Demächst frei: Ein wilder Auto-Rant

Ich habe gerade eine Zusammenstellung einiger Werke durchgesehen, die nach US-Recht ab dem nächsten Ersten gemeinfrei werden (lange Nase an alle, die anderswo in diesem verfluchten Rechtsfeld Gesetze machen: in der Praxis ist das US-Recht dort normativ). Und was habe ich in der Liste gefunden? Den Steppenwolf von Hermann Hesse![1]

Bemerkenswert finde ich das vor allem, weil Hesse in dieser Novelle schon 1927 einen Autohass entwickelt hat, der in seiner Radikalität noch heute beeindruckt. Dabei waren 1925 in einem etwas größeren Deutschland gerade mal 161'000 Autos zugelassen gegenüber heute (bei Pkws) 48'500'000[2] . Hesse schäumte also bei einer 300-mal kleineren Autobestandsdichte; da die Autos damals im Schnitt langsamer und vermutlich auch weniger lang fuhren als heute, dürfte der Faktor bei der Autoverkehrsdichte noch größer gewesen sein.

Macht euch klar, was das bedeutet: in so einer Welt käme schlimmstenfalls an einer Straße, die jetzt im Sekundentakt miuw-miuw-miuw macht, gerade mal alle fünf Minuten ein Auto.

Vergleicht angesichts dessen den folgenden Auszug aus dem Steppenwolf (ich zitiere im Vorgriff auf den 1.1. schon mal großzügig) mit Fritz Tietz' zeitgenössischem Analogon in der Weihnachts-taz.

Der Ausschnitt setzt ein, als der Titelheld in einer Art (ich aktualisiere den Kontext ein wenig) wahnsinnigem Virtual Reality-Theater ist und sich überlegt, was er sich wohl reinziehen soll.


Ich spürte, daß ich jetzt mir selber und dem Theater überlassen sei und trat neugierig von Tür zu Tür, und an jeder las ich eine Inschrift, eine Lockung, ein Versprechen.

Die Inschrift

Auf zum fröhlichen Jagen!
Hochjagd auf Automobile

lockte mich an, ich öffnete die schmale Türe und trat ein.

Da riß es mich in eine laute und aufgeregte Welt. Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auch auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und mit Maschinengewehren geschossen. Wilde, prachtvoll aufreizende Plakate an allen Wänden forderten in Riesenbuchstaben, die wie Fackeln brannten, die Nation auf, endlich sich einzusetzen für die Menschen gegen die Maschinen, endlich die fetten, schöngekleideten, duftenden Reichen, die mit Hilfe der Maschinen das Fett aus den andern preßten, samt ihren großen, hustenden, böse knurrenden, teuflisch schnurrenden Automobilen totzuschlagen, endlich die Fabriken anzuzünden und die geschändete Erde ein wenig auszuräumen und zu entvölkern, damit wieder Gras wachsen, wieder aus der verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor werden könne. Andre Plakate hingegen, wunderbar gemalt, prachtvoll stilisiert, in zarteren, weniger kindlichen Farben, außerordentlich klug und geistvoll abgefaßt, warnten im Gegenteil alle Besitzenden und alle Besonnenen beweglich vor dem drohenden Chaos der Anarchie, schilderten wahrhaft ergreifend den Segen der Ordnung, der Arbeit, des Besitzes, der Kultur, des Rechtes und priesen die Maschinen als höchste und letzte Erfindung der Menschen, mit deren Hilfe sie zu Göttern werden würden. Nachdenklich und bewundernd las ich die Plakate, die roten und die grünen, fabelhaft wirkte auf mich ihre flammende Beredsamkeit, ihre zwingende Logik, recht hatten sie, und tief überzeugt stand ich bald vor dem einen, bald vor dem andern, immerhin merklich gestört durch die ziemlich saftige Schießerei ringsum. Nun, die Hauptsache war klar: es war Krieg, ein heftiger, rassiger und höchst sympathischer Krieg, worin es sich nicht um Kaiser, Republik, Landesgrenzen, um Fahnen und Farben und dergleichen mehr dekorative und theatralische Sachen handelte, um Lumpereien im Grunde, sondern wo ein jeder, dem die Luft zu eng wurde und dem das Leben nicht recht mehr mundete, seinem Verdruß schlagenden Ausdruck verlieh und die allgemeine Zerstörung der blechernen zivilisierten Welt anzubahnen strebte. Ich sah, wie allen die Zerstörungs- und Mordlust so hell und aufrichtig aus den Augen lachte, und in mir selbst blühten diese roten wilden Blumen hoch und feist und lachten nicht minder. Freudig schloß ich mich dem Kampfe an. Das Schönste von allem aber war, daß neben mir plötzlich mein Schulkamerad Gustav auftauchte, der seit Jahrzehnten mir Verschollene, einst der wildeste, kräftigste und lebensdurstigste von den Freunden meiner frühen Kindheit. Mir lachte das Herz, als ich seine hellblauen Augen mir wieder zuzwinkern sah. Er winkte mir, und ich folgte ihm sofort mit Freuden.

»Herrgott, Gustav«, rief ich glücklich, »daß man dich einmal wiedersieht! Was ist denn aus dir geworden?«

Ärgerlich lachte er auf, ganz wie in der Knabenzeit.

»Rindvieh, muß denn gleich wieder gefragt und geschwatzt werden? Professor der Theologie bin ich geworden, so, nun weißt du es, aber jetzt findet zum Glück keine Theologie mehr statt, Junge, sondern Krieg. Na komm!«

Von einem kleinen Kraftwagen, der uns eben schnaubend entgegenkam, schoß er den Führer herunter, sprang flink wie ein Affe auf den Wagen, brachte ihn zum Stehen und ließ mich aufsteigen, dann fuhren wir schnell wie der Teufel zwischen Flintenkugeln und gestürzten Wagen hindurch, davon, zur Stadt und Vorstadt hinaus.

»Stehst du auf seiten der Fabrikanten?« fragte ich meinen Freund.

»Ach was, das ist Geschmacksache, wir werden uns das dann draußen überlegen. Aber nein, warte mal, ich bin mehr dafür, daß wir die andere Partei wählen, wenn es auch im Grunde natürlich ganz egal ist. Ich bin Theolog, und mein Vorfahr Luther hat seinerzeit den Fürsten und Reichen gegen die Bauern geholfen, das wollen wir jetzt ein bißchen korrigieren. Schlechter Wagen, hoffentlich hält er’s noch ein paar Kilometer aus!«

Schnell wie der Wind, das himmlische Kind, knatterten wir davon, in eine grüne ruhige Landschaft hinein, viele Meilen weit, durch eine große Ebene und dann langsam steigend in ein gewaltiges Gebirg hinein. Hier machten wir halt auf einer glatten, gleißenden Straße, die führte zwischen steiler Felswand und niedriger Schutzmauer in kühnen Kurven hoch, hoch über einem blauen leuchtenden See dahin.

»Schöne Gegend«, sagte ich.

»Sehr hübsch. Wir können sie Achsenstraße heißen, es sollen hier diverse Achsen zum Krachen kommen, Harrychen, paß mal auf!«

Eine große Pinie stand am Weg, und oben in der Pinie sahen wir aus Brettern etwas wie eine Hütte gebaut, einen Auslug und Hochstand. Hell lachte Gustav mich an, aus den blauen Augen listig zwinkernd, und eilig stiegen wir beide aus unsrem Wagen und kletterten am Stamm empor, verbargen uns tief atmend im Auslug, der uns sehr gefiel. Wir fanden dort Flinten, Pistolen, Kisten mit Patronen. Und kaum hatten wir uns ein wenig gekühlt und im Jagdstand eingerichtet, da klang schon von der nächsten Kurve her heiser und herrschgierig die Hupe eines großen Luxuswagens, der fuhr schnurrend mit hoher Geschwindigkeit auf der blanken Bergstraße daher. Wir hatten schon die Flinten in der Hand. Es war wunderbar spannend.

»Auf den Chauffeur zielen!« befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter.

»Erledigt!« lachte Gustav. »Den nächsten nehme ich.«

Schon kam wieder ein Wagen gerannt, klein saßen die drei oder vier Insassen in den Polstern, vom Kopf einer Frau wehte ein Stück Schleier starr und waagrecht hinterher, ein hellblauer Schleier, es tat mir eigentlich leid um ihn, wer weiß, ob nicht das schönste Frauengesicht unter ihm lachte. Herrgott, wenn wir schon Räuber spielten, so wäre es vielleicht richtiger und hübscher gewesen, dem Beispiel großer Vorbilder folgend, unsre brave Mordlust nicht auf hübsche Damen mit auszudehnen. Gustav hatte aber schon geschossen. Der Chauffeur zuckte, sank in sich zusammen, der Wagen sprang am senkrechten Fels in die Höhe, fiel zurück und klatschte, die Räder nach oben, auf die Straße zurück. Wir warteten, nichts regte sich, lautlos lagen, wie in einer Falle gefangen, die Menschen unter ihrem Wagen. Der schnurrte und rasselte noch und drehte die Räder drollig in der Luft, aber plötzlich tat er einen schrecklichen Knall und stand in hellen Flammen.

»Ein Fordwagen«, sagte Gustav. »Wir müssen hinunter und die Straße wieder frei machen.«

Wir stiegen hinab und sahen uns den brennenden Haufen an. Er war sehr rasch ausgebrannt, wir hatten inzwischen aus jungem Holz Hebebäume gemacht und lüpften ihn beiseite und über den Straßenrand in den Abgrund, daß es lang in den Gebüschen knackste. Zwei von den Toten waren beim Drehen des Wagens herausgefallen und lagen da, die Kleider zum Teil verbrannt. Einer hatte den Rock noch ziemlich wohlerhalten, ich untersuchte seine Taschen, ob wir fänden, wer er gewesen sei. Eine Ledermappe kam zum Vorschein, darin waren Visitenkarten. Ich nahm eine und las darauf die Worte: »Tat twam asi.«

»Sehr witzig«, sagte Gustav. »Es ist aber in der Tat gleichgültig, wie die Leute heißen, die wir da umbringen. Sie sind arme Teufel wie wir, auf die Namen kommt es nicht an. Diese Welt muß kaputtgehen und wir mit. Sie zehn Minuten unter Wasser zu setzen, wäre die schmerzloseste Lösung. Na, an die Arbeit!« Wir warfen die Toten dem Wagen nach. Schon tutete ein neues Auto heran. Das schossen wir gleich von der Straße aus zusammen. Es kreiselte toll betrunken eine Strecke weiter, stürzte dann und blieb keuchend liegen, ein Insasse blieb still im Innern sitzen, ein hübsches junges Mädchen aber stieg unverletzt, wenn auch bleich und heftig zitternd, heraus. Freundlich begrüßten wir sie und boten unsre Dienste an. Sie war allzusehr erschrocken, konnte nicht sprechen und starrte uns eine Weile wie irrsinnig an.

»Na, sehen wir erst mal nach dem alten Herrn«, sagte Gustav und wandte sich dem Passagier zu, der noch immer hinter dem toten Chauffeur im Sitze hing. Es war ein Herr mit kurzen grauen Haaren, er hatte die klugen hellgrauen Augen offen, schien aber tüchtig verletzt zu sein, wenigstens floß ihm Blut aus dem Munde, und den Hals hielt er unheimlich schief und steif. »Erlauben Sie, alter Herr, mein Name ist Gustav. Wir haben uns gestattet, Ihren Chauffeur zu erschießen. Dürfen wir fragen, mit wem wir die Ehre haben?«

Der Alte blickte kühl und traurig aus den kleinen Grauaugen. »Ich bin der Oberstaatsanwalt Loering«, sagte er langsam. »Sie haben nicht bloß meinen armen Chauffeur umgebracht, sondern auch mich, ich spüre, es geht zu Ende. Warum haben Sie denn auf uns geschossen?«

»Wegen zu schnellen Fahrens.«

»Wir sind mit normaler Geschwindigkeit gefahren.«

»Was gestern normal war, ist es heute nicht mehr, Herr Oberstaatsanwalt. Wir sind heute der Meinung, es sei jegliche Geschwindigkeit, mit welcher ein Auto fahren möge, zu groß. Wir machen die Autos jetzt kaputt, alle, und die andern Maschinen auch.«

»Auch Ihre Flinten?«

»Auch sie sollen an die Reihe kommen, falls wir noch Zeit dazu finden. Vermutlich werden wir morgen oder übermorgen alle erledigt sein. Sie wissen ja, unser Erdteil war scheußlich übervölkert. Na, jetzt soll es Luft geben.«

»Schießen Sie denn auf jedermann, ohne Wahl?«

»Gewiß. Für manche mag es ja ohne Zweifel schade sein. Zum Beispiel um die junge hübsche Dame hätte es mir leid getan – sie ist wohl Ihre Tochter?«

»Nein, es ist meine Stenographin.«

»Desto besser. Und nun steigen Sie bitte aus, oder lassen Sie sich von uns aus dem Wagen ziehen, denn der Wagen wird vernichtet.«

»Ich ziehe es vor, mit vernichtet zu werden.«

»Wie Sie wünschen. Erlauben Sie noch eine Frage! Sie sind Staatsanwalt. Es war mir immer unbegreiflich, wie ein Mensch Staatsanwalt sein kann. Sie leben davon, daß Sie andere Leute, zumeist arme Teufel, anklagen und zu Strafen verurteilen. Nicht?«

»Es ist so. Ich tat meine Pflicht. Es war mein Amt. Ebenso wie es das Amt des Henkers ist, die von mir Verurteilten zu töten. Sie selbst haben ja das gleiche Amt übernommen. Sie töten ja auch.«

»Richtig. Nur töten wir nicht aus Pflicht, sondern zum Vergnügen, oder vielmehr: aus Mißvergnügen, aus Verzweiflung an der Welt. Darum macht das Töten uns einen gewissen Spaß. Hat Ihnen das Töten nie Spaß gemacht?«

»Sie langweilen mich. Haben Sie die Güte, Ihre Arbeit zu Ende zu führen. Wenn der Begriff der Pflicht Ihnen unbekannt ist . . .« Er schwieg und verzog die Lippen, als wolle er ausspucken. Es kam aber nur ein wenig Blut, das an seinem Kinn kleben blieb. »Warten Sie!« sagte Gustav höflich. »Den Begriff der Pflicht allerdings kenne ich nicht, nicht mehr. Früher hatte ich amtlich viel mit ihm zu tun, ich war Professor der Theologie. Außerdem war ich Soldat und habe den Krieg mitgemacht. Das, was mir Pflicht schien und was mir von Autoritäten und Vorgesetzten jeweils befohlen worden ist, war alles gar nicht gut, ich hätte stets lieber das Gegenteil getan. Aber wenn ich auch den Begriff der Pflicht nicht mehr kenne, so kenne ich doch den der Schuld – vielleicht sind sie beide dasselbe. Indem eine Mutter mich geboren hat, bin ich schuldig, bin ich verurteilt zu leben, bin verpflichtet, einem Staat anzugehören, Soldat zu sein, zu töten, Steuern für Rüstungen zu bezahlen. Und jetzt, in diesem Augenblick, hat die Lebensschuld mich wieder, wie einst im Kriege, dazu geführt, töten zu müssen. Und diesmal töte ich nicht mit Widerwillen, ich habe mich in die Schuld ergeben, ich habe nichts dagegen, daß diese dumme, verstopfte Welt in Scherben geht, ich helfe gerne mit und gehe selber gerne mit zugrunde.«

Der Staatsanwalt strengte sich sehr an, um mit seinen blutverklebten Lippen ein wenig zu lächeln. Es gelang ihm nicht glänzend, doch war die gute Absicht erkennbar.

»Es ist gut«, sagte er. »Wir sind also Kollegen. Tun Sie nun bitte Ihre Pflicht, Herr Kollege.«

Das hübsche Mädchen hatte sich inzwischen am Straßenrande niedergelassen und war ohnmächtig.

In diesem Augenblick tutete wieder ein Wagen und kam in voller Fahrt dahergerannt. Wir zogen das Mädchen ein wenig beiseite, drückten uns an die Felsen und ließen den ankommenden Wagen in die Trümmer des andern hineinfahren. Er bremste heftig und bäumte sich in die Höhe, blieb aber unbeschädigt stehen. Schnell nahmen wir unsere Büchsen zur Hand und legten auf die Neuen an.

»Aussteigen!« kommandierte Gustav. »Hände hoch!«

Es waren drei Männer, die aus dem Wagen stiegen und gehorsam die Hände hochhielten.

»Ist einer von Ihnen Arzt?« fragte Gustav.

Sie verneinten.

»Dann haben Sie die Güte, den Herrn hier vorsichtig aus seinem Sitz zu befreien, er ist schwer verletzt. Und dann nehmen Sie ihn in Ihrem Wagen bis zur nächsten Stadt mit. Vorwärts, angefaßt!«

Bald war der alte Herr im andern Wagen gebettet, Gustav kommandierte, und alle fuhren los.

Inzwischen war unsre Stenographin wieder zu sich gekommen und hatte den Vorgängen zugesehen. Es gefiel mir, daß wir diese hübsche Beute gemacht hatten.

»Fräulein«, sagte Gustav, »Sie haben Ihren Arbeitgeber verloren. Hoffentlich stand der alte Herr Ihnen sonst nicht nahe. Sie sind von mir engagiert, seien Sie uns ein guter Kamerad! So, und nun pressiert es ein wenig. In Bälde wird es hier ungemütlich werden. Können Sie klettern, Fräulein? Ja? Also los, wir nehmen Sie zwischen uns und helfen Ihnen.«

Nun kletterten wir alle drei, so rasch es gehen wollte, in unsre Baumhütte hinauf. Dem Fräulein wurde oben schlecht, aber sie bekam einen Kognak, und bald war sie so weit erholt, daß sie die prachtvolle Aussicht auf See und Gebirge anerkennen und uns mitteilen konnte, daß sie Dora heiße.

Gleich darauf war unten schon wieder ein Wagen angekommen, der in vorsichtiger Fahrt an dem gestürzten Auto vorübersteuerte, ohne zu halten, und dann sein Tempo sofort beschleunigte.

»Drückeberger!« lachte Gustav und schoß den Lenker ab. Der Wagen tanzte ein wenig, machte einen Satz gegen die Mauer, drückte sie ein und blieb schräg überm Abgrund hängen.

»Dora«, sagte ich, »können Sie mit Flinten umgehen?«

Sie konnte es nicht, aber sie lernte von uns, wie man ein Gewehr lädt. Zuerst war sie ungeschickt und riß sich einen Finger blutig, heulte und verlangte englisches Pflaster. Aber Gustav erklärte ihr, es sei Krieg und sie möge zeigen, daß sie ein braves, tapferes Mädel sei. Da ging es.

»Aber was soll aus uns werden?« fragte sie dann.

»Ich weiß nicht«, sagte Gustav. »Mein Freund Harry hat hübsche Frauen gern, er wird Ihr Freund sein.«

»Aber sie werden mit Polizei und Soldaten kommen und uns totmachen.«

»Polizei und dergleichen gibt es nicht mehr. Wir haben die Wahl, Dora. Entweder bleiben wir ruhig hier oben und schießen alle Wagen zusammen, die vorbeiwollen. Oder wir nehmen selber einen Wagen, fahren davon und lassen andre auf uns schießen. Es ist einerlei, welche Partei wir ergreifen. Ich bin fürs Hierbleiben.«

Unten war wieder ein Wagen, hell tönte seine Hupe herauf. Er war bald erledigt und blieb, die Räder zuoberst, liegen.

»Komisch«, sagte ich, »daß das Schießen so viel Spaß machen kann! Dabei war ich früher Kriegsgegner!«

Gustav lächelte. »Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben. Natürlich ist das, was wir da tun, nicht vernünftig, es ist eine Kinderei, wie auch der Krieg eine riesige Kinderei war. Später einmal wird die Menschheit lernen müssen, ihre Vermehrung durch vernünftige Mittel im Zaum zu halten. Vorderhand reagieren wir auf die unerträglichen Zustände ziemlich unvernünftig, tun aber im Grunde doch das Richtige: wir reduzieren.«

»Ja«, sagte ich, »was wir tun, ist wahrscheinlich verrückt, und wahrscheinlich ist es dennoch gut und notwendig. Es ist nicht gut, wenn die Menschheit den Verstand überanstrengt und Dinge mit Hilfe der Vernunft zu ordnen sucht, die der Vernunft noch gar nicht zugänglich sind. Dann entstehen solche Ideale wie das des Amerikaners oder das der Bolschewiken, die beide außerordentlich vernünftig sind, und die doch das Leben, weil sie es gar so naiv vereinfachen, furchtbar vergewaltigen und berauben. Das Bild des Menschen, einst ein hohes Ideal, ist im Begriff, zu einem Klischee zu werden. Wir Verrückten werden es vielleicht wieder adeln.«

Lachend gab Gustav Antwort: »Junge, du redest wunderbar klug, es ist eine Freude und bringt Gewinn, diesem Weisheitsborn zu lauschen. Und vielleicht hast du sogar ein bißchen recht. Aber sei so gut und lade jetzt deine Flinte wieder, du bist mir ein wenig zu träumerisch. Jeden Augenblick können wieder ein paar Rehböckchen gelaufen kommen, die können wir nicht mit Philosophie totschießen, es müssen immerhin Kugeln im Rohr sein.«

Ein Auto kam und fiel sogleich, die Straße war gesperrt. Ein Überlebender, ein feister rotköpfiger Mann, gestikulierte wild neben den Trümmern, glotzte hinab und hinauf, entdeckte unser Versteck, kam brüllend gelaufen und schoß aus einem Revolver viele Male gegen uns herauf.

»Gehen Sie jetzt, oder ich schieße«, schrie Gustav hinunter. Der Mann zielte auf ihn und schoß nochmals. Da schossen wir ihn ab, mit zwei Schüssen.

Noch zwei Wagen kamen, die wir zur Strecke brachten. Dann blieb die Straße still und leer, die Nachricht von ihrer Gefährlichkeit schien sich verbreitet zu haben. Wir hatten Zeit, die schöne Aussicht zu betrachten. Jenseits des Sees lag eine kleine Stadt in der Tiefe, dort stieg Rauch auf, und bald sahen wir, wie das Feuer von Dach zu Dach lief. Man hörte auch schießen. Dora weinte ein wenig, ich streichelte ihr die nassen Wangen. »Müssen wir denn alle sterben?« fragte sie. Niemand gab Antwort. Inzwischen kam unten ein Fußgänger daher, sah die kaputten Automobile liegen, schnüffelte an ihnen herum, beugte sich in eines hinein, zog einen bunten Sonnenschirm, eine lederne Damentasche, eine Weinflasche heraus, setzte sich friedevoll auf die Mauer, trank aus der Flasche, aß etwas in Stanniol Gewickeltes aus der Tasche, trank die Flasche vollends leer, ging vergnügt weiter, den Sonnenschirm unter den Arm geklemmt. Friedlich zog er dahin, und ich sagte zu Gustav: »Wäre es dir nun möglich, auf diesen netten Kerl zu schießen und ihm ein Loch in den Kopf zu machen? Weiß Gott, ich könnte es nicht.«

»Wird auch nicht verlangt«, brummte mein Freund. Aber es war auch ihm unbehaglich ums Herz geworden. Kaum hatten wir einen Menschen zu Gesicht bekommen, der noch harmlos, friedlich und kindlich sich benahm, der noch im Stand der Unschuld lebte, da schien uns unser ganzes so löbliches und notwendiges Tun auf einmal dumm und widerlich. Pfui Teufel, all das Blut! Wir schämten uns. Aber es sollen im Kriege sogar Generäle zuweilen so empfunden haben.

»Wir wollen nicht länger hier bleiben«, klagte Dora, »wir wollen hinuntergehen, gewiß finden wir in den Wagen etwas zum Essen. Habt ihr denn keinen Hunger, ihr Bolschewiken?«

Drunten in der brennenden Stadt fingen die Glocken an zu läuten, aufgeregt und angstvoll. Wir machten uns an den Abstieg. Als ich Dora über die Brüstung klettern half, küßte ich ihre Knie. Sie lachte hell. Aber da gab das Gestänge nach, und wir stürzten beide ins Leere…


Damit fällt bei Hesse der Erzähler Harry Haller wieder aus der VR-Vision (oder, wenn es euch besser gefällt, dem Drogentraum) heraus und sucht sich ein neues Szenario aus.

Wer das alles ganz grässlich findet, hat sicher recht. Aber es überzeichnet die heutige Realität gar nicht mal so furchtbar, denn ganz ehrlich: Das Gemetzel auf unseren Straßen könnten wir nun wirklich per Fahrrad und öffentlichem Verkehr fast beliebig reduzieren, wobei sich nebenher auch noch die Lebensqualität praktisch aller StadtbewohnerInnen drastisch verbessern würde. Aber wir tun es nicht. Das ist zwar etwas weniger grässlich als das aktive Töten von Gustav und Harry. Aber eben nur etwas, angesichts der allenfalls kleinen Mühe, die wir mit dem Beenden dieses speziellen Blutvergießens hätten.

Abschließend: Als ich den Steppenwolf zum ersten Mal gelesen habe, war das irgendwann nach der Kriegsbegeisterung, die sich während „unseres“ Angriffskriegs auf Restjugoslawien 1999 breit gemacht hatte. Lange genug danach, so scheint es, denn Harrys „Zeitenwende“-Ausspruch war mir dabei gar nicht so sehr aufgefallen. Jetzt gerade hat auch der erschreckende Aktualität:

»Komisch«, sagte ich, »daß das Schießen so viel Spaß machen kann! Dabei war ich früher Kriegsgegner!«
[1]Nach hiesigem Urheberrecht werden Schriften derzeit erst 70 Jahre nach dem Tod des/der AutorIn gemeinfrei. Hesse ist 1962 gestorben, so dass es bei uns noch 9 Jahre dauert mit der Gemeinfreiheit. Sollten die Hesse-ErbInnen mich wegen meines Zitats unten belangen wollen, müsste ich den Blog wohl für ein paar Jahre in US-Jurisdiktion umziehen. Mein Kopf möchte schon wieder explodieren.
[2]Viele weitere schockierende Statistiken im aktuellen Verkehr in Zahlen des BMDV.

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