Papierrascheln am DLF

Ich bin ein so großer Fan von Live-Programmen und vor allem Nachweisen ihrer Authentizität, dass ich hier einen eigenen Tag für diese habe: Live. Deshalb war ich auch begeistert, als ich in der Forschung aktuell-Sendung vom 5.12.2022[1] folgende, wie ich finde, professionell gemanagte Panne verfolgen durfte:

Transkript der Sprecherin: Der Kohleausstieg wird im rheinischen Revier um… Ah, jetzt habe ich die falsche Meldung gelesen, tut mir leid (blättern) grad mal kurz die Richtige (leise distress signals) Wir wechseln bitte einmal kurz das Thema und machen die letzte zuerst… Der Kohleausstieg wird im rheinischen Revier um acht Jahre vorgezogen…

Ich verstehe nicht ganz, wie es zu dieser Panne gekommen ist, aber erstens finde ich großartig, dass die SprecherInnen im DLF hörbar noch von Papier ablesen.

Das ist auch nicht nur Nostalgie eines Menschen, der in seiner Jugend viel Tagesschau angeschaut hat. Tatsächlich ist das wahrscheinlich auch von einer CO₂-Perpektive nicht schlecht. Mike Berners-Lee[2] schätzt für ein Blatt Papier 10 g CO₂-Äquivalent. Na gut, bei ihm ist ein Papierhandtuch, also relativ mieses Papier und recyclet, aber andererseits schätzt er 400 g für ein Paperback, was gut zu 10 g pro A4-Seite passt. Für einen „einfachen“ Computer – also ein Tablet – schätzt er 200 kg CO₂e.

Damit entspräche die Herstellung eines Tablets, das die SprecherInnen statt des Papiers verwenden würden, 200/0.01 = 20'000 Seiten Papier. Wenn pro Sendung 10 Seiten draufgehen, sind das 2000 Tage oder fünf Jahre. Wahrscheinlich hält kein täglich für eine Sendung verwendetes Tablet so lange.

Zugegeben: das ist Unfug, denn die Seiten müssen ja auch bedruckt werden, und dazu braucht es Drucker und Toner (zusätzlich zu den Rechnern, auf denen die zu druckenden Texte geschrieben werden, aber die würde es beim Tablet auch brauchen), und die machen wahrscheinlich bereits einen größeren CO₂-Fußabdruck als Strom und Netzwerk, der beim Betrieb von so einem Tablet. Und dann sind 200 Kilo CO₂e über fünf Jahre für so eine Sendung ohnehin praktisch vernachlässigbar; so grob entspricht das (wiederum mit Berners-Lee) einer Recherche-Reise vom DLF-Standort Köln zum Wendelstein und zurück im ICE.

Aber kurz zurück zur Frage, warum ich das Stück für erhaltenswert halte: ich finde, dass sich die Sprecherin Britta Fecke hier eigentlich recht elegant aus der Affäre gezogen hat. Deshalb verstehe ich nicht ganz, warum der DLF das in der Online-Version rausgeschnitten hat (wo das bei Minute 9:38 sein müsste; solche Schnitte machen sie nicht immer). Und ich finde es schade, denn zumindest mein Herz wärmt es, wenn da Papier raschelt und zu hören, ist, wie Leute Probleme lösen.

[1]Ich habe das erst jetzt „live“ gehört, weil ich die Mitschnitte der Sendungen höre, wie ich Zeit habe. Wie schon seit Jahrzehnten kommt mein Material vom Livestrom, nicht aus dem RSS des DLF oder so.
[2]Berners-Lee, M. (2011): How Bad Are Bananas, Vancouver: Greystone, ISBN 978-1-55365-832-0; nicht, dass ich nicht Berners-Lees Mahnung teilen würde, nicht jede Schätzung da drin auf die Goldwaage zu legen, aber für so schnelle Betrachtungen wie diese hier taugt das Buch bestimmt.

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