort hatten feiern lassen. Inzwischen findet sich an der großen Straße immerhin eine kleine Abbitte für das Grauen von Gernika: Der Guernicaplatz, hier als die Baustelle, die Vergangenheitsbewältigung dann eben doch immer ist.
Genau im Fall der Unterstützung für die spanischen Faschisten allerdings möchte ich das behutsam umdrehen. Es war nämlich nicht Hitler, der in den Cockpits der Maschinen saß, die Gernika eingeäschert haben, und es war auch nicht Mussolini, der all die Gewehrkugeln und Granaten produziert hat, mit denen die Aufständischen die republikanischen SoldatInnen und ihre Verbündeten in der Ebroschlacht ausgeblutet haben.
Nein, wer da flog und feilte, das waren BürgerInnen der von den beiden regierten Länder. Nota bene: Es waren BürgerInnen, die das auch hätten lassen können, hätten lassen sollen. Das war damals nicht anders als heute, da sich ganz aktuell erstaunlich viele Menschen finden, die schon wieder deutsches Militär bewaffnen und verstärken (und noch viel mehr, die lautstark wollen, dass andere das tun).
Daher möchte ich meinen Leitsatz aus dem Andorra-Post dringend mit etwas Markup versehen:
Wer statt „<Land>“ „Regierung von <Land>“ oder, wenn in Wirklichkeit das gemeint ist, „Bevölkerung von <Land>“ sagt, unterstützt schon viel moderne Menschenfeindlichkeit nicht.
Klar: Beim „brauchen“ und „wollen“ ist das mit den Bevölkerungen eigentlich fast immer grundfalsch, denn zum Glück gibt es immer ein paar, die offen keine Lust haben auf das, was ihnen die gekrönten oder ungekrönten Häupter als „gut fürs Land“ verkaufen.
Beim „tun“ jedoch lässt sich nicht ganz leugnen, dass die jeweils regierten Bevölkerungen einen erheblichen Anteil an den ihren Staaten zugeschriebenen Handlungen haben, und sei es im Zweifel auch nur, dass zu wenige von ihnen Nein gesagt haben. In Fast-Klarsprache: „Die Bevölkerungen von Deutschland und Italien haben Franco und seine Faschisten nach Kräften unterstützt“.
Klar gabs auch Menschen in den entsprechenden Machtbereichen, die unbeteiligt waren oder gar gegen die „deutsche Intervention“ (Klaus A. Maier) gearbeitet haben. Deshalb bleibt es noch besser, überhaupt nicht mit so breiten Kollektivbegriffen wie „Deutschland“ oder seiner Bevölkerung als Subjekten zu operieren. Ich zum Beispiel wäre bei „deutsche Bevölkerung“ aktuell ja drin, aber fast alle Behauptungen, die ich über diese gehört habe (zumeist schlimmer als „deutsches Volk“) empfinde ich, auf mich angewandt, als manifest falsch.
Hier haben Faschisten gebombt: S. Felip Neri in Barcelona Stand 2013. Diese Löcher haben im Jahr 1938 Splitter von Bomben geschlagen, die dieses Mal italienische Flugzeuge abgeworfen haben (Infos aus Barcelona). Überlebt haben diese Spuren übrigens, weil die neue Obrigkeit ab 1939 sie als Einschusslöcher verkauft hat, die bei anarchistischen Hinrichtungen von Priestern entstanden sein sollten.
Meine „Sicherheit“ zum Beispiel hat bestimmt niemand am Hindukusch verteidigt, ich brauche auch keinen Sozialabbau („Reformen“), oder „schlagkräftige Geheimdienste“ (schauder), und wenn Deutschland irgendwas wäre, womit ich etwas zu tun habe, dann wäre „es“ aber sowas von Mitglied des TPNW, uiuiui.
Aber wenn schon, denn schon: Ohne tatkräftige Unterstützung durch ganz viele Deutsche jedenfalls wäre aus Franco nicht viel geworden. Das sage nicht nur ich, das schreibt unter auch der zu solchen Feststellungen ganz klar berufene Bundeswehrhistoriker Klaus A. Maier in dem oben abgebildeten Buch:
Das Prestige der Interventionsmächte [Deutschland und Italien] war fortan [nach der Anerkennung der Franco-Junta] an den militärischen Erfolg Francos gebunden [sic: ohne Komma] und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als die kritische militärische Lage Francos einerseits immer mehr ausländische Hilfe erforderte und sich andererseits im Londonder Nichteinmischungsausschuß erste konkrete Embargo-Kontrollpläne abzuzeichnen begannen.
Exkurs: Klaus A. Maier und die Aufarbeitung moralischen Bombens
Vor vielen Jahren habe ich an einem Bücherstand vor der Frankfurter Uni, damals noch am Bockenheimer Campus, ein eigenartiges Büchlein erstanden: „Guernica 26.4.1937“, geschrieben in den 1970er Jahren von Klaus A. Maier, einem Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamts (MGFA) der Bundeswehr. Das mag als seltsame Handlung scheinen bei einem erklärt militanten Pazifisten wie mir, aber das MGFA hat auch mal Wolfram Wette beschäftigt, von dem ich viel gelernt habe.
Das Buch über das deutsche Massaker in Gernika[3] (ich nutze ohne große Begisterung die baskische Schreibweise) hat da ein anderes Kaliber. Es verspricht schon im Klappentext, „die immer wieder auflebende Diskussion über die Zerstörung Guernicas von einigen propagandistischen Verzerrungen zu befreien, die den spanischen Bürgerkrieg überdauert haben.”
Wie sich Autor Maier sich diese „Befreiung“ vorgestellt hat, ist mir indes unklar, denn die kühl-mörderischen Überlegungen der Luftwaffen-Männer in Spanien sind genau so, wie ich sie erwartet hätte. Ein Hauptmann Heinze wird zum Beispiel zitiert mit:
Ziele: Waffen- und Mun[itions]-Fabriken, Hafenanlagen, Lebensmitteldepots und evtl. Terrorangriffe, um Verhandlungen Nachdruck zu verleihen.
Soso: „Terrorangriffe“ erwägt der Hauptmann da ganz offen, das Aushungern der Bevölkerung ist selbstverständlich. Beachtet, dass er im fernen Spanien garantiert in keinerlei „Befehlsnotstand“ gegenüber „Hitler“ oder irgendwelchen anderen Aliens war, die „über das deutsche Volk“ gekommen hätten sein können mögen. Heinze fand das alles erkennbar selbst gut und richtig.
Tatsächlich waren die Personen, deren Zeugnisse greifbar sind, wohl alle mit Leib und Seele dabei. Der Befehlshaber der Legion, Wolfram Richthofen, Neffe und Adoptivsohn des Roten Barons, gegen den Snoopy in den Peanuts-Comics immer fliegt, ärgert sich in seinem Tagebuch (Maier dokumentiert es mit spürbarer Freude):
22.3.1937
Durcharbeit des Bilbao-Unternehmens. Blöde Wünsche an uns, die aber geradegelegt werden können.
Gleich danach erläutert Maier die Zwänge, denen sich die deutschen Flieger ausgesetzt sahen:
Als sich aber die Lage der nationalspanischen [sic! Das Wort „faschistisch“ kommt einem wie Maier nicht leicht über die Lippen] Truppen vor Madrid immer mehr verschlechterte, mußte die Führung der Legion Condor dem Wunsch nach unmittelbarer Luftunterstützung nachgeben.
Das ist in etwa Maiers Ziel für das ganze Buch: Belege zu liefern für die Rechtschaffenheit der Condor-Soldaten, in deren Tradition er sich erkennbar sieht. Zwischen seinen Konstruktionen von Müssen und Nachgeben bleibt nicht viel Platz für die Todeskalküle, die die Krieger wirklich hatten.
Die Zerstörung von Gernika argumentiert er sich so zurecht als eine total legitime und zweckmäßige militärische Operation. Bei so offensichtlich kaltschnäuzigem Terror und Massenmord an „den Roten“ (so der Jargon der Truppe damals) ist das nicht leicht, aber militärische Logik schafft ziemlich viel:
Richthofens erklärte Absicht, Guernica für den Rückzug der Basken zu sperren, um so deren Einschließung zu ermöglichen, war nicht zuletzt im Hinblick auf das seiner Ansicht nach viel zu langsame Vorrücken der nationalen Verbände nur durch eine längerfristige Sperrung Guernicas zu verwirklichen. Die Schäden einzelner Bombentreffer in den Straßen hätten verhältnismäßig schnell wieder beseitigt werden können. Nur hoher Trümmerschutt auf den Straßen gewährleistete eine längerfristige Sperrung.
Ich finde die von Mayer erlebte Plausibilität der Condor-Strategien eine sehr schöne Illustration meines zentralen Mantras: Wer Freiheit und Leben verteidigen will, muss gegen Militär jeder Sorte kämpfen, ganz besonders jedenfalls das der jeweils eigenen Herrschenden.
| [1] | Mensch muss diesen kanonischen Namen nicht mögen. Immerhin waren „Bürger“ von Spanien wie hier dargelegt nicht annähernd die einzigen, die sich da bekriegt haben. |
| [2] | Leider muss ich den Beleg dafür schuldig bleiben, weil der DLF auf Initiative der Zeitungsverleger leider sehr sparsam mit der Publikation seiner Manuskripte sein muss. Was für eine einnlose Verschwendung! |
| [3] | Bemerkenswert an dem Gemetzel ist übrigens, dass die niedrigsten Opferschätzungen bei „200 bis 300“ liegen, was das Massaker von Gernika nicht so viel schlimmer erscheinen lässt als das Massaker von Kundus, bei dem der Bundewehr-Oberst Georg Klein 2009 aus der Luft zwischen 56 und 130 AfghanInnen totsprengen ließ (wer will über die genaue Zahl angesichts dessen, was von den Leuten im Treibstoffbrand übrig geblieben sein wird, schon entscheiden?). Andererseits: Deutsches Militär ist dabei nur als Auftraggeber aufgetreten, die Bomben geworfen haben F-15s der US-Luftwaffe (Rufnamen für Fans der Coen-Brüder etwas bedrückenderweise: Dude 15 und Dude 16). Aber daran, in Zukunft mehr „Fähigkeiten“ dieser Art selbst zu entwickeln („Souveränität“), daran arbeiten „wir“ ja gerade sehr eifrig. |
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