Konferenzplattformen-Shaming

In meinem Job hatte ich über die letzten Jahre reichlich Gelegenheit, mich über verschiedene Konferenzplattformen zu ärgern – und dabei gibt es weit Schlimmeres als indico, das dank CERN die meisten Konferenzen in meiner fachlichen Umgebung organisiert und auch schon reichlich Gelegenheit zum Kopfschütteln gibt. Jetzt gerade muss ich mich mit einer „Plattform“ auseinandersetzen, die mühelos den Klick-mich-weg-Preis für die grottigste Software ihrer Klasse abräumt: whova.com

Das fängt dort an, wo die Tagesordnungs-Links nicht etwa auf das Programm der jeweiligen Session führen, sondern blind zu einem eingebetteten Zoom-Widget und hört noch lange nicht auf, wo die ProgrammiererInnen viel Mühe darauf verwenden, dass NutzerInnen die Zoom-Raumkennung nicht rauskriegen und so sowohl den proprietären Zoom-Scheiß und die murksigen Browser-Medien (im Gegensatz zum immerhin halbwegs ordentlich funktionierenden nativen Client) haben. Das Schlechteste aus allen Welten.

Aber über sowas kann ich mich normalerweise nicht mehr aufregen[1]. Zur Tastatur greifen musste ich erst, als ich unvorsichtigerweise dem „Leaderboard“-Link in der Sidebar der Plattform folgte. Dabei zeigte sich folgendes:

Screenshot eines Browserfensters: Eine Rangliste mit 308900, 211900 und 23400 Punkten an den ersten drei Plätzen.

Ich habe ein wenig anonymisierend eingegriffen, weil ich Konferenzplattformen, aber keine Konferenzen oder Personen shamen will.

Ich wollte meinen Augen nicht trauen: Diese Plattform will die TeilnehmerInnen mit albernen „Challenges“ und künstlichen Wettbewerben steuern? Nur der Klarheit halber: Das ist eine Konferenz mit lauter MoverInnen und ShakerInnen aus dem Wissenschaftsbetrieb, die endlos „Strategien“, „Nachhaltigkeit“ und, görks, „Innovation“ durchquirlen können. Solche Leute sollen wegen Fleißbienchen ihr Verhalten ändern? Tun die das am Ende gar?

Wenn ich das richtig verstanden habe, werden folgende Dinge belohnt:

  • Add a topic or social group (20000 Punkte)
  • Suggest meet-ups (20000 Punkte)
  • Post a question in Session Q&A (10000 Punkte)
  • Recommend a conference (6000 Punkte)
  • Post a reply (500+ Punkte – wer entscheidet über das „+“?)
  • Share an article (500+ – und was ist, wenn die Urherberrechtspolizei kommt?)
  • Join a meet-up or share a ride (? Punkte)
  • Add 3 sessions to personal agenda (300 Punkte)
  • Beef up your profile (300 Punkte)
  • Say hi to someone in the attendee list (300 Punkte)
  • Post an Ice Breaker in the community board (? Punkte)

„Hallo sagen“? Und das wird dann belohnt? Ich will mal hoffen, dass diese whova.com-Leute weit außerhalb der DSGVO-Jurisdiktion sitzen, denn mit welchem Buchstaben von Artikel 6 (1) sich so eine Datenverarbeitung begründen ließe, könnte ich mir auch mit starken bewusstseinserweiternden Substanzen nicht vorstellen. Und: Hat wirklich eine reale Person auf die „Congratulate“-Links geklickt? Wenn ja: Was ging derweil in deren Gehirnen vor? „Es könnte ja auch meine zweijährige Tochter sein, und mit meinem Lob verbessere ich ihren Wettbewerbswillen“?

So entsetzt ich insgesamt über diesen Großangriff auf Menschenwürde und Vernunft bin, eine Frage drängt sich mir schon auf: Wenn die beiden „Leader“ jeweils zehn Mal mehr Punkte haben als die Person auf Platz drei: Sind das Beschäftigte, deren Job es ist, auf dieser Zumutung aus dem Webbrowser rumzuklicken? Oder sind es Leute, die ihren Computern beigebracht haben, Fleißbienchen für sie zu erklicken? Wenn Letzteres: Ist das stummer Protest oder demonstrative Selbstaufgabe?

[1]Wobei: Ich habe ja nicht viel mit Jira zu tun, aber doch genug, um die Testimonials auf https://ifuckinghatejira.com/ mit grimmer Befriedigung zu lesen. Ganz so entspannt im Hinblick auf nervige proprietäre Software wie ich gerne wäre bin ich also doch nicht.

Kriegsfieber aktuell

Bar-plot in
    		Tönen von Oliv
(Erklärung)

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