Ach Bahn, Teil 5: Stuttgart 21

Foto: Bahnaushang mit fast schon sarkastischer Umwegkennzeichnung

Schon seit anderthalb Monaten müssen die Fahrgäste am Stuttgarter Hauptbahnhof den hier grün eingezeichneten Weg nehmen, um den Bahnhof Richtung Innenstadt und Nahverkehr zu verlassen, nach (realistischer) Bahn-Einschätzung ein Weg von fünf Minuten. Ich bin erstaunt, dass das bisher noch keinen Aufstand gegeben hat.

Frage an Radio Eriwan: „Steht die Einundzwanzig in Stuttgart 21 für die Zahl der Jahre, die der Stuttgarter Hauptbahnhof kaputt sein wird oder für die Zahl der Minuten, die mensch braucht, um vom Bahnsteig an den Bahnhofsausgang zu kommen?“ Die Antwort: „Im Prinzip ja, aber in Wahrheit haben wir die Gesamtkosten für die öffentliche Hand in Milliarden Euro gemeint.“

Ok: Die S21-Katastrophe ist zur Abwechslung nicht der Fehler der Bahn alleine. Das historische Faktum der Volksabstimmung, die das Immobilienspekulationsprojekt rund um den Stuttgarter Bahnhof abgesegnet hat, illustriert gewiss über die DB hinaus einige Grundprobleme der Abstimmungsvariante direkter Demokratie (die, nebenbei, die Entropieprobleme ihres repräsentativen Cousins teilt). Solange Menschen ein Wahnsinns„argument“ wie „wir haben schon zwei Millarden ausgegeben, jetzt müssen wir da auch durch“ kaufen, wird es mit so einer Abstimmerei nicht besser.

Demokratietheoretisch noch kniffliger ist, dass hier in breiter Mehrheit Menschen, die selbst praktisch nie einen Bahnhof betreten („Autofahrer“) den NutzerInnen des Stuttgarter Bahnhofs mehr als ein Jahrzehnt auch nach Bahnmaßstäben allenfalls hinkenden Notfallbetriebs eingebrockt haben. Alle Auswege aus Problemen dieses Typs, die mir so einfallen, schweben irgendwo zwischen Ablismus und Aristokratie oder sprengen alle vernünftigen Konzepte von Gesellschaft; vermutlich ist das ein Zeichen, dass es echte Partizipation nur im Gespräch, nicht aber in der Abstimmung geben kann (was ich ja schon lange vermute).

Baustellenaushang: "Zu den Zügen bitte die Halle verlassen"

Mai 2022: Über ein Jahrzehnt nach der blutigen Räumung des Schlossgartens, damit es „endlich“ losgehen konnte mit dem Abbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, markiert die Bahn: Wanderer, betrittst du den Bonatzbau, kehre einfach wieder um.

Durchaus ein Fehler der Bahn ist aber, wenn zunächst für zehn Jahre die Gleise nur über zwei Brücken von vielleicht 200 Metern Länge mit dem Bahnhofsgebäude verbunden sind – war in dieser Grube wirklich so lange so viel zu machen? – und dann selbst diese beiden Brücken gleichzeitig abgerissen werden. Genau das ist aktueller Stand der Dinge, und der Weg Richtung Innenstadt verläuft jetzt über eine riesige Schleife von vielleicht einem halben Kilometer. Damit braucht es mindestens fünf Minuten von Bahnsteig zu Vorplatz und ÖPNV – was solide in der Größenordnung der Wege liegt, die ich überhaupt zurückzulegen habe, wenn mich ein gehässiges Schnicksal nach Stuttgart verschlägt. Das hätte mit etwas kundInnenfreundlicher Planung nicht sein müssen.

Updates zu meinen übrigen Sorgen mit der Bahn: Keine. Ich weiß immer noch nicht, welche „Angriffe“ eigentlich durch hcaptcha abgewehrt werden sollen, habe keine Hinweise, wie ich nicht bei jeder Buchung wieder ein Captcha lösen muss (heute habe ich ca. 15 Flugzeuge angeklickt), und es gibt immer noch kein Signal der Bahn zur doch eigentlich sehr naheliegenden Forderung, entweder die Bahn-Bonus-App oder zumindest ihre API offenzulegen.

Zitiert in: Mehrfach reflexiv: Das Linden-Museum in Stuttgart

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