Spoiler: Am Schluss des verbietet das Militär all diese Dinge: Die
Beatles und Beckett ebenso wie „Gorki (und alle Russen)“ und „die
Friedensbewegung“. Rechte: Valoria Films und andere.
Als diverse Innenminister neulich verkündeten, den Buchstaben Z jenen
verbieten zu wollen, die die falsche Geschmacksrichtung des Patriotismus
bevorzugen, ging im Fediverse der Film Z – Anatomie eines politischen
Mordes herum. Nun muss ich sagen, dass Patriotismus jeder
Geschmacksrichtung mein entschlossenes Eintreten für die Redefreiheit
schon etwas herausfordert, um so mehr, wenn er sich auf kriegsführende
Parteien bezieht. Andererseits ist der Gedanke, Buchstaben in
Abhängigkeit der Gesinnung der Schreibenden verbieten zu wollen, schon
besonders wüst, und drum bin ich dem Filmtipp gefolgt (via dem
youtube-Anonymisierer invidious).
Und was soll ich sagen: Ich war hingerissen. Der Film entstand unter
dem Eindruck der griechischen Militärregierung (1967-1974) im
Wesentlichen unter exilgriechischen KünstlerInnen in Frankreich (die
Musik etwa hat der kürzlich verstorbene Mikis Theodorakis beigesteuert),
unterstützt von Großkulturellen wie Jorge Semprún und Superstars wie
Yves Montand. Es ging – „Eventuelle Ähnlichkeiten zu wirklichen
Ereignissen oder lebenden oder toten Personen sind nicht rein zufällig.
Sie sind Absicht.“ – um die Genese einer offen autoritären Regierung im
freien Westen, unter Beteiligung einer stramm autoritären Polizei, einer
Stay-behind-Organisation und natürlich des Militärs.
Und so wirkt nicht nur der abschließende Satz „Gleichzeitig verboten
die Militärs […] den Buchstaben Z“ eigenartig prophetisch. Es gibt zum
Beispiel bemerkenswerte Schnitte vom Bolschoi-Ballett für die
Würdenträger gegen Einsätze von Prügelpolizei, die geradezu visionär die
Bilder des G20-Gipfels von 2017 vorwegnehmen, als nämlich die Polizei
rund ums Schanzenviertel und und die „rote Zone“ wasserwerferte,
pfefferte und prügelte, während sich Putin, Trump, Xi, Temer, Macri,
Peña Nieto, Zuma, Abe, Erdoğan, Juncker, Widodo und all die anderen
„Verantwortungsträger“ in der Elbphilharmonie beschallen ließen.
Auch der Kontrast zwischen äußerster Indifferenz der Polizei gegenüber
rechter Gewalt und raschem Einsatz von „unmittelbarem Zwang“ gegen Linke
kennt jedeR, der/die in der Vor-Lübcke-Bundesrepublik im weiteren
Antifa-Umfeld unterwegs war (zugegeben hat der Lübcke-Mord da zumindest
vorübergehend etwas bewegt). Die dauernden Behinderungen der
Ermittlungsarbeit im Film durch Verfahrenshindernisse oder überraschend
verscheidende ZeugInnen geben wiederum ein Bild ab, das stark an die
NSU-Aufklärung (oder ihr Unterbleiben) erinnert. Ebenfalls vertraut
sind die rechten Netzwerke in Polizei und Justiz (vgl. Hannibal und
Uniter), die sich unter Schlagwörtern wie „Abendland“ (das A in Pegida)
versammeln .
Ich spoilere noch etwas mehr: Der unerschrockene, wenn auch vielleicht
etwas schmierige Journalist, der viel zur Aufklärung der Geschehnisse
beiträgt, bekommt am Ende „drei Jahre Gefängnis wegen Besitz offizieller
Dokumente“. Das zumindest ist, verglichen mit unserer Realität, eher
milde. Julian Assange sitzt bereits deutlich länger, und für Edward
Snowden sieht es nach lebenslänglich Russland aus, was – nein, ich bin
ganz gewiss kein Putin-Fan – zumindest noch im gleichen Stadion spielt
wie equadorianische Botschaften und britische Knäste.
Schließlich will ich noch ganz kurz den Gender-Aspekt einbringen:
Während damals auf der autoritären Seite ausschließlich Männer zu sehen
und vor allem zu hören sind, sprechen auf der liberalen Seite immerhin
vereinzelnt auch Frauen, und zwar nicht nur als für oder über ihre
Männer; zumindest insofern haben wir die Welt schon etwas geändert.
Bandwürmer im großartigen Naturhistorischen Museum in Wien: Den
besonders lange in der Mitte soll sich der Arzt wohl so zur k.u.k.Zeit
selbst gezogen haben. Auch „bei uns“ hatten also selbst wohlhabende
Menschen noch vor recht kurzer Zeit beeindruckende Würmer.
In den DLF-Wissenschaftsmeldungen vom 15. Februar ging es ab Sekunde
50 um römische Archäologie mit Bandwürmern. Ich gestehe ja einen
gewissen Römerfimmel ein, und ich fand zudem die Passage
In römerzeitlichen Fundstätten auf Sizilien wurden mehrfach konische
Tongefäße ausgegraben. Bisherigen Interpretationen zufolge wurden
darin Lebensmittel gelagert.
vielversprechend im Hinblick auf mein Projekt interessanter
Selbstkorrekturen von Wissenschaft, denn die neuen Erkenntnisse zeigen
recht deutlich, dass zumindest eines dieser Gefäße in Wahrheit als
Nachttopf genutzt wurde. Und deshalb habe ich mir die Arbeit besorgt,
auf der die Kurzmeldung basiert.
Es handelt sich dabei um „Using parasite analysis to identify ancient
chamber pots: An example of the fifth century CE from Gerace, Sicily,
Italy“ der Archäologin Sophie Rabinow (Cambridge, UK) und ihrer
KollegInnen (DOI 10.1016/j.jasrep.2022.103349), erschienen leider im
Elsevier-Journal of Archeological Science. Ich linke nicht gerne auf
die, zumal der Artikel auch nicht open access ist, aber leider gibts das
Paper derzeit nicht bei der Libgen.
Publikationsethische Erwägungen beiseite: Diese Leute haben einen der
erwähnten „konischen Tongefäße” aus einer spätrömischen Ruine im
sizilianischen Enna hergenommen und den „sehr harten, weißlichen
Rückstand von schuppigem Kalk“ („very hard whitish lime-scale deposit“)
am Boden des Gefäßes untersucht. Vor allem anderen: Ich hätte
wirklich nicht damit gerechnet, dass, was in einem lange genutzten
Nachttopf zurückbleibt, schließlich diese Konsistenz bekommt.
Nie wieder Sandalenfilme ohne Wurmgedanken
Aber so ist es wohl, denn nachdem die Leute das Zeug in Salzsäure
aufgelöst und gereinigt hatten, waren durch schlichte Lichtmikroskopie
(mein Kompliment an die AutorInnen, dass sie der Versuchung widerstanden
haben, coole und drittmittelträchtige DNA-Analysen zu machen)
haufenweise Eier von Peitschenwürmern zu sehen – und das halte auch ich
für ein starkes Zeichen, dass reichlich menschlicher Kot in diesem Pott
gewesen sein dürfte. Auch wenn, wie die AutorInnen einräumen, keine
Kontrollprobe der umgebenden Erde zur Verfügung stand, ist es nicht
plausibel, wie Eier in dieser Menge durch nachträgliche Kontamination in
den „harten, weißen Rückstand“ kommen sollten.
Römer hatten – das war schon vor dieser Arbeit klar – nicht zu knapp
Würmer. Alles andere wäre trotz der relativ ordentlichen Kanalisation
in größeren römischen Siedlungen höchst erstaunlich, da auch in
unserer modernen Welt die (arme) Hälfte der Menschheit Würmer hat (vgl.
z.B. Stepek et al 2006, DOI 10.1111/j.1365-2613.2006.00495.x).
Dennoch guckt sich so ein zünftiger Sandalenfilm (sagen wir, der immer
noch hinreißende Ben Hur) ganz anders an, wenn mensch sich klar
macht, dass die feschen Soldaten und fetten Senatoren alle des öfteren
mal Würmer hatten. Und auch Caesars Gallischer Krieg oder Mark Aurels
Selbstbetrachtungen erhalten, finde ich, eine zusätzliche Tiefe, wenn
mensch sich vorstellt, dass in den Gedärmen jener, die da
Kriegspropaganda oder stoische Philosophie betrieben, parasitische
Würmer mitaßen.
Forschungsprojekt: Wurmbefall in Köln vor und nach 260
Nun schätzen Rabinow et al allerdings, dass ihre Rückstände wohl in der
Mitte des fünften Jahrhunderts entstanden. Damals hatte die römische
Zivilisation und damit auch ihre Kanalisation wahrscheinlich auch in
Sizilien schon etwas gelitten. Die Kölner Eifelwasserleitung etwa –
die eingestandenermaßen technisch besonders anspruchsvoll war und in
einem besonders unruhigen Teil des Imperiums lag – haben „Germanen“
schon im Jahr 260 zerstört, und sie wurde danach nicht mehr in Betrieb
genommen, obwohl Köln bis weit ins 5. Jahrhundert hinein eine römische
Verwaltung hatte.
Ich persönlich wäre überzeugt, dass, wer mit der Rabinow-Methode an
entsprechend datierbare Überreste heranginge, mit dem Jahr 260 eine
sprunghafte Erhöhung der Verwurmung in Köln feststellen würde.
Insofern: Vielleicht hatten Caesar und Mark Aurel, zu deren Zeiten der
römlische Wasserbau noch blühte, ja doch nicht viel mehr Würmer als wir
im kanalisierten Westen?
Ach so: Das mit dem Irrtum – „nee, die Teile hatten sie für Essen“ – war
so wild in Wirklichkeit nicht. Wie üblich in der Wissenschaft waren
die Antworten auch vorher nicht so klar. Rabinow et al schreiben:
A recent study of material at the town of Viminacium in Serbia, where
over 350 identically deep-shaped vessels are known, was able to
confirm at least 3 potential uses: storage for cereals or water,
burial urns, and chamber pots […]. Chamber pots clearly were also
sometimes put to secondary use, for example as a container for
builder’s lime […], while vessels initially destined for other
purposes may have been turned into chamber pots.
Nun, dann und wann kommen sogar Wissenschaft und „gesunder“
Menschenverstand zu recht vergleichbaren Ergebnissen.
„Reimers' Diagramm“: Für 400 Jahre der einzige Hinweis darauf, wie Jost
Bürgi wohl seine Sinustabelle berechnet hat. Nicht mal Kepler hat das
Rätsel lösen können.
Ein Geheimnis, das im antiken Griechenland ein wenig angekratzt wurde,
über das dann Gelehrte in Indien und Arabien nachgedacht haben, für das
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein wandernder Schweizer
Uhrmacher eine genial einfache Lösung fand, von der aber die Nachwelt
nur ein paar kryptische Referenzen hat, bis ein unerschrockener
Wissenschaftler in den Tiefen längst vergessener Bibliotheken ein
Manuskript entdeckt, das des Rätsels Lösung enthält: Es gibt
Geschichten, die klingen nach einem Roman von Umberto Eco (oder, je nach
Temperament und/oder Geschmack, Dan Brown) und sind doch wahr.
Auf die Geschichte von Jost Bürgis Sinusberechnung bin ich über die
DLF-Sternzeit vom 27.2.2022 gekommen, und sie geht ungefähr so:
Nachdem Hipparchos von Nicäa so um die 150 vdcE[1] nicht nur
den ersten brauchbaren Sternkatalog vorgelegt, sondern auch die ersten
ordentlichen Rezepte angegeben hatte, wie mensch für jede Menge Winkel
den zugehörigen Sinus[2] ausrechnet, gab es zur Berechnung
trigonometrischer Funktionen sehr lange nicht viel Neues.
Klar, der große Ptolomaios, genau, der mit dem Weltbild, hat Hipparchos'
Methode zur Berechnung des Sinus über regelmäßige Vielecke kanonisiert.
In Indien gab es einige Fortschritte – etwa den Übergang von der Sehne
zum Sinus –, in Arabien wurden verschiedene Ergebnisse zusammengetragen
und systematisiert, aber immer war es eine mühsame, geometrisch
insprierte, endlose Rechnerei.
Und dann kommen wir in die frühe Neuzeit in Europa, genauer die zweite
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kopernikus hat noch einmal ganz klassisch
den Sinus mit Vielecken berechnet, während er die Konflikte zwischen
Ptolomaios und der Realität untersuchte. In Italien macht sich
allmählich Galileo bereit, die Physik als experimentelle
Naturwissenschaft zu etablieren. Und in Kassel, beim
wissenschaftsbegeisterten hessischen Landgraf Wilhelm IV, sammeln
sich ein paar Mathe- und Astro-Nerds, die beim ebenso berühmten wie
fiesenTycho gelernt haben, unter ihnen Nicolaus Reimers, der das
kryptische Bild über diesem Post veröffentlicht hat, vermutlich, weil er
versprochen hatte, nicht mehr zu verraten.
Bürgis geniale Methode
Es weist auf ein Verfahren zur Berechnung von Werten der Sinusfunktion
hin, das nichts mehr mit den umschriebenen Polygonen des Hipparchos zu
tun hat. Sein Erfinder, der Toggenburger Uhrmacher-Astronom-Erfinder
Jost Bürgi, hatte zu dieser Zeit ein großes Tabellenwerk vorgelegt,
mit dem mensch auch ohne Taschenrechner rausbekommen konnte, wie viel wohl
sin(27∘ 32’ 16’’) sei[3]. Offensichtlich
funktionierte die Methode. Doch hat Bürgi – Autodidakt und vielleicht
etwas verschroben – die Methode nie richtig veröffentlicht, und so
brüteten MathematikerInnen, unter ihnen wie gesagt Johannes Kepler, der
immerhin die Sache mit den Ellipsenbahnen im Planetensystem rausbekommen
hat, lang über der eigenartigen Grafik. Und kamen und kamen nicht
weiter.
Das war der Stand der Dinge bis ungefähr 2014, als der (emeritierte)
Münchner Wissenschaftshistoriker Menso Folkerts im Regal IV Qu. 38ª
der Universitätsbibliothek in Wrocław auf eine lange übersehene
gebundene Handschrift stieß. Ein wenig konnte er ihre Geschichte
nachvollziehen: Jost Bürgi persönlich hatte das Werk Kaiser Rudolf II
– dem Mäzen von Tycho und Kepler – am 22. Juli 1592 (gregorianisch) in
Prag übergeben, was ihm eine Zuwendung von 3000 Talern eingebracht hat.
Ich habe leider nicht die Spur eines Gefühls, wie sich der Betrag mit
modernen Drittmittelanträgen vergleicht. Die Form des Antrags
jedenfalls ist aus heutiger Sicht als unkonventionell einzustufen.
Das Werk fand seinen Weg in das Augustinerkloster im unterschlesischen
Sagan (heute Żagań). Wie es dort hinkam, ist nicht überliefert, aber
mensch mag durchaus eine Verbindung sehen zu Keplers Aufenthalt in Sagan
in den Jahren von 1628 bis 1630. Vielleicht hat er das Buch ja nach
seinen Diensten in Prag mitgenommen, auf seinen verschiedenen
Wanderungen mitgenommen und schließlich selbst im Kloster gelassen?
Aber warum hätte er dann über Bürgis Methode gerätselt?
Wie auch immer: Im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses wurde das
Kloster 1810 aufgelöst – ich stelle mir das ein wenig vor wie in Poes
„Die Grube und das Pendel“ –, und der Bestand der Bibliothek fiel an die
Universität Breslau, die wiederum nach dem zweiten Weltkrieg zur
polnischen Uni Wrocław wurde.
In diesem geschichtsträchtigen Manuskript erklärt Bürgi seinen
Algorithmus. Dargestellt ist das in der Abhandlung von Folkerts et al
(arXiv:1510.03180), in der sich auf den Seiten 11 und 12 auch die
Auflösung für Reimers' Rätsel findet. Etwas schöner beschreibt das
Verfahren Denis Roegel in seinem Aufsatz Jost Bürgi's skillful
computation of sines. Dort wird auch Bürgis mutmaßliche
Grundeinsicht besser erläutert, nach der der Sinus einfach das Ding ist, das,
modern gesprochen, nach zweifacher Ableitung sich selbst (mal minus
eins) ergibt. Das ist der mathematische Hintergrund dafür, dass
folgendes Stück Python tatsächlich relativ schnell zu einer Tabelle
der Sinuswerte von n im ersten Quadranten gleichverteilten
Winkeln konvergiert:
tot_sines = list(range(n+1))
for iter_index in range(n_iter):
intermediates = [tot_sines[-1]//2]
for tot in reversed(tot_sines[1:-1]):
intermediates.append(intermediates[-1]+tot)
tot_sines = [0]
for diff in reversed(intermediates):
tot_sines.append(tot_sines[-1]+diff)
return dict((k*math.pi/2/n, v/tot_sines[-1])
for k, v in enumerate(tot_sines))
– es ist, glaube ich, unmöglich, zu verstehen, was hier passiert (und
warum), ohne den Roegel oder zumindest den Folkerts gelesen zu haben.
Aber ich könnte andächtig werden angesichts so simpler Manipulationen,
die so schnell zu richtig vielen Stellen einer transzendenten Funktion
wie des Sinus führen.
Ein numerischer Traum
Wie schnell das mit den vielen Stellen bei Bürgis Algorithmus geht,
zeigt folgende Grafik:
Hier läuft horizontal der Winkel – und der Algorithmus funktioniert
wirklich nur, wenn das einen rechten Winkel einschließt –, vertikal die
Iterationen von Bürgis Algorithmus. Die Farben entsprechen dem
dekadischen Logarithmus der Abweichung der Bürgi-Ergebnisse von dem, was
die Python-Standardbibliothek gibt, im Groben also die Zahl der Stellen,
die der Algorithmus richtig hinbekommt. Mehr als 18 geht da schon mal
nicht, weil die Zahlen von Python in 64-bittigen IEEE-Fließkommazahlen
(„double precision“) kommen, und mehr als 18 Dezimalstellen sind da
nicht drin (in der Grafik steckt die Zusatzannahme, dass wir von Zahlen
in der Größenordnung von eins sprechen).
Mithin gewinnt der Algorithmus pro Iteration ungefähr eine
Dezimalstelle, und das gleichmäßig über den ganzen Quadranten.
DemoprogrammiererInnen: billiger kommt ihr, glaube ich, nicht an eine
beliebig präzise Sinustabelle ran.
Spannend fand ich noch die kleinen dunkelblauen Klötzchen ganz unten in
der Grafik: Hier werden sich Bürgi und Python offenbar auf Dauer nicht
einig. So, wie ich das geschrieben habe, würde ich fast eher Bürgi
vertrauen, denn bei den Ganzzahlen, die da verwendet werden, kann
eigentlich nichts schief gehen. Andererseits sind Fließkommazahlen eine
heikle Angelegenheit, insbesondere, wenn es ums letzte Bit geht. Um
mich zu überzeugen, dass es nur um genau jenes unheimliche letzte Bit
geht, habe ich mir geschwind eine Funktion geschrieben, die die
Fließkommazahlen vinär ausgibt, und der Code gefällt mir so gut, dass
ich sie hier kurz zeigen will:
import struct
_BYTE_LUT = dict((v, "{:08b}".format(v)) for v in range(256))
def float_to_bits(val):
return "".join(_BYTE_LUT[v] for v in struct.pack(">d", val))
Mit anderen Worten lasse ich mir geschwind ausrechnen, wie jedes Byte in
binär aussehen soll (_BYTE_LUT), wobei die Python-Bibliothek mit dem
08b-Format die eigentliche Arbeit macht, und dann lasse ich mir die
Bytes der Fließkommazahl vom struct-Modul ausrechnen. Der einzige Trick
ist, dass ich das Big-end-first bestellen muss, also mit dem
signfikantesten Byte am „linken“ Ende. Tue ich das nicht, ist z.B. auf
Intel-Geräten alles durcheinander, weil die Bits in der konventionellen
Schreibweise daherkommen, die Bytes aber (wie bei Intel üblich)
umgedreht, was ein furchtbares Durcheinander gibt.
Jedenfalls: Tatsächlich unterscheiden sich die Werte schon nach 20
Iterationen nur noch im letzten bit, was für 45 Grad alias π/4 z.B. so
aussieht:
Ich lege mich jetzt mal nicht fest, was das „bessere“ Ergebnis ist; ich
hatte kurz überlegt, ob ich z.B. mit gmpy2 einfach noch ein paar
Stellen mehr ausrechnen sollte und sehen, welches Ergebnis näher dran
ist, aber dann hat mich meine abergläubische Scheu vor dem letzten Bit
von Fließkommazahlen davon abgehalten.
Wer selbst spielen will: Meine Implementation des Bürgi-Algorithmus, der
Code zur Erzeugung der Grafik und die Bitvergleicherei sind alle
enthalten in buergi.py.
Das vdcE bringe ich hiermit als Übertragung von BCE, before
the Christian era, in Gebrauch. Und zwar, weil v.Chr völlig albern
ist (es ist ja nicht mal klar, ob es irgendeine konkrete Figur
„Christus“ eigentlich gab; wenn, ist sie jedenfalls ganz sicher nicht
zur aktuellen Epoche – also dem 1. Januar 1 – geboren) und „vor
unserer Zeitrechnung“ ist auch Quatsch, denn natürlich geht
Zeitrechnung (wenn auch mangels Jahr 0 etwas mühsam) auch vor der
Epoche. „Vor der christlichen Epoche“ hingegen bringt ganz schön auf
den Punkt, was das ist, denn die „Epoche“ ist in der Zeitrechnung
einfach deren Nullpunkt (oder halt, vergurkt wie das alles ist, hier
der Einspunkt).
Na ja, in Wirklichkeit hat er mit der Länge der Sehne
gerechnet, die ein Winkel in einem Kreis aufspannt, aber das ist im
Wesentlichen das Gleiche wie der Sinus, der ja gerade der Hälfte
dieser Sehne entspricht.
Diese Biene würde vielleicht schon zwischen den Staubbeuteln
rumrüsseln, wenn die Blume sich nur etwas mehr Mühe beim Würzen
gegeben hätte.
In Marc-Uwe Klings Qualityland (helle Ausgabe in der Imperial Library)
gibt es das großartige Konzept der FeSaZus, eines Nahrungsmittels, das zu
je einem Drittel aus Fett, Salz und Zucker besteht und zumindest für das
Proletariat von Qualityland in einigen – nicht zu vielen! –
Darreichungsformen (FeSaZus im Cornflakesmantel, Muffins mit
FeSaZu-Füllung, Schmalz-FeSaZus mit Speckgeschmack) eine wichtige
Ernährungsgrundlage darstellt.
Via den Wissenschaftsmeldungen vom 3.2.2022 in DLF Forschung aktuell
bin ich nun auf den Artikel „Sodium-enriched floral nectar increases
pollinator visitation rate and diversity“ von Carrie Finkelstein und
KollegInnen (Biology Letters 18 (3), 2022, DOI
10.1098/rsbl.2022.0016) gestoßen, der recht überzeugend belegt, dass
Insekten im Schnitt einen Geschmack haben, der sich vom Qualityländer
Durchschnittsgeschmack gar nicht so arg unterscheidet.
Finkelstein et al haben an der Uni von Vermont mindestens je zwölf
Exemplare von fünf örtlich üblichen Blumenarten blühen lassen. Je
Experiment (und davon gab es einige) haben sie sich pro Art sechs
Individuen ausgesucht und mit Kunstnektar versehen. Bei dreien war das
einfach eine 35%-ige Zuckerlösung, bei den anderen drei kam dazu noch 1%
Kochsalz. In Wasser aufgelöst ist 1% Salz schon ziemlich schmeckbar.
Ich habe darauf verzichtet, im Selbstversuch zu überprüfen, ob 1% Salz
in so konzentriertem Sirup menschlichen Zungen überhaupt auffällt.
Und dann haben sie gewartet, bis bestäubende Insekten kamen und diese
gezählt. Das zentrale (und jedenfalls von außen betrachtet trotz etwas
Voodoo bei der Auswertung auch robuste) Ergebnis: An den Pflanzen, die
Salz anboten, waren doppelt so viele Insekten – am stärksten vertreten
übrigens allerlei Sorten von Bienen – wie an denen, die das nicht taten,
und zwar ziemlich egal, um welche Blume es nun gerade ging. Mit anderen
Worten: Insekten sind nicht wild auf faden Nektar.
Allerdings: So ein Faktor zwei in der Präferenz ist gar nicht so viel.
Zwischen den BesucherInnenzahlen bei Schafgarbe (laut Paper 54.1 ± 6.3)
und dem blutroten Storchschnabel (16.6 ± 3.5) liegt eher ein Faktor
drei. Dennoch ist recht deutlich, dass die Insekten eher wenig
Verständnis haben für Lauterbachs salzarme Ernährung. Dabei will ich
nicht argumentieren, dass ein Durchschnittsmensch auf Dauer 150 mg
Salz pro Kilogramm Körpergewicht und Tag essen könnte, ohne schließlich
mit Hypertonie und Nierenversagen kämpfen zu müssen. Aber 10 oder 15
Gramm Salz am Tag kriegt mensch, wie Samin Nosrat in ihrem wunderbaren
Kochbuch Salt, Fat, Acid, Heat (auch in der Imperial Library)
ausführt, durch selbstsalzen oder auch den Salzgebrauch in
selbstkochender Gastronomie, kaum hin[1]; salzarms Kochen und
fades Essen mag mithin positive gesundheitliche Folgen haben, aber
vermutlich kaum mehr als etwa der Einsatz von Himalayasalz, Voodoopuppen
oder anderen potenten Placebos.
Erfreulich fand ich im Paper noch die Aussage „All analyses were
performed in R (v. 4.0.2)“ – dass auch in weniger technologieaffinen
Wissenschaftsbereichen proprietäre Software (in diesem Fall ganz
vornedran SAS und SPSS) auf dem Weg nach draußen ist, halte ich für eine
ausgezeichnete Nachricht.
Weniger schön fand ich das Bekenntnis, dass es in Anwesenheit von
BiologInnen ganz offenbar gefährlich ist, einer unüblichen Spezies
anzugehören:
If we were unable to identify a floral visitor in the field, we
collected it and stored it in 75% ethanol.
Arme kleine Fliegen und arme VertreterInnen ungewöhnlicher Bienenarten.
Wären sie stinknormale Honigbienen gewesen, hätten sie ihren Ausflug zu
den verlockenden Blüten mit dem fein gesalzenen Nektar überlebt.
Nosrat argumentiert in ihrem Buch für mich zumindest plausibel
(und durch meine eigene Kochpraxis bestätigt), dass Lauterbauchs Kritik
am „Salzgeschmack“ zumeist am Thema vorbeigeht – in aller Regel
vermittelt Kochsalz etwa durch Kontrolle von Osmolaritäten ziemlich
nichttriviale Prozesse beim Garen und Verarbeiten von Lebensmitteln,
und diese sind für den Geschmack der fertigen Speisen viel wichtiger
als das Salz selbst. Aber das ist dann wirklich eine andere Geschichte.
2014 in Lissabon: nach einer Nacht im Barrio Alto hat sich an der
Straße ein Pfund Plastik gesammelt. Ihr guckt auf etwa ein
Millardstel der gegenwärtigen Weltjahresproduktion.
In der Deutschlandfunk-Sendung Forschung aktuell gab es am 2. März ein
Segment mit einer Zahl, die ich im Kopf haben sollte: Die
Weltproduktion von Kunststoffen liegt derzeit bei 460 Millionen Tonnen
oder einer halben Gigatonne pro Jahr und hat seit dem Jahr
2000 um ziemlich genau den Faktor 2 zugenommen.
In den Größenordnungen von Naturkatastrophen gesprochen braucht es
5⋅108 t ⁄ (25 t/Container), also 20
Millionen TEU-Container, um den ganzen Mist (von der Masse her) bewegt
zu kriegen. Wenn das alles durch einen Hafen ginge, müsste da öfter als
alle zwei Sekunden so ein Container randvoll mit Plastik rein bzw. raus.
Mit der Annahme, dass Rohöl 1:1 in Kunststoff umgesetzt wird –
(wahrscheinlich eher konservativ) – hat es 5⋅108 t ⁄ (5⋅105 t/Tanker), also überraschende
1000 große Supertanker gebraucht, um das Öl für das Zeug zu den
Chemiefabriken zu bringen. Das sind sowas wie drei am Tag. Ganz
ehrlich kommt mir diese Zahl enorm, fast unglaublich groß vor.
Wahrscheinlich werden doch ganz schön viele der Fabriken durch Pipelines
beliefert, zumal wohl auch Gas ein beliebter Ausgangsstoff für viele
Kunststoffe ist.
Mit den Kopfzahlen für Flächen geht noch eine andere
Veranschaulichung, denn zufällig ist ja die Fläche der Erde auch so etwa
450 Millionen Quadratkilometer. Mithin produzieren wir für jeden
Quadratkilometer Erdoberfläche ziemlich genau eine Tonne Plastik,für
jeden Quadratkilometer Land gar drei Tonnen. Wiederum scheint mir das
unglaublich viel.
Um das weiter in Relation zu setzen: Kunststoffe wie Polyethylen haben
ungefähr die Dichte von Wasser, also
1000 kg ⁄ m3, und Folie daraus ist etwas wie
0.01 mm oder 10 − 5 m dick (ich nehme mal dieses
Angebot als repräsentativ). Weil die Dichte ρ gleich Masse
m pro Volumen V und Volumen Fläche A mal Dicke
b ist, kann mensch die mit einer Tonne PE-Folie bedeckbare
Fläche zu
A = (m)/(ρb) = (1000 kg)/(1000 kg/m3⋅10 − 5 m)
und also 100'000 Quadratmetern ausrechnen (Gegenrechnung: ein Kilo Folie
könnte so 100 Quadratmeter oder eine größere Wohnung abdecken; das
klingt plausibel). Unsere Tonne Plastikfolie bedeckt von unserem
Quadratkilometer immerhin ein Zehntel (bzw. zehn von den
Hektaren aus den Flächen-Kopfzahlen, die mensch in zwei Minuten durchqueren
konnte).
Ist es tröstlich, dass wir auch bei der gegenwärtigen Plastikproduktion
immer noch 10 Jahre bräuchten, bis wir den Planeten ganz in
Frischhaltefolie eingewickelt hätten? Na gut, wenn wir das Meer
unverpackt ließen, würden wir es auch in drei Jahren schaffen. Wir
müssten nur den ganzen anderen Plastikquatsch für drei Jahre
weiterwenden, um die Produktion für das große Verpackungsprojekt
freizukriegen.
Bilder aus der Tagesschau vom 9.3.2022 und (Inset) aus der taz vom
14.3.2022: Cat content geht immer – leider offenbar auch, wenn
patriotische Emotion Tötungshemmung überwinden helfen soll (Rechte bei
der ARD bzw. der taz)
Einem militanten Pazifist wie mir geht das Herz derzeit natürlich oft auf, da ja
allenthalben Wladimir Putin heftig gescholten wird dafür, dass er für
seine (und damit bis auf Weiteres auch die nationalen russischen)
Interessen Menschen töten lässt – die Monströsität entsprechender Ideen
hatte ich ja schon im letzten September und davor im Januar
angeprangert.
Leider schließt sich mein Herz dann allzu oft zumindest gegenüber weiten
Teilen der öffentlichen Meinung wieder, denn fast immer geht der
Ausdruck von Abscheu gegenüber dem Putin'schen Morden über in die
Forderung, „wir“ (sc.[1] „unsere“ Regierung) müssten nun aber viel
mehr tun, damit „wir“ dann auch besser für „unsere“ (sc. der Regierung)
Interessen töten können. Und es sei nicht hinnehmbar, dass „wir“ (sc.
die Bundeswehr) gerade nicht hinreichend gut töten könnten. Nur
vorsorglich und nebenbei möchte ich zur Erzählung von der kaputten
Bundeswehr gehöriges Misstrauen anmelden: if only it were true.
Immerhin kommen diese Appelle an Wehr- und Tötungsbereitschaft derzeit
noch oft im Flauschkostüm daher: es ist wirklich auffällig, wie viele
Hunde und Katzen aus den aktuellen Kriegsbildern äugen. Die beiden
Kitschbeispiele im Titelfoto sind wirklich nur zufällig aus einem
großen Korpus gegriffen, auch heute sind in der taz wieder Bilder von
ukrainischen Frauen, die Katzen tragen.
Klar: Das ist mir viel lieber als harte Männer mit großen Knarren.
Das Narrativ von „wir müssen die Tiere vor Putins Grausamkeit retten“
(und deshalb 100 Milliarden Sondervermögen fürs Töten einstellen)
relativiert sich allerdings schon deshalb, weil ein jedenfalls vom
Flauschfaktor her bemerkenswerter, in Wahrrheit aber sowohl menschen-
als auch tierrechtlich ernster Skandal in den Cat Content-Medien im
Wesentlichen untergegangen ist. Ich zitiere aus der Zeitung der Roten
Hilfe 1/2022 (S. 23):
Weil die Tierschutz-Hundeverordnung seit Jahresbeginn den Einsatz so
genannter Zug- und Stachelhalsbänder verbietet, fürchten die Polizeien
des Bundes und der Länder um ihre bei Demonstrationen, Fußballspielen
usw. eingesetzten „Schutzhunde“ – sie werden sowohl in der Ausbildung
als auch bei jährlichen Trainings mit solchen Halsbändern gequält, um
im Einsatz auch beim Anziehen eines normalen Halsbandes in Erinnerung
der Schmerzen Befehle auszuführen. Stellten einige Länder ihre Hunde
kurzzeitig außer Dienst, suchen sie nun Wege, die Tiere weiter als
Waffen abzurichten und einzusetzen. Berlin etwa sieht die Verordnung
als nur Ausbildung und Training, nicht aber den Einsatz betreffend,
Niedersachsen will im Bundesrat eine Tierquäl-Ausnahme-Erlaubnis für
die Polizei erreichen. Brandenburg ignoriert die Verordnung komplett:
Es sei nur verboten, Tieren „ohne vernünftigen Grund“ Schmerzen
zuzufügen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fürchtet ohne
Stachelhalsbänder gar „fatale Auswirkungen auf die innere Sicherheit“.
Unter dem schrecklichen Krieg in der Ukraine leidet nicht nur die
dortige Zivilbevölkerung. Viele der Millionen flüchtenden Menschen
haben ihre geliebten Haustiere wie Hunde, Katzen oder Frettchen dabei.
Öhm… Frettchen? Stellt sich jedenfalls raus, dass das auch anderweitig
ein Thema ist:
Ukrainische Haustiere sind in bayerischen Flüchtlingsunterkunft
neuerdings willkommen. […] Die Regierungen und
Kreisverwaltungsbehörden wurden angewiesen, bei der Aufnahme von
Haustieren ukrainischer Geflüchteter großzügig
zu sein.
[…] Eigentlich seien die Unterkünfte nicht auf Haltung von Haustieren
ausgelegt, erklärt das Ministerium. Aber ein Haustier könne eine
wichtige Stütze nach Kriegserfahrung und Flucht sein. Man wolle
Trennungen vermeiden.
In den Gründen zum ablehnenden Teil ist zusammengefasst ausgeführt,
der Klägerin [eine Frau aus Syrien] stehe kein originärer Anspruch auf
Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft aus § 3 Abs. 1 AsylG zu. Sie
habe keine drohende oder bereits erlittene Verfolgung in ihrem
Herkunftsland glaubhaft gemacht. Die Klägerin sei wegen der
Kriegssituation ausgereist.
Das Gericht (Ansbach ist übrigens seit Napoleon bayrisch) hat die Klage
abgewiesen.
Für den Fall, dass die schöne Abkürzung „sc.“ nicht allen
geläufig ist (ich musste auch über 30 werden, bis ich ihr endlich
begegnet bin): Das steht für scilicet, und das wiederum für scire
licet, was ich verwendungsgeschichtlich inspiriert und frei als „wie
jedeR wissen dürfte” übersetzen würde. Mit anderen Worten ist das
einsetzbar wie „d.h.“, nur vielleicht mit einem Unterton von
„selbstverständlich“ oder so, und noch mit dem Bonus von „Latein, das
nicht jede_r kennt“. Also: In jeder Richtung der
Jackpot für bildungsbürgerliche Nerds.
Es ist Frühling! Ganz deutlich war das am Mittwoch, als ich im noch
kahlen Wald unterhalb der Schauenburg stand und ganz hingerissen war
von Zahl, Lautstärke und Veriantenreichtum der Äußerungen der dort
ansässigen Vögel. Leider hatte ich nicht die Geistesgegenwart, das
gleich aufzunehmen, und gestern war es schon nicht mehr ganz so
aufregend. Dennoch mag das folgende einen Eindruck geben, wie es in dem
Wald gerade tönt kurz vor Sonnenuntergang:
Das starke Rauschen, das dem unterliegt, ist übrigens zu guten Teilen
nichttechnisch: in der Nähe meines Aufnahmeorts rauscht gerade der
Mantelbach, der, ebenfalls ganz in Frühlingsstimmung, im Augenblick
richtig viel Wasser führt.
Das Audio-Element sollte endlos laufen. Leider loopt jedoch zumindest
der aktuelle Webkit nicht nahtlos, und beim Übergang auf die nächste
Wiederholung ist ein deutliches Ploppen zu hören. Lokal habe ich ein
shell-alias, mit dem ich die Nahstelle (jedenfalls bei Wiedergabe über
die lausigen Lautsprecher in meinem Computer) nicht erkennen kann:
alias ambient-voegel='mpv --quiet --loop-file=inf /pfad-zum/vogelkonzert.ogg'
Erwähnen möchte ich noch, dass die Aufnahme alles andere als leicht war.
Nicht etwa, weil es mit dem Gerät Probleme gegeben hätte, abgesehen
davon, dass das ein einfaches Telefon ohne Windschutz war und deshalb
auf externe Beschirmung angewiesen war:
Nein, das Problem war Zivilsationslärm, der die Vogelstimmen störte oder
gar übertönte. Zuerst ist ein Hubschrauber durchgebrummt, dann
klapperten die Hufe eines Freizeitpferdes auf dem asphaltierten Waldweg,
und als die allmählich verklungen waren, dröhnte schon das nächste
Flugzeug minutenlang durch den Himmel. Dabei ist das Tal
gegenüber seiner näheren Umgebung sehr bevorzugt, weil es vom dauernden
Lärm von A5, B3 und all den Ortsstraßen recht gut abgeschirmt ist.
Dass mir all das Dröhnen – das ja sonst auch da ist – gestern auffiel,
das muss wohl diese Achtsamkeit sein, von der ich in den letzten Jahren
viel zu viel gehört habe. Und alles, was ich dafür gebraucht habe,
waren zwei Mikrofone, ein Programm und der Wille, singende Vögel für
trübere Zeiten zu konservieren. Ist das eine Marktlücke: Tagesseminar
für nur 4000 Euro „Achtsamkeit lernen mit audacity“?
Zu den unerfreulicheren Begleiterscheinungen der Coronapandemie gehörte
die vielstimmige und lautstarke Forderung nach „mehr Daten“, selbst aus
Kreisen, die es eigentlich besser wissen[1]. Wie und warum diese
Forderung gleich mehrfach falsch ist, illustriert schön ein Graph, der
seit ein paar Wochen im RKI-Wochenbericht auftaucht:
Dargestellt sind die Zahlen von „im Zusammenhang mit“ SARS-2 in
deutsche Krankenhäuser aufgenommenen PatientInnen. Die orange Kurve
entspricht dabei den „Big Data“-Zahlen aus der versuchten Totalerfassung
– d.h., Krankenhäuser melden einfach, wie viele Menschen bei der
Aufnahme SARS-2-positiv waren (oder vielleicht auch etwas anderes, wenn
sie das anders verstanden haben oder es nicht hinkriegen). Die blaue
Kurve hingegen kommt aus der ICOSARI-Surveillance, also aus
spezifischen Meldungen über Behandlungen akuter Atemwegsinfektionen aus
71 Kliniken, die für Meldung und Diagnose qualifiziert wurden.
Wären beide Systeme perfekt, müssten die Kurven im Rahmen der jeweiligen
Fehlerbalken (die das RKI leider nicht mitliefert; natürlich zählt
keines von beiden ganz genau) übereinanderlaufen. Es ist
offensichtlich, dass dies gerade dann nicht der Fall ist, wenn es darauf
ankommt, nämlich während der Ausbrüche.
Eher noch schlimmer ist, dass die Abweichungen systematisch sind – die
Entsprechung zu halbwegs vertrauten Messungen wäre, wenn mensch mit
einem Meterstab messen würde, dessen Länge eben nicht ein Meter ist,
sondern vielleicht 1.50 m. Nochmal schlimmer: seine Länge ändert sich
im Laufe der Zeit, und auch abhängig davon, ob mensch Häuser oder
Giraffen vermisst. Wäre der Meterstab wenigstens konstant falsch lang,
könnte mensch die Messergebnisse im Nachhinein jedenfalls in gewissem
Umfang reparieren („die Systematik entfernen“). Bei der
Hospitalisierung jedoch wird keine plausible Methode die Kurven zur
Deckung bringen.
Das RKI schreibt dazu:
Im Vergleich zum Meldesystem wurden hierbei in den Hochinzidenzphasen
- wie der zweiten, dritten und vierten COVID-19-Welle - höhere Werte
ermittelt. In der aktuellen fünften Welle übersteigt die
Hospitalisierungsinzidenz der Meldedaten die COVID-
SARI-Hospitalisierungsinzidenz, weil zunehmend auch Fälle an das RKI
übermittelt werden, bei denen die SARS-CoV-2-Infektionen nicht
ursächlich für die Krankenhauseinweisung ist.
Die Frage ist nun: Welche Kurve „stimmt“, gibt also das bessere Bild der
tatsächlichen Gefährdungssituation für das Gesundheitssystem und die
Bevölkerung?
Meine feste Überzeugung ist, dass die blaue Kurve weit besser
geeignet ist für diese Zwecke, und zwar weil es beim Messen und Schätzen
keinen Ersatz für Erfahrung, Sachkenntnis und Motivation gibt. In der
Vollerfassung stecken jede Menge Unwägbarkeiten. Um ein paar zu nennen:
Wie gut sind die Eingangstests?
Wie konsequent werden sie durchgeführt?
Wie viele Testergebnisse gehen in der Hektik des Notfallbetriebs
verloren?
Wie viele Fehlbedienungen der Erfassungssysteme gibt es?
Haben die Zuständigen vor Ort die Doku gelesen und überhaupt
verstanden, was sie erfassen sollen und was nicht?
Wie viele Doppelmeldungen gibt es, etwa bei Verlegungen – und wie oft
unterbleibt die Meldung ganz, weil das verlegende Krankenhaus meint,
das Zielkrankenhaus würde melden und umgekehrt?
Und ich fange hier noch gar nicht mit Fragen von Sabotage und Ausweichen
an. In diesem speziellen Fall – in dem die Erfassten bei der Aufnahme
normalerweise nicht viel tun können – wird beides vermutlich eher
unwichtig sein. Bei Datensammelprojekten, die mehr Kooperation der
Verdateten erfordern, können die Auswahleffekte hingegen durchaus auch
andere Fehler dominieren.
Erfasst mensch demgegenüber Daten an wenigen Stellen, die sich ihrer
Verantwortung zudem bewusst sind und in denen es jahrelange Erfahrung
mit dem Meldesystem gibt, sind diese Probleme schon von vorneherein
kleiner. Vor allem aber lassen sie sich statistisch untersuchen. Damit
hat ein statistisch wohldefiniertes Sample – anders als Vollerfassungen
in der realen Welt – tendenziell über die Jahre abnehmende Systematiken.
Jedenfalls, solange der Kram nicht alle paar Jahre „regelauncht“ wird,
was in der heutigen Wissenschaftslandschaft eingestandenermaßen
zunehmend Seltenheitswert hat.
Wenn also wieder wer jammert, er/sie brauche mehr Daten und es dabei
um Menschen geht, fragt immer erstmal: Wozu? Und würde es nicht viel
mehr helfen, besser definierte Daten zu haben statt mehr Daten?
Nichts anderes ist die klassische Datenschutzprüfung:
Was ist dein Zweck?
Taugen die Daten, die du haben willst, überhaupt dafür? („Eignung“)
Ginge es nicht auch mit weniger tiefen Eingriffen? („Notwendigkeit“)
Und ist dein Zweck wirklich so großartig, dass er die Eingriffe, die
dann noch übrig bleiben, rechtfertigt? („Angemessenheit“)
Ich muss nach dieser Überlegung einfach mal als steile Thesen
formulieren: Datenschutz macht bessere Wissenschaft.
Nachtrag (2022-05-16)
Ein weiteres schönes Beispiel für die Vergeblichkeit von
Vollerfassungen ergab sich wiederum bei Coronazahlen Mitte Mai 2022.
In dieser Zeit (z.B. RKI-Bericht von heute) sticht der bis dahin
weitgehend unauffällige Rhein-Hunsrück-Kreis mit Inzidenzen um die
2000 heraus, rund das Doppelte gegenüber dem Nächstplatzierten. Ist
dort ein besonders fieser Virusstamm? Gab es große Gottesdienste?
Ein Chortreffen gar? Weit gefehlt. Das Gesundheitsamt hat nur
retrospektiv Fälle aus den vergangenen Monaten aufgearbeitet und ans
RKI gemeldet. Dadurch tauchen all die längst Genesenen jetzt in
der Inzidenz auf – als sie wirklich krank waren, war die Inzidenz zu
niedrig „gemessen“, und jetzt halt zu hoch.
So wurden übrigens schon die ganze Zeit die Inzidenzen berechnet:
Meldungen, nicht Infektionen. Das geht in dieser Kadenz auch nicht
viel anders, denn bei den allermeisten Fällen sind die Infektionsdaten
anfänglich unbekannt (und bei richtig vielen bleibt das auch so).
Wieder wären weniger, aber dafür sorgfältig und kenntnisreich gewonnene
Zahlen (ich sag mal: PCR über Abwässern), hilfreicher gewesen als
vollerfassende Big Data.
Ich bin gerade über einen Artikel in Spektrum der Wissenschaft 11/17
(leider Paywall) an das Paper „Hunter-Gatherer Energetics and Human
Obesity” von Herman Pontzer und KollegInnen geraten (DOI
10.1371/journal.pone.0040503, open access). Darin geht es grob
darum, dass JägerInnen, SammlerInnen und BäuerInnen ungefähr genauso
viel Kohlenstoff verstoffwechseln wie StadtbewohnerInnen, und das,
obwohl sich letztere natürlich deutlich weniger bewegen als die anderen.
Diese Erkenntnis hätte mich jetzt noch nicht sehr begeistert, doch die
folgende Grafik verdient jede Aufmerksamkeit:
Energieaufwand pro Tag für westliche Menschen (grau), bolivianische
BäuerInnen (blau) und afrikanische Jäger/Sammlerinnen (rot),
aufgetragen über eine Art normiertes Körpergewicht. CC-BY Pontzer et
al.
Dieser Plot nimmt – nicht ganz absichtlich – meine Frage zur
thermischen Leistung von Menschen auf. Damals war ich ja aufgrund der
Messungen meines CO₂-Messgeräts im Büro darauf gekommen, dass ich für
ungefähr 16 Watt CO₂ ausatme – das stellt sich, wie erwartet, als
kräftige Unterschätzung heraus. Ich sollte das wirklich mal neu
ausrechen, zumal ich die wirkliche Stoffwechselrate inzwischen auch
besser einschätzen kann, weil mir der CO₂-Verlust durch Fenster, Türen
und Blumen dank vieler Daten für den leeren Raum inzwischen gut
zugänglich sein sollte.
Aber das ist für einen anderen Tag. Heute lese ich aus der Grafik von
Pontzer et al ab, dass ein Mensch wie ich (70 Kilo alles zusammen, davon
vielleicht 20% Fett, also in der Grafik bei log(56) ≈ 1.75
zu suchen) so zwischen 3.3 und 3.6 auf der y-Achse liegt. Nach
Delogarithmierung (also: Zehn hoch) würde ich demnach zwischen 2000 und
4000 Kilokalorien am Tag umsetzen. Mensch ahnt erstens, dass
Fehlerbalken unter Logarithmierung zusammenschrumpfen – dass „3.3 bis
3.6“ in Wahrheit „innerhalb eines Faktors 2“ heißt, mag für
logarithmenferne Bevölkerungsschichten überraschend sein – und zweitens,
dass große Teile der Wissenschaft immer noch Einheiten aus der ersten
Hälfte des letzten Jahrhunderts verwenden. Seit dessen zweiter Hälfte
nämlich kommen Arbeit und Energie bei anständigen Leuten in Joule (einer
Kalorie entsprechen 4.2 davon).
Das führt auf meine Kopfzahlen für heute: Ein Mensch wie ich
leistet etwas zwischen 8000 und 16000 Kilojoule
am Tag. Hier will sich mensch übrigens die Spannbreite ganz definitiv
mitmerken, und zwar als Gegengift zum „Tagesbedarf“, der auf jeder
Lebensmittelverpackung aufgedruckt ist[1].
Unter vielen guten Gründen für die Verwendung des Joule (statt der
Kalorie) steht weit oben die Tatsache, dass mensch gleich auf Leistungen
in Watt kommt (das ist nämlich ein Joule pro Sekunde). Wer im Kopf hat,
dass ein Tag 86400 Sekunden lang ist, erhält meine Leistung
in üblichen Einheiten zwischen den 100 und 200 Watt, zwischen denen ich
im November-Post bedingt durch DuckDuckGo und meine grobe Erinnerung
schwankte.
Bemerkenswert an der Pontzer-Grafik finde ich noch die beiden
Ausgleichsgeraden für westliche Männer (durchgezogen) und Frauen
(gestrichelt). Ich habe ja schon immer große Zweifel an
Gender-Unterschieden in vielen „Normalbereichen“ gehabt, die es für
Tagesbedarfe und allerlei Laborwerte gibt; so war z.B. in meiner
Zivildienstzeit der Normalbereich des Kreatininspiegels für Frauen
eine ganze Ecke höher als für Männer, und ich bin immer noch fest
überzeugt, dass das einen rein sozialen (Frauen trinken im Schnitt
weniger, weil sie es meist deutlich schwerer haben, unbelästigt zu
pinkeln) und keinen vertretbar als biologisch zu bezeichnenden Grund
hat.
Warum nun der Energieumsatz von Frauen steiler mit ihrer Masse wachsen
sollte als bei Männern, warum sie ab einer Masse von vielleicht 75 Kilo
(da würde ich die Mit-Fett-Masse des Schnittpunkts der Geraden sehen)
dann sogar mehr leisten sollten als gleichschwere Männer, das leuchtet
mir nicht ein – wie mir auch nicht einleuchtet, warum leichtere Frauen
praktisch einen Faktor zwei weniger leisten sollten als gleichschwere
Männer. Aber wer die Punktwolken mal qualitativ auf sich wirken lässt,
wird ohnehin Zweifel an den Ausgleichsgeraden entwickeln.
Tja: Mal sehen, wie sich das entwickelt, wenn die Systematiken von
Pontzers Methode zur Bestimmung des Energieumsatzes (Leute trinken einen
Haufen D₂-18O-Wasser, und mensch verfolgt, wie über die
nächsten Tage Deuterium und der 18er-Sauerstoff im Urin runtergehen)
etwas besser verstanden sind.
Pontzer scheint jedenfalls bereit zu sein, irrtümliche Dogmen über Bord
zu werfen. So ist er Mitautor einer Arbeit von Anna Warrener et al (DOI
10.1371/journal.pone.0118903), die seinerzeit (2015) auch breit durch
die Presse ging. Das Paper zerstörte (nach meinem Eindruck als Laie in
dem Feld) die lange quasi konkurrenzlose These, der doch sehr
grenzwertig enge Geburtskanal menschlicher Frauen sei ein
physiologischer Kompromiss, denn ein breiteres Becken würde sie beim
aufrechten Gang behindern. So ein „lass uns das mal nachrechnen, auch
wenn es ganz plausibel klingt“ ist für mich ein recht gutes Zeichen für
ordentliche Wissenschaft besonders dann, wenn die plausible Vermutung
nachher nicht rauskommt.
Wobei der „Tagesbedarf“ bei den „Kalorien“ nochmal besonderer
Mumpitz ist: der „Brennwert“, der dort angegeben ist, ist genau das,
ein Brennwert. Das Futter wird getrocknet und verbrannt, um auf „die
Kalorien“ zu kommen. Am Beispiel von Holz oder Rohöl ist, glaube ich,
gut einsichtig, dass das nur in Ausnahmefällen viel zu tun hat mit
dem, was der menschliche Körper daraus an Bewegung oder Fett machen
könnte. Sprich: Kalorienzählen ist schon von der Datenbasis her
Quatsch.
Dafür, dass ich das Buch „SARS from East to West“ als „unfassbar
langweilig“ beschrieben habe, gibt es schon ziemlich viel her, denn
nach meiner ersten Besprechung hat es mit den bekannten Szenarien ja
schon einen zweiten Post abgeworfen. Und jetzt gleich noch einen. Wenn
ich kurz drüber nachdenke – eigentlich ist das ein Kennzeichen von
Wissenschaft: Weite Strecken von mühsamer Langeweile unterbrochen von
aufregenden Erkenntnissen, die mensch unbedingt gleich mitteilen möchte.
Hm.
Heute jedenfalls will ich auf eine Geschichte aus Kapitel 8 des Buchs
hinweisen. In diesem beschäftigen sich Joan Deppa, Andrew Seaberg und
Grace Han Yao (die die Arbeit an der „School of Public Communications“
in Syracuse, NY gemacht haben und danach Public Communications-Profin,
Investmentheini und Marktforscherin geworden sind) mit dem öffentlichen
Nachrichtenfluss im Verlauf der SARS-1-Pandemie von 2003. Während
nämlich, wie neulich zusammengefasst, spätestens seit dem 1. März
2003 in Ostasien klar war, dass eine ungewöhnliche Krankheit umging,
tauchten in „westlichen“ Medien (Deppa et al haben CNN, die New York
Times und die Washington Post untersucht) die ersten „richtigen“
Geschichten zu SARS erst nach der weltweiten Warnung der WHO am 15. März
auf, auf die Titelseite der NYT hat es SARS gar erst am 7. April
geschafft.
Als am 23.2.2003 die kanadische Touristin, die sich nahe dem Zimmer 911
angesteckt hatte, in Toronto landete, wussten aber dennoch
KanadierInnen von SARS: In Vancouver und Toronto lebten schon damals
viele Menschen, die sich mehr oder weniger als chinesische Expats
verstanden und insbesondere chinesischsprachige Zeitungen mit
chinesischen Meldungen lasen. Eine von ihnen war Agnes Wong, die in
eben dem Krankenhaus arbeitete (dem Scarborough Grace), in das die
Touristin eingeliefert worden war. Als sich deren Sohn am 7. März
ebenfalls mit einer schlimmen Lungensymptomatik in der Notaufnahme
vorstellte, erinnerte sich Wong an einen Artikel aus der in Toronto
erscheinenden Sing Tao (eine der erwähnten Expat-Zeitungen), in dem über
SARS-Fälle in Hong Kong berichtet worden war. Und dann ging es so
weiter:
Die ursprüngliche Diagnose des Patienten im Scarborough
Grace-Krankenhaus war Tuberkulose gewesen [...] Wong jedoch
verständigte die Nachtschwester und bat sie, die Reiseanamnese der
Mutter des Patienten zu prüfen. Sie erfuhr bald, dass die Mutter in
Hong Kong gewesen und krank zurückgekommen war. Wong drängte die
Pflegekräfte, den ärztlichen Dienst zu verständigen. Und so, das
jedenfalls ist die Darstellung des Fernsehsenders CBC und der Zeitung
Toronto Star, wurde der erste Fall von SARS in Kanada gefunden.
Original
The initial diagnosis of the Scarborough Grace patient had been
tuberculosis [...]. But Wong called the night nurse and asked her to
check the mother’s traveling history. She soon learned the mother had
been to Hong Kong and came back ill. Wong urged the nursing staff to
notify the physician. And that, according to the CBC and the Toronto
Star, is how Canada’s first SARS case was identified.
Sollte euch mal wer fragen, was die Sache mit der Diversität – die ja
tatsächlich so oft in Reden von Marktradikalen vorkommt, dass mensch ins
Grübeln kommen mag – soll: Vielleicht erinnert ihr euch an diese
Geschichte.
Und wo ich schon über das Buch schreibe, kann ich vielleicht noch einen
schnellen Nachtrag zum bekannten Szenario-Post loswerden in dem ich
ja spekuliert hatte, dass die Murdoch-Presse in Kanada ähnlich
destruktiv agiert haben könnte wie Springer hier. In der Tat findet
sich im siebten Kapitel des Buchs (das vor allem eine
Verhältnismäßigkeitsabwägung der Isolationsmaßnahmen vornimmt) folgende
Passage:
Ganz besonders die konservative Presse spielte die Bedrohung durch
SARS anfänglich herunter. Die Unterstellung war, alarmistische
Berichterstattung über kleinere Probleme diene vor allem dazu,
Zeitungen zu verkaufen und die Forschungsbudgets nordamerikanischer
Universitäten zu erhöhen.
Original
The conservative press, especially, downplayed the threat of SARS in
the early days, suggesting that sensational reporting of minor
problems served to sell papers and increase research budgets at North
American universities.
[Die „Stabilitätsorientierung“ der Bundesbank] hat auch historische
Gründe: Die Erfahrungen der galoppierenden Inflation zum Ende der
Weimarer Republik prägen die Deutschen auch fast ein Jahrhundert
danach noch.
Das ist sachlich falsch. „Zum Ende der Weimarer Republik“ herrschte
Deflation. In der Tat trug diese auch nach Einschätzung konservativer
Wirtschafts„wissenschaftler“Innen ganz gewiss dazu bei, dass die
Weltwirtschaftskrise im Gefolge des Schwarzen Freitags ein gutes (na ja,
schlechtes) halbes Jahrzehnt anhielt. Es war diese Beobachtung, die
John Maynard Keynes zu seiner nach Maßstäben der Disziplin
erstaunlich vernünftigen Wirtschaftstheorie brachte und auch den New
Deal in den USA inspirierte.
Nun könnte mensch einen xkcd 386 aufrufen und weitergehen:
Aber ganz so einfach ist es hier vielleicht doch nicht, denn es schwingt
in der Aussage ein höchst destruktiver Subtext mit, in etwa „die
Inflation hat Hitler gemacht“. Nein: Die galoppierende Inflation im
deutschen Reich fand 1923 statt und hatte im Wesentlichen nichts mit
Wirtschaftspolitik zu tun, dafür aber viel mit durchgedrehtem
Nationalismus auf mehreren Seiten (vgl. Ruhrbesetzung). Danach kam
zunächst die auch rückblickend jedenfalls kulturell erstaunlich liberale
Zeit der „goldenen Zwanziger“, während der NSDAP und DNVP zusammen
bei Wahlen so im Bereich der heutigen AfD abschnitten.
Der Subtext von Faschismus-durch-Inflation ist an dieser Stelle fast
sicher keine bewusste Manipulation, denn Brigitte Scholtis, die Autorin
der Sendung, mag selbst Weltwirtschaftskrise und Inflation vermengt
oder jedenfalls nicht darüber nachgedacht haben.
Er ist dennoch ein Symptom für die bleibende Lüge der deutschen
Nachkriegsgesellschaft. Die NS-Herrschaft war kein Unfall, keine Folge
von „wachsender Zerrissenheit der Gesellschaft“ oder gar der
bolschewistischen Sowjetregierung. Nein, sie war offensichtlich Folge
der Tatsache, dass die Eliten der Weimarer Republik in Justiz, Polizei,
Militär, Wirtschaft und zu guten Stücken auch Politik (nicht jedoch in
der Kultur) in ihrer überwältigenden Mehrheit völkisch, nationalistisch,
autoritär und jedenfalls rabiat antikommunistisch dachten. Sie
teilten das NS-Programm – eingestandenermaßen fast durchweg mit weniger
eliminatorischem Antisemitismus – von Anfang an. Das war und ist eine
unbequeme Wahrheit für die Befreiten von 1945 und danach, die sich ja
sehr häufig in der Tradition dieser Eliten sahen.
Diese Wahrheit anzuerkennen würde helfen, solche scheinbar kleinen
Fehler zu vermeiden – und auch ganz gewaltige Fehler wie die
Extremismustheorie, die es ohne planmäßige Leugung dieser unschönen
Geschichte vermutlich gar nicht gäbe.
Was die Submikrometer-Filtermasken nach N95 [in der EU: FFP2] angeht,
illustriert dies viele der logistischen und planerischen Probleme,
die die Antwort [auf den Krankheitsausbruch] im Großraum Toronto
unterminierten. Unmittelbar nach dem Ausbruch war die Nachfrage nach
Masken verständlicherweise groß; die kanadischen Lieferanten waren, da
sie zuvor keinen Vorrat angelegt hatten, rasch ausverkauft.
Krankenhäuser mussten sich bei ausländischen Herstellern vesorgen,
aber wegen der weltweiten Bedrohung durch SARS war es sehr schwierig,
Masken aus anderen Ländern zu beschaffen.
Original
With regard to the N95 submicron filtering mask, this illustrated many
of the planning and logistical problems that undermined the GTA
response. Following the outbreak, demand for the mask was
understandably high; however, with no pre-existing supply stockpile,
Canadian suppliers quickly ran out of stock. Hospitals were forced to
obtain supplies from foreign manufacturers but, due to the worldwide
threat of SARS, great difficulty existed in acquiring masks from other
countries.
Das ist kein Text von 2020. Dieser Text wurde (ausweislich der
spätesten Zitate) kurz nach 2005 geschrieben und ist in dem 2011
erschienenen Band „SARS from East to West“ von Olsson et al enthalten,
von dem ich letztes Wochenende erzählt habe. Wann immer ich eine
hinreichende Bürokratesischtoleranz – wenn ihr die Textbeispiele hier
modulo meiner Übersetzung bröselhölzern findet: der Rest des Buchs ist
schlimmer – aufgebaut habe, gebe ich mir weitere Kapitel, und jetzt
gerade habe ich Kapitel 6 gelesen. Darin beschäftigen sich Dan Markel
und Christopher Stoney mit dem SARS-Ausbruch im Großraum Toronto, der
Greater Toronto Area (GTA).
Mensch sollte dabei im Kopf haben: Nach heutigen Maßstäben war der
SARS-1-Ausbruch von 2003 winzig. Es gab nur zwischen Ende Februar und
und Anfang Juli überhaupt Fälle außerhalb von Guangzhou, und in Kanada,
dem mit Abstand am schwersten betroffenen Land im „Westen“, wurden am
Ende 251 Fälle mit 43 Toten gezählt. Das ist, grob gesagt, ein zehntel
Promille von SARS-2. Faktoren wie 10 − 4 illustriere ich immer
gerne mit Zeit: Wenn SARS-2 ein Jahr ist, ist SARS-1 eine
Dreiviertelstunde.
Lokal allerdings kam es doch zu messbaren Inzidenzen, denn die große
Mehrheit der kanadischen Fälle waren Folge der ursprünglichen
Einschleppung aus Zimmer 911 und konzentrierten sich daher um Toronto
herum. Trotz der dramatisch anderen Größenordnungen muss es sich nach
Darstellung von Markel und Stoney dort ziemlich angefühlt haben wie
in der BRD im März 2020, bevor der Podcast mit Christian Drosten
online ging:
Die Unfähigkeit, Information zutreffend und wirkungsvoll zu
veröffentlichen, fachte Verwirrung und Panik an: War SARS infektiös
oder nicht? Konnte man sich wie bei einer Erkältung anstecken oder
nicht? War SARS unter Kontrolle oder nicht? Im Ergebnis wurden bei
den täglichen Pressekonferenzen zu viele Meinungen über das aktuelle
Geschehen öffentlich geäußert.
Original
The inability to communicate information accurately and effectively
fuelled confusion and panic: Was SARS infectious or wasn’t it? Could
it be caught like a cold or not? Was SARS under control or wasn’t it?
As it turned out, too many opinions were being publicly expressed on
what was happening through daily news conferences
Leider diskutiert das Buch nicht, was die Medien anschließend mit den
Themen aus den Pressekonferenzen gemacht haben, denn ich wäre
überrascht, wenn in Kanada die Murdoch-Presse nicht ähnlich verheerend
gewirkt hätte wie hier die Springer-Presse. Die schlimmste
Presse-Schelte, zu der sich die Autoren des Kapitels durchringen
konnten, ist:
Die sich aus den Schwierigkeiten bei der Informationsverbreitung
ergebende Verwirrung und Fehlinformation verschäfte sich noch durch
permanente Anfragen, 24 Stunden am Tag, Minute für Minute. Dies war
eine wesentliche Behinderung der Bemühungen einer kleinen,
überarbeiteten Belegschaft dabei, die zur Bekämpfung von SARS nötige
epidemiologische Information zu sammeln, zu analysieren, zu
interpretieren und zu verteilen.
Original
The resulting confusion and misinformation was exacerbated by non-stop
requests for information on a minute-by-minute, 24 hour basis and this
seriously limited the efforts of a small number of overworked staff to
forge on with their job of collecting, analyzing, interpreting and
disseminating the epidemiologic information required to combat SARS.
Auch das Lamento über schlechte EDV-Infrastruktur klingt wie vom letzten
Jahr:
Das Fehlen eines effektiven Überwachungssystems auf Provinz- wie
gesamtstaatlicher Ebene, einer gemeinsamen Datenbank und eines
gemeinsamen Informationssystems für meldepflichtige
Infektionskrankheiten hat die Versuche unterminiert, Bedürfnisse zur
Datensammlung zu befriedigen und die rasche Meldung von
Infektionstätigkeit sowohl zwischen als auch innerhalb von
Verwaltungseinheiten zu erleichtern.
Tatsächlich hat jede der vier Public Health-Stellen innerhalb des
Großraums Toronto ihr eigenes Erhebungssystem entwickelt und band sich
fest an jeweils spezifische und unverträgliche Erhebungs- und
Auswertungsmethoden, obwohl das erhebliche Probleme verursachte.
Original
The absence of an effective provincial or national surveillance
system, shared database and reportable disease information system
undermined attempts to handle data collection needs and facilitate
rapid reporting of disease activity across and within multiple
jurisdictions.
In fact, each of the four GTA public health units developed their own
data collection system and became married to unique and divergent
methods of collecting and reporting data, despite the challenges this
posed.
Angesichts der mikroskopischen Zahlen frage ich mich ein wenig, wie
diese Leute Zeit hatten, sich in ihre jeweiligen Systeme zu verlieben,
denn bei allenfalls ein paar hundert Fällen insgesamt konnten diese ja
wohl nicht viel genutzt worden sein; aber gut, wenn noch ein paar
tausend Quarantänefälle dazu kommen…
Vielleicht sind die kleinen Zahlen auch der Grund, warum dort nicht
aufgefallen ist, was nach zwei Jahren SARS-2-Surveillance längst auf der
Hand liegt: Wichtiger als die Totalerfassung und der rasche Umgang mit
großen Datenmengen ist eine wohldefinierte Datenerhebung. Blind
alle Fälle zählen („Inzidenz“) sagt ganz offenbar nichts, wie allein
schon der Vergleich von diesem Januar (eigentlich ziemlich cool bei
1500/100'000) mit dem vor einem Jahr (ziemliches Gemetzel bei
250/100'000) zeigt. Um zu einer irgendwie sinnvollen Einschätzung des
Geschehens zu kommen, braucht es zumindest noch Daten zu
Vollständigkeit, Alters- und Sozialstruktur, Virusprofil, Impfstatus und
Übertragungswegen, sehr wahrscheinlich noch deutlich mehr.
Da eine Vollerfassung dieser Daten nicht nur praktisch unmöglich wäre,
sondern auch ein Datenschutzalptraum würde, so dass wiederum viele
Menschen – wahrscheinlich auch ich – das Ergebnis durch kleine Lügen
unbrauchbar machen würden, wäre es rundherum viel hilfreicher, ein
(relativ) kleines Sample zu ziehen, dessen Bias gut untersucht ist.
Dieses könnte dann unter sorgfältiger Datenschutzkontrolle genau
studiert werden, gerade im Hinblick auf die tatsächlichen
Infektionsketten, deren Kenntnis ja z.B. zur Beurteilung der wirklich
nützlichen „Maßnahmen“ letztlich entscheidend wäre. Das große Vorbild
für eine hochnützliche „small data“-Operation in diesem Bereich ist die
AGI-Surveillance, von der ich Ende Januar schon mal geschwärmt habe.
Jedenfalls: irgendwas in der Art von „Wir saßen auf einem Berg schlechter
Daten und hätten eigentlich einen Klumpen guter Daten gebraucht“ hätte
ich halb erwartet, und das kommt bei Markel und Stoney nicht.
Vielleicht wegen der kleinen Zahlen, vielleicht, weil meine Überlegungen
im Public Health-Bereich nicht zutreffen, vielleicht, weil die Leute
andere Sorgen hatten.
Ein für PolitologInnen naheliegendes Thema für Sorgen könnten die
länderfürstlichen Stunts sein, zuletzt spektakulär die faktische
Aussetzung der Impfpflicht von Beschäftigten im Gesundheitswesen durch
Markus Söder. Auch sowas gab es schon 2003 in Kanada:
Unstimmigkeiten zwischen den Zuständigen auf Gemeinde- und
Provinzebene führten auch zu Doppelungen von Verantwortlichkeiten und
Aufgaben. [...]
Daher blieb unbeanwortet, wer die verantwortlich war für: die
Klassifikation eines Falls; die Erteilung von Anweisungen an
Krankenhäuser; die Festlegung von Konsequenzen, wenn die Anweisungen
nicht befolgt wurden; die Bestimmung, welche Daten von wem an wen
übertragen werden müssen; die Definition, welche Daten in welchem
Ausmaß und zu welchem Zweck zwischen öffentlicher Verwaltung und
privaten ExpertInnen ausgetauscht werden dürfen; die Benachrichtigung
von Verwandten, dass einE AngehörigeR als ein wahrscheinlicher Fall
klassifiziert wurde; die Abwägung, ob Datenschutzrechte der
Informationsweitergabe, die zur Kontrolle und Verhütung der weiteren
Ausbreitung von SARS nötig war, entgegenstehen.
Original
Divisions in local and provincial powers have also resulted in dual
roles and functions. [...]
Consequently, questions remained unanswered regarding who had the
responsibility for: the classification of a case; issuing directives
to hospitals; determining the consequences of not following
directives; deciding what specific information had to be transmitted,
by whom, when and to whom; establishing the extent to which public
officials and private experts could share data and for what purpose;
notifying relatives that a family member was classified as a suspect
or probable case and; determining whether privacy rights prevented the
sharing of information necessary to control and prevent the further
spread of SARS
Auch die verbreitete Erfahrung – gerade bei Lehrkräften an Schulen, aber
auch unsere Vewaltung an der Uni hat häufig geseufzt –, nach der die
Vorstellungen der Mächtigen, was nun gerade gelten sollte, wahlweise am
Vorabend oder gar nicht ankamen, ist nicht neu:
Tatsächlich wurden die Menschen, die an der Gesundheitsfront und/oder
in Hochrisiko-Umgebungen, etwa Bildungseinrichtungen, Gemeindezentren,
Altenheimen, kirchlichen oder privatwirschaftlichen Einrichtungen
arbeiteten, nie direkt über wichtige Entwicklungen informiert.
Original
In fact many people working on the frontlines and/or in high-risk
environments such as educational institutions, community access
centers, residential homes, religious organizations, and private
sector organizations were never kept directly informed about important
developments.
Nach all dem: Haben diese Untersuchungen der kanadischen Regierung
geholfen, mit SARS-2 besser fertig zu werden als andere westliche
Länder, die ja keine nennenswerten Erfahrungen mit SARS-1 hatten?
Das DLF-Kalenderblatt vom 27. Januar erinnerte an Luise Zietz, die
100 Jahre zuvor gestorben war. Zietz war die erste Frau im Vorstand
einer deutschen Partei – der SPD, ab 1908. Der DLF-Beitrag berichtete
auch:
Während des Ersten Weltkriegs sprach sich Luise Zietz als Pazifistin
gegen die Bewilligung von Kriegskrediten aus und wurde aus dem
SPD-Parteivorstand geworfen.
Luise Zietz neben Friedrich Ebert, im SPD-Parteivorstand von 1909; es
ist Zietz hoch anzurechnen, dass sie nicht mehr neben Ebert stand, als
dieser mit Wehrmacht und Freikorps die fortschrittlichen Aufstände am
Anfang der Weimarer Republik niedermetzeln ließ (Quelle).
Gerade dieser Punkt hat mir imporiert, zumal ich, bevor diese Sendung in
meinem aynchronen Radio kam, den großen patriotischen Taumel in den
Informationen am Morgen vom Dienstag miterleben musste. In diesem
kamen, soweit ich ihn verfolgt habe, nur Leute zu Wort wie Jürgen
Hardt (der immerhin nur die blinde Gewissheit des Patrioten an den Tag
legte, „wir“ seien die Guten) oder wie Michael Gahler (der sich zu
„totaler Kriegserklärung“ und „völkisch-faschistischem Verständnis“
verstieg – wo sind die Mahner gegen kreischkrumme Vergleiche, wenn
mensch sie braucht?) – jedoch niemand, der_die mal über die Symmetrie
der Situation geredet hat, dass „wir“ nämlich nicht nur aus russischer
Sicht in etwa ebenso schurkig sind wie „sie“, und dass wirklich niemand
die doofen Turf Wars zwischen verschiedenen Schurkengangs haben will.
Dass die Moderatorin penetrant Bekenntnisse ausgerechnet zu
Waffenlieferungen einforderte, tat ein Übriges: Ich sehnte mich intensiv
nach aufrechten Pazifistinnen.
Wie schön wäre es da gewesen, wenn es im SPD-Parteivorstand von 1914
wirklich eine gegeben hätte, die Liebknechts einsame Ablehnung der
Kriegskredite – und es wird heute wohl niemand mehr bestreiten, dass er
im ganzen weiten Reichstag der einzige war, der sich in dieser Sache vor
der Geschichte nicht verstecken muss – unterstützte und dafür noch mit
ihrem Amt bezahlt hat.
Zwar hatte Luise Zietz 1912 in ihrem Buch Die Frauen und der
politische Kampf dazu aufgerufen, sich gegen den drohenden Krieg zu
stellen, doch an der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz
1915 in Bern, die vom Parteivorstand nicht gebilligt worden war, nahm
sie nicht teil. Im Laufe der ersten beiden Kriegsjahre scheint sich
ihre Einstellung jedoch geändert zu haben. Sie äußerte sich seither
deutlich kritischer zur Burgfriedenspolitik der SPD und stellte ihre
Mitarbeit im Nationalen Frauendienst ein.
Zietz war 1914 mit dem ganzen Parteivorstand im patriotischen Taumel und
ist mit der SPD in den Krieg gezogen. Ich fühle mich fast versucht,
ihre Wikipedia-Seite, die derzeit das verkürzte Narrativ des DLF
übernommen hat, diesbezüglich zu verbessern. Aber immerhin hatte sie
Augen im Kopf und ein Mindestmaß an Mitgefühl, und so hat sie
schließlich ihren Fehler eingesehen. 1917 hat sie die USPD
mitgegründet, was durchaus als erfolgreicher Beitrag zur Dämpfung von
Patriotismus und mithin zur Verkürzung des Gemetzels gelten darf. Zudem
hat sie später als USPD-Abgeordnete erfreulichen Klartext geredet, etwa
als die Ebert-SPD von Mutterschutz und elementaren Beschäftigtenrechten
bei Krankheit nichts mehr wissen wollte: „Kapitalsinteressen wurden
höher bewertet als warmes Menschenleben“.
Luise Zietzs anfängliche Unterstützung des ersten Weltkriegs ist schon
ein wenig erschütternd, zumal sie vor der nationalen Erregung von 1914
offenbar recht vernünftige Ansichten zur Nation und dem Töten für diese
geäußert hat. Aber die Demonstration, dass mensch sich von
Kriegspolitik abwenden kann, dass mensch bereit ist, für die Einsicht in
die eigene patriotische Verblendung auch einen Posten im Parteivorstand
aufzugeben: Davon bräuchte es heute erneut viel mehr, hier bei „uns“ wie
auch bei all den „sie“-s rund um den Globus. Weil Zietz diese Großtat
1917 hinbekommen hat, ist sie durchaus eine echte Heldin; vielleicht
etwas gebrochen, aber doch Heldin.
Ich lese gerade „SARS from East to West“, einen Sammelband von Artikeln
zu den Ausbrüchen von SARS-1 zwischen 2002 und 2004, den Eva-Karin
Olsson and Xue Lan 2012, also lang, bevor jemand etwas von SARS-2 ahnte,
herausgegeben haben (ISBN 978-0-7391-4755-9, gibts auch in der Imperial
Library). Es handelt sich wohl um eine Art Abschlussband eines
wissenschaftlichen Projekts irgendwo zwischen Politologie, Zivilschutz
und Militärforschung, das in einer Kooperation zwischen einigen
schwedischen Regierungsstellen und einer Handvoll, nun, regierungsnahen
Bildungseinrichtungen aus China bearbeitet wurde.
Das Ergebnis ist über weite Strecken unfassbar langweilig. Die
AutorInnen beschäftigen sich seitenweise damit, welche Verwaltung wann
mit welcher anderen geredet hat oder wer wann zurückgetreten ist oder
wer vielleicht Gesichter verloren haben könnte. Manchmal habe ich mich
gefragt, ob es Leute gibt, denen sowas ähnlich viel Freude macht wie
AstronomInnen ihre Sterne – oder ob die Motivation, PolitologIn zu
werden, vielleicht ganz anders aussieht als unser „ich will doch nur
spielen“.
Andererseits fühle ich mich gleich daheim, wenn das Buch den
WHO-Mitarbeiter Peet Tüll wiedergibt. Dieser hat während des Ausbruchs
mit der chinesischen Seite die Maßnahmen zur Bekämpfung der
hochkochenden Epidemie diskutiert, wozu im Buch zu lesen ist:
Treffen und Verhandlungen zwischen der WHO und ihren chinesischen
Partnern waren entweder formell oder informell […] Formelle
Verhandlungen waren zäh und hoch politisiert. […] Während der
informellen Treffen waren die Chinesen zugänglicher. [Diese] drehten
sich um Problemlösungen […] Wenn ein chinesischer Partner sich auf
ein informelles Treffen einließ, änderte sich die Frage von einer
politischen zu einer sachlichen.
(Kapitel 5; Übersetzung von mir). Das deckt sich komplett mit meiner
Erfahrung im (wie eben eingestanden durchaus anders gestrickten) Bereich
der Astronomie: Je mehr Arbeitsebene, je weniger Management, desto
produktiver. Was mal wieder die Frage aufwirft, warum daraus niemand
die offensichtlichen Schlüsse zieht…
Das Zimmer 911
Richtig Neues habe ich aus der Chronologie des Ausbruchs gelernt.
Verglichen mit SARS-2 war SARS-1 ja ein recht beschränktes Geschehen mit
gut 8000 bestätigten Infizierten und knapp 800 auf SARS-1
zurückgeführten Toten[1], und so konnten Infektionsketten vielfach
genau nachvollzogen werden. Die für mich Spannendste war die vom Zimmer
911 (das Schicksal ist numerologischen VerschwörungstheoretikerInnen
ganz offensichtlich gewogen) im Hotel Metropole in Hong Kong ausging.
Das ging so: Nachdem SARS-1 schon seit November 2002 im Hinterland von
Hong Kong, der Provinz Guangdong, herumgegangen ist, reist am 21.2.2003
– ein Freitag – der 64-jährige Arzt Liu Janlun von dort nach Hong Kong
und bezieht dieses Zimmer 911, um an einer Familienfeier teilzunehmen.
Zunächst ist er etwas mit seinem Schwager in der Stadt unterwegs,
verbringt dann aber einige Zeit im Hotel. Dort halten sich auch eine
78-jährige Touristin aus Toronto, ein 48-jähriger US-chinesisicher
Geschäftsmann und drei junge Frauen aus Singapur auf. Genauer: Sie alle
wohnen im 9. Stock des Metropole.
Schon am nächsten Tag geht es Liu Janlun so schlecht, dass er ins Kwong
Wah-Krankenhaus geht und, da er selbst vorher SARS-Fälle behandelt
hatte, das Personal dort warnt, er könnte „eine sehr ansteckende
Krankheit“ haben. Nach zehn Tagen Krankenhausaufenthalt, am 4.3.,
stirbt er an den Folgen seiner untypischen Lungenentzündung.
Sein Schwager entwickelt bis zum Dienstag (25.2.) erhebliche Symptome
einer Lungenerkrankung und begibt sich zunächst ebenfalls ins Kwang
Wah-Krankenhaus. Er wird wieder entlassen, muss am 1.3. aber erneut
aufgenommen werden und stirbt schließlich am 19.3. an SARS (das zu
diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht als solches erkannt ist und auch
nicht so heißt).
Die kanadische Touristin fliegt am Sonntag zurück nach Toronto. In
Kanada entwickelt sie recht bald Symptome und stirbt am 5.3. Fünf ihrer
Familienmitglieder stecken sich an und werden in der Folge ebenfalls in
Krankenhäuser aufgenommen. Das erste SARS-Todesopfer, das sich in
Kanada angesteckt hat, ist der 44-jährige Sohn der Touristin.
Auch der Geschäftsmann reist am Sonntag ab. Seine nächste Station ist
Hanoi, wo er am 26.2. ins Französische Krankenhaus eingeliefert wird.
Er braucht rasch Intensivbetreuung und wird am 5.3. zur Weiterbehandlung
zurück nach Hong Kong in das Princess Margeret-Krankenhaus verlegt.
Dort stirbt er am 13.3., offenbar, ohne weiteres Personal anzustecken.
In Hanoi hingegen entwickeln bis zum 12.3. 26 MitarbeiterInnen des
Krankenhauses SARS-Symptome, fünf sind zu diesem Stichtag in kritischem
Zustand.
In Hanoi ist ein Mitarbeiter der WHO, Carlo Urbani, auf den Fall
aufmerksam geworden und meldet ihn eine Woche nach dem Freitagabend auf
dem Gang im 9. Stock, also am 28.2., als möglichen Fall von Vogelgrippe
an das WHO-Büro in Manila, was dort, so steht es in der Chronologie,
einen „heightened state of alert“ auslöst.
Urbani selbst untersucht noch für ein paar Tage in Hanoi die unbekannte
Krankheit, bevor er am 11.3. zu einer Konferenz nach Bangkok
weiterfliegt. Schon bei der Ankunft ist er so krank, dass er dort ins
Krankenhaus eingewiesen wird. Er stirbt am 29.3., ebenfalls an SARS.
Eine der drei jungen Frauen aus Singapur, die am Dienstag nach dem
schicksalhaften Freitagabend dorthin zurückgekehrt ist, wird am
folgenden Samstag mit einer schweren Lungenerkrankung in ein Krankenhaus
in Singapur eingewiesen; auch die beiden anderen zeigen Symptome.
Ein Arzt, der sie behandelt hat, fliegt am 15.3. über Frankfurt nach New
York City. Da er kurz vor dem Abflug Krankheitssymptome angegeben hat,
alarmieren die Behörden von Singapur die WHO, die veranlasst, dass der
Arzt sowie seine Frau und seine Schwiegermutter in Frankfurt aus dem
Flugzeug entfernt werden. Die Familie kommt dort in Isolation, so dass
sogar die BRD ein wenig SARS abbekommt; SARS-1 beschränkte sich hier
aber auf insgesamt 9 Fälle, die alle glimpflich ausgingen (zum
Vergleich: In Kanada starben von 251 bekannten Infizierten 43).
Die Wikipedia berichtet, dass 4000 SARS-Erkrankungen – und damit die
Hälfte der bekannten Gesamtzahl – auf diesen Freitagabend im
Metropole-Hotel zurückgehen. Diese Geschichte war den Leuten, die an
der SARS-2-Prävention im März 2020 überlegten, sicher vertraut – und sie
lässt mich etwas besser verstehen, warum sie Hotels so rasch
runterfuhren und später zunächst eher wirr erscheinende Regeln (etwa
„mindestens ein leeres Zimmer zwischen zwei vergebenen“) verhängten.
Allerdings: SARS hätte es sicher auch anders aus Guangzhou
herausgeschafft. So ist etwa am 8.3.2003 ein Fall in Taiwan
aufgetreten, der sich direkt nach Guangdong zurückverfolgen ließ.
Wahrscheinlich war es global gesehen sogar ein Glück, dass SARS-1 durch
eine schnelle Ausbreitung in gesundheitlich gut überwachten Kreisen
doch recht schnell auffiel.
Der Erfolg jedenfalls, SARS-1 innerhalb von drei Monaten nach dem
Übergang zur Pandemie tatsächlich „besiegt“ zu haben – um mal eines der
dümmeren Wörter aus der Corona-Kommunikation aufzunehmen – dürfte wohl
auch die sture Entschlossenheit der derzeitigen chinesischen Regierung
erklären, SARS-2 aus dem Land zu halten. „Wir haben es schon mal
geschafft, das geht bestimmt wieder“. Nun, das war sicher schon im März
2020 eine Illusion, und wahrscheinlich nicht nur, weil SARS-2 schon in
der Wuhan-Variante doch regelmäßig ein paar Ecken übertragbarer zu sein
scheint als SARS-1. Spätestens jetzt, bei einem Infektionsgeschehen
vier Größenordnungen über dem von SARS-1, ist es absurd, anzunehmen,
SARS-2 würde in absehbarer Zeit verschwinden.
Wir haben jetzt fünf humane Coronaviren, und wer sich nicht über
Nordkorea-Nivau hinaus abschotten will, wird sie früher oder später
laufen lassen müssen. Insofern frage ich mich schon, wie sich die
Regierung in Beijing sich das so vorstellt.
Zur Laborhypothese
Eine zweite SARS-Geschichte, von der ich vorher noch nichts gehört
hatte, betrifft den Ausbruch genau dort, in Beijing, ein Jahr nach der
Pandemie. Das SARS-1-Virus war wie gesagt schon im Juli 2003 wieder
verschwunden, auch wenn im Januar 2004 in Guangdong nochmal zwei Fälle
bekannt wurden – möglicherweise hatten sich diese erneut beim
ursprünglichen Wirt angesteckt.
Am 22.4.2004 (einem Donnerstag) berichtet jedoch das chinesische
Gesundheitsministerium, es gebe einen SARS-Fall in Beijing, und fünf
weitere Personen zeigten verdächtige Symptome. 171 Kontaktpersonen
stünden unter Beobachtung. Am Freitag wird ein weiterer Fall und ein
Verdachtsfall berichtet, dieses Mal aus der Provinz Anhui zwischen
Beijing und Shanghai. Diese Fälle lassen sich offenbar auffällig nahe
an ein Labor der chinesischen Gesundheitsbehörde CCDC zurückführen, so
dass schon am folgenden Montag Vermutungen laut werden, die SARS-Viren
seien bei einem Laborunfall übertragen worden.
Die Behörden reagieren schnell und identifizieren Kontaktpersonen an den
beiden Orten, was in Anhui auf bis zum folgenden Mittwoch auf 154
Menschen führt. Isolation und Quarantäne führen dazu, dass der letzte
bekannte SARS-1-Fall überhaupt einen Monat nach dem Beginn des zweiten
Ausbruchs, am 21.5.2004, aus dem Ditan-Krankenhaus entlassen wird.
Insgesamt waren 2004 wohl um die 1000 Personen in Isolation und
Quarantäne (wenn ich die Chronologie im Buch richtig lese).
Am 1.7.2004 bestätigte der chinesische Gesundheitsminister Gao Quiang,
der Ausbruch sei auf ein Labor der CCDC zurückzuführen gewesen. In der
Folge trat der Direktor der CCDC, Li Liming, zurück, vier weitere
hochrangige Mitarbeiter wurden entlassen.
Ich muss sagen, dass ich die Laborhypothese zum Ursprung von SARS-2 im
Vergleich zur sehr plausiblen Zoonose (ich bin immer noch leicht
traumatisiert von einem Besuch in einem chinesischen
Lebensmittel-Supermarkt, der auf den ersten Blick kaum von einem Zoo zu
unterscheiden war) nie sonderlich überzeugend fand, auch wenn es schon
ein komischer Zufall ist, dass der erste große Ausbruch ausgerechnet in
so großer Nähe zum Wuhan Institute of Virology der Chinesischen
Akademie der Wissenschaften (CAS) stattfand. Aber das ist konsisitent
mit dem generellen …
Da helfen nicht mal mehr Ameisenarmeen: Ein Faultier in einem
Cecropia-Baum. Von hier unter GFDL.
In den Wissenschaftsmeldungen der Forschung aktuell-Sendung am
Deutschlandfunk vom 4.1.22 gab es ab Minute 2:50 eine Geschichte einer
doch sehr überraschenden Symbiose: Ameisen, so heißt es da, verbinden
verletzte Bäume. Nun würde mich so ein Verhalten nicht völlig vom
Hocker hauen – ich bin ja ein Feind der Soziobiologie und
halte das „egoistische Gen“ für einen methodischen Fehler –, aber
Krankenpflege ist schon innerhalb einer Spezies bemerkenswert (gibts
bei Ameisen). Geht sie gar über Speziesgrenzen hinaus, weckt das schon
meine Neugier. Darum habe ich mir das zugrundeliegende Paper
rausgesucht: „Azteca ants repair damage to their Cecropia host plants“
aus dem Journal of Hymenoptera Research, Band 88,
doi:10.3897/jhr.88.75855.
Das erste, was auffällt, ist die Autorenliste: geschrieben haben das
Ding Alex Wcislo, Xavier Graham, Stan Stevens, Johannes Ehoulé Toppe,
Lucas Wcislo, und William T. Wcislo. Das sind einen Haufen Wcislos,
und die Erklärung findet mensch in den Affiliations. William T. ist vom
Tropeninstitut der Smithsonian Institution, alle anderen Autoren kommen
von der International School of Panama – wo ein Forscher-Expat seine
Kinder wohl hinschicken wird – beziehungsweise von der Metropolitan
School in Panama.
In diesem Licht bekommt die Eröffnung des Artikels einen ganz eigenen
Charme, der in dem DLF-Kurzbeitrag ganz und gar fehlt (da war nur die
übliche Rede von „den Forschenden“):
One of us (AW) used a sling shot to shoot a clay ball (9 mm diameter)
at high velocity through an upper internode of a large Cecropia tree,
making clean entry and exit wounds. Within 24 hours both holes were
nearly sealed. This anecdotal observation...
Also: Da hat der kleine Nick^W^W der Sohn des Smithsonian-Biologen mit
einer Zwille oder Steinschleuder rumgeballert und hat es geschafft, ein
Loch durch ein Internodium, also so eine Art Zweig, zu schlagen; nun,
tropische Bäume sind oft relativ weich. Der Lausejunge war aber
Professorenkind genug, um genauer hinzuschauen und festzustellen, dass
Ameisen am Loch rumlaufen und es offenbar zunähen.
Daraufhin haben er, seine Freunde und sein Vater ein richtiges Programm
aufgelegt, um aus der Anekdote etwas wie Wissenschaft zu machen. Sie
haben dazu systematisch Löcher in rund zwanzig Ameisenbäume im Stadtwald
(„opportunistically selected“ schreiben sie) gebohrt, in denen
Aztekenameisen Azteca alfari wohnten. Über deren Symbiose war bisher
vor allem bekannt, dass die Bäume Ameisen schicken, wenn andere Tiere
an ihren Blättern knabbern. Die Ameisen dürfen dafür in den erwähnten
Internodien wohnen (die sind hohl und haben dünne Wände, damit die
Ameisen leicht reinkommen) und bekommen darin sogar lecker Futter (na
ja, im Zweifel Futter für ihre Blattläuse).
Und dann haben die Schülis dokumentiert, was passiert. Das war nicht
immer einfach, wie sie ehrlich berichten:
But ants [also die Ameisen, die an einem Loch arbeiteten] were not
marked so the total size of the repair force is unknown. […]
We greatly thank the Cárdenas police patrols for allowing us to work
safely outdoors during the early days of a pandemic, and tolerating
our activity during severe restrictions on movement.
Sie mussten sich auch auf junge Bäume beschränken, denn die Ameisen
wohnen gerne so weit oben wie möglich und merken dann nicht mehr, was
unten vor sich geht, während die Schülis nicht höher als zwei Meter
kamen: „we selected internodes as high up as we could reach“.
Die resultierende Beobachtung mochte dann schon wieder Material für die
Ethikkommission sein, denn sooo viel anders als bei den ganz
klassischen Begegnungen von Lausbuben und Ameisenhaufen ging es auch
nicht ab, jedenfalls aus Sicht der Ameisen: Diese retteten erstmal
ihre Brut, bevor sie tatsächlich recht oft und überzeugend die
Bohrungen verschlossen. Dieses Gesamtbild aber lässt schon ahnen, dass
sie eher ihren Bau reparierten als ihrem Baum medizinische Hilfe
angedeihen ließen. Dafür spricht auch, dass der Baum im Anschluss ein
eigenes Heilprogramm anwarf und die Wunde komplett mit eigenem Gewebe
auffüllte.
Andererseits: Vielleicht sehen wir hier gerade der Evolution zu, denn es
könnte ja sein, dass Bäume, die Ameisen zu besserer medizinischer
Versorgung anhalten – und das übliche survival of the fittest[1]
würde jetzt dafür sorgen – auch deutlich besser leben als welche, die
einfach nur ganz normale Baumheilung machen?
Was es auch sei: ich war sehr angetan davon, mal ein paar Seiten aus
dem Journal of Hymenoptera Research zu lesen. Dafür, dass es solche
Publikationen gibt, liebe ich die Wissenschaft.
Alufelgen für Autos: Ist das Innovation oder kann das weg?
Mag „Chancengleichheit“ auch der Klassiker der Antisprache sein:
„Innovation“ verdient jedenfalls einen Großpreis fürs Lebenswerk. Der
Grundtrick dabei ist, menschenfeindlichen Quatsch gegen Kritik zu
immunisieren, indem er als neu und schon von daher nützlich und gut –
das ist der antisprachliche Subtext der „Innovation“ – hingeredet wird.
Kritisiert dennoch jemand, kann im Wesentlichen jeder Mumpitz verteidigt
werden mit dem Argument, ewig Gestrige hätten ja schon das Rad oder das
Buch oder Antibiotika verdammt.
Das ist Antisprache, denn natürlich ist es vernünftig, bei irgendwelchen
Plänen oder Techniken erstmal zu überlegen, ob sie überhaupt einem
nachvollziehbarem Zweck dienen könnten und dann, ob dieser Zweck in
einem irgendwie erträglichen Verhältnis zum Dreck steht, den das Zeug
macht. Dass es gelegentlich wirklich nützliche Erfindungen gibt (Rad,
Buch, Antibiotika, LED-Scheinwerfer am Fahrrad), bedeutet nicht, dass
solche Überlegungen irgendwie rückwärtsgewandt sind. Im Gegenteil.
Ohne sie bekommen wir noch regelmäßiger Mist wie, sagen wir, Stuttgart
21 oder gar die Autogesellschaft. Ich gebe zu, dass
„Technikfolgenabschätzung“ klingt wie ein sonnengebleichter
Bürokratenfurz. Aber es ist trotzdem keine schlechte Idee.
Demgegenüber kann „Innovation” auf eine etwas befremdliche Weise
durchaus unterhaltsam werden, etwa wenn mit ernstem Gesicht so
offensichtlich absurdes Zeug vorgetragen wird, dass ich den Verdacht von
Kommunikationsguerilla kaum vermeiden kann. Ein gutes Beispiel für
diese Kategorie (vielleicht unfreiwillig) kenntlicher Antisprache war
Teil der CES-Berichterstattung in Forschung aktuell vom 8. Januar.
Darin versucht Mary Barra, Vorstand von General Motors, ab Minute 4:20
ihr „softwaredefiniertes“ Auto mit folgenden Beispielen schmackhaft zu
machen (Übersetzung DLF):
Das macht es Kunden möglich, die Software ihres Fahrzeuges zu
aktualisieren und neue Inhalte drahtlos herunterzuladen. [...] Die
Technik ermöglicht es beispielsweise, eine Softwareoption
herunterzuladen, um die Beschleunigung des Fahrzeugs zu erhöhen.
Wow. Die Updateritis muss, wenn mein weiteres soziales Umfeld nicht
komplett exotisch ist, so in etwa der unpopulärste Aspekt der
„Digitalisierung“ überhaupt sein. Das zu ermöglichen (und damit: zu
verlangen, denn was ins Netz kann, muss für rasche Bugfixe geplant
werden) soll jetzt ein Argument sein, sich eine „Innovation“
einzutreten?
Der zweite Teil von Barras Sales Pitch ist eigentlich noch wilder: GM
hat ja meine Sympathie, wenn es seine Fahrzeuge per Computer
runterregelt. Aber so offen zugeben, dass sie planen, künstlich
verschlechterten Kram zu verkaufen – denn mal ehrlich: solange mensch
keinen neuen Motor runterladen kann, sind die Extra-PS, die ein Download
liefern kann, in einem bereits ab Werk ordentlich designten System eher
dürftig –, um obendrauf den KundInnen Freischaltungen für Krempel
anzudrehen, den sie eigentlich schon bezahlt haben: das ist schon stark.
Hätte Frau Barra das in einem Beichtstuhl gesagt, hätte ihr nach so
offenen Bekenntnissen Absolution erteilt. Wenn sie hinreichend viel Reue
gezeigt hätte.
Eine regierungskritische Studidemo 2003 in Frankfurt: „Solidarität mit
Florida-Rolf“ klingt lustig, war aber eine beißende Kritik an
Durchsetzung von Sozialabbau mittels populistischer Hetze, die damals
(und zumindest noch in die ersten Hartz-Gesetze hinein) ein die
Bildzeitung, Rot-Grün und die DGB-Spitze einschließender Mainstream
war.
Hatte ich mich gestern noch lustig gemacht darüber, dass Personalien
derzeit in den Nachrichten vor heißen Corona-Stories laufen, lese ich
heute von einer, die ich doch weit vorn in eine Nachrichtensendung
gesetzt hätte: Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird Yasmin Fahimi
neue Vorsitzende des DGB.
Nun ist es (nicht nur) in Gewerkschaften ganz normal, dass sich mit
jeder Hierarchiebene die zahmen, karriereorientierten, konservativen
Personen anreichern[1]. Die Causa Fahimi ist jedoch so extrem,
dass die taz zu loben ist für die Platzierung von Anja Krügers
treffendem Kommentar auf der ersten Seite der taz vom Donnerstag.
Auch ich als mäßig aktives GEW-Mitglied kann diese Geschichte allenfalls
mit einer guten Lupe von einer schleichenden Selbstentleibung des DGB zu
unterscheiden.
Dass die IG BCE, innerhalb des DGB an reaktionärer Gesinnung nur noch
von der Gewerkschaft der Polizei überboten, jetzt nochmal den
DGB-Vorsitz übernimmt, und dann noch mit einer rechten SPDlerin, das ist
ein offener Affront gegen alle, die in den Gewerkschaften eine
Wiederholung der Katastrophe von 2002 verhindern wollen. Damals hielten
die DGB-Gewerkschaften weitgehend ruhig, als Rot-Grün einen auch im
Rückblick atemberaubenden Abbau von sozialen Rechten und Möglichkeiten
betrieb, mit absehbaren Folgen für die Motivation der Mitgliedschaft wie
auch die politische Orientierung von Menschen, die eigentlich
gewerkschaftlich organisiert sein müssten und jetzt stattdessen AfD
wählen (ich habe dafür immer noch keine bessere Umschreibung gefunden
als „Turkeys voting for Christmas“).
Ein vergleichbarer Angriff auf soziale Rechte wird vermutlich auch von
der gegenwärtigen Regierung kommen. Dochdoch, es gibt schon noch
einiges zu demontieren in den Überresten des Sozialstaats. Wenn der DGB
im Kampf gegen diese Demontagen mit dem Gesicht einer SPD-Jasagerin
dasteht, ist das der Königsweg. In die Irrelevanz.
Und das ist auch dann keine gute Nachricht für die Einzelgewerkschaften,
wenn in denen bereits jetzt meist nur Augenrollen kommt, wenn wieder
Leute für irgendwelche DGB-Gremien gesucht werden. So hatte sich Joe
Hill die O.B.U. nicht vorgestellt.
Vgl. auch Schurken und Engel. Entgegen dem dort
simulierten Konkurrenzprinzip kann ich im Gewerkschaftsfall aber aus
erster Hand berichten, dass die Reproduktion des
Schurkigkeitsgradienten im Wesentlichen durch eine Art Kooptation
passiert, bei der jeweils in der höheren Ebene arbeitende
FunktionärInnen sich ihren Nachwuchs sorgfältig und listenreich aus
den niedrigeren Ebenen handverlesen und dabei Menschen präferieren,
deren Politikverständnis nicht zu weit von dem ihren abliegt. Diese
Personen dann auch durchzusetzen ist einfach, weil verständlicherweise
kaum mehr jemand Lust hat auf Gewerkschaftsarbeit, also alle froh
sind, wenn sich überhaupt irgendwer findet.
Ich beobachte derzeit fasziniert die Reihenfolge der Beiträge in
Nachrichtensendungen. Wir haben Corona-Zahlen, die noch vor zwei
Monaten helle Panik ausgelöst hätten – 200000 gemeldete Neuinfektionen
am Tag, eine bundesweite 7-Tages Inzidenz über einem Prozent –, und
entsprechende Meldungen kommen zumindest bei ARD und DLF, wenn
überhaupt, weit hinter Mumpitz wie der Frage, ob wohl ein Herr Merz oder
ein Herr Brinkhaus der CDU-Fraktion im Bundestag vorsitzen wird (mal
ehrlich: Wer wirds merken?).
Aber vielleicht ist das auch besser so; denn auch wenn sich das
derzeitige Tempo wahrscheinlich noch nicht durchhalten lässt, wenn sich
die Altersverteilung der Infizierten nach oben verschiebt, mag es sein,
dass es ohne grobe Notbremsen gerade jetzt geht, und wenn der nächste
Winter halbwegs normal laufen soll, sollten wir auch gar nicht so arg
einbremsen (und auch nicht im Interesse der 70-Jährigen).
Gestern allerdings hätte es eine spektakuläre Nachricht gegeben, die ich
ganz vorne in meine Sendung gepackt hätte, wenn ich Redakteur wäre: Mit
Omikron ist SARS-2 in gewissem Sinn fertig. Woher ich das weiß? Nun,
meine Lieblingsrubrik im RKI-Wochenbericht kommt schon seit langem von
der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI; ich hatte die schon mal
zitiert), die Woche um Woche berichtet, was so umgeht an Erregern von
Atemwegserkrankungen. Im Bericht von gestern findet sich das auf
Seite 14, und da steht:
In der virologischen Surveillance der AGI wurden in KW 3/2022 in
insgesamt 66 von 112 eingesandten Proben (59 %) respiratorische Viren
identifiziert. Darunter befanden sich 23 Proben mit SARS-CoV-2 (21 %),
15 mit humanen saisonalen Coronaviren (hCoV) (13 %), zwölf mit
Rhinoviren (11 %), elf mit humanen Metapneumoviren (10 %), jeweils
drei Proben mit Parainfluenzaviren (3 %) bzw. mit Respiratorischen
Synzytialviren (RSV) (3 %) sowie eine Probe mit Influenzaviren (1 %).
Das ist spektakulär, weil, wenn ich nichts übersehen habe, nie zuvor
während der ganzen Pandemie SARS-2 in den Infektionszahlen unsere
gewohnten humanen Coronaviren überholt hat.
Und es heißt ziemlich sicher: SARS-2 ist jetzt bis auf einen kleinen
Faktor so gut an den Menschen angepasst, wie das Coronaviren halt können
– die anderen vier hatten ja schon mindestens hundert Jahre Zeit für
ihre Optimierung (der jüngste könnte seit 1889 umgehen; zumindest
vermuten viele Leute, die Russische Grippe könne die letzte wirklich
tödliche Coronapandemie vor SARS-2 gewesen sein), und wenn SARS-2 in
deren Liga aufgestiegen ist, wird es wohl keine weltbewegenden
Erfindungen mehr machen können; in diesem Sinne wäre es, na ja,
„fertig“.
Mensch könnte spekulieren, SARS-2 könne einen Vorteil haben, weil es für
die meisten Menschen hier immer noch neu ist, während sie die anderen
vier schon aus dem Kindergarten kennen. Per Bauchgefühl bezweifele ich
den Vorteil allerdings, denn die vielen Geimpften – und niemand ist
gegen eines der anderen Coronaviren geimpft – machen es SARS-2
vermutlich ziemlich ähnlich schwer wie die vorhergegangenen Infektionen
den anderen.
Zum Schluss nochmal Fanpost an die AGI: Ich halte das für hochrelevante
Forschung mit minimalem Eingriff in die Privatsphäre von Kranken, small
data im besten Sinn (wobei ich zugebe, dass mir das noch besser gefallen
würde, wenn das Sample etwas größer wäre; in Zeiten wie diesen sollten
sich doch 500 bis 1000 Proben finden). In meiner Fantasie sind die
AGI-Leute und ihre Sentinelpraxen so wie die Waldläufer im Herrn der
Ringe, die durch die Wildnis ums Auenland streichen und, ohne dass es
viele merken, die Augen offen halten. Helden!
Würdest du diesen Apfel in einem Supermarkt kaufen? Geht nicht mehr.
Ich habe ihn vorhin gegessen. Also: Das, was Wurm und
Balkonlagerung davon übrig gelassen haben. Auf der anderen Seite
dürfte das Ding einen Behandlungsindex um die Null gehabt haben –
siehe unten.
Neulich hat die Parteistiftung der Grünen, die Böll-Stiftung, einen
Pestizidatlas herausgegeben, eine Sammlung von Infografiken und
Karten über den Einsatz von Giften aller Art in der Landwirtschaft. Wie
üblich bei diesen Atlanten, haben sie das dankenswerterweise unter CC-BY
publiziert, und besser noch: Die Sachen sind auch ohne Javascript leicht
zugänglich[1].
Ich hatte mir davon einige Kopfzahlen erhofft, denn ich habe wirklich
kein gutes Gefühl dafür, was so an Giften auf den Feldern (und
Weinbergen!) in meiner Umgebung landet und was das bedeutet. In der
Hinsicht hatte ich kein Glück. Im Atlas gibts zwar haufenweise Zahlen,
aber wirklich überzeugen konnten mich nur wenige, oft genug, weil sie
letztlich Metriken ohne Bedeutung sind. Ein gutes Beispiel für diese
Kategorie ist die Masse der Agrochemikalen (verwendet z.B. auf S. 11, S.
15, S. 44), die wohl als Proxy für „Umfang des Gifteinsatzes“ stehen
soll.
Das halte ich für profund fehlerhaft. Neonikotinoide, Glyphosat und DDT
(um mal ein paar Pole aufzumachen) sind in spezifischer Giftigkeit,
Wirkprofilen, Umweltauswirkungen, Kinetik und eigentlich jeder anderen
Hinsicht fast völlig verschieden voneinander. „Eine Tonne Pestizid“
sagt daher so gut wie nichts aus. Obendrauf kommt noch ein kleiner
Faktor Unsicherheit, ob sich die Masse auf Wirkstoffe, fertige
Rezepturen oder irgendwas dazwischen bezieht, aber das wird wohl in
diesem Geschäft kaum mehr als einen kleinen Faktor ausmachen –
verglichen mit dem Grundproblem (in dem wir vermutlich über Faktoren von
einigen tausend sprechen) wohl vernachlässigbar.
Ähnlich schwerwiegende Einwände hätte ich zur breiten Mehrheit der
Zahlen in dem Atlas: Vage beeindruckend, aber immer ein gutes Stück
unterhalb der Schwelle von Wohlfundiertheit und allgemeinen
Anwendbarkeit, die ein paar Ziffern zu einer Orientierung gebenden
Kopfzahl machen könnten.
Es gibt jedoch auch ohne schlagende Zahlen von werkübergreifender
Bedeutung einige Einsichten, die wertvoll sind, so etwa auf S. 33 die
Bankrotterklärung der Idee, durch grüne Gentechnik den Pestizideinsatz
zu reduzieren. In Brasilien, wo transgene Pflanzen die
Landwirschaft vollständig dominieren, sind 2019 47% mehr Pestizide
ausgebracht worden als 2009. Gut: Soja (darauf schaut der Rest der
Grafik, und das wird wohl auch den Pestizidverbrauch dominieren) ist in
diesem Zusammenhang ein schlechtes Beispiel, denn das populäre transgene
Soja („Roundup ready“) ist ja gerade designt, um große Mengen Herbizide
zu überleben. Dazu sind wieder blind Massen angegeben, und die angesichts
galloppierender Rodungen in Brasilien vermutlich rasch wachsende
Anbaufläche wäre eigentlich auch noch einzurechnen, wenn die Zahlen
einen analytischen Blick erlauben wollten.
Aussagekräftiger wären für die behandelte Frage Zahlen für Mais gewesen
(nämlich den mit der Bt-Abwehr gegen den Maiszünsler) und folglich auch
Insektizide beim Mais. Aber seis drum: Die Grafik zeigt auch ohne
methodische Strenge, dass es so nicht weiter gehen kann.
A propos Mais: Dass der mit recht wenig Chemie auskommt, hat mich schon
verblüfft:
Grafik von Seite 14 des Pestizidatlasses. Die Caption im Atlas deutet
an, dass der „Behandlungsindex“ etwas wie die mittlere Anzahl von
Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln ist; ob das wirklich so ist: Wer
weiß? CC-BY Pestizidatlas
Dass Wein heftig pflanzengeschützt wird, ist hier in der Gegend
unübersehbar. Bei Hopfen und Äpfeln überrascht es mich aber, denn
hiesige Apfelbäume in Streulagen, um die sich im Wesentlichen niemand
kümmert, liefern durchaus sehr essbare Äpfel; hinreichend viele und
große, um mir den ganzen Winter über die Basis für mein Frühstücksmüsli
zu liefern (das Foto oben zeigt den von heute).
Klar haben fast alle Hautdefekte, und in vielen wohnte auch mal ein Wurm
– aber das tut ihrer Essbarkeit wirklich keinen Abbruch. Aus dieser
Erfahrung heraus hätte ich erwartet, dass schon mit recht moderaten
Interventionen supermarktkompatible Äpfel erreichbar wären. Das
stimmt offenbar so nicht. Die letzten 50% zum makellosen Produkt – und
wahrscheinlich auch die Spalierzucht in Monokultur – scheinen Äpfel von
einer ganz einfachen zu einer ganz heikelen Kultur zu verwandeln.
Meine Lieblingsgrafik ist schließich auf Seite 39:
Eine Kopfzahl gibt auch das nicht her. Als Beleg für das alte
Motto „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ kann das aber durchaus
durchgehen. Und als Illustration dafür, wie problematisch es ist,
Wissenschaft – wie wir das in unserer Drittmittelkultur nun mal tun –
über Geld zu regulieren.
Na ja, blöderweise ist ohne Javascript so ein doofes
animiertes GIF neben jedem Ding, das runtergeladen werden kann. Tipp
an die WebseitenmacherInnen: Wenn ihr diese Sorte Gimmick schon
braucht, stattet ihn doch wenigstens mit einem display: none im
CSS aus. Per Javascript könnt ihr das display-Attribut dann nach
Bedarf konfigurieren. Nettoeffekt: UAs ohne JS (aber mit elementarem
CSS) sehen keine blinkenden Trümmer.
„I dreamed I saw Joe Hill last night, alive as you and me“ – so fängt
ein Klassiker des Arbeiterlieds an, der mich spätestens bei „And smiling
with his eyes,/ says Joe, what they could never kill/ went on to organize“
immer sehr ergriffen hat, auch in seinen Aktualisierungen wie etwa I
dreamed I saw Judi Bari last night von David Rovics.
Was ich nicht wusste: In das Bewusstsein der (halbwegs) modernen Linken
hat das Lied Joan Baez gebracht, als sie es beim Woodstock Festival
aufführte. Trivia? Klar. Noch viel mehr davon habe ich gestern
gehört, als der Deutschlandfunk-Freistil vom 12.12.2021 („Die Asche
von Joe Hill”) in meinem asynchronen Radio drankam.
Diese Sendung hätte ich offen gestanden als außerhalb der Grenzen des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegend eingeschätzt. Einerseits, weil
es um grenzwertig kannibalistische Praktiken geht – allerdings stark
grotesk-gutgelaunte (lest zumindest mal die Zusammenfassung). Das ist
nicht anders zu erwarten, da Abbie Hoffman im Spiel ist, der schon
mal als Angeklagter in Richterroben auflief, sich mit dem Stinkefinger
vereidigen ließ und wesentlichen Anteil hatte, dass um ein Haar ein
Schwein US-Präsidentschaftskandidat (statt des heute zu Recht
vergessenen Hubert Humphrey) geworden wäre.
Andererseits finde ich die Sendung doch recht DLF-mutig, weil sie am Ende
schon nachgerade revolutionär wird. Schon die Beschreibung der blutigen
Repression gegen die Wobblies in den USA bereitet auf klare Worte vor:
Mit dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg erlebten die Wobblies
eine brutale Verfolgung. Sie wurden als unpatriotisch gebrandmarkt
[ich hoffe doch: zu Recht!], viele wurden verhaftet, einige gelyncht,
manche verließen das Land.
Dies ist natürlich auch eine Erinnerung daran, dass es schlicht keine
größere Katastrophe gibt als Kriege und es wirklich Zeit wird, auch im
Interesse des liberalen Rechtsstaats endlich Schluss zu machen mit
all dem Militärquatsch.
Vor allem aber schließt der Film mit der Sorte revolutionärem
Optimismus, der mir in der derzeitigen radikalen Linken eigentlich fast
überall fehlt. Ich mache ja die generelle Miesepetrigkeit, Coolness und
Belehrsucht in unseren Kreisen schon etwas mitverantwortlich dafür, dass
„konservative“ bis faschistische Gedanken in erstaunlich vielen
Studihirnen (und, schlimmer noch, unter weniger Privilegierten) Raum
greifen.
Wie viel hoffnungsvoller klingt, womit Otis Gibbs die HörerInnen aus der
Sendung entlässt (Übersetzung des DLF; das Original, wo ich es hören
kann, scheint mir noch eine Spur ergreifender):
Ich habe ein sehr gutes Gefühl, was die Zukunft angeht, und ich denke,
es ist nur eine Frage der Zeit, bis sehr gute Sachen in Amerika
passieren. Jetzt lastet noch eine Dunkelheit auf uns allen, und ich
spüre sie wie jedeR andere auch. Aber ich treffe auch Menschen, die
einem Mut machen, und sie sind alle jung. Sie sind Idealisten. Wir
müssen nur diese schreckliche Zeit, in der wir leben, überleben, bis
die jungen Leute das Ruder übernehmen und die Welt zu einem viel
besseren Ort machen.
So ganz von selbst wird das wohl nicht gehen, aber es ist jedenfalls der
viel bessere Ansatz als… na ja, wie ich gerade damit zu hadern, dass
unser schnarchiger DGB beängstigend nahe dran ist an der One Big Union,
die Joe Hill und die Wobblies mal im Sinn hatten. Jaja, ich hadere ja
schon nicht mehr.
Ich kann gar nicht genau sagen, warum genau mich das als symbolisch
für Religion in der Moderne hingerissen hat: die Kombination aus
offensichtlich unsinniger Tradition (die Rüstungen) und modernen
Einsichten (Viren, Tröpfcheninfektion)? Das Festhalten an unsinnigen
Prozeduren (hier: eng stehen, laut brüllen), auch wenn diese mit
erkennbaren Risiken verbunden sind, die mensch leicht vermeiden könnte?
Oder wars nur, dass die Mundschutze in dieser Situation annäheernd leere
Demonstration waren, denn vergleichen mit dem, was dann nachher in den
Umkleiden[1] stattfindet, ist das Infektionsrisiko am
durchpusteten Petersplatz trotz des zu geringen Abstands fast
vernachlässigbar (na gut, jedenfalls, wenn sich die Leute bereitgefunden
hätten, aufs Rumbrüllen zu verzichten).
Oder der Kaserne? Leider geht aus dem Wikipedia-Artikel zur
Schweizergarde nicht hervor, ob die Leute kaserniert sind oder
nicht. Dafür steht dort zu lesen, dass auch der Papst statt auf
ordentliche Schutzengel doch eher auf die Maschinenpistole 5 aus der
Todesfabrik von Heckler und Koch in Oberndorf am Neckar setzt.
Außerdem im Artikel: Ein Link auf die nachgerade klischeereine
Geschichte um den Mord an dem Kommandanten Alois Estermann.
Manchmal, so scheint es, stimmt der Bibelspruch doch: Wer das Schwert
ergreift, wird durch das Schwert umkommen.
Ich persönlich bin ja überzeugt, dass Public Health-Studien in einer
mindestens ebenso dramatischen Replikationskrise stecken wie Studien
in der Psychologie. Die Überzeugung resultiert in erster Linie aus
einer Überdosis von Papern zu Broccoli oder Spirulina als „Superfoods“,
aber eigentlich glaube ich im Groben gar keiner Studie, die
Lebensgestaltung mit Lebenserwartung zusammenbringt, ohne eine
wenigstens annähernd plausible mechanistische Begründung zu liefern (im
Idealfall natürlich so stringent wie bei der erblichen
Hypomagniesiämie).
Manchmal jedoch sind epidemiologische Befunde einfach zu schön für
Skepsis. Der Wille zum Glauben regte sich bei mir beispielsweise bei
„Accelerometer-derived sleep onset timing and cardiovascular disease
incidence: a UK Biobank cohort study“ von Shahram Nikbakhtian et al
(doi:10.1093/ehjdh/ztab088). Politikkompatibel formuliert
behauptet die Arbeit, mensch solle zwischen 10 und 11 ins Bett gehen, um
möglichst alt zu werden; so in etwa war es auch in Forschung aktuell
vom 9.11.2021 zu hören (ab 2:58).
Aus dem Paper von Nikbakhtian et al: Ein „graphical abstract“. Wer
bitte ist auf die Idee gekommen, alberne Piktogramme würden beim
Verständnis eines wissenschaftlichen Aufsatzes helfen? CC-BY-NC
Nikbakhtian et al.
Angesichts meiner spontanen Sympathie für das Ergebnis wollte ich ein
besser fundiertes Gefühl dafür bekommen, wie sehr ich dieser Arbeit
misstrauen sollte – und was sie wirklich sagt. Nun: abgesehen vom
„graphical abstract“, das auf meinem crap-o-meter schon nennenswerte
Ausschläge verursacht, sieht das eigentlich nicht unvernünftig aus. Die
AutorInnen haben um die 100000 Leute eine Woche lang mit
Beschleunigungsmessern schlafen lassen, und ich glaube ihnen, dass sie
damit ganz gut quantifizieren können, wann da wer eingeschlafen und
wieder aufgewacht ist.
Dann haben sie fünf Jahre gewartet, bis sie in der UK Biobank – einer
richtig großen Datenbank mit allerlei Gesundheitsdaten, in die
erstaunlich viele BritInnen erstaunlich detaillierte Daten bis hin zu
ihren Gensequenzen spenden[1] – nachgesehen haben, was aus ihren
ProbandInnen geworden ist.
Eigentlich nicht schlecht
Ein Projekt, das sich fünf Jahre Zeit lässt, ist schon mal nicht ganz
verkehrt. Weiter haben sie ihre Datenanalyse mit R und Python gemacht
(und nicht mit proprietärer klicken-bis-es-signifikant-istware wie
SPSS oder SAS, oder gar, <gottheit> bewahre, Excel), was auch kein
schlechtes Zeichen ist. Klar, es gibt ein paar kleine technische
Schwierigkeiten. So haben sie zum Beispiel notorische SchnarcherInnen
(„Schlafapnoe“) ausgeschlossen, so dass von ihren gut 100000
ProbandInnen am Schluss zwar gut 50000 Frauen, aber nur knapp 37000
Männer übrig geblieben sind.
Dann gibt es Dinge, die in der Tabelle 1 (S. 4 im PDF) seltsam wirken,
aber wohl plausibel sind. So schätzen sich ein Drittel der
TeilnehmerInnen selbst als „more morning type“ ein – wo sind all die
Morgentypen in meiner Bekanntschaft? Und warum schätzen sich 27% der
Leute, die erst nach Mitternacht einschlafen, als „more morning type“
ein (14% sogar als „morning type“)? Kein Wunder, dass die armen Leute
dann allenfalls sechs Stunden Schlaf kriegen, die
Nach-Mitternacht-SchläferInnen sogar nur fünfeinhalb. Oh grusel.
Und die Tabelle gibt her, dass die Diabetesrate bei den
Nach-Mitternacht-SchläferInnen erheblich höher ist als bei den
Früher-SchläferInnen (fast 9% gegen um die 5.5%) – ist das eine Folge
von Chips auf dem Sofa beim Fernsehkonsum? Ganz überraschend fand ich
schließlich den niedrigen Anteil von RaucherInnen, der in allen Gruppen
deutlich unter 10% lag. Das, denke ich, würde in der BRD auch bei der
betrachteten Altersgruppe (meist älter als 50) noch ganz anders
aussehen. Aber ich vermute eher, dass RaucherInnen in der (nach
meiner Erinnerung auf freiwilliger Rekrutierung basierenden) Biobank
stark unterrepräsentiert sind. Das wirft dann natürlich Fragen
bezüglich anderer Auswahleffekte in der Testgruppe auf.
Wie dem auch sei: Das Ergebnis am Schluss war, grafisch zunächst sehr
beeindruckend (Abbildung 2 in der Arbeit), dass Leute, die zwischen 10
und 11 einschlafen, deutlich weniger Herz-Kreislauf-Probleme haben als
die anderen, ein Ergebnis, das mir gut gefällt, denn ich werde recht
zuverlässig gegen 22 Uhr müde und bin dann froh, wenn ich ins Bett kann.
Aber leider: Wenn mensch z.B. die erhöhte Diabetesrate rausrechnet,
bleibt von dem Schlaf-Effekt nicht mehr viel übrig, jedenfalls nicht bei
Männern, bei denen nur die Frühschläfer gegenüber Andersschläfern
signifikant erhöhte Risiken hatten. Diese ließen sich recht zwanglos
erklären, wenn das z.B. Schichtarbeiter gewesen wären, denn die
Korrelation zwischen Schichtarbeit und Herzgeschichten ist wohlbekannt.
Das ist aus meiner Sicht ohnehin die größte Schwierigkeit des Papers: Da
Armut und Reichtum in westlichen Gesellschaften der beste Prädiktor für
die Lebenserwartung ist[2], hätte ich gerne eine Kontrolle gegen die
Klassenzugehörigkeit gesehen. Aber ich vermute, dass die Biobank
solchen Einschätzungen aus dem Weg geht.
Was verständlich ist, denn diese könnten ja den Schwefelgeruch des
Klassenkampfs verströmen. Der wäre bei der vorliegenen Studie sicher
auch deshalb besonders unwillkommen, weil die AutorInnen alle für den
Gesundheitshöker Huma arbeiten, der, wenn ich den Wikipedia-Artikel
richtig lese, auch im Geschäft mit Fitnesstrackerei unterwegs ist.
In deren Welt jedoch ist jedeR seiner/ihrer Gesundheit Schmied, so dass
für Klassenfragen besonders wenig Platz ist.
Global Burden of Disease
Eine weitere Entdeckung habe ich beim Reinblättern ins Paper gemacht,
weil ich schon den ersten Satz nicht glauben wollte:
Cardiovascular disease (CVD) continues to be the most significant
cause of mortality worldwide, with an estimated 18.6 million deaths
each year.
Das schien mir gewagt, denn unter der (falschen) Annahme eines
Gleichgewichts müssten bei rund 8 Milliarden Menschen mit einer
Lebenserwartung von 100 Jahren 80 Millionen im Jahr sterben; auf einen
Faktor zwei wird das trotz starken Wachstums vor allem in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts (senkt die Todesrate, weil ja mehr Menschen
relativ jung sind) sowie gegenläufig geringerer Lebenserwartung schon
stimmen. Wenn die 80 Millionen hinkämen, würden
Herz-Kreislaufgeschichten 20% der Todesursachen ausmachen. Das soll
schon die Nummer 1 sein? Tja – ich bin dem Literaturverweis gefolgt.
Dabei kommt mensch bei den Global Burden of Disease-Daten (GBD) eines
Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of
Washington heraus, einer Übersicht über das, woran die Leute auf der
Welt so sterben und wie viele Lebensjahre was kostet. Nur nur, weil da
„Metrik“ drinsteht, wäre an der ganzen Anlage der Daten schon viel zu
kritisieren – die Wikipedia bespricht z.B. in ihrem Artikel zu DALY
einige Punkte. Und natürlich ist das „Tool“, über das mensch die Daten
nutzen soll, wieder so eine Javascript Only-Grütze.
Aber spannend ist das doch, angefangen bei der Ansage von GBD, es
stürben derzeit weltweit rund 56.5 Millionen Menschen pro Jahr. Dabei
geben die GBD-Leute ein – Vorsicht, unverantwortlicher Natwi-Jargon – 2
σ-Intervall, also 95%-Konfidenzbereich, von 53.7 bis 59.2 Millionen; so
große Fehlerbereiche verstärken tatsächlich mein Zutrauen zu diesen
Daten, denn wenn ich mir so das globale Meldewesen vorstelle, scheint es
sehr nachvollziehbar, dass drei Millionen Tote mehr oder weniger nicht
ohne weiteres auffallen. Sie verlören, und dabei wirds allmählich
wirtschafts„wissenschaftlich“, dabei 1.7 Milliarden Lebenjahre an
Krankheiten und ähnliches.
Ich muss mich demnächst mal mehr damit beschäftigen. Schade, dass der
November schon vorbei ist. Das wäre eine sehr jahreszeitgemäße
Tätigkeit gewesen.
Auch einer meiner Lieblingskollegen tut das. Als wir uns
mal drüber unterhalten haben, meinte er etwas wie: Ich dachte mir
schon, dass du das komisch findest. Meine Antwort war: Nun, nicht per
se, aber doch in einem Staat, der selbst von Kindern DNA-Profile
einsammelt, um damit flächendeckend Ladendiebstahl aufzuklären.
Gut, das ist jetzt etwas provokant, zumal „bester“ ja immer
eine Menge braucht, innerhalb derer verglichen wird, und über dieser
eine Totalordnung, was für ziemlich viele praktisch relevante Mengen
schon mal nicht (eindeutig) gilt. Hier: klar ist der Unterschied der
Lebenserwartung für Leute mit und ohne amyotrophe Lateralsklerose noch
größer als der zwischen armen und reichen Menschen, so dass „hat ALS”
mit einigem Recht als „besserer“ Prädiktor bezeichnet werden könnte.
Aber „ist arm“ erlaubt für weit mehr Menschen eine recht
starke Aussage. Deshalb kann ich, ohne nur zu provozieren, mit
mindestens gleichem Recht von „besser“ reden. Ist halt eine andere
Ordnungsrelation. Oder eine andere Menge, in der exotische
Prädiktoren gar nicht vorkommen.
Nur, damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin ein großer Fan
von Argelander, so groß, dass ich zu seinem Grab in Bonn gepilgert
bin.
Als ich heute morgen bei heise online einen Artikel las, in dem die
Entdeckung eines braunen Zwergs (oder meinethalben auch einen besonders
großen Riesenplaneten) durch einen Amateurastronomen verkündet wurde,
musste ich traurig lächeln, denn das Objekt, um das es ging, hieß dort
– und, wie sich rausstellt, sogar in der Originalarbeit
(doi:10.3847/1538-4357/ac2499; open access arXiv:2112.04678) –
„BD+60 1417b“.
Was ist daran traurig? Nun, das „BD“ darin bezieht sich auf die Bonner
Durchmusterung, ein eingestandenermaßen epochales Werk. Nur eben
eines mit dem Äquinoktium B1855.0, was aus dem Astronomesischen
übersetzt „echt retro“ heißt. Genau: Die 1855 steht so in etwa für das
bürgerliche Jahr 1855; wer genau nachrechnet, kommt auf den 31.12.1854,
kurz vor zehn am Abend, aber legt mich jetzt bitte nicht auf die
Zeitzone fest. Was Erdkoordinaten angeht, haben manche Leute damals
noch mit der Längenzählung in Paris angefangen. „Äquinoktium B1855.0“
ist tatsächlich ein wenig mit sowas vergleichbar, denn es bezeicnet
letztlich eine Art, den Himmel in Länge und Bereite aufzuteilen.
Damit will ich nichts gegen die Arbeit von Friedrich Argelander – der
hat das damals in der Hand gehabt – gesagt haben. Im Gegenteil: sie war
unglaublich wertvoll, und es ist heute kaum glaublich, dass Menschen
(statt Computer) überhaupt 325000 Sterne beobachten und die
Beobachtungen reduzieren können. Aber der Kram ist halt Mitte des
vorletzten Jahrhunderts beobachtet worden, und die abschließende
Publikation war 1903.
Dass Bezeichner aus Arbeiten vor der Publikation der speziellen
Relativitätstheorie noch in einer Arbeit vorkommen, die mit Daten von
einem Weltraumteleskop im mittleren Infraroten operiert, ist
schon, na ja, zünftig, zumal eine schnelle Simbad-Anfrage reichlich
weniger angestaubte Bezeichnungen geliefert hätte; vermutlich hätte ich
das Ding aus persönlicher Verbundenheit PPM 18359 genannt, oder dann
halt SAO 15880. Die wirklich aktuellen Gaia-Bezeichnungen hingegen
(„DR2 1579929906250111232“; ich habe gerade nachgesehen: die Nummer
bleibt im DR3) – ach ja, die sind vielleicht wirklich nicht so gut für
Menschen geeignet. Dabei sind sind die monströsen Ziffernfolgen nur 64
bit… eigentlich sollte es da eine menschenwürdigere Kodierung geben.
Hm.
Aber am Ende: es ist wieder die Macht der Tradition, die ich gerade für
die Astronomie schon jüngst beklagt hatte, als es in Fußnote 1 um
die in dem Bereich einfach nicht verschwinden wollenden sexagesimalen
Koordinaten ging. Unter diesen Umständen würde ich mir vielleicht auch
keine allzu große Mühe geben mit lesbaren Kodierungen von 64-bit-Zahlen.
Nachdem ich hier schon zwei andere Patzer in Live-Übertragungen
diskutiert habe, wird es klar Zeit für ein neues Tag: Live. Ich habe
nämlich noch eine schöne und motivierende Reaktion auf technische
Probleme in einer Live-Sendung [kommt es nur mir vor, als würde deren
Rate zunehmen? Das wäre dann wohl Beleg für Digitalisierung…].
Wieder sind es vor allem Erinnerungen an eigene Telecons, die mir
Volkart Wildermuths Ausbruch in der Forschung aktuell-Sendung vom
19.11.2021 (Kudos an den DLF, dass sie die Panne nicht aus der
Archiv-Sendung rausgeschnitten haben) so sympathisch machen:
—Rechte beim Deutschlandfunk
Der Seufzer bei Sekunde 27! Ich erkenne mich so wieder. Genau mein
Geräusch, wenn der doofe Chromium (wer ist eigentlich auf die
hirnrissige Idee gekommen, ausgerechnet in Webbrowsern Telecons zu
halten?) wieder genau das Alsa-Audiodevice nicht findet, über das ich
sprechen will.
„Mann! Dann ruft mich an.“ Absolut ich. Bis in den Tonfall.
„Das glaub ich jetzt nicht.“ Wie oft habe ich das schon gesagt speziell
seit Corona, etwa, wenn der fiese closed-source zoom-Client (immerhin
kein Web-Browser!) genau das xephyr-Fenster nicht zum Screenshare
anbietet, in dem ich den Kram zeigen wollte (stattdessen aber alle
Fenster von Dockapps, die er jetzt wirklich anhand ihrer Properties
hätte rausfiltern können)? Das ganze Elend mistiger und unfixbarer
proprietärer Software, der Horror von Javascript-Salat, zu deren Nutzung
mich die Technikfeindlichkeit (im Sinne von: ich nehme halt das
Bequemste und Vorgekochteste, was es nur gibt) meiner doch angeblich so
digitalisierungslustigen Umwelt so nötigt: „Ach, Mann, das glaub ich
jetzt nicht.“
Abgesehen von der Panne fand ich in der Sendung übrigens speziell das
das Segment über Flussblindheit wirklich hörenswert: Ich muss
gestehen, dass ich diese komplett vermeidbare Dauerkatastrophe
zwischenzeitlich verdrängt hatte. Noch so ein Ding, bei dem in hundert
Jahren zurückblickende Menschen den Kopf schütteln werden: Wie konnten
die eine so einfach behandelbare Krankheit so viele Opfer fordern
lassen? Während sie, um nur ein besonders bizarres Beispiel zu nennen,
gleichzeitig mit unfassbarem Aufwand High Frequency Trading gespielt
haben?