Schon die Werbung für Fahrradhelme schadet

Fahrradschilder, links „Auto zu Gast“, rechts „It is compulsore to wear a bike helmet”

Was RadlerInnen helfen soll: links Niederlande, rechts Australien. Ihr müsst wohl nicht lange nachdenken, wo mehr Leute radfahren – und wo AutofahrerInnen weniger von ihnen zermanschen.

Ich bin fest überzeugt, dass es Fahrradhelme ohne die Autolobby nicht gäbe; wichtigstes Indiz ist, dass der Anteil der HelmfahrerInnen stark korreliert ist mit der Rate zermanschter RadlerInnen pro geradeltem Kilometer. Das ist dann recht gut erklärbar, wenn Helmtragen und schlechte Bedingungen fürs Radfahren eine gemeinsame Ursache haben. Ein sehr naheliegender Kandidat für diese Ursache ist eine starke Autolobby (dort, wo es viele Helme gibt und also viel zermanscht wird).

Vielleicht kommt das etwas konspirologisch daher, aber es dreht den hervorragend recherchierten DLF-Hintergrund vom 10. August nur ein klein wenig weiter. Dessen Thema ist, wie Leute die Niederlande in das Fahrradparadies verwandelt haben, das sie (jedenfalls im Vergleich zu sonst fast allem) sind. So macht er beispielsweise den Punkt, dass Menschen in den 1970er und 1980er Jahren kräftig für die richtige Verkehrspolitik gerungen haben („es brauchte fast Straßenkämpfe in Amsterdam […], um das System zu ändern“), übrigens gegen erheblich stärkeren Widerstand als wir ihn heute haben. Die Nachricht, dass sich die Dinge nicht von selbst ändern, dass sie sich aber ändern lassen, finde ich höchst wichtig.

Im Hinblick auf die Helmfrage zitiert der Beitrag Meredith Glaser vom Urban Cycling Institute der Uni Amsterdam (Übersetzung DLF):

Die Forschung zeigt: Wenn es Gesetze gibt, die das Tragen von Helmen vorschreiben, dann geht die Fahrradnutzung zurück. Das hat sich auch in Kopenhagen gezeigt. Dort hat die Regierung eine gewisse Zeit lang für das Tragen von Helmen geworben. Und in diesem Zeitraum wurde weniger Fahrrad gefahren.

Vom Schaden der Helmpflicht wusste ich schon aus den Studien aus Australien (wo sie den Unfug, soweit ich weiß, immer noch nicht wieder aufgehoben haben); dass schon die Werbung schädlich ist, war mir neu. Um so naheliegender ist der Schluss der Sendung. Er kann aber nicht oft genug wiederholt werden, da ja nun die Autolobby ihre Sprüche auch unermüdlich daherbetet:

Eine Helmpflicht würde auch dazu führen, dass weniger Radfahrer auf den Straßen unterwegs wären. Und das wiederum habe dann tatsächlich Einfluss auf die Sicherheit der Radlerinnen und Radler.

Das ist der Grund für meine betretene Miene, wenn ich RadlerInnen mit Helmen sehe: Sie gefährden mein Leben.

Für den Fall, dass hier Helm-Fans vorbeikommen, will ich noch kurz auf ein paar irrige Argumente eingehen:

  • „Na gut, dann hilft das Plastikding vielleicht nicht, wenn mensch vom Auto zermanscht wird, aber bei normalen Stürzen ist es doch super“ – nun, die Studienlage dazu ist, was Alltagsradeln angeht, allenfalls knapp über Globuli-Niveau. Das liegt daran, dass Alltagsradeln an sich eine recht sichere Angelegenheit ist. Wer nun in eine recht sichere Sache global eingreift, muss genau aufpassen, dass der Nutzen (d.h. leichtere Verletzungen bei der kleinen Klasse von Unfällen, bei denen der Helm wirkt) größer ist als die Summe der unerwünschten Nebenwirkungen (weniger vorsichtige Fahrweise, weniger Rücksicht durch Autofahrende, Fummeln am Helm zur falschen Zeit, erhöhte Umweltbelastung durch Produktion, Transport und Entsorgung der Helme, und natürlich: weniger Räder auf der Straße). Nur zur Sicherheit: Diese Abwägung mag bei tatsächlich gefährlichen Tätigkeiten („Sport“, hier: Rennradfahren; ggf. auch E-Bikes) anders ausgehen. Das normale Fahrrad aber zeichnet sich eben durch sein menschliches Maß aus.
  • „Och, das sind dieselben Abwehrgefechte wie bei der Gurtpflicht oder der Helmpflicht für Motorradfahrer“ – Nein, sind sie nicht. Erstens, weil die Epidemiologie bei diesen beiden Maßnahmen ganz klar war: Es braucht keine großen Studien, um zu zeigen, dass bei den im motorisierten Individualverkehr (MIV) herrschenden Gewalten Menschen viel größere Überlebenschancen haben, wenn sie ordentlich Rüstung anlegen. Aber auch wenn Fahrradhelme erwiesenermaßen günstige Gesundheitseffekte hätten, wäre die Situation immer noch eine ganz andere, denn während es ein willkommener Effekt wäre, weniger Autos und Motorräder auf der Straße zu haben, hätte eine Verdrängung vom Fahrrad auf den MIV dramatisch negative Effekte auf die allgemeine Gesundheit (Lärm, Dreck, Bewegungsmangel, unzugänglicher öffentlicher Raum). Angesichts dessen müssten die Effekte bei Fahrradhelmen schon gigantisch sein, um ihre Einführung oder auch nur Bewerbung zu etwas anderem als einer menschenfeindlichen Operation zu machen.
  • „Aber man kann doch Helm tragen und trotzdem was für besseren Fahrradverkehr tun.” – Klar. Wenn nicht Helme die Leute in die Autos treiben würden und die Leserbriefspalten bei jedem zermanschten Radler noch lauter „da, hätte er mal einen Helm getragen“ röhren würden, dann wäre es so oder so wurst. Aber so ist es nicht.
  • Dein Argument hier – das Feedback-Formular wartet auf dich.

Bei der Gurtpflicht lohnt sich übrigens noch ein anderer Gedanke: Was wäre, wenn das autobedinge Blutvergießen damals nicht durch Aufrüstung (also Sicherung und stärkere Panzerung), sondern durch Abrüstung (also: global Tempo 30 für den MIV) angegangen worden wäre? Ich gehe hohe Wetten ein, dass das hunderttausende Leben gerettet hätte, ganz speziell welche ohne Lenkrad. Und wir hätten sehr wahrscheinlich viel weniger Autos auf den Straßen von heute. Wenn das international geklappt hätte, hätte es vielleicht sogar ein, zwei Zehntelgrad Klimaerwärmung ersparen können, zumal, wenn mensch einrechnet, dass es auf diese Weise wohl auch weniger Einfamilienhäuser gegeben hätte.

Das führt zwanglos auf die Schlüsse der Hintergrund-Sendung, die sich nämlich genau mit Visionen für den öffentlichen Raum beschäftigen. Es heißt dort, eine weniger durchgeknallte Verkehrspolitik würde bewirken, „dass Straßen dann wieder als öffentlicher Raum wahrgenommen würden und nicht nur als Verkehrssystem.“

Genau meine Rede.

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