Leider kein Sprecher ohne Nerven

Ich habe mich hier schon des Öfteren als Fan von Live-Medien und dem mehr oder minder professionellen Umgang mit ihren Pannen geoutet – natürlich immer mit besonderer <hust> Mühe, jeden Anschein von Schadenfreude zu vermeiden.

Vor diesem Hintergrund fand ich den Umgang des anonymen Sprechers[1] mit einer offensichtlichen Panne bei den 16:30-Nachrichen am 23.1.2024 im Deutschlandfunk (ja, ich bin ein wenig hinterher bei meinem asynchronen Radio-Konsum) nachgerade unfassbar professionell. Hört euch das hier mal an:

(Blättern) Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller ist für einen Oscar nominiert worden […ca 20 Sekunden Sprache…] (Blattern) Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller ist für einen Oscar nominiert worden [weiterer identischer Text]

Als ich das hörte, war ich hingerissen, wie der Sprecher völlig ungerührt weiterliest, obwohl ihm spätestens nach wenigen Sekunden aufgefallen sein muss, dass er sich gerade wiederholt. Gut – ich hätte jetzt ein „Verzeihung, diese Nachricht hatten wir gerade schon“ eigentlich sympathischer gefunden. Die größere Kunst jedoch ist, so glaube ich, überzeugend so zu tun, als sei gar nichts.

Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass für den Sprecher tatsächlich gar nichts war. Folgt mir kurz auf meinem Weg zu dieser Entdeckung.

Wer im Audio genau hinhört, hört ganz am Anfang ein Blättern; dass da (noch) geblättert wird, hat mich zunächst nicht verunsichert, denn die Werkzeuge von Profis ändern sich langsam. Es ist aus meiner Sicht gut möglich, dass die Leute im DLF noch nicht vom Computer weglesen. Dass vor der Wiederholung nochmal ein Blättern zu hören ist, hat mich auch noch nicht verblüfft. Im Gegenteil ist es höchst plausibel, dass es zur Wiederholung kam, weil zwei Kopien des gleichen Blattes im Nachrichtenstapel lagen.

Allerdings sahen beim Beschneiden im Audio-Editor die Wellenformen von Blättern und Lossprechen schon ganz verblüffend ähnlich aus. So ähnlich, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die Wiederholung unter das Original zu legen und (etwas improvisiert) mithilfe meines pyscreenruler als Hilfslinie aneineinander auszurichten:

Zwei Wellenformen untereinander, die exakt parallel verlaufen

Nein: Auch der professionellste Sprecher kann nicht so exakt parallele Signalverläufe hervorbringen.

Nachtrag (2024-03-02)

Weil Proteste kamen: Ja, in ganz feinen Details unterscheiden sich die Kurven. Das kommt einerseits vielleicht ein wenig aus der unterschiedlichen Vorgeschichte der beiden Signale, die in die Kompression eingegangen ist. Yor allem ist das etwas, das grob unter dem Begriff unter „Aliasing“ läuft: Wenn ihr einen etwa ein Pixel breiten Gipfel durch zwei Pixel durchschiebt, ist manchmal nur in einem richtig Signal und manchmal in beiden. Hier ist die Lage der beiden Signale bezüglich des jeweils ersten Samples (Audio-Pixel, wenn ihr so wollt) leicht verschieden, und drum „wackelt“ es auf Pixelebene manchmal ein wenig.

Das ist entweder digital erzeugt oder digital wiederholt worden. Eine Roboterstimme mit dieser Qualität und dann noch beim Deutschlandfunk ist wohl auszuschließen (schon, weil es dort einen Personalrat gibt). Da die Doppelung genau an Satzgrenzen beginnt und aufhört, scheint auch eine natürliche Ursache für die Dopplung – sagen wir, ein Puffer, dessen Fortsetzung nicht rechtzeitig fertig ist und der dann einfach wiederholt wird – jedenfalls sehr unwahrscheinlich (mal abgesehen davon, dass kein plausibler Puffer 20 Sekunden lang wäre).

Bliebe noch, dass da jemand bewusst geschnitten bzw. geloopt hat. Aber wie geht das? Soweit ich weiß, werden die Nachrichten im DLF live gesprochen, was heißt, dass der Loop mehr oder weniger in Echtzeit produziert worden sein muss. Geht sowas überhaupt? Vor allem aber: Wer sollte das tun wollen? Und warum?

Fazit im Hinblick auf Live: Leider ist hier kein Nachrichtensprecher ohne Nerven zugange. Wer immer da redet, hatte seinen Job schon getan, als irgendwer anders diesen Loop in seine Sprache einbaute.

[1]

Ich glaubte mich zu erinnern, dass die DLF-NachrichtensprecherInnen früher ihre Namen gesagt haben. Haben sie nicht, jedenfalls nicht 2001. Ich habe extra in meinem Archiv nachgehört. Dabei bin ich allerdings über Verkehrsmeldungen gestolpert, die sie damals noch gebracht haben, und darüber bin ich (etwas perverserweise) nostalgisch geworden („Seewetteramt Hamburg“). Für andere DLF-DauerhörerInnen hätte ich hier eine Flashback-Gelegenheit, nämlich die Verkehrsmeldungen vom 24. August 2001, 16:34:

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