35 Jahre Tschernobyl

Sonne hinter Kühlturm

Noch ein Grund, warum kleine AKWs stinken: Nicht mal klasse Kühltürme (wie den hier in Biblis) gibts mehr.

Unter den deutschsprachigen Fortune Cookies von Debian sind jede Menge Witze des Typs „Wenn Microsoft Autos bauen würde… müssten wir alle auf Microsoft-Benzin™ umsteigen“ oder ”…würden die Warnlämpchen für Öl, Batterie, Benzin, und Motorschaden durch ein einziges »Genereller Auto-Fehler«-Lämpchen ersetzt.“

Da wirkt es schon etwas befremdlich, wenn ausgerechnet Bill Gates jetzt Atomkraftwerke bauen will, und zwar jede Menge davon. Sein Laden Terrapower [Vorsicht: CPU-intensive Webseite] versucht, mit dem üblichen Marketing-Dummschwätz („Best-in-class talent“ – wer denkt sich sowas aus? Und meint, auch nur irgendwer würde da nicht nur die Augen verdrehen?) Schmelzsalzreaktoren wieder aus der Kiste klar schlechter Ideen rauszuziehen.

Wer sich das bei Terrapower verlinkte Interview mit Gates [Vorsicht: Link zu youtube] ansieht, versteht vielleicht, weshalb er da alle Vernunft fahren lässt: Er hat genug Herz, dass ihm die Nöte der ärmeren Hälfte der Welt nicht ganz gleich sind, aber er glaubt zu sehr an Markt und Kapitalismus, um einzusehen, dass es diesen Leuten nicht wegen mangelnder Produktion dreckig geht, sondern wegen Markt, Eigentum und Ungleichheit, gerade auch im Zugriff auf Bildung und Produktionsmittel (sagen wir: der Boden, der entweder unsere Schweine oder ihre Bäuche füttert). Und so kommt er auf den Trichter, dass billigere Energie doch bestimmt den Kapitalismus auf eine weniger menschenfresserische Route bringen müsste.

Obwohl ich Gates also durchaus halbwegs guten Willen unterstelle, kommt er doch wieder nur mit dem Unsinn, mit dem die Bombenbauer schon in den 50ern versuchten, ihren Atomstaat zu verkaufen (damals heiß das „electricity too cheap to meter“[1]):

This is just like a candle. Our flame is taking the normal, depleted Uranium, the 99.3% that's cheap as heck and there's a pile of it sitting in [Paducah?], Kentucky that is enough to power the United States for hundreds and hundreds of years. You're taking that and you're converting it to [leicht verschämt] Plutonium, and you're burning that, and we have super-high power densities, we have, you know, total fail... fail-safe. Any reactor that a human has to do something... that's a little scary. [Audio]

„Total fail-safe“ vom Microsoft-Vordenker und Vater des legendären Webservers IIS hat natürlich nochmal einen besonderen Geschmack, etwa angesichts der Exchange-Katastrophe, von der ich neulich am Rande gestreift wurde. Und dann sollen die Menschen draußen bleiben und... nun, wen genau die nötige Wartung machen lassen? Microsofts Roboter? Und das alles in den Ländern, in denen die vier Milliarden Ärmsten wohnen?

Das ist so offensichtlich absurd, dass ich mich frage, warum Gates es überhaupt sagt.

Nur ist das nicht das Thema.

Wer über Atomkraft nachdenkt, sollte zumächst beim prinzipiellen Alptraum jeder Sorte Technik anfangen: Eine Kettenreaktion ist zunächst immer höchst instabil, denn ein Neutron muss dabei immer ganz genau ein weiteres Neutron erzeugen. Ist es auch nur ein Hauch weniger, geht der Reaktor exponentiell aus. Ist es ein Hauch mehr, geht der Reaktor exponentiell durch. Das ist, ganz prinzipiell, nichts, womit mensch basteln möchte, und das Gegenprinzip zu Gates' „fail safe“.

Dass herkömmliche (langsame Uran-) Reaktoren überhaupt beherrschbar sind, liegt an einer Laune der Natur, nämlich einer sehr schmalen Neutronen-Absorptionslinie des Uran-238 gerade im Bereich von „thermischen” Neutronen (also welchen mit ein paar hundertstel eV). Nimmt nämlich die Reaktionsrate eines solchen Reaktors zu, wird er heißer, die Linie verbreitert sich thermisch, es kommt zu mehr Absorption von Spaltneutronen, die Reaktionsrate nimmt ab. Nimmt dagegen die Reaktionsrate ab, wird die Linie thermisch schmaler, die Absorption nimmt ab, die Reaktionsrate steigt wieder ein wenig.

Das ist der wesentliche Grund, warum Brennstäbe ausgewechselt werden lange bevor alles U-235 gespalten ist und weshalb die Wiederaufbereitung schon vor der Zulassung von Mischoxid-Brennelementen (die Plutoium enthalten) nicht völlig unplausibel schien: Irgendwann muss mensch wieder U-238 in die Brennstäbe bringen, um die Regelung zu halten. Das heißt auch: Ein solcher Reaktor wird immer instabiler, je länger er ungewartet läuft. Zu den großen Wundern dieser Welt gehört, dass nicht ständig vernachlässigte Reaktoren durchgehen.

Nun lassen sich ähnliche lokale Stabilitätspunkte auch künstlich herstellen („negativer Temperaturkoeffizient“), und die Wikipedia erklärt ganz gut, wie sich die Schmelzsalz-Fans das so vorstellen. Aber selbst wenn mensch ihnen diese Ideen abnimmt, sind das in all diesen Fällen nur kleine Dellen an einem langen, exponentiellen Hang einer sich entweder selbst-rückgekoppelt abschwächenden (Puh!) oder verstärkenden Reaktionsrate. Sowas will mensch als technisches Design ganz grundsätzlich nicht, wenns irgendwie anders geht.

Und natürlich geht es anders, solange lediglich hinreichend Strom in vernünftigem Umfang (also: wenn wir uns komplett sinnlose Stromverschwendung wie die der terrapower-Webseite oder oder offensiv schädliche Stromverschwendung wie Elektroautos sparen) das Ziel ist. Wer sich die Mühe macht, die historischen Kernkraft-Programme in aller Welt anzusehen, wird feststellen, dass immer staatliches Geld und am Schluss das Interesse dahinterstand, die Technologie für die Bombe wenigstens in der Hinterhand zu haben. Plus vielleicht noch die Fantasie, einer politischen Einflussnahme im Stil der OPEC-Aktion nach dem Jom Kippur-Krieg länger widerstehen zu können – nicht ganz zufällig fing der ganz große Geldstrom in die „zivile“ Nutzung der Kernspaltung erst nach 1973 so richtig an. Weder Kosten (die immer exorbitant waren) noch Energieproduktion als solche waren je ein ernstzunehmendes Argument bei Atomprogrammen.

Dementsprechend könnte mensch Gates' Gerede mit einem Achselzucken vergessen, wenn er mit seinem (natürlich absurden) „helft den Armen“-Narrativ nicht gerade den Staaten im globalen Süden eine Erzählung liefern würde, warum sie auch Bombentechnologie haben sollten. Denn natürlich ist Quatsch, dass bei Schmelzsalzreaktoren keine Proliferationsgefahr bestehe; wer Neutronen im Überfluss hat, kann mit etwas Chemie und vielleicht einer Handvoll Zentrifugen auch Bomben bauen. Punkt.

Gates selbst räumt das – diskurv geradezu suizidal – ein: „super-high power densities“. Hohe Energie- und damit auch Neutronendichten sind das stärkste Argument gegen diese Sorte von Technik. Wer einen Eindruck von der Rolle von Energiedichte bekommen will (und sich um Umweltsauerei nicht kümmert), kann mal eine vollgeladene NiMH-Zelle (noch besser wäre NiCd, aber das will mensch dann wirklich nicht in die Umwelt pesten) und eine vollgeladene Lithium-Ionen-Zelle in ein Feuer werfen. Eins macht bunte Farben, das andere ein verheerendes Feuerwerk [nur zur Sicherheit: Nein, Feuer ist natürlich sowohl für NiMH als auch für Li-Ion eine ganz schlechte Idee. Lasst da die Finger von]. Beides ist weniger als ein laues Lüftchen gegen die Energiedichte eines Schmelzsalzreaktors.

Was schließlich auf den zentralen Grund führt, warum mensch Nukleartechnologie in so wenigen Händen wie möglich haben will: Sie ist ein riesiger Hebel. Es gibt fast nichts anderes, mit dem ein einzelner, entschlossener Mensch eine Million andere Menschen umbringen kann. Ein Kilo Plutonium-239, geeignet verteilt, reicht jedenfalls mal, um die alle ordentlich zu verstahlen (nämlich den Jahres-Grenzwert für die Inhalation von α-Strahlern um einen Faktor 25 zu überschreiten). Ein paar Kilo Uran-232 (wie es sich aus Thorium-Brütern – und die braucht es von den Rohstoffreserven her, wenn der Kram eine Rolle bei der Gesamtenergieversorgung spielen soll – gewinnen lässt) reichen für eine richtige Bombe, die mechanisch so einfach ist, dass sie einE entschiedeneR BastlerIn hinkriegen kann. Dieser Hebel ist übrigens nicht nur für sich problematisch; er ist auch der Grund, warum ein Staat in Gegenwart verbreiteter Nukleartechnologie praktisch autoritär werden muss (vgl. Robert Jungks Atomstaat [2]), einfach weil er den Hebel so intensiv bewachen muss.

Allein wegen dieses riesigen Hebels und der Tatsache, dass Leute auch ohne den gegenwärtigen Modetrend Faschismus immer mal wieder durchknallen will mensch hohe Neutronendichten nicht im Zugriff vieler Menschen haben. Und das heißt: AKWs im breiten, kommerziellen Einsatz [3] sind ein Rezept für Massenmord und autoritäre Staaten.

Es gibt eigentlich nur eine Technologie, die einen noch größeren Hebel hat: Das ist DNA-Basteln. Mir schaudert vor der Zeit, in der die Leute, die heute Erpressungstrojaner schreiben, die Übertragbarkeit von Windpocken mit der Tödlichkeit der Masernfamilie zusammenprogrammieren und das Ergebnis mit DNA-Druckern und Bioreaktoren in diese Welt bringen können.

[1]Höchst lesenswertes Buch in diesem Zusammenhang: Hilgartner, S, Bell, R.C., O'Connor, R.: Nukespeak – the selling of nuclear technology in America, Penguin Books 1982. Gibts leider nicht in der Imperial Library, aber dann und wann noch antiquarisch.
[2]Gibts leider auch nicht in der Imperial Library.
[3]Wer findet, dass ich hier defensiv klinge: Ja, na ja, ganz ohne erbrütete Radionuklide müssten wir die ganzen Nuklearmedizinabteilungen dichtmachen, und das wäre zumindest in Einzelfällen schon schade. Vielleicht reichen für sowas Spallationsquellen, aber wenn nicht: zwei, drei kleine Reaktoren weltweit wären jedenfalls genug; viel mehr ist es auch heute nicht, was den Krankenhausbedarf an wilden Isotopen deckt.